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Web 2.0 = demokratische Öffentlichkeit? Einige (feministische) Anmerkungen zu einer erneuten Debatte

21.06.2010, Tanja Carstensen

Am 27. April 2010 fand in Berlin, veranstaltet von der Heinrich-Böll-Stiftung, eine Podiumsdiskussion zum Thema „Citizen 2.0. Wie beeinflusst das Netz die demokratische Öffentlichkeit?“ statt. Anlass war das Erscheinen des Buches „Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Die sozialen Medien im Web 2.0“ des Medienwissenschaftlers Stefan Münker. Er vertritt die These, dass mit dem Web 2.0 das Ideal demokratischer Öffentlichkeit, wie es Jürgen Habermas entwirft, Realität geworden ist. Auf der Veranstaltung diskutierten Stefan Münker, Sophie Scholz (socialbar) und ich, Jan Engelmann (Heinrich-Böll-Stiftung) moderierte. Im Folgenden skizziere ich einige meiner Kommentare und Anmerkungen, insbesondere diejenigen, die aus feministischen und genderkritischen Perspektiven resultieren.

Die Verbreitung des Internets war von Anfang an begleitet von Hoffnungen auf Demokratisierung. Nachdem die erste Welle euphorischer Prognosen zum Jahrtausendwechsel durch die politische Realität sowie durch empirische Forschungsergebnisse ernüchtert war, blüht diese nun – geknüpft an das Schlagwort Web 2.0 – in einer zweiten Welle auf. Spätestens seit dem Wahlkampf von US-Präsident Obama und der Nutzung von Twitter für die Protestaktionen der Opposition im Iran scheinen die politischen Potenziale des Internets offensichtlich, und die Erwartungen an Demokratisierung und Partizipation sind groß.

Tatsächlich ist eine Eigenschaft des Web 2.0 bemerkenswert und in der Form neu: Die Inhalte des neuen Mediums werden entscheidend und weit reichend durch die Nutzer_innen mitgestaltet und produziert, sei es in Wikis, Weblogs, sozialen Netzwerkseiten, Foren, auf Foto-, Video- oder Musikportalen oder auch nur über Bewertungen auf Shopping-Seiten. Zum ersten Mal in der Geschichte der Medien ist eine massenhafte Nutzung gemeinschaftlich geteilter, interaktiver Medien nun wirklich möglich und bleibt nicht, wie beim Radio, Computer oder dem ‚alten’ Internet bloße Hoffnung.

Diese medienhistorische Zäsur ist für den Medienwissenschaftler Stefan Münker Anlass, das Web 2.0 als Verwirklichung demokratischer Öffentlichkeit, wie Jürgen Habermas sie idealtypisch entworfen hat, zu betrachten. Habermas’ vier Kriterien, nämlich die Unbeschränktkeit des Zugangs, Gleichberechtigung unter den Mitgliedern, die Offenheit der Themen und die Unabgeschlossenheit der Teilnehmer_innen seien, so Münker, in den meisten Web 2.0-Angeboten kein fernes Ideal, sondern selbstverständlicher Teil der Spielregeln. Er sieht im Web 2.0 eine Bereicherung unserer Ausdrucks- und Handlungsmöglichkeiten, betont aber auch, dass erst durch den Gebrauch, also durch soziale Praxen, die medientechnologischen Rahmenbedingungen zu Möglichkeitsräumen werden.

Von der Litfasssäule zu feministischer Netzkultur

Auch feministische Projekte, Bewegungen und Organisationen haben viel gewonnen durch die Zunahme der technischen Möglichkeiten von Weblogs, Wikis, Twitter und sozialen Netzwerkseiten. Münker vergleicht das alte Internet mit einer besseren Litfasssäule, das lediglich ein Medium der Verlautbarung und Veröffentlichung von Informationen war. Das gleiche Bild zeigt eine Untersuchung der Nutzung und Gestaltung des Internets in frauen- und genderpolitischen Netzwerken, die wir 2002 bis 2005 durchgeführt haben (www.frauenbewegung-online.de). Damals wurde das Internet tatsächlich fast ausschließlich zur Informationssuche und -bereitstellung genutzt, die feministische Netzszene bestand aus lauter mehr oder weniger starren Internetauftritten, auf denen die Akteur_innen sich vorstellten und Fachinformationen anboten. Diskussionen, Interaktionen, Meinungsbildung oder gar politische Aktionen fanden so gut wie gar nicht statt.

Zwar existieren viele Internetauftritte feministischer Projekte noch heute in dieser Form, aber daneben und verwoben damit ist eine lebhafte queer-feministische Netzkultur entstanden, die sich vor allem über Weblogs sehr gut miteinander vernetzt, rege austauscht, aufeinander verweist, diskutiert und sich und andere kommentiert. Zum einen entwickeln und erproben sie damit neue Internetpraktiken, die für feministische Anliegen genutzt werden können, zum anderen haben sich die feministischen Weblogs wie mädchenblog, Mädchenmannschaft, piratenweib, genderblog, Antje Schrupp, i heart digital life, aber auch der Zusammenschluss girls on web society auf facebook, das erste gendercamp im Mai 2010 oder das Vernetzungstreffen FrauenImNet damit auch innerhalb der (ansonsten sehr männlich geprägten) Netzsphäre etabliert. Dies wurde auch auf der diesjährigen re:publica deutlich, auf der mit immerhin zwei explizit genderrelevanten Veranstaltungen im Programm die feministischen Beiträge zur Netzkultur nicht mehr zu übersehen sind (hierzu z.B. YouTube http://www.youtube.com/watch?v=YQSf8ORaMHY). Mit dem Web 2.0 sind Vernetzung, Austausch, Kooperation, Meinungsbildung, Diskussion und Kommentare untereinander, aber auch die Sichtbarkeit feministischer Inhalte nach außen gestiegen.

Unbeschränkter Zugang?

Dennoch kann aus feministischen Perspektiven kaum von einer Verwirklichung des demokratischen, aufklärerischen Ideals von Öffentlichkeit gesprochen werden. Manche mögen gähnen beim Stichwort digital divide, ist es doch so alt wie das Internet selbst und für viele kein interessanter Punkt mehr. Doch in der Euphorie um die breiten Beteiligungsmöglichkeiten gerät allzu oft aus dem Blick, dass die Frage nach Zugang und digitaler Spaltung nach wie vor relevant ist. Nicht nur, dass es nach wie vor allein in der Bundesrepublik Deutschland ca. 1/3 Offliner_innen gibt (ARD/ZDF-Offlinestudie 2009), unter denen nach wie vor überdurchschnittlich stark die über 60-jährigen Frauen zu finden sind; auch bleibt insbesondere die aktive Web 2.0 Nutzung sehr eingeschränkt. Denn, so zeigt die ARD/ZDF-Online-Studie 2009, nur 13% der Internetnutzer_innen sind überhaupt interessiert am aktiven Mitwirken, 2/3 hingegen sind nicht interessiert am Einstellen eigener Inhalte.

Gleichberechtigte Teilnehmer_innen?

Einmal abgesehen von diesen Beschränkungen, ist es dennoch deutlich leichter als früher möglich, dass viele an einem Thema mitdiskutieren, Weblogs einrichten, kommentieren, bewerten, Wikipedia Artikel einstellen, bearbeiten und vieles mehr können. Dennoch sind die vielen schreibenden, editierenden, diskutierenden und kommentierenden Menschen nicht wirklich gleichberechtigt. Das zeigt sich unter anderem an den Blogcharts, die auswerten, welche Blogs am meisten gelesen werden. Hier haben sich längst Hierarchien der Aufmerksamkeit herausgebildet. Und, welch Wunder, obwohl viele Frauen bloggen, sind Blogs von Frauen hier wenig zu finden (vgl. u.a. die Studie der Ruhr-Uni Bochum). Auch das Thema Netzpolitik scheint ebenfalls von bürgerlichen weißen Männern dominiert (vgl. auch den Text den Kathrin Ganz auf den Seiten des Feministischen Instituts).

Und nicht nur das Gelesenwerden ist ungleich verteilt, auch die Möglichkeiten zu schreiben sind nicht immer und überall im Web 2.0 so gleich wie behauptet. Auch in Wikipedia haben sich längst Gatekeeper und Machtstrukturen herausgebildet (vgl. DFG-Projekt zu Wikipedia); Administrator_innen wachen und urteilen streng über Relevanz von Themen und Einträgen (u.a. Heise).

Besonders restriktiv und hierarchisch zeigt sich das „Mitmachnetz“ bei den Eingabeformularen der sozialen Netzwerkseiten (vgl. auch mein Text auf den Seiten des Feministischen Instituts), die oftmals eindeutige Angaben u.a. zu Geschlecht, aber auch zu anderen Identitätskategorien fordern. Trotz zahlreicher Diskussionen, Forderungen und Petitionen innerhalb der Netzwerke gegen diese Beschränkungen konnten die User_innen keine Änderungen der Pflichtfelder erreichen; die Vorschläge, andere Auswahlmöglichkeiten, offene Felder und mehr Ausdrucksmöglichkeiten in den Formularen zu ermöglichen, ließen sich nicht durchsetzen.

Offenheit der Themen?

Stefan Münker geht davon aus, dass es einfacher wird, sich in politische Debatten einzumischen, und dass das Web 2.0 prinzipiell für alle Themen offen ist. Das stimmt. Aber das hat auch viele Kehrseiten. Natürlich ist es fantastisch, welchen Raum und welche Ausdrucksmöglichkeiten queer-feministische Diskussionen und Praxen mit dem Netz dazu gewonnen haben. Gleichzeitig sind gerade feministische Inhalte im Netz extrem von sexistischen, homophoben und antifeministischen Kommentaren und Angriffen betroffen. In gemäßigter Form sind dies die Löschanträge für die feministischen Einträge Ladyfest und riotgrrrl in Wikipedia, die ich an anderer Stelle schon einmal thematisiert hatte. Aber auch persönliche Angriffe, Beleidigungen, sexistische Anmache und sogar Morddrohungen sind auf feministischen Blogs keine Seltenheit. Diese Angriffe auf feministische Inhalte haben seit der re:publica 2010 einen neuen Höhepunkt erreicht. Auch wenn davon ausgegangen wird, dass diese Angriffe von einer kleinen Gruppe Maskulinisten ausgehen, und frau die Kommentare einfach löschen kann, binden sie Energie, es müssen Umgangsweisen, Abwehrmechanismen und Ignoranz entwickelt werden. Zwar gibt es inzwischen auch kreative Ansätze, mit den Kommentaren offensiv umzugehen bis hin zu der Idee, über Werbung Geld mit ihnen zu verdienen. Offener und gleichberechtigter Diskurs aller im Netz sieht dennoch anders aus.

Das Web 2.0 bietet viele neue Möglichkeiten, demokratische Öffentlichkeiten zu entwickeln. Verwirklicht sind diese damit noch lange nicht. Und dies bleibt wohl eher eine politische als eine technische Aufgabe.


6 Kommentare »

  1. [...] bei Antje Schrupp noch was zu lesen. Das Feministische Institut Hamburg blickt zurück auf eine Podiumsdiskussion zum Thema „Citizen 2.0. Wie beeinflusst das Netz die demokratische [...]

    Pingback by Mädchenmannschaft » Blog Archive » Blogschau: Butler, Fußball, Merch — 26.06.2010 um 00:10

  2. [...] Web 2.0 = demokratische Öffentlichkeit? Einige (feministische) Anmerkungen zu einer erneuten Debatt… Hab ich das eigentlich schon verlinkt? Tanja Carstensen hat einen umfassenden Artikel über Feministische Netzkultur in Deutschland geschrieben, anlässlich der Podiumsdiskussion „Citizen 2.0. Wie beeinflusst das Netz die demokratische Öffentlichkeit?“, auf der Stefan Münklers „Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Die sozialen Medien im Web 2.0“ mit Mittelpunkt der Diskussion stand. (tags: netzkultur internet feminismus web2.0) [...]

    Pingback by i heart digital life » links for 2010-07-12 — 12.07.2010 um 13:03

  3. [...] Web 2.0 = demokratische Öffentlichkeit? Einige (feministische) Anmerkungen zu einer erneuten Debatt… Hab ich das eigentlich schon verlinkt? Tanja Carstensen hat einen umfassenden Artikel über Feministische Netzkultur in Deutschland geschrieben, anlässlich der Podiumsdiskussion „Citizen 2.0. Wie beeinflusst das Netz die demokratische Öffentlichkeit?“, auf der Stefan Münklers „Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Die sozialen Medien im Web 2.0“ mit Mittelpunkt der Diskussion stand. (tags: netzkultur internet feminismus web2.0) [...]

    Pingback by Links vom 29. Juni bis 12. Juli « meta . ©® . com — 28.07.2010 um 02:24

  4. [...] Demokratische Öffentlichkeit? [...]

    Pingback by Feministisches Institut Hamburg / Technologie / Feministische Öffentlichkeiten im Web 2.0. Möglichkeiten und Grenzen feministischer Partizipation im Internet — 01.08.2011 um 16:22

  5. [...] für Geschlechterungleichheiten im Netz. Weitere hat Tanja Carstensen in ihrem Text „Web 2.0 = demokratische Öffentlichkeit? Einige (feministische) Anmerkungen zu einer erneuten De…“ [...]

    Pingback by Feministisches Institut Hamburg / Technologie / Feministische Öffentlichkeiten im Web 2.0. Möglichkeiten und Grenzen feministischer Partizipation im Internet — 01.08.2011 um 16:31

  6. web design…

    Feministisches Institut Hamburg / Technologie / Web 2.0 = demokratische Öffentlichkeit? Einige (feministische) Anmerkungen zu einer erneuten Debatte…

    Trackback by web design — 22.04.2012 um 18:05

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