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Interventionen

Gender Trouble im Web 2.0 – Sexismus, Homophobie, Antifeminismus und Heteronormativität im neuen alten Internet

10.01.2008, Tanja Carstensen

Mit den heutzutage zur Verfügung stehenden Möglichkeiten der Weblogs, Wikis, des Podcasting und Communities wie YouTube, MySpace und dem studiVZ verspricht das Internet eine stärkere Partizipation der Netznutzer_innen und neue Beteilungsformen. Aus Geschlechterperspektiven bleibt das “Web 2.0″ allerdings ambivalent. Neben queer-feministischen Interventionen kommt es gleichzeitig immer wieder zu antifeministischen, homophoben und sexistischen Angriffen aus der Mitte der Web 2.0-Community.

Seit einiger Zeit ist das Internet nicht mehr das alte: Es ist nun “Web 2.0″. E-Mails, Homepages, Foren und Chats wirken antiquiert verglichen mit den heutzutage zur Verfügung stehenden Möglichkeiten der Weblogs, Wikis, des Podcasting und Communities wie “YouTube”, “MySpace” und dem “studiVZ”. Das ‚neue’ Internet ermöglicht kooperative Arbeit an Dokumenten und verspricht eine stärkere Partizipation der Netznutzer_innen sowie neue Beteilungsformen. Wieder überschlagen sich die Hoffnungen auf Demokratisierung, Entmachtung der Diskurshoheit der Massenmedien, auf neue Öffentlichkeiten, Gemeinschaftsbildung und Vernetzung.

Feministische Diskussionen hatten in den 1990er Jahren früh die Ambivalenz des Internets aus Geschlechterperspektiven sichtbar gemacht: Neben wertvollen Möglichkeiten der Vernetzung untereinander und der Einflussnahme auf hegemoniale Diskurse ist pornografischen und sexistischen Angeboten sowie diskriminierenden Erfahrungen im Internet kaum aus dem Weg zu gehen.

Mit den Möglichkeiten des Web 2.0 scheinen sich die Verhältnisse nun noch zu verschärfen. Aus queer-feministischen Zusammenhängen sind so spannende Angebote wie das “mädchenblog“, das “Genderblog” und das “Gender@Wiki” entstanden, die das Web 2.0 um feministische Interventionen bereichern. Das mädchenblog versteht sich beispielsweise als offenes feministisches Gemeinschaftsprojekt und will Themen wie Beziehungen, Körper, Sexualität, aber auch Politik und Popkultur anders verhandeln als dies in den gängigen Mädchen- und Jugendzeitschriften geschieht. Im Genderblog wird zum neuen Gleichstellungsgesetz, zu Elternschaft, zur Frage, wozu wir noch Geschlechter brauchen und zu vielem anderen diskutiert, es werden Bücher vorgestellt und aktuelle Themen kommentiert. Beide Blogs sind Orte engagierter Diskussionen zu Feminismus, sie decken Sexismus auf und prangern Antifeminismus an. Außerdem finden sich hier viele Links zu anderen feministischen Blogs und Seiten im Internet. Auch mit dem Gender@Wiki ist eine spannende Alternative zur Online-Enzyklopädie Wikipedia entstanden, in der Informationen, Entwicklungen und Wissen aus der Frauen- und Geschlechterforschung gesammelt werden. Die Wiki- und Weblog-Technologien unterstützen die gegenseitige Verlinkung, die inhaltliche Bezugnahme und laden zur Mitarbeit, Kommentierung und Diskussion ein. So offenbart sich im Netz eine aktive, sehr gut untereinander vernetze Szene an feministisch interessierten und engagierten Menschen.

Gleichzeitig kommt es aber immer wieder zu antifeministischen, homophoben und sexistischen Angriffen aus der Mitte der Web 2.0-Community: So löschte zum Beispiel “MySpace” im März 2007 das Profil der kanadischen Band “Kids on TV”. Mit dem standardisierten Hinweis auf einen “Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen” gingen unwiederbringlich sämtliche Daten und damit auch 14.000 Kontakte der schwul-lesbischen Band verloren. Als Verstöße gelten üblicherweise “Nacktbilder oder anstößige und gewalttätige Bilder, das Überdecken der Bannerwerbung mit HTML-Codes, die Belästigung anderer User, das Zuspamen von Foren oder Gästebüchern, das Aufblähen von Scores oder die User sind noch zu jung.” Dass diese Regeln sonst nur halbherzig von MySpace umgesetzt werden, zeigt die zahlreiche Porno-Werbung auf ihren Seiten. Gegen welche der Nutzungsbedingungen Kids on TV genau verstoßen haben soll oder was sonst als Grund für die Löschung diente, war von MySpace hingegen nicht zu erfahren. Nach vehementen Protesten zog sich MySpace dann auf die Erklärung eines “Versehens” zurück und stellte die Seite wieder ins Netz. Es lässt sich wohl nicht abschließend klären, warum das Profil von Kids on TV gelöscht wurde. Hinweise auf homophobe Motive liefern allerdings interne Diskussionen in Diskussionsforen zum Thema Zensur, wo sich zeigt, dass die Löschung von Kids on TV keineswegs ein Einzelfall war, sondern dass es noch weitere Fälle von Löschungen unkommerzieller Seiten mit schwulen, lesbischen und queeren Inhalten gegeben hat.

Queer-feministische Inhalte zu löschen, stand auch in der “freien Enzyklopädie Wikipedia” zur Debatte. Im August 2007 wurden dort die Einträge zu “Ladyfest” und “Riot grrrl”zur Löschung vorgeschlagen. Neben Kritik an Relevanz und Qualität der Einträge – der Ladyfest-Artikel wurde als “freie Assoziation zum Thema” charakterisiert, er sei nicht objektiv – schien den Lösch-Befürworter(_inne?)n aber auch das Verständnis von Geschlecht als “hegemoniale heterosexuell verfasste Zweigeschlechtlichkeit” kritikwürdig: “Ich dachte immer das hätte was mit Genetik zu tun.” Auch die im Beitrag enthaltene Aussage, Frauen und Mädchen seien innerhalb der Musik- und Kunstszene unterrepräsentiert, wurde angezweifelt und als Argument für die Löschung herangezogen (vgl. Wikipedia). Fünf Minuten später schlug einer der an der Diskussion beteiligten Personen dann auch noch die Löschung des Eintrags zu “Riot grrrl” vor:

“Ich will mal ganz ketzerisch die Frage nach der Relevant stellen und frage mich auch was das nun genau sein soll. Entstanden in einem eher unedeutenden Kaff, reagiert wie auch immer auf eine empfundene männliche Dominanz in der Musikszene (ist dem so? Wenn ich Radio höre habe ich den Eindruck öfter Frauen, denn Männer singen zu hören), und dann ein paar nicht wirklich bekannte Musikkapellen als Beispiele. Als Literatur werden vor allem Artikel in Zeitschriften mit doch sehr sehr begrenzter Leserschaft angegeben, die Weblinks sind irgendwelche Foren. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß hier krampfhaft etwas groß geschrieben werden soll, von dem kaum jemand je Notiz genommen hat.” (vgl. Wikipedia)

Glücklicherweise fanden sich in der Wikipedia-Community genügend engagierte Menschen, die schnell, fundiert und energisch die Relevanz und Berechtigung dieser beiden Artikel belegen konnten und sie somit vor der Löschung bewahrt haben. Ärgerlich bleibt dennoch, dass feministische Themen offensichtlich immer wieder verteidigt werden müssen.

Weniger erfolgreich verliefen bisher die Versuche innerhalb der größten deutschen Studierenden-Community “studiVZ”, den Zwang zur eindeutigen zweigeschlechtlichen Positionierung bei der Anmeldung und im Benutzer_innenprofil abzuschaffen. Während es im Internet in anderen Communities durchaus die Möglichkeit gibt, ohne eine eindeutige Angabe eines Geschlechts Mitglied werden zu können (z.B. auf der Musikplattform “last.fm” oder in der Foto-Community “flickr.com”, besteht studiVZ auf einer Entscheidung zwischen entweder männlich oder weiblich und weist die potenziellen Mitglieder bei einer Nicht-Wahl bestimmt darauf hin: “Bei uns können sich nur weibliche oder männliche Wesen anmelden!” Zudem sind die meisten Funktionsbezeichnungen in männlicher Form gehalten (z.B. Moderator, Student). In internen Diskussionen in der Community setzten sich Studierende für eine geschlechtergerechte Sprache ein; ihre Argumente wurden aber mit biologistischen und technikdeterministischen Begründen abgewiegelt: Zum einen wurde Zweigeschlechtlichkeit als biologisches Fakt behauptet, zum anderen zogen sich Administratoren auf die unsinnige Position zurück, es wäre “höchst kompliziert”, andere als binäre Kategorien im Benutzer_innenprofil und geschlechtergerechte Sprachformen zu programmieren.

Vieles an diesen Auseinandersetzungen erinnert an die alten Zeiten des ‚ersten’ Internets. Queere und feministische Inhalte können keinesfalls unbeschadet im Internet bestehen, sondern sind immer wieder Rechtfertigungsdruck ausgesetzt. Erkenntnisse wie die soziale Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit sind mit biologistischen Totschlagargumenten konfrontiert. Aber es zeigt sich auch, dass sich Widerstand lohnt. Proteste gegen Löschungen haben Erfolg und machen deutlich, dass es eine kämpferische queer-feministische Community im Web 2.0 gibt, die das Internet nicht konservativen und antifeministischen Kräften überlässt. Es bleibt also spannend im Web 2.0, Geschlecht bleibt umkämpft und das Internet ein wichtiger Ort für diese Kämpfe.

Weiterführende Links

Ich danke Henning Wötzel-Herber und Melanie Groß für wertvolle Hinweise.

Ein ausführlicher Artikel (auf englisch) findet sich unter:

Carstensen, Tanja: Gender Trouble in Web 2.0. Gender perspectives on social network sites, wikis and weblogs, Online Proceeding of the 5th European Symposium on Gender & ICT. Digital Cultures: Participation – Empowerment – Diversity, March 5 – 7, 2009 – University of Bremen


4 Kommentare »

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  2. [...] Blickes auf die relevanten Dinge in der Welt notwendig ist. Mich hat die Debatte an den Artikel Gender Trouble im Web 2.0 – Sexismus, Homophobie, Antifeminismus und Heteronormativität im neuen … von Tanja Carstensen erinnert: Queer-feministische Inhalte zu löschen, stand auch in der “freien [...]

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  3. [...] Blickes auf die relevanten Dinge in der Welt notwendig ist. Mich hat die Debatte an den Artikel Gender Trouble im Web 2.0 – Sexismus, Homophobie, Antifeminismus und Heteronormativität im neuen … von Tanja Carstensen erinnert: Queer-feministische Inhalte zu löschen, stand auch in der “freien [...]

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  4. Zudem sind die meisten Funktionsbezeichnungen in männlicher Form gehalten (z.B. Moderator, Student).

    Na ja, das ist beim Forum http://www.riot-grrrl.de, das auch unter http://www.feministinnen.de/ erreichbar ist genauso: Nutzer, Moderator, Administrator

    So wirklich Lust auf Anmeldung mach das für eine Feministin nicht!

    Comment by Dorothee — 13.03.2010 um 09:19

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