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Work-Life-Balance als Antwort auf die schöne neue Welt?

06.02.2008, Stefan Paulus

…ultraflexible Arbeitsformen, dezentralisierte Arbeitsplätze, Privatisierung und Rationalisierung; das Auslagern von Funktionen und Dienstleistungen an Subunternehmen, MitarbeiterInnen, die sich selbst für den Erfolg des Unternehmens verantwortlich fühlen sollen, die neoliberale Losung “Arbeit, Arbeit, Arbeit”, das Bedürfnis einer Wirtschaftsweise für stetigen Wachstum über die ganze Erdkugel zu jagen und die billigsten Standorte und Arbeitskräfte zu finden… All das sind Formen einer kapitalistischen Verwertungsstrategie, die darauf abzielt Ausbeutungsbedingungen zu verschärfen und sozialstaatliche Sicherungen aufzulösen. Die Vereinbarkeit von Leben und Arbeit scheint außer Kontrolle geraten zu sein. Work-Life-Balance Konzepte versprechen Abhilfe…

In dieser neuen Periode geht es weniger darum, über gewerkschaftliche Vereinbarungen den kapitalistischen Widerspruch zwischen Arbeit und Leben zu minimieren, sondern darum, das materielle Überleben durch die Gegenleistung einer möglich umfassenden egoistischen Flexibilität in Bezug auf die berufliche Qualifikation, den Arbeitsplatz, die Arbeitszeit und den Arbeitslohn zu sichern. Die Lohnabhängigen sind mit einem komplexeren und aufwändiger zu organisierenden Alltag konfrontiert: die schöne neue Welt erhöht den Druck auf die Einzelnen und auf ihre sozialen Beziehungen. Infolge dessen treten in den Industrieländern bisher weitgehend unbeachtete Folgeerscheinungen auf, wie Individualisierung, Ehen, die im Schnitt nur noch 3 Jahre halten, ein für Industrienationen scheinbar bedrohender Rückgang der Geburtenrate, eine zunehmende Anzahl Alleinerziehender und Patch-Work-Familien, psychische Probleme wie Stress- und Burnoutsyndrome bis hin zu “Karoshi”, den Tod durch Überarbeitung. .

Der den Kapitalismus antreibende Mechanismus zur Selbstverwertung des Werts – aus Geld mehr Geld zu machen – “zwingt” Unternehmen und staatliche Institutionen immer wieder dazu, sich die Produktivität der Arbeitkraft nutzbar zu machen, sie zu entwickeln, sie zu reproduzieren. Die Arbeitskräfte, welche in Rente gehen, durch Unfälle, Krankheiten ausfallen oder sterben, müssen durch neue Arbeitskräfte ersetzt und angelernt werden, damit die Profitmaximierung nicht ins erliegen kommt. Anders als in Huxleys dystopischer Vorstellung der “schönen neuen Welt” ist die kapitalistische Gesellschaft bislang noch nicht in der Lage, massenhaft Arbeitskräfte in vitro zu züchten und sie durch “hypnopädia” gefügig zu machen. Daher ist unsere Gesellschaft noch auf unbezahlte Reproduktionsarbeiten (Gebären, Verpflegen etc.), staatliche Institutionen (Erziehung, Ausbildung etc.) und Ideologien (Nation, Familie etc.) angewiesen, um eine neue Generationen von Arbeitskräften herzustellen.

Das Problem des Nachwuchsmangels und die Frage danach, wie die Geburtenrate gesteigert werden kann, wird nun seit einiger Zeit – erstmals nach 1945 – wieder öffentlich diskutiert. Die Überlegungen zu Regulierung von Bevölkerungsentwicklungen sind keine Eugenik-Maßnahmen mehr, sondern nennen sich Work-Life-Balance.

Work-Life-Balance

Work-Life-Balance Konzepte zielen auf eine grundlegende Modernisierung der Arbeitsorganisation vor dem Hintergrund der veränderten Geschlechterverhältnisse, Sie lassen sich als eine Verzahnung von betrieblicher Personalpolitik und Regierungsmaßnahmen verstehen, mit der eine Steigerung der Geburtenrate, der Binnennachfrage und der Senkungen der Lohnnebenkosten erreicht werden sollen.

Um dieses Ziel zu erreichen hat sich die Initiative “Work-Life-Balance als Motor für wirtschaftliches Wachstum und gesellschaftliche Stabilität” (BMFSJ Pressemitteilung) unter der Schirmherrschaft des BDI zusammen mit börsennotierten Konzernen, dem BMFSFJ sowie dem BMWA gebildet.

Aus der Sichtweise der Herrschenden bieten Work-Life-Balance Maßnahmen (BMFSJ-Broschüre PDF) als “Investitionen in das Humanvermögen” der Unternehmen die Chance die Produktivität der Beschäftigten zu steigern, indem sie die Arbeitsmotivation erhöhen, Fehlzeiten verringern und die Belegschaft stärker an das Unternehmen binden. Außerdem sollen Work-Life-Balance Maßnahmen den Standort Deutschland durch eine Erhöhung der Frauenerwerbsquote, sowie durch eine Steigerung der Geburtenrate sichern. Zunehmend wird hervorgehoben, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht nur unter dem Gesichtspunkt der “Humanisierung der Arbeitswelt” oder dem der Chancengleichheit zu sehen ist, sondern dass diesbezügliche Investitionen für die Betriebe auch unter dem Gesichtspunkt der Kosten lohnend sein sollen, weil sich durch familienfreundliche Maßnahmen am Arbeitsplatz ein betriebswirtschaftlicher Nutzen ergibt (vgl. BMBFSJ-Broschüre PDF).

Um Profit, Gesundheit, Vereinbarkeit und Geburtenrate zu steigern gibt es bis zu über 150 unterschiedliche Work-Life-Balance Maßnahmen. Sie reichen von Teilzeitarbeit, Gleitzeitangeboten, Telearbeit, Job-Sharing, Teamarbeit über Mentoring, Sensibilisierungsstrategien für Führungskräfte, haushaltsnahe Dienstleistungen, Sozialberatung, betriebliche Kinderbetreuung bis hin zu Maßnahmen die auf Gesundheitsprävention durch Stressvermeidung und psychologische Beratung setzten.

Konkret geht die Initiative auf Grund von Berechnungen und den aktuellen Entwicklungen in den Unternehmen davon aus, dass in den nächsten 12 Jahren rund 30 % der Lohnabhängigen an Work-Life-Balance Maßnahmen teilnehmen. Bis 2020 erhofft sich die Initiative durch Kundenzufriedenheit und MitarbeiterInnenmotivation eine Stärkung des Wirtschaftswachstums und ein zusätzliches Bruttoinlandsprodukt von 248 Mrd. €. Weiter wird sich eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit durch weniger Fehlzeiten eine 1,6%ige höhere Produktivität pro Arbeitsstunde versprochen. Mehr Geburten sollen durch ein familienfreundliches Betriebklima erreicht werden. Die Geburtenrate soll auf 1,56 Geburten pro Frau steigen – fast 1 Million zusätzliche Geburten in den nächsten 12 Jahren. – Allerdings müssen jetzt schon proportional mehr Kinder in den Folgejahren zur Welt kommen, da es im ersten Quartal 2007 nur 600 zusätzliche Geburten gab. Bedingt durch die steigende Erwerbstätigkeit und die skizzierte Bevölkerungsentwicklung soll der private Konsum einen zusätzlichen Profit von 191 Mrd. € einbringen. Mehr Konsum führt in dieser Logik wiederum zu mehr Arbeit. 221.000 neue Stellen sollen in den Unternehmen entstehen und die Gesundheitspräventionen sollen wiederum die Lohnnebenkosten senken und gleichzeitig die Arbeitsproduktivität steigern. Ziel und Zweck dieser Maßnahmen sind erhöhte Einsatzbereitschaft, weniger Fehlzeiten und letztlich eine erhöhte Produktivität.

Zusammenfassend lassen sich Work-Life-Balance Maßnahmen als wettbewerbsstrategische Antwort auf veränderte gesellschaftliche Beziehungen lesen, die darauf abzielen die prekären Geschlechterverhältnisse wieder in den Griff zu kriegen. Im Prinzip sind diese Maßnahmen letztendlich der Versuch die Profitraten zu erhöhen. Arbeite, Konsumiere, krieg Kinder und sei glücklich ist die Devise. Die geschlechterdemokratische Rhetorik der Work-Life-Balance Konzepte verschleiert aber die immer noch existenten geschlechtshierarchischen Arbeitsteilungen, die Doppelbelastung von Müttern und dient letztlich dazu, eine offensive Bevölkerungspolitik salonfähig zu machen. Klar ist auch, dass Work-Life-Balance Maßnahmen nicht für ALG II EmpfängerInnen oder prekär Beschäftigte ausgedacht wurden, sondern für Besserverdienende und Hochqualifizierte des Mittelstandes. Unter Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird hier nicht verstanden, dass Lohnabhängige mehr Freizeit erhalten, um sich Freunden und Freundinnen, Sport oder Spiel oder sogar zivilgesellschaftlichen Engagement zu widmen. Es geht hierbei vielmehr darum Arbeit und Leben so zu verzahnen, dass es rentabeler und produktiver wird. Pointiert lässt sich sagen, dass Staat und Kapital sich die Bevölkerungsentwicklung als Zielscheibe ausgesucht haben, um die Verwertungsbedingungen der Arbeitskraft zu optimieren und eine möglichst kostengünstige Reproduktion einer neuen Generation von Arbeitskräften zu gewährleisten. Work-Life-Balance ist keine Antwort auf die schöne neue Welt, sondern ein Teil von ihr.


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