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Feministische Theorien

Wie lange brauchen wir noch Genderwissenschaften?

07.09.2014, Wiegand Grafe

Genderwissenschaften sind immer wieder Gegenstand nicht nur von fundierter und damit legitimer Kritik, sondern viel häufiger auch Zielscheibe von ideologisch motivierten Vorurteilen, Pauschalisierung und Polemiken, die sich gern auch als Satire tarnen. Es scheint, als könne die Gesellschaft nur schwer akzeptieren, dass die von ihr favorisierten Verhaltensweisen nicht deshalb problemlos akzeptiert werden, weil sie so natürlich sind, sondern weil sie die Mehrheit zelebriert und protegiert. Anlässlich eines Jubiläums bot sich die Gelegenheit, mal wieder die Lanze für eine Wissenschaft zu brechen, die solche Gewissheiten mit neuen Ansätzen und Ideen in Frage stellt.


Wie es sich für einen guten sozialwissenschaftlich inspirierten Text gehört, beginne ich mit meiner Positionierung, um dem Leser zu verdeutlichen, wer ich bin und für wen ich in diesem Text spreche. Ich bin ein 49-jähriger mutmaßlich heterosexueller weißer mitteleuropäischer Mann und damit ein Vertreter der hegemonialen Männlichkeit und spreche als bekennender Ingenieur für die Technokraten in der Mehrheitsgesellschaft. Die Positionsbestimmung möchte ich mit einem Zitat aus einem Diskussionsbeitrag zu einem Text beim Feministischen Institut unterlegen:
„Ah – einmal auf den Namen des Autors geklickt und schon bin ich klüger. ,Wiegand Grafe hat Konstruktionstechnik/Maschinenbau studiert und arbeitet als angestellter Ingenieur.‘ Erstaunlich, wer so Alles für ein “Feministisches Institut” schreiben darf…”
Ich bin allerdings auch das Produkt einer 20-jährigen genderorientierter Erziehungsarbeit, die mir in meinem Arbeitsumfeld zumindest die Zuschreibung „gender-sensibler Macho“ eingetragen hat. Als solcher wurde ich von einem Kollegen, der Soziologie studiert und auch erfolgreich abgeschlossen hat und inzwischen aber als freier Programmierer arbeitet, mit der These konfrontiert, dass er während seines Studiums die Überzeugung gewonnen habe, dass die Genderwissenschaft die überflüssigste aller Sozialwissenschaften sei, weil ihre Themen rein politischer Natur sind und keinerlei wissenschaftliche Relevanz haben. Das gelte zwar im Allgemeinen für alle qualitativen Ansätze in der Sozialforschung, aber für die Genderwissenschaft im Besonderen. Hier soll im Auftrag der feministischen Politik nach Gründen gesucht werden, um die real existierenden, biologisch determinierten Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu negieren und alle Männer zu „Frauenverstehern“ zu machen.
Ich denke ab und zu sollte man sich mit einer solchen These, die ja von vielen geteilt wird, auseinandersetzen, denn mein Kollege steht mit dieser Ansicht ja nicht allein. Auch der bekannte Journalist und Autor Harald Martenstein (ZEIT und Tagesspiegel) nutzt immer wieder die demagogische Finte, sich eine These auszudenken und diese anderen unterzuschieben, um dann gegen dieselbe zu polemisieren. Wenn er sich einer seiner journalistischen Obsessionen hingibt, wider die Gendertheorie zu kämpfen, klingt das wie folgt:
„Genderforscher glauben, dass “Männer” und “Frauen” nicht eine Idee der Natur sind, sondern eine Art Konvention, ungefähr wie die Mode oder der Herrentag. Klar, einige Leute haben einen Penis, andere spazieren mit einer Vagina durchs Leben. Das lässt sich wohl nicht wegdiskutieren. Aber abgesehen davon sind wir gleich, besser gesagt, wir könnten gleich sein, wenn die Gesellschaft uns ließe.“ [1]
Oder
„Die Gender-Theorie besagt, dass naturbedingte Verhaltensunterschiede zwischen Männern und Frauen oder Jungen und Mädchen in Wirklichkeit nicht existieren. Das wird alles von der Gesellschaft gemacht. Wenn Jungen und Mädchen gleich erzogen und gleich behandelt werden, kommt am Ende das Gleiche heraus.“ [2]
Martenstein ergeht sich dazu in Schnurren und Anekdötchen, die zeigen, wie aberwitzig eine solche Idee sei und warum sie deshalb in der Praxis immer wieder scheitert. Er vergisst dabei nur, dass Genderforscher_innen – anders als offensichtlich renommierte Journalisten – differenziert denken müssen und sehr wohl zwischen den Geschlechtsorganen der biologischen Gattung Menschen (sex) und den gesellschaftlichen Zuschreibungen an die Mitglieder einer sozialen Gemeinschaft (gender) unterscheiden können. Sie verzweifeln in der Regel nicht an der Aufgabe, zu zeigen, dass man den Wunsch nach rosa Kleidern und das Interesse an Baumaschinen sehr gut in Gesellschaft und Kultur verorten kann, ohne dazu das biologische Geschlecht an ideologisch begründeten Kausalitätsketten heranziehen zu müssen.
Die mir bekannten Genderwissenschaftler_innen sind intellektuell nicht damit überfordert, zu verstehen, dass es einen signifikanten Unterschied zwischen gleich und gleichberechtigt sein, gibt. Es müssen nicht alle gleich sein, um die gleichen Rechte und Chancen zu haben. Sie haben verstanden, dass die Genderfrage immer eine Machtfrage und kein naturwissenschaftliches Problem ist. Ausgestattet mit diesem Wissen haben sie keine Schwierigkeiten damit, theoretischen Ansätzen auf Basis praktischer bzw. empirische Erkenntnisse zu entwickeln, also Wissenschaft zu betreiben und gleichzeitig gesellschaftliche Diskurse anzustoßen und politische Forderungen zu stellen. Ein Problem sehen nur diejenigen darin, die etwas zu verlieren haben, weil sie nicht mehr aus einer besseren Startposition heraus jedes Rennen gewinnen, sondern plötzlich feststellen, dass ihre „natürliche“ Überlegenheit doch nicht biologisch begründet ist. Haben alle die gleichen Voraussetzungen, kann man verlieren, auch wenn man sich angestrengt hat. Dann wittern die Vertreter der hegemonialen Männlichkeit plötzlich Ungerechtigkeit und Schiebung. Getrieben von Versagensängsten stürzen sie sich mit Begeisterung auf die schlechten Texte und die zweifelhaften Aktivitäten der Genderzunft, statt sich souverän mit den besten Ideen dieses Fachgebietes auseinanderzusetzen. Natürlich gibt es auch in den Genderwissenschaften Dilettantismus, Unvernunft und Orthodoxie, überflüssige Texte, albernen Aktionismus und schlechte Lehrveranstaltungen, wie in jedem anderen Fach auch. Daraus jedoch den Sinn und die Relevanz des Fachgebietes abzuleiten, zeugt nicht von Redlichkeit in der Auseinandersetzung. Es wäre ebenso wohlfeil, wenn wir die Wortbeiträge in Bild oder Neue Revue als das Wesen des Journalismus betrachten oder die Software in den Leergutautomaten als Gradmesser für die Leistungsfähigkeit der IT-Branche heranzögen. Es gibt offensichtlich noch viel zu tun für die Genderwissenschaften, wenn Soziologen die trotz erfolgreichem Masterabschluss die politische Dimension der Genderfrage als Beweis dafür heranziehen, das der Ursprung der Genderwissenschaften nur ein normierender Feminismus sein kann oder in einem renommierten Wochenblatt, das explizit Intellektuelle als Zielgruppe anspricht, bisher keine Lektor_in oder verantwortliche Redakteur_in Herrn Martenstein darauf hingewiesen hat, dass eine Satire bzw. Polemik, die ihre Pointe auf Unwissenheit aufbaut, nicht nur das Ziel verfehlt, sondern auch ihren Urheber ins Lächerliche zieht.
Im Gegensatz zu diesen beiden Männern, die es sich im geistigen Herrenzimmer kommod gemacht haben, gehen die von mir bewunderten „Genderforscher_innen“ vor die Tür und suchen auch dort nach Erkenntnis, wo es unbequem und manchmal auch unangenehm ist. Aber sie geben sich nicht damit zufrieden, Wissen zu erwerben, sondern engagieren sich zum Beispiel professionell aber unentgeltlich für eine Einrichtung, in der drogenabhängige, sich prostituierende Frauen eine Schutzraum finden können, da in ihrer Lebensrealität die genderspezifische Machtasymmetrie kein intellektuelles Bonmont sondern bedrohliche Realität ist. Aber auch dort bleiben die Besten unter den Genderaktivistinnen nicht stehen und sehen in den Frauen nur die Opfer, sondern suchen nach Mitteln und Wegen für ihre Selbstermächtigung und kämpfen gleichzeitig gegen die Ausgrenzung von transsexuellen Prostituierten in der Einrichtung. Das ist politisch und intellektuell keine angenehme Position und in ihrer Komplexität so weit von der simplen Gleichmacherei entfernt, welche die Ignorant_innen in der Gendertheorie vermuten, dass es unter der Würde dieser Wissenschaftler_innen wäre, die Relevanz ihres Forschungsgebietes zu begründen und die Berechtigung zu verteidigen. Erst wenn zukünftig auch die Kinder und Enkel_innen der heutigen Genderverächter_innen sich morgens entscheiden eine rosa Schleife ins Haar zu stecken, damit ihnen beim Bedienen der Baumaschinen diese nicht ins Gesicht fallen und niemand mehr darin ein unnatürliches Verhalten bzw. den Anlass zur Sorge sieht, kann die Frage, ob wir Genderwissenschaften noch brauchen, erneut gestellt werden.

Literatur
[1] Martenstein, Harald (2013) „Schlecht, schlechter, Geschlecht“. http://www.zeit.de/2013/24/ genderforschung-kulturelle-unterschiede. Abgerufen am 09.08.2014.
[2] Martenstein, Harald (2008) „Das soziale Geschlecht“. http://www.zeit.de/2008/09/Martenstein-09. Abgerufen am 09.08.2014.


5 Kommentare »

  1. Bitte lesen Sie diese Kritik:

    http://frankfurter-erklaerung.de/2014/08/selbstverstaendnis-des-feministischen-instituts-hamburg/

    Comment by Günter Buchholz — 08.09.2014 um 15:21

  2. An Alle! Einziehend.
    Das Thema ist berechtigt, verbirgt viel und ladet ein zu anderen Fragestellungen, wie die der “Mutter als Antwort” im Rahmen einer Kette von Weltperioden. Zivilisationen bestehen aus Weltperioden. Die Frage “Wie lange brauchen wir noch Genderwissenschaften?” hat einen gesellschaftlichen Auftrag: Sie soll auch in der Gesellschaft die Überbrückung von Gegensätzen (Mann/Frau, Paradies/Erde, Himmel/Erde, Idee/Wirklichkeit, Geschöpf/Schöpfer)behandeln. Ich schicke Ihnen mit getrennter Post – per EMail – aus meinem Buch abgeleitet meinen Beitrag dazu (Kinduku ELENGE, “Kirchlicher Dienst und Vatershaus”). Möge mein Beitrag zur Mutter Ihre Forschung begleiten: “Wissenschaft des Dienens als Sozialtransformationswissenschaft”. Mit freundlichen Grüßen
    Herr Mag. Kinduku ELENGE

    Comment by Kinduku ELENGE — 04.11.2014 um 20:33

  3. Herr Buchholz, ich habe jetzt Ihren Text („Kritik“) gelesen und halte das für Spam. Das ist doch keine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Text oben.
    Schon ihr erster eigenständiger Satz
    “Das ist, in nur drei Sätzen dargestellt, der falsche Kern des Feminismus.”
    ist unklar. Was meinen Sie? Meinen Sie wirklich den “falsche[n] Kern” des Feminismus? Was ist dann der richtige Kern des Feminismus? Oder meinen Sie vielleicht: “Kern des falschen Feminismus”? Was ist dann der richtige Feminismus?
    Aber weiter:
    “Denn eine solche “Erkenntnis” im Sinne einer wissenschaftlichen Erkenntnis existiert nicht.” Was genau meinen Sie mit “existiert” nicht? Wenn Sie sich schon auf der Ebene von Erkenntnistheorie bewegen wollen, sollten Sie akzeptieren, dass es verschiedene Erkenntnistheorien gibt. Dies ist nach durchaus akzeptierter Auffassung Grundlage wissenschaftlichen Fortschritts: der Pluralismus erkenntnistheoretischer Positionen. Anderen Paradigmen – hier dem sozialkonstruktivistischen -, das nun wirklich recht gut begründet ist, zu unterstellen, es produziere keine Erkenntnis, ist also keine Erkenntnis sondern fällt einfach nur hinter den seit 50 Jahren erreichten Stand der Erkenntnistheorie zurück.
    Auch den Satz,
    „Was existiert, das ist eine Annahme, eine lesbische Phantasie, die im Konsens der Gläubigen unterstellt wird.“,
    meinen Sie wieder nicht so, wie Sie ihn geschrieben haben. Sie meinen: „Das was hier als existent unterstellt wird, das ist eine Annahme, …“. Ob und inwiefern eine Annahme eine „lesbische“ (in „“ weil ich glaube, dass Sie diesen Begriff hier in einer ganz eigenen Konnotation gebrauchen) Phantasie sein kann und inwiefern diese schlechter wäre als Ihre heterosexuelle Phantasie, könnten Sie gerne einmal explizieren.
    Noch ein Sätzchen:
    „Frau Villa geht (kontrafaktisch) davon aus und nimmt an, dass es Frauen und Männer nicht einfach gibt, aber woher weiß sie das und wie begründet sie das?“ Was soll denn nun hier „kontrafaktisch“ (in Klammern) bedeuten (mal abgesehen von Ihren wirren Formatierungen kursiv/fett)? Was ist nun wieder ein Faktum? Das was Sie wissen? Zu wissen glauben? Die Erkenntnis die Sie haben oder zulassen?
    Was Sie da versuchen zu sagen ist doch folgendes: Die Genderwissenschaften haben ein Paradigma (Thomas S. Kuhn), das z.B. im Kontext des erkenntnistheoretischen Programms des Radikalen Konstruktivismus plausibilisiert werden kann, das aber im Rahmen der Theorie selbst kaum in Frage gestellt wird. Ja, genau, so ist das bei jeder wissenschaftlichen Theorie. Und wir „GenderistInnen“, wir setzen uns auch damit auseinander, ehrlich.
    Ein Vorschlag: Sie könnten Ihr erkenntnistheoretisches Programm einmal auf Ihre Spezialdisziplin „Allgemeine BWL und Consulting“ anwenden. Auf Ihre Erkenntnisse zu „kontrafaktischen“ Annahmen und religiösen Aspekten in der BWL – oder gar im Consulting! – wäre ich sehr gespannt. Oder beschäftigen Sie sich ernsthafter mit wissenschaftlicher Genderforschung und (konstruktivistischer) Erkenntnistheorie. Dann können wir ja vielleicht wirklich voneinander lernen.

    PS: Und posten Sie doch diese Antwort gerne auf Ihrer Webseite

    Comment by Therem Estraven — 09.11.2014 um 14:12

  4. In diesem Text s. u. finden Sie einen Fragebogen, der Ihnen dazu dienen mag, meine vermeintliche oder tatsächliche Unkenntnis zu beseitigen. Sie könnten begründen und darstellen, was sie für zutreffend halten. Je ausführlicher und gründlicher, desto besser. Nur zu. Ich würde das sehr begrüßen. Mich interessiert besonders, wie sie den Sozialkonstruktivismus begründen. Ich habe dazu bisher lediglich Behauptungen gelesen. Aber wenn es eine überzeugende Darstellung gibt, oder wenn sie eine geben können: gerne…

    http://serwiss.bib.hs-hannover.de/frontdoor/index/index/docId/405

    Comment by Günter Buchholz — 01.05.2015 um 15:09

  5. Herr Buchholz,
    Sie können doch einfach sagen, dass Sie von „diesen Genderstudies“ genervt sind. Aber so zu tun, als würden Sie sich wissenschaftlich mit diesen auseinandersetzen, scheint mir übertrieben.
    Ihr sogenannter Fachbeitrag – zu welchem Fach? – enthält so gut wie keine einschlägige sozialwissenschaftliche Fachliteratur. Stattdessen zitieren Sie wikipedia und Webseiten ohne wissenschaftliche Reputation. Sie können auch offenbar einen Bindestrich nicht von einem Gedankenstrich unterscheiden. Zu Zitationsregeln könnten Sie nochmal bei Franck/Stary nachschlagen.
    Zum Sozialkonstruktivismus: Fangen Sie doch mal bei Chalmers „Wege der Wissenschaft“ an. Evt. müssen Sie dann nochmal Kuhn und Feyerabend lesen, dann haben Sie vielleicht zumindest verstanden, dass Sie eine Art naiven Empirismus/Falsifikationismus vertreten, der seit Anfang des 20. Jahrhunderts überholt ist. Anschließend empfehle ich von Glasersfeld und Maturana; Letzterer wird Ihnen gefallen, der hat auch was zu Gehirnen gemacht.
    Klassiker des Sozialkonstruktivismus sind Berger/Luckman: “The Social Construction of Reality” (1966). Wichtige Ansätze gab es schon früher, z.B. Thomas/Thomas: The Child in America (1928) und natürlich dann mit mehr Interesse an Sex/Gender: Margaret Mead “Male and Female” (1949). Ach, es gäbe so viel zu lesen, wenn Sie wollen würden.
    Zurück zur Wissenschaftstheorie: Ihre vermeintliche erkenntnistheoretische Grundlage „Was vorgelegt werden muß, das sind Beweise, und diese sind intersubjektiv nachprüfbar.“ (Zitat aus Ihrer „Erklärung“, Grammatik wie im Original) ist entweder trivial oder nicht haltbar. Selbstverständlich gibt es unter Genderforscherinnen und -forschern einen intersubjektiven Konsens über bestimmte Beobachtungen. Dass Sie diese Beobachtungen möglicherweise nicht teilen, heißt aber nicht, dass die Theorie falsch ist. Auch Ihre Beobachtung kann falsch sein, ehrlich. Wenn Sie es nicht glauben: Lesen Sie ein Buch über Wissenschaftstheorie.
    Und Ihr Fragebogen, naja. Sie müssten – wenn Sie wissenschaftlich arbeiten wollen würden – die Kriterien, die Sie hier anlegen wollen, um herauszubekommen, ob Genderstudies wissenschaftlich arbeiten, mal herleiten und begründen. Ihre Suggestivfragen schließen geradezu aus, zu wissenschaftlich validen Kenntnissen zu kommen. Lesen Sie ein Buch zur Konstruktion von Fragebögen.
    Man könnte im gleichen Stil einen Fragebogen für Professorinnen und Professoren der BWL erstellen; Einstiegsfrage: „Was ist der Gegenstand der BWL? Ist die zentrale Behauptung der BWL, dass es allen besser ginge, wenn sich jeder so rücksichtslos bereicherte, wie möglich?“. Schnell lässt sich ein Fragebogen entwickeln, der von der Zielgruppe als ähnlich unverschämt interpretiert werden kann, wie der von Ihnen entwickelte – was dann dazu führt, dass niemand ihn beantwortet. Offensichtlicher Unsinn wäre es, daraus zu folgern, die Adressierten könnten ihre Disziplin nicht erklären.
    Weiterhin sind Ihre Kenntnisse der deutschen Grammatik, wie im letzten Post bereits gezeigt, so schlecht, dass selbst geneigte Lesende schnell die Lust verlieren. Z.B.:
    “Was ist der Gegenstand der Gender Studies? Ist das die zentrale Behauptung, dass Frauen fortgesetzt durch ein allgegenwärtiges System männlicher Vorherrschaft unterdrückt sind: das Gendersystem?“
    Was Sie meinen: “Ist der zentrale (wahlweise: paradigmatische) Kern der Gender Studies die Annahme, dass Frauen durch ein allgegenwärtiges System männlicher Vorherrschaft unterdrückt werden?“ (Schnelle Antwort: So platt, nein!)
    Dann Ihre nächste Frage: „Was ist seine besondere Charakteristik?“ Worauf bezieht sich denn nun „seine“ in diesem Satz? Auf DIE Gender Studies? DAS System? Oder kennen Sie nur männliche Personalpronomen?
    Eine Antwort noch auf eine Frage, die Sie zu beschäftigen scheint: Ich würde sagen, der paradigmatische Kern der Genderstudies ist die Überlegung, dass bewusste und unbewusste Zuschreibungen von Geschlechtern, Geschlechtsidentitäten, Geschlechtereigenschaften und Geschlechterrollen wichtige Strukturen in modernen Gesellschaften prägen und – weiterführend – dass es daher eine gute Idee ist, die Mechanismen dieser Zuschreibungen wissenschaftlich zu untersuchen.
    Und ich denke, wenn Sie darüber nachdenken, werden Sie der Aussage “Zuschreibungen von Geschlechtsidentitäten, Geschlechtereigenschaften und Geschlechterrollen prägen wichtige Strukturen in unserer Gesellschaft” zustimmen müssen. Oder glauben Sie allen Ernstes alle Aspekte „männlichen“ und „weiblichen“ Seins (Verhalten, Bedürfnisse, Kleidung, Habitus usw.) lägen auf den Genen? Würden Sie ernsthaft behaupten, Geschlechterrollen hätten sich in den letzten 200 Jahren nicht verändert? (Dann bräuchten Sie sich ja nicht aufzuregen)
    Bleibt dann noch die Frage, ob „Geschlecht“ auch eine Zuschreibung ist. Da können wir ja gerne unterschiedlicher Auffassung sein, zumindest bis Sie Ihre Lektüreaufgaben zum Sozialkonstruktivismus abgeschlossen haben.

    PS: Und posten Sie doch diese Antwort gerne auf Ihrer Webseite und nicht immer nur Ihre Meinung auf anderen Seiten

    Comment by Therem Estraven — 08.02.2017 um 10:20

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