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Feministische Theorien

Weiß-Sein – unmarkiertes Merkmal feministischer Theoriebildung

24.06.2007, Melanie Groß

Die Gruppe derer, die die Macht haben zu sprechen und gehört zu werden, ist zwar klein, ihre Diskurse sind durch ihre Verwurzelung innerhalb der Weißen Dominanzkultur jedoch wirkmächtig und folgenreich. Das hat auch innerhalb der hegemonialen feministischen Theorie Folgen, die sich in der Unsichtbarkeit des Weiß-Seins der Forschenden und in rassistischen Kategorisierungen und Ausschlüssen ausdrückt

In den Studien aus dem Kontext der Critical Whiteness wird mit Bezug auf feministische postkoloniale Theorieansätze, Black Feminism und Schwarzer Feminismus die Beschränkung des forschenden Blicks durch die eigene Situierung deutlich gemacht und problematisiert. Hier wird gezeigt, dass westliche feministische Theorien vor dem Hintergrund der eigenen Weißen Hautfarbe und der Zugehörigkeit zu europäischen und US-amerikanischen Gesellschaften produziert werden, dieser Zusammenhang und seine Folgen für die Produktion von Erkenntnissen jedoch ausgeblendet wird.

Diese Problematik wird u.a. dadurch deutlich, dass Fragen nach der Kategorie Geschlecht im feministischen Mainstream vorrangig vor der Thematisierung der Kategorie race behandelt wurden und werden. Dadurch wird eine bestimmte Form des Wissens generiert, die nicht zu trennen ist von der sozialen Ordnung und der Zugehörigkeit zur Weißen Dominanzkultur. Inzwischen wird zwar versucht, race als Kategorie zumindest mit zu denken und mit weiteren Achsen der Differenz wie Klasse zu thematisieren; eine systematische Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Rassismus und Feminismus, das überhaupt erst die Perspektive eines Mit-Denkens und damit ein Außerhalb des Feminismus produziert, bleibt jedoch von Seiten Weißer Feministinnen bislang zumeist aus. Häufig wird statt der Analyse der gegenseitigen Wechselwirkungen von Kategorien wie gender und race versucht, die Diskriminierungen als additive Verknüpfungen zu analysieren. Dagmar Schultz hat jedoch bereits 1990 im Kontext der Frage, wie multiple Diskriminierungsmechanismen theoretisch gefasst werden können, darauf hingewiesen, dass eine rein additive Verbindung von Differenzkategorien ausgesprochen kontraproduktiv ist, weil sie zum einen die Zweigeschlechtlichkeit fortschreibt und zum anderen wiederum gender als Hauptdifferenz zugrunde legt. Gegen ein solches Konzept der Addition von Unterdrückung wird von Black Feminists das Konzept intersections verwendet. Dieser Begriff wurde 1989 von der Juristin Kimberlé Crenshaw geprägt. Er umfasst Verbindungen und Überschneidungen von Ungleichheit erzeugenden Kategorien wie race, Klasse, Sexualität und Geschlecht und betont die Unauflösbarkeit der gegenseitigen Verschränkungen und Wechselwirkungen solcher Kategorien. Es geht dabei also nicht darum, zusätzlich zur Diskriminierungserfahrung als Frau auch noch von Rassismus betroffen zu sein, sondern vielmehr darum, dass die Verschränkung eine andere und spezifische Form der Unterdrückung hervorbringt. So ist beispielsweise für Weiße westliche Frauen die Losung “Das Private ist politisch” eine zentrale Figur zur Kritik der Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit gewesen. Sie hatte insbesondere für die Solidarisierung zwischen Weißen Frauen eine hohe Bedeutung, da sie zur Entlarvung und Enttabuisierung sexualisierter Gewalt beigetragen, diese vom Charakter des Einzelschicksals befreit und ihre strukturelle Verwobenheit mit patriarchalen Verhältnissen betont hat. Die daraus erwachsende Solidarität wurde jedoch von Black Feminists nicht geteilt, da sie gerade den privaten Raum als Schutzraum vor Rassismus verstehen. Insofern ist er eher ein Ort des Empowerments innerhalb der Black Community. Eine Solidarisierung mit Weißen Frauen gegen die eigene Community wird hier abgelehnt (Collins 1996).

Trotz solcher kritischen Einwände wird in deutschsprachigen Weißen feministischen Theoriediskursen auf die Frage nach der Verbindung von Feminismus mit Rassismus eher zögerlich geantwortet. Zudem wird Rassismus zumeist als ein dem Feminismus äußerliches Phänomen eingeordnet. Wie wenig das Verhältnis von Feminismus und rassistischem Ausschluss im deutschsprachigen Diskurs präsent ist, hat Sedef Gümen (1998) in ihrer Dekonstruktion des Einleitungsartikels für den Tagungsband Differenz und Gleichheit – Menschenrechte haben (k)ein Geschlecht (Gerhard u. a. 1990) eindrucksvoll aufgezeigt. Trotz einer vordergründigen Rhetorik, sich mit Fragen wie Interkulturalität und Rassismus auseinander setzen zu wollen, wird in dem Aufsatz deutlich gemacht, dass eine solche thematische Ausrichtung eher ein Sonderthema des Feminismus sei. Die Rede ist von der “hiesigen Frauenbewegung”, die zwar “Ausländerinnenprobleme kennt”, der es aber “sehr viel grundsätzlicher um eine Analyse und Erörterung der strukturellen Gründe der gesellschaftlichen und rechtlichen Diskriminierung der Frau” gegangen sei (ebd.: 10). Migrantinnen werden hier als homogene externe Gruppe behandelt, die dem “hiesigen” Feminismus nicht genuin zugehörig sind. Feminismus wird damit genauso wie die Gruppe der Migrantinnen homogenisiert, und diese werden zugleich als Subjekte des Feminismus ausgeschlossen und als die Anderen markiert. Damit bleiben sie de facto ausgeschlossen aus der feministischen Community.

Solche Ausschlüsse haben gravierende Folgen auch für wissenschaftliche Diskurse. Denn sie führen dazu, dass marginalisierte Positionen keine wissenschaftliche Repräsentation erlangen konnten und können. Feministische postkoloniale Positionen haben deshalb immer auch die Verschränkung von Wissen und Macht in der Produktion von (politischen wie theoretischen) Diskursen und deren Effekte auf Subjekte im Blick: Von welchem Standpunkt aus wird welche Politik gemacht? Was erscheint wem warum als Hauptkategorie, entlang derer Diskriminierungserfahrungen gemacht werden? Diese Frage ist jedoch je nach individueller Erfahrung und sozialer Situierung anders zu beantworten. Nicht von Rassismus, Exotisierung und Ethnisierung betroffen zu sein, bleibt auch in der Theoriebildung ein unmarkierter Standpunkt, der zugleich als ein universeller artikuliert wird. So wie Männer im wissenschaftlichen Mainstream das unmarkierte Geschlecht zu sein scheinen, scheint der hegemoniale Feminismus keine Hautfarbe zu haben. So wird nicht nur eine spezifische Erfahrung, sondern gleichzeitig die rassistische Struktur unsichtbar gemacht. Die systematische Einbeziehung und kritische Reflexion der sozialen Situierung und des Verhältnisses von Rassismus und Feminismus ist dringend notwendig, um Macht- und Herrschaftsformen verstehen und angreifen zu können.

An diesem Punkt setzen die Studien zur Kritischen Weißseinsforschung an und versuchen somit, nicht mehr in paternalistischer Mission über “die Anderen” zu reden, sondern vielmehr die längst überfällige Reflexion der eigenen Verstrickungen mit solchen Machtverhältnissen zu reflektieren, die einer solchen Sichtweise zu Grunde liegen.

Verwendete Literatur

  • Collins, Patricia Hill (1996): Ist das Persönliche politisch genug? Afrikanisch-amerikanische Frauen und feministische Praxis. In: Fuchs, Brigitte; Habinger, Gabriele (Hg): Rassismen und Feminismen. Differenzen, Machtverhältnisse und Solidarität zwischen Frauen. Wien, 67-91.
  • Gerhard, Ute; Jansen, Mechtild; Maihofer, Andrea; Schmid, Pia; Schulz, Irmgard (Hg) (1990): Differenz und Gleichheit. Menschenrechte haben (k)ein Geschlecht. Frankfurt am Main.
  • Gümen, Sedef (1998): Das Soziale des Geschlechts. Frauenforschung und die Kategorie ‚Ethnizität’. In: Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften: Grenzen, Jg. 40, Heft 224, 187-202.
  • Schultz, Dagmar (1990): Unterschiede zwischen Frauen – ein kritischer Blick auf den Umgang mit ‚den Anderen’ in der feministischen Forschung weißer Frauen. In: beiträge zur feministischen theorie und praxis: Geteilter Feminismus: Rassismus – Antisemitismus – Fremdenhaß, Heft 27, 45-58.

Weiterführende Literatur

  • Eggers, Maureen Maisha; Kilomba, Grada; Piesche, Peggy; Arndt, Susan (Hg) (2007): Mythen, Masken & Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster.
  • Tißberger, Martina; Dietze, Gabriele; Hrzán, Daniela; Husmann-Kastein, Jana (Hg) (2006): Weiß – Weißsein – Whiteness. Kritische Studien zu Gender und Rassismus. Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles u.a

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