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Ökonomie

Vorsorgendes Wirtschaften – Zukunftsfähigkeit jenseits der Krisenökonomie

25.05.2010, Adelheid Biesecker

Maßlosigkeit und Sorglosigkeit – mit diesen beiden Begriffen lässt sich die vorherrschende ökonomische Rationalität, kennzeichnen. Maßlosigkeit – denn aus Geld soll immer mehr Geld werden, und das möglichst ohne Bezug zur realen Produktion, ohne irgendein stoffliches oder soziales Maß. Und Sorglosigkeit – denn Menschen mit dieser Maximierungsrationalität kümmern sich nicht um den Erhalt der lebendigen Grundlagen – sozial-weibliche Care-Arbeit und ökologische Produktivität –, sondern nutzen sie rücksichtslos aus. Das wirkt zerstörerisch auf dieses sog. Reproduktive – die Krise wird zur „Krise des „Reproduktiven““.
Dieses ökonomische System schafft seinen „Reichtum“ somit durch Zerstörung der Reichtumsgrundlagen. Es ist nicht zukunftsfähig. Zukunftsfähig ist nur eine Ökonomie, die durch ihre eigene Praxis des Produzierens und Konsumierens den langfristigen Erhalt der lebendigen Grundlagen garantiert. Erhalten im Gestalten, um diese neue Rationalität geht es – um Vorsorgendes Wirtschaften eben.

Das Ökonomische muss also, wenn es als Grundlage für ein dauerhaftes menschliches Leben auf der Erde dienen soll, neu gedacht und gestaltet werden. Und dazu müssen keine Fantasien herhalten, sondern ein Blick in die alltägliche Praxis zeigt, dass vielfältig schon sorgend gewirtschaftet wird: dazu gehören z. B. die ganze Care-Arbeit in Familien und Nachbarschaften, Projekte solidarischer Ökonomie auf lokaler oder regionaler Ebene, kooperative Stadtgartenprojekte, Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaften in Form von Kommunen, Genossenschaften, Rekultivierungsprojekte und vieles mehr. Das Problem ist jedoch, dass all diese wirtschaftlichen Tätigkeiten aus dem offiziellen Bild von Ökonomie ausgegrenzt sind – sie produzieren nicht für den Markt, der als ökonomisches Zentrum gilt. Ökonomie ist in diesem Bild ausschließlich Marktökonomie – und Arbeit ist nur solche Arbeit, die Waren und Dienstleistungen für Märkte herstellt. Dass Ökonomie viel mehr ist als der Markt und dass Arbeit vielmehr ist als Erwerbsarbeit, kann infolge dieser Einäugigkeit nicht gesehen werden.

Hier setzt das Konzept „Vorsorgendes Wirtschaften“ an. Es beginnt mit einem Perspektivenwechsel, es blickt von den bisher als „reproduktiv“ aus dem Ökonomischen ausgegrenzten Bereichen auf die Marktökonomie. So kommen nicht nur „das Ganze des Wirtschaftens“ und “das Ganze der Arbeit“ in den Blick, sondern auch deren geschlechtshierarchische (Männer managen oben, Frauen sorgen unten) und naturfeindliche Konstruktionen. Diese können jetzt kritisiert und verändert werden. Und Märkte sind, so gesehen, nicht Selbstzweck, sondern Mittel für Lebenszwecke. Welche Märkte (auch: welche Finanzmärkte?) tun den Menschen und der Natur gut? Diese Fragen können jetzt gestellt und bearbeitet, aus (spekulierenden) Herren können (sorgende und vorsorgende) Diener gemacht werden.

Gegenüber der bisherigen Trennung von Produktion und sog. Reproduktion wird im Konzept „Vorsorgendes Wirtschaften“ deren Einheit betont. Diese Einheit wird ausgedrückt in einer neuen Kategorie – der Kategorie (Re)Produktivität. Sie umfasst die Produktivitäten aller Arbeitsprozesse einschließlich der Care-Arbeit sowie die Produktivität der ökologischen Natur und damit alle produktiven Prozesse des Herstellens und Wiederherstellens. Dieses (Re)Produktive muss bewusst gestaltet werden, wenn wir zukunftsfähig wirtschaften wollen, lautet eine Kernaussage im Rahmen dieses Konzeptes. Und deutlich wird: Menschliche Produktion als Prozess zwischen Mensch und Natur verändert auch die Natur selbst, stellt ein „gesellschaftliches Naturprodukt“ mit her (z. B. verändertes Klima, vergifteten Boden, Kulturwälder), welches jetzt bewusst erhaltend gestaltet werden kann.

Die theoretische Ausformulierung und die praktische Ausgestaltung von Vorsorgendem Wirtschaften stützen sich auf drei Handlungsprinzipien: Vorsorge, Kooperation und Orientierung am für ein gutes Leben Notwendigen:

Vorsorge: Die Menschen werden als in sozialen Beziehungen lebend betrachtet (anders als in der vorherrschenden Wirtschaftswissenschaft, die nur den isoliert seinen Nutzen maximierenden homo oeconomicus kennt), als für sich und andere sorgend, wobei in dieses Sorgen die natürliche Mitwelt und zukünftige Generationen eingeschlossen sind. Vorsicht, Voraussicht, Umsicht, Übersicht und Rücksicht sind Charakteristika dieses Prinzips. Sorgen nimmt die Bedürfnisse aller Beteiligten zum Ausgangspunkt, es ist ein Prinzip, das auch asymmetrische Beziehungen in die Ökonomie integriert. Solche Asymmetrien bestehen häufig in Sorgebeziehungen, in denen die Umsorgten abhängig sind von den sorgenden Menschen. Aus dem Sorgen um die Zukunft entsteht die Vorsorge in der Gegenwart. Dabei sind Schonung und Nicht-Handeln Möglichkeiten effizienten ökonomischen Handelns. Dagegen ist heute Nachsorge vorherrschend, wie wir z. B. beim Umgang mit Atommüll sehen oder bei der CCS-Technik (Carbon Capture and Storage), der Technik, CO2 in Kohlekraftwerken abzuscheiden und in der Erde zu speichern. Anstatt von vornherein auf riskante und die Umwelt zerstörende Techniken zu verzichten, wird auf technische Lösungen beim Umgang mit den „Abfällen“ gehofft. Wie das systematisch misslingt, erfahren wir gerade bei der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko.

Kooperation: Kooperieren ist ein altes Prinzip der Care-Ökonomie und wird im Konzept „Vorsorgendes Wirtschaften“ im Sinne einer vorsorgend-verantwortlichen Kooperation weiterentwickelt. Gemeint ist damit ein kooperatives Wirtschaften, in dem im gemeinsamen Verständigungsprozess nach lebensfreundlichen und naturverträglichen wirtschaftlichen Formen gesucht wird. Weil in diesem Verständigungsprozess als sprachlose KooperationspartnerInnen die natürliche Mitwelt und zukünftige Generationen einbezogen sind, kommt der Begriff „Verantwortung“ mit herein. Verantwortung bedeutet eben, diese KooperationspartnerInnen gleichermaßen einzubeziehen. Diese Kooperation ist prozess-, nicht nur zielorientiert. Dagegen wird heute vor allem auf Konkurrenz gesetzt. Konkurrenzfähig zu sein wird zum Selbstzweck, dem Soziales und Ökologisches untergeordnet wird. Mit dem Hinweis auf die Gefährdung der Konkurrenzfähigkeit wird z. B. der Mindestlohn bekämpft und werden ökologische Schäden für industrielle Großprojekte wie das Vertiefen von Elbe und Ems in Kauf genommen.

Orientierung am für das gute Leben Notwendigen: Vorsorgendes Wirtschaften orientiert sich nicht an der Maximierung individueller Profite und nicht an maximalen Wachstumsraten, sondern an der Gestaltung eines guten Lebens für alle Beteiligten. Was dieses gute Leben ist, muss im gemeinsamen Diskurs immer wieder neu festgestellt und durch gesellschaftliche Regelungen ermöglicht werden. Gesellschaftliche Wohlfahrt ist so nicht allein monetär bestimmt, ist nicht ein-dimensional kalkulierbar, sondern kann nur viel-dimensional und vielfältig entwickelt werden. Dagegen wird heute auf das Sozialprodukt, die Summe aller für den Markt hergestellten und in Geld bewerteten Güter und Dienstleistungen, gestarrt – dessen Wachstum gilt als Ausdruck von Wohlfahrt. Zöge man dagegen von diesem Wachstum dessen soziale und ökologische Kosten ab (z. B. Kinderarmut, Verschärfung der Ungleichheit, Verkehrsunfälle, ökologische Schäden), so würde deutlich werden: Unsere Wirtschaft wächst schon lange nicht mehr, der durch die Wachstumsrate des Sozialprodukts ausgedrückte Wohlstand ist ein Schein-Wohlstand!

Das Konzept „Vorsorgendes Wirtschaften“ setzt für die notwendige Veränderung sowohl auf Verhaltensänderungen der einzelnen Menschen (Konsumkritik und neue Lebensstile), auf die gesellschaftliche Gestaltung neuer Institutionen (wie z. B. das bedingungslose Grundeinkommen) sowie auf den Staat. Es entwirft kein Wolkenkuckucksheim, keine Sozialutopie, sondern eine Wirtschaftsweise, die im Hier und Heute schon entsteht. Aus der Perspektive dieses Konzepts gilt es, diese Prozesse zu stärken und so eine sozial-ökologische Transformation des Ökonomischen hin zu einer zukunftsfähigen Wirtschaftsweise zu stützen und zu fördern. Konkrete Forderungen sind z. B.:

  • Der Ausbau der ökologischen Land-, Fisch- und Forstwirtschaft
  • Die Umstellung der Energieversorgung auf erneuerbare, insbesondere auf Solarenergie
  • Die Ermöglichung ökonomischer Projekte jenseits des Marktes
  • Die Aufwertung von Care-Arbeit, z. B. über flächendeckende soziale Infrastrukturen wie Kinderkrippen und – gärten
  • Die Umverteilung der Arbeit zwischen den Geschlechtern – Männer hinein in die Care-Arbeit, Frauen hinein in gute Erwerbsarbeit
  • Die radikale Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit für alle
  • Einkommensumverteilung von oben nach unten

„Vorsorgendes Wirtschaften“ ist ein integrierendes Konzept, alle werden gebraucht, niemand ausgeschlossen. Und es ist ein geschlechtergerechtes Konzept. Niemand weiß genau, wie eine zukunftsfähige Wirtschaftsweise einmal aussehen wird. Für den unbekannten Weg dorthin, für den notwendigen Suchprozess sind gesellschaftliche Beratungen nötig. Dafür werden Gesellschaftsmitglieder benötigt – Frauen und Männer –, die in allen Bereichen des Arbeitens und Wirtschaftens eigene Erfahrungen gesammelt haben. Wie sollen sie sich sonst verständigen? Nur auf der Basis gleicher Erfahrungen lassen sich gemeinsam neue Wirtschaftswege beschreiten. Geschlechtergerechtigkeit ist im Konzept des Vorsorgenden Wirtschaftens daher nicht nur ein moralisches Anliegen, sondern unmittelbar ökonomisches Interesse. Zugespitzt formuliert: Geschlechtergerechtigkeit wird zur Basisressource einer zukunftsfähigen Ökonomie – und damit zum Indikator des Neuen.


2 Kommentare »

  1. [...] ganzheitliche Arbeitspolitik konzentriert sich nicht alleine auf Erwerbsarbeit, sondern nimmt die vielen Formen von [...]

    Pingback by Blog – Postwachstum — 31.10.2013 um 19:04

  2. [...] Vorsorgendes Wirtschaften ist ein Hauptanliegen jeder ökologisch bewussten Politik. Obwohl heute ausgestoßene Treibhausgase unser Klima erst in einigen Jahrzehnten verändern werden, müssen wir heute handeln. Obwohl an einer Chemikalie noch niemand gestorben ist, muss deren Giftigkeit vor der Zulassung erforscht werden. Obwohl das Fleisch hormongemästeter Rinder für den Menschen nicht unmittelbar schädlich ist, bleibt es in der EU vorsorglich verboten. Das Vorsorgeprinzip ist eine Denkform der europäischen Kultur, die in dieser Ausformung in den USA nicht institutionalisiert ist. Dort gibt man sich betont sachlich und fordert wissenschaftliche Beweise, etwa für die Giftigkeit oder Schädlichkeit von Prozessen, wenn der Staat sich anschickt, etwas verbieten zu wollen. Jenseits des großen Teichs ist zwar vieles erlaubt, aber die UnternehmerInnen wissen, dass Unfälle durch schädliche Verfahren, Chemikalien oder Lebensmittel exorbitante Schadensersatzforderungen nach sich ziehen können. Das ist auch ein Weg, ein gewisses Maß an Verantwortungsbewusstsein zu erzwingen. Allerdings muss die Schädlichkeit z.B. von Chemikalien von der Öffentlichkeit bewiesen werden, womit diese Herangehensweise bei unsicherer Datenlage Risiken gering schätzt – und Verbotsverfahren Jahrzehnte dauern können (DDT, Asbest). [...]

    Pingback by Blog – Postwachstum — 02.06.2014 um 00:00

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