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Interventionen

Über den wirklichen Reichtum im menschlichen Zusammenleben

02.06.2014, Ina Praetorius

Im November 2001 erschien ein Text im Netz: das „Frauenkirchenmanifest zur aktuellen Lage der Welt“. Unter dem Eindruck von 09/11 hatten einige Feministinnen der „Mailingliste Frauenkirche“ beschlossen, ihre Sicht der Dinge nicht für sich zu behalten. Das Manifest wurde in der Folge von ca. 500 Menschen unterzeichnet, ins Englische, Französische und Russische übersetzt und mehrfach gedruckt. Mehr zur Geschichte des Manifests findet sich hier. Jetzt, im Frühjahr 2014, ist in Europa wieder von „Kriegsgefahr“ die Rede. Gleichzeitig ist eine Care-Revolution im Entstehen. Weil beides für mich zusammenhängt, habe ich das Frauenkirchenmanifest aktualisiert und ihm eine neue Überschrift gegeben:

Über den wirklichen Reichtum im menschlichen Zusammenleben
1. Überall auf der Welt bringen Frauen Kinder zur Welt. Überall sorgen Frauen, Männer und andere Menschen durch alltägliche fürsorgliche und weltvermittelnde Tätigkeiten dafür, dass die Kinder zu gesellschaftsfähigen Erwachsenen heranwachsen. Überall bebauen Menschen den Boden und sorgen dafür, dass das Zusammenleben gelingt.
 Überall stellen sie nützliche Dinge her und leben vom Austausch ihrer Kenntnisse, Fähigkeiten und Ressourcen. 
Zivilisation ist ein weltweites, nicht an bestimmte „Nationalitäten“, Religionen, Systeme oder Weltanschauungen gebundenes Phänomen. Deshalb wende ich mich gegen die derzeit wieder verbreitete Auffassung, die Welt zerfalle in abgrenzbare zivilisierte und unzivilisierte Sphären bzw. gar in Reiche des Guten und des Bösen. Lebensfördernde und lebenshindernde Traditionen und Verhaltensweisen gibt es überall. In der aktuellen Weltsituation erweisen sich als lebenshindernd insbesondere die Praktiken eines sozial kalten Kapitalismus, die fast vollständige Ausblendung des Care-Sektors aus der wissenschaftlichen und alltäglichen Rede von der Oikonomia[1], nationalistisch geprägte Ideen von Dominanz und Expansion, technologische Hochrüstung, der rücksichtslose Umgang mit natürlichen Ressourcen, der mangelnde Wille, Standpunkte anderer zu verstehen und Fremdheit zu ertragen, die Überschreitung verbindlicher transnationaler Vereinbarungen und die Dynamik von Rache und Vergeltung.

2. Das zivilisatorische Werk der Frauen ist traditionell auf das Wohlergehen einzelner Menschen und Menschengruppen in häufig familiären Zusammenhängen konzentriert. Gleichzeitig bestehen noch immer fast überall mehr oder weniger rigide Verbote für Frauen, sich öffentlich und politisch zu artikulieren. Ihre Interessen, ihre Maßstäbe und ihr Beitrag zum gelingenden Zusammenleben werden häufig als irrelevant abgewertet, übergangen oder als naiv belächelt.
 Dennoch gilt, dass menschliches Zusammenleben ohne die alltäglich sinnstiftenden und lebensförderlichen Tätigkeiten der Frauen nicht möglich wäre. So liegt es auch im Kalkül von Kriegsvorbereitungen und kriegerischer Aktivitäten, dass sie mit dem andauernden stillschweigenden Tun von viel mehr Frauen als Männern im Hintergrund rechnen. 
Deshalb plädiere ich dafür, dass Frauen und andere, die sich primär an der Pflege des konkreten Zusammenlebens orientieren, weltweit aus ihrer Hintergrundexistenz heraustreten und ihre alternativen Maßstäbe für ein gutes Zusammenleben öffentlich zu Gehör bringen.
 Ich sehe darin eine weltweite friedenspolitische Perspektive, die bereits vielfach praktiziert wird und verstärkt wahrgenommen, gewürdigt und gelebt werden muss.

3. Als Frau anerkenne ich die Freiheiten, die meine Vorfahrinnen für mich erkämpft haben. Diese Freiheiten werden uns Frauen je länger je mehr in Form gleichberechtigter Teilhaberechte zugestanden. 
Ich erkenne aber heute, dass das Ziel der Frauenbewegungen noch nicht erreicht ist: Frauen haben sich zwar in vielen Teilen der Welt formale Gleichberechtigung erkämpft. Trotzdem werden die traditionell Männern zugeschriebenen Tugenden und Konfliktlösungsmodelle nach wie vor als primär wirksame Lösung politischer Konflikte dargestellt: Konkurrenzkampf, interessengeleitete dualistische Propaganda, Drohungen mit Krieg, Sanktionen und anderen Druckmitteln, Gesprächsabbruch.
 Ich setze mich dafür ein, dass die Praxen, die sich im Rahmen des zivilisatorischen Werkes der Frauen herausgebildet haben, im öffentlichen Leben zur Geltung kommen. Sie können von Männern wie Frauen gleichermaßen ins Werk gesetzt werden: Respekt vor den Anderen, Vorrang konkreter Fürsorge vor der Durchsetzung allgemeiner Prinzipien, Bewusstsein der Verletzlichkeit und Bedürftigkeit aller Menschen, Zuhörbereitschaft, Geduld.

4. Religion und religionsähnliche Weltbilder sind ein Teil jeder menschlichen Zivilisation. Sie können zur Abgrenzung eines „guten Eigenen“ von einem „bösen Fremden“ benutzt werden und werden tatsächlich häufig in dieser Weise instrumentalisiert. Im Kern bedeutet Religiosität aber, Wirklichkeiten anzuerkennen, die jenseits der Verfügungsmacht einzelner Menschen, Interessen oder Kalküle liegen. Einen Bereich des Unverfügbaren anzuerkennen und jederzeit zu respektieren, eröffnet Sinn jenseits der Verteidigung partikularer Interessen.
 In der Konsequenz einer solchen elementar religiösen, nicht konfessionsgebundenen Einstellung liegt es, ANDEREN Menschen und Lebensformen Raum zur Entfaltung zu lassen, denn niemand kann beanspruchen, über das Gute als solches zu verfügen. Vielmehr bedeutet Religiosität eine grundsätzliche Offenheit für Überraschungen, neue Einsichten, konstruktive Konflikte und Offenbarungen, die vom ANDEREN ausgehen. Es liegt im Wesen dieses ANDEREN, dass es für keine Zwecke verfügbar gemacht werden kann. Religiös zu sein schließt es deshalb aus, dass Einzelne sich anmaßen, ANDERE Menschen abzuwerten, zu gefährden oder gar im Namen der eigenen begrenzten Weltsicht zu töten.

5. Überall auf der Welt ist das Begehren von Menschen, die Welt als bewohnbaren, lebenswerten gemeinsamen Raum zu gestalten, spürbar. Nirgendwo ist der Einsatz unterschiedlichster Individuen und Gruppen für ein gutes Leben aller Menschen gänzlich zum Stillstand zu bringen. Im Schatten scheinbar alternativloser Vorgehensweisen, die der vergehenden patriarchalen Logik gehorchen, sind die Zeichen einer anbrechenden neuen Ordnung nicht zu übersehen.
 Frauen und Männer in West-, Mittel- und Osteuropa und überall auf der Welt sprechen sich – auf der Straße, in religiösen Räumen, in Aufrufen, Blogs, Tweets und anderen Texten – gegen offene und verdeckte Eroberungsfeldzüge ihrer Regierungen aus.
 Frauen hören nicht auf, die Abwertung ihres zivilisatorischen Werks gegenüber der Dominanz veralteter Praxen öffentlich zu benennen. Unermüdlich und oft unter den widrigsten Umständen arbeiten sie an der Aufrechterhaltung von Bildung, Gesundheitsvorsorge, Kleidung, Nahrung und würdiger Unterkunft und für eine demokratische, von der Achtung der Menschenrechte geprägte Zukunft ihrer Länder. 
In West-, Ost- und Mitteleuropa, in der Ukraine wie in Russland, in Israel und Palästina, in den Staaten des ehemaligen Jugoslawien, in allen Erdteilen haben Frauen, Männer und andere immer wieder bewiesen, dass der gemeinsame Einsatz für ein friedliches Zusammenleben auch über tiefe Gräben und Grenzen hinweg möglich ist. Deshalb unterstreiche ich mit diesem Text meine Verbundenheit mit all jenen, die überall auf der Welt kooperativem Denken und Handeln zum Durchbruch verhelfen.
 Unser wirklicher gemeinsamer Reichtum als Menschheit liegt in der Kraft unseres Begehrens nach einem guten Leben für alle Menschen.
 Er liegt in der Fähigkeit, unsere gegenseitige Anhängigkeit, unser aller Geburtlichkeit und Freiheit-in-Bezogenheit anzuerkennen.
 Unser Reichtum liegt in der Bereitschaft, voneinander zu lernen, ehrlich und achtsam mit unserer natürlichen Mitwelt und miteinander umzugehen, im Vertrauen auf das unverfügbare ANDERE, das in und aus Beziehungen erwächst. Wir können und werden auch weiterhin verschwenderisch mit diesem Reichtum umgehen.

[1] Der Begriff „Ökonomie“ setzt sich aus den altgriechischen Wörtern Oikos (Haus, Haushalt) und Nomos (Gesetz, Regel) zusammen: Oiko-Nomia. Er bedeutet also wörtlich „Gesetz des Haushalts“.

Dieser Text ist zuerst hier erschienen: http://inabea.wordpress.com/2014/04/30/uber-den-wirklichen-reichtum/
Eine englische Fassung findet sich hier: http://inabea.wordpress.com/2014/05/07/about-the-real-wealth-of-humanity/


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