Navigation




Gewalt

„So genau wollten wir das gar nicht wissen“ – Geschlecht, Schuld und Abwehr in der Berichterstattung über Beate Zschäpe

10.03.2015, Charlie Kaufhold

Im Zentrum der Berichterstattung über den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) stand immer wieder Beate Zschäpe: Ihr Aussehen, ihr Kleidungsstil und ihre Vorlieben für Katzen sowie Spekulationen über ihr Liebesleben, über ihr Verhältnis zu Mundlos und Böhnhardt und ihr gemeinsames Alltagsleben im „Untergrund“ schienen dabei jedoch interessanter zu sein als Fragen nach ihrer politischen Sozialisation und ihrer Funktion im NSU. Aber wie kam es dazu? Eine Funktion der vergeschlechtlichten Berichterstattung über Zschäpe ist, mehrheitsgesellschaftliche rassistische Strukturen zu dethematisieren, innerhalb derer der NSU hat handeln können. Eine mehrheitsgesellschaftliche (Mit-)Schuld kann abgewehrt, die eigentlichen Taten und das Leid der Betroffenen in den Hintergrund gerückt werden. Und dieser Mechanismus hat historische Vorläufer.

Am 20. Januar 2015 haben im NSU-Prozess erstmals Überlebende des Nagelbombenanschlags in Köln ausgesagt, bei dem im Juni 2004 22 Menschen teils schwer verletzt wurden. Der Zeuge Sandro D. bezeichnete den Anschlag als einen Wendepunkt in seinem Leben und durch seine Ausführungen wird deutlich: Wirklich alles hat sich geändert. Durch die Detonation und die Nägel und Splitter, die seinen Körper durchbohrten, hat er bis heute bleibende körperliche Einschränkungen. Seine berufliche Laufbahn wurde abrupt beendet. Und auch die psychische Belastung wiegt bis heute schwer und beeinträchtigt seine Lebensqualität enorm. Aber nicht nur das Attentat selbst hat sein Leben verändert. Die Ermittlungen, bei denen zuerst die Betroffenen verdächtigt wurden, vergrößerten das Leid. Sandro D. war zusammen mit seinem Freund Melih K. über die Keupstraße geschlendert, als die Bombe explodierte. Darüber, ob sein Freund überhaupt den Anschlag überlebt hatte, wurde Sandro D. aufgrund der polizeilichen Ermittlungen gegen die Beiden zuerst im Unklaren gelassen.

Obwohl bspw. Melih K. bei den polizeilichen Aussagen direkt und schlüssig argumentierte, dass es bei dem Attentat einen extrem rechten Hintergrund gegeben haben müsse, gingen die Ermittlungsbehörden rassistischen Klischees nach und schafften es dadurch nicht, die wirklichen TäterInnen zu ermitteln. Erst mit der Selbstenttarnung des NSU im November 2011 wurde nach und nach bekannt, dass die Betroffenen recht hatten: Ein neonazistisches Netzwerk hatte über mehr als ein Jahrzehnt aus rassistischen Gründen Anschläge verübt und gezielt Menschen ermordet.

Aber auch dann: Kein Skandal. Kein Aufschrei. Kein Bruch. Während bspw. in Frankreich aufgrund der Charlie-Hebdo-Morde mehrere Millionen Menschen auf die Straße gingen, wurden die Taten des NSU in Deutschland immer wieder dethematisiert. Und anstatt dass sich die Presse empathisch den Betroffenen bzw. ihren Angehörigen zuwendete, anstatt dass versucht wurde sie in der Bewältigung des verursachten Leids zu unterstützen, wurden sie weiterhin rassistisch diffamiert und der Fokus der Berichterstattung auf die TäterInnen verschoben. Bevorzugt auf Zschäpe – und bevorzugt auf ihr Liebesleben, ihre Sexualität, ihr Aussehen, ihre Weiblichkeit.

Was die Berichterstattung über Zschäpe aus Genderperspektive angeht, gibt es v.a. zwei Darstellungsweisen: eine dämonisierende und eine bagatellisierende. D.h. entweder wird Zschäpe als besonders schlimm, absonderlich und abstoßend dargestellt, so dass ihre Person und ihre Taten als nicht nachvollziehbar erscheinen. Oder sie und ihre Taten werden verharmlost, indem sie bspw. als unpolitische Mitläuferin dargestellt wird, die über die (vermeintlichen oder realen) Liebesbeziehungen zu Mundlos und Böhnhardt definiert wird. Bei beiden Darstellungsweisen gibt es einen besonderen Bezug auf Zschäpes Weiblichkeit.

Prägnante Beispiele für dämonisierende Darstellungsweisen finden sich u.a. in der Bild-Zeitung zum Prozessauftakt. Auf dem Titelblatt bspw. ist ein Foto von Zschäpe zu sehen, auf dem sie vor schwarzem Hintergrund die Arme verschränkt und den Mund zusammenkneift. Links neben dem Bild steht der Schriftzug „Der Teufel hat sich schick gemacht“. Hier wird Zschäpe also direkt als „Teufel“ bezeichnet und dies in Verbindung gebracht mit einer vergeschlechtlichten Beschreibung von ihrem Auftreten („schick“) und ihrem Aussehen (durch das Foto). In dem Titel wird also auf Zschäpes Weiblichkeit Bezug genommen, sie wird aber nicht als „normale“ Frau dargestellt, sondern als Teufel.

Durch dämonisierende Darstellungsweisen, in denen Zschäpes Weiblichkeit und Sexualität als nicht der Norm entsprechend dargestellt werden, wird eine Distanzierung von Zschäpe ermöglicht und damit verbunden kann eine Entlastung der eigenen Position stattfinden. Hierzu ein Beispiel aus einem Artikel von Bild.de, in dem im Juli 2013 über Aussagen von ehemaligen Nachbarinnen von Zschäpe vor Gericht berichtet wurde:

„Nachbarin Monika M. (64) sagte aus, man habe Zschäpe wegen einer blinkenden roten Leuchte im Fenster für eine Prostituierte gehalten: ‘Wir dachten, das heißt – einer ist fertig, der nächste kann kommen.’ (…) Gerede gab es auch über die zwei Männer, die mit Zschäpe im Haus lebten. Zschäpe gaukelte den Nachbarn vor, es handele sich um ihren Freund und dessen Bruder. Monika M. sagt: ‘Wir haben es mehr oder weniger geglaubt. So genau wollten wir das gar nicht wissen.’“ (Quelle)

Mit dieser Erzählung wird verdeutlicht, dass die Person und das Verhalten Zschäpes für anrüchig, nicht „normal“ und moralisch (auch in Bezug auf Vorstellungen von weiblicher Sexualität) verwerflich gehalten werden. Dadurch kann die eigene Person und Haltung als moralisch integer dargestellt werden. Durch den Bezug auf Zschäpes Weiblichkeit und Sexualität wird also ermöglicht, sich von ihr abzugrenzen.

Anders ist es bei den bagatellisierenden Darstellungsweisen von Zschäpe. Hier wird sie entsprechend den Vorstellungen hegemonialer Weiblichkeit dargestellt: als ganz „normale“ Frau, die sich nichts zuschulden hat kommen lassen außer sich in die falsche (männliche) Gesellschaft begeben zu haben. So wird sie (v.a. zu Beginn der Berichterstattung) als irrelevant für den NSU und seine Taten dargestellt und u.a. dadurch unsichtbar gemacht, dass sie als (Mit-) Täterin nicht genannt wird. Oder – wenn sie genannt wird – ausschließlich als unpolitische Mitläuferin dargestellt wird. Dabei wird sie oft in Abhängigkeit zu Böhnhardt und Mundlos charakterisiert, z.B. in einem Artikel aus der Süddeutschen Zeitung vom November 2011:

„Alle, die ihn kannten und mit denen man heute spricht, sind sich sicher: In dieser Dreierbande muss Uwe Mundlos der Chef gewesen sein. Beate Zschäpe, zwei Jahre jünger als Mundlos, sei ein ‘liebes Mädel’ gewesen und ein paar Jahre seine Freundin. In der Jugendwerkstatt habe sie gearbeitet und dort wahrscheinlich Uwe Böhnhardt kennengelernt, wiederum zwei Jahre jünger als sie selbst, mit dem sie dann zusammen war“

Zschäpe wird also nicht als eigenständig handelnde, politisch überzeugte Neonazistin dargestellt, sondern durch ihre (vermeintlichen oder realen) Beziehungen zu den männlichen Mittätern charakterisiert. Durch die Bezeichnung „liebes Mädel“ wird Zschäpe klar verkindlicht, verharmlost und nicht als ernstzunehmende Akteurin des NSU dargestellt.
Im Gegensatz zu Mundlos, Böhnhardt und den männlichen Angeklagten im NSU-Prozess wird Zschäpes politische Überzeugung nicht benannt. Bei ihr wird in der Berichterstattung stattdessen verstärkt auf ihre Sexualität, ihre Weiblichkeit Bezug genommen, ihr wird die häusliche, weiblich konnotierte Sphäre zugewiesen.

Es klang bereits an: Beide Darstellungsweisen ermöglichen denselben Effekt. Durch die dämonisierenden Darstellungsweisen kann Zschäpe als außerhalb der Gesellschaft gedacht werden. Sie wird aus dem weißen, deutschen Kollektiv ausgeschlossen. Durch ihren Ausschluss kann sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft selbst als unschuldig, als nicht rassistisch, nicht (extrem) rechts konstruieren. Eine Auseinandersetzung mit ihren Taten kann verhindert werden – und damit eine Auseinandersetzung mit der eigenen Involviertheit, den mehrheitsgesellschaftlichen rassistischen Strukturen, innerhalb derer Zschäpe gehandelt hat.
Die bagatellisierenden Darstellungsweisen ermöglichen denselben Effekt, jedoch über einen anderen Mechanismus. Da Zschäpe als unpolitisch und weitestgehend unschuldig dargestellt wird, entfällt die Notwendigkeit, Fragen nach ihrer Funktion im NSU und ihren Taten nachzugehen. Dadurch kann sich die Mehrheitsgesellschaft auf die Seite der Unschuld stellen und muss sich nicht mit mehrheitsgesellschaftlichen rassistischen Strukturen auseinandersetzen.

Diese Effekte – Fragen nach einer eigenen (Mit-)Schuld abzuwehren – werden durch die Vergeschlechtlichung der Berichterstattung ermöglicht.

Interessanterweise gab es beides – die vergeschlechtlichte Form der Berichterstattung und die damit verbundenen Möglichkeiten, sich nicht mit der eigenen, mehrheitsgesellschaftlichen Beteiligung zu beschäftigen – bereits im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus. Nach 1945 wurden die nationalsozialistischen Täterinnen, die vor Gericht gestellt wurden, in den Medien ebenfalls entweder dämonisiert oder bagatellisiert. Diese Darstellungsweisen waren wie bei Zschäpe stark vergeschlechtlicht. Damals ermöglichten diese Darstellungsweisen, dass die Verstrickungen der TäterInnen und MitläuferInnen in den Nationalsozialismus und seine Verbrechen nicht aufgearbeitet werden mussten (vgl. bspw. Kretzer 2002). Diese Umgangsweise mit dem Nationalsozialismus beschränkte sich nicht auf die direkte Nachkriegszeit, d.h. auf die TäterInnen und MitläuferInnen der ersten Generation. Sie wurde in die nächsten Generationen weitergegeben und ist auch heute noch wirkmächtig (vgl. Lohl 2010).

Aus diesem Zusammenhang ergibt sich eine mögliche Antwort auf die Frage, wie die vergeschlechtlichte Berichterstattung über Zschäpe zu erklären sein könnte: Dadurch, dass der Nationalsozialismus in Deutschland immer noch nicht aufgearbeitet wurde, gibt es auch heute noch eine Neigung dazu, Schuld in Bezug auf faschistische Taten abzuwehren. Und dadurch ist es naheliegend, Zschäpe so darzustellen wie die angeklagten, nationalsozialistischen Täterinnen dargestellt wurden: dämonisierend oder bagatellisierend. Denn beide vergeschlechtlichten Darstellungsweisen ermöglichen, die eigene Position zu entlasten, und genau die rassistischen Strukturen in Deutschland unbenannt und unangetastet zu lassen, die den NSU ermöglicht haben: Diese Strukturen, die das Leid verursacht haben, von denen die Überlebenden des Nagelbombenanschlags in der Keupstraße im Prozess berichtet haben. Und die keinen Aufschrei auslösten und es bis heute nicht tun.

Literatur und Quellen:

Kretzer, Anette. 2002. „’His or her special job’. Die Repräsentation von NS-Verbrecherinnen im ersten Hamburger Ravensbrück-Prozess und im westdeutschen Täterschaftsdiskurs“, in: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hg.). Entgrenzte Gewalt: Täterinnen und Täter im Nationalsozialismus. Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland. Heft 7. Bremen: Edition Temmen, S. 134-150.

Lohl, Jan. 2010. Gefühlserbschaft und Rechtsextremismus. Eine sozialpsychologische Studie zur Generationengeschichte des Nationalsozialismus. Gießen: Psychosozial-Verlag.

o.A. 2013d. „Der Teufel hat sich schick gemacht“, in: Bild-Zeitung (Berlin-Brandenburg) vom 7.5.2013, S. 1.

Wiegand, Ralf. 2011. „Gruppenbild mit Mörder“, in: Süddeutsche Zeitung vom 18.11.2011, S. 3.


2 Kommentare »

  1. [...] zuweilen dilettantische Berichterstattung attestiert werden, da sie sich meist lieber mit dem Aussehen oder den Befindlichkeiten von Beate Zschäpe beschäftigen, als das Verhandlungsgeschehen kritisch zu begleiten. Reportagen oder Meldungen, die [...]

    Pingback by Worum geht’s? – Eine Einleitung | nsuprozessentgrenzen — 18.03.2015 um 21:59

  2. [...] wissen“ – Geschlecht, Schuld und Abwehr in der Berichterstattung über Beate Zschäpe” untersucht Charlie Kaufhold beim Feministischen Institut [...]

    Pingback by Mädchenmannschaft » Blog Archive » Bereute Mutterschaft, beredeter Widerstand und beeindruckende Schlagzeugerinnen – kurz verlinkt — 09.04.2015 um 09:05

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack URL

Hinterlasse einen Kommentar


Weitere Themen

Zweiundvierzig oder von falschen Fragen und richtigen Antworten. Dem biologischen Determinismus auf der Spur

In dem Roman Per Anhalter durch die Galaxis von Douglas Adams berechnet der größte Computer der Galaxie die Frage „nach dem Leben, dem Universum und allem“. Nach 7,5 Millionen Jahren spuckt er die Antwort aus: 42. Der Enttäuschung... mehr

Hamburger Trauerspiel um erfolgreiche Gender und Queer Studies

Stellungnahme des Feministisches Instituts Hamburg anlässlich des Hamburger Frauen-Ratschlags der Partei DIE LINKE am 1. Juli 2008 Im Wintersemester 2002/2003 starteten an Hamburger Hochschulen zwei sehr ambitionierte Projekte, der Masterstudiengang Gender und Arbeit an der damaligen Hochschule für Wirtschaft... mehr

Über Anregungen, Kritiken und andere Positionen freuen wir uns jederzeit: info[at]feministisches-institut.de


Feministisches Institut Hamburg