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Interventionen

Wenn unser starker Arm es will…? Einige Gedanken zu Widersprüchen und Solidaritäten im Feld bezahlter und unbezahlter Sorgearbeit

14.09.2015, Anna Köster-Eiserfunke

In diesem Jahr haben die Tarifauseinandersetzung in den Sozial- und Erziehungsdiensten, der Streik im Berliner Charité-Krankenhaus, aber auch eher unbemerkte Konflikte, wie die Auseinandersetzungen um einen besseren Tarifvertrag der Hamburger Assistenz Genossenschaft (HAG), gezeigt, dass sich Arbeitskämpfe im Care-Bereich entwickeln, die die Krise sozialer Reproduktion in den Blick nehmen. Diese Arbeitskämpfe fordern bessere Arbeitsbedingungen und die Anerkennung von Care-Tätigkeiten als notwendige und qualifizierte Arbeit. Dies möchte ich zum Anlass nehmen, um über widersprüchliche Interessen und solidarische Praxen im Feld un-/bezahlter Sorgearbeit nachzudenken. Den Ausgangspunkt meiner Überlegungen bildet dabei der feministische Anspruch, unbezahlte Haus- und Familienarbeit auch im Falle von Streikauseinandersetzungen nicht auszublenden oder unsichtbar zu machen. Gleichzeitig steht für mich eine solidarische Bezugnahme auf Arbeitskämpfe im schlecht entlohnten Care-Bereich außer Frage.

Mit der „Aufwerten jetzt!“-Kampagne wollten die Mitarbeiter*innen der Sozial- und Erziehungsdienste in diesem Jahr der Abwertung „traditioneller Frauenberufe“ etwas entgegensetzen. Sie streikten für eine Anerkennung ihrer hohen Qualifikationen und eine bessere Entlohnung. Während die Berichterstattung über diesen sogenannten „Kita-Streik“ im Frühsommer zunächst sehr positiv ausfiel, wurde die anfänglich große Solidarität, je länger der Streik dauerte, brüchiger und schlug in der medialen Berichterstattung zusehends um. Nach mehreren Streikwochen wurde ein Schlichtungsverfahren angestrengt, dessen Ergebnis jedoch von der überwältigenden Mehrheit der ver.di-Mitglieder als unzumutbar abgelehnt wurde. Nach dem Scheitern der 8. Verhandlungsrunde im August scheint nun die Wiederaufnahme der Streiks im Herbst wahrscheinlich. Deren Ausgangslage ist allerdings nicht einfacher geworden, da im Herbst die Eingewöhnungsphase von Kita-Kindern stattfindet und die Bedingungen für elterliche Solidarität noch prekärer werden lässt. Aus diesem Anlass möchte ich über die Bedingungen solidarischer Praxen im Feld bezahlter und unbezahlter Sorgearbeit nachdenken.

Über widerstreitende Interessen…

Mariarosa Dalla Costa hat einmal formuliert, dass wir noch nie einen Generalstreik erlebt haben. Denn stets lief die – vornehmlich von Frauen* geleistete und aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängte – Reproduktionsarbeit weiter.

No strike has ever been a general strike. When half the working population is at home in the kitchens, while the others are on strike, it’s not a general strike.” (Dalla Costa)

Gegenwärtig führen wir in Deutschland sicherlich keine Diskussion um einen Generalstreik und doch können uns diese Gedanken von Dalla Costa etwas mitgeben. Wenn wir ihre Aussage im Hinterkopf behalten und erneut den Streik in den Sozial- und Erziehungsdiensten betrachten, müssen wir hier feststellen – bestreikt wurde die Lohnarbeit, während die Care-Lücken, die im „Kita-Streik“ aufgerissen sind, zumeist durch unbezahlte Reproduktionsarbeit wieder aufgefangen wurden. Das stellt uns vor die schwierige Situation, Solidaritäten zu entwickeln, auszubauen und zu erhalten, obwohl sich die kurzfristigen Interessen widersprechen können. Diese Problematik ist auch über den „Kita-Streik“ hinaus von großer Bedeutung, denn es ist in vielen Care-Bereichen nur schwer möglich, die Arbeit einfach nicht zu machen.

Sicherlich handelt es sich bei diesem Argument um ein Argument mit Tücken, da der Hinweis auf Abhängigkeit, Bedürftigkeit und Verantwortlichkeit als moralisches Druckmittel eine lange Tradition in der Absicherung weiblicher Sorgetätigkeiten hat. Die Subjektivierung zur  „Arbeit aus Liebe“ – die in sich bereits Geschenk und Lohn darstellt, während ihre Verweigerung Frauen* zu unmoralischen Subjekten stempelt – macht(e) Arbeitskämpfe schwer (Duden 2009). Andererseits zeichnet sich aber Sorgearbeit für Kinder oder andere Care-Receiver oft tatsächlich durch Abhängigkeiten aus, sodass sie nicht oder zumindest nicht ohne Einbußen in deren Lebensqualität unterlassen oder auf einen anderen Zeitpunkt verschoben werden kann. Dies zu verschweigen führt lediglich zur Ausblendung derjenigen, welche im Zweifel unbezahlt einspringen, und wird auch denjenigen nicht gerecht, welche auf Unterstützung angewiesen sind. Die skizzierte Abhängigkeit gilt sicherlich nicht für alle Care-Tätigkeiten im selben Maße, muss aber in unseren Überlegungen zu (Arbeits-)Kämpfen im Care-Bereich und ihren Auswirkungen im unbezahlten Sorgebereich bedacht werden.

Während zunächst breite Unterstützung und Verständnis die Berichterstattung zum „Kita-Streik“ prägten, verschoben sich die medialen Darstellungen nach und nach hin zu unerträglichen Belastungen der Eltern und verantwortungslosen Erzieher*innen. Die Verantwortlichkeit von Arbeitgeberseite und Politik für die Fortdauer des Streiks fiel hingegen zunehmend unter den Tisch. Gleichzeitig war es den Kita-Beschäftigten nicht möglich, finanziellen Druck auf die Träger auszuüben, da diese im Streik sogar Ausgaben einsparten. Und dennoch stellt „Streik“ eines der (symbolisch) schlagkräftigsten Mittel im Arbeitskampf dar.

Für eine solidarische Politik ist es daher keine Option, derartigen Arbeitskämpfen die Unterstützung zu entziehen. Doch wie können solidarische Praxen aussehen, wenn sowohl die bezahlte, als auch die unbezahlte Arbeit im Blick behalten werden soll? Wie gehen wir damit um, wenn beispielsweise der wichtige und berechtigte Arbeitskampf der Erzieher*innen eventuell gerade die ohnehin oftmals prekären Berufspositionen und Lebensarrangement junger Frauen* unter Druck setzt? Um darüber weiter nachzudenken, möchte ich zwei kleine Beispiele aus Hamburg vorstellen.

…  und solidarische Praxen

Im Juni wurde auf dem Treffen des Hamburger Teils vom bundesweiten Care Revolution Netzwerk über die Tarifauseinandersetzungen in den Sozial- und Erziehungsdiensten sowie mögliche Unterstützungsformen diskutiert. In der Frage von Unterstützungsmöglichkeiten stand der Netzwerkknoten vor der Schwierigkeit, dass die eigenen freien Kapazitäten als gering eingeschätzt wurden. Dies zeigt auch, dass Organisierung und wechselseitige solidarische Praxen im Care-Bereich vor der Herausforderung stehen, mit prekären und erschöpfenden Arbeits- und Lebensbedingungen umzugehen. Als Netzwerk selber Kinderbetreuungen im Streik bereitzustellen, erschien kaum möglich. Dies machte auch die Problematik von hohen Belastungen und Vereinzelung erneut bewusst, die im Hamburger Netzwerk bereits früher diskutiert wurde. Trotzdem sollte der Streik unterstützt werden. Pragmatisch wurde sich dazu entschieden, eine Soli-Erklärung zu veröffentlichen. Es erschien wichtig, den sogenannten „Kita-Streik“ in einen größeren Zusammenhang zu stellen und die gesellschaftliche Ebene und politische Gestaltbarkeit von Care-Arbeit zu thematisieren. Damit sollte die Blickverengung der Presseberichterstattung auf einen Konflikt zwischen Erzieher*innen und Eltern aufgebrochen und vielmehr die gemeinsame Perspektive auf eine an Bedürfnissen ausgerichteten Ökonomie gelenkt werden. Diese Intervention stellte sich zwar gegen die Form der medialen Berichterstattung, blieb jedoch auf einer rein diskursiven Ebene.

Für eine breitere Diskussion solidarischer Praxen ist daher auch die kleine Hamburger Initiative „Eltern in Solidarität“ interessant. Im Juni haben sich hier einige Eltern – nur teilweise selbst vom Streik betroffen – zusammengefunden, um ebenfalls den Streik zu unterstützen. Die „Eltern in Solidarität“ wollten allerdings nicht nur diskursiv intervenieren, sondern auch praktische Solidarität organisieren. So haben sie sich auch gegründet, um als solidarische Praxis im Streik die Betreuung von Kindern selbst zu organisieren bzw. auch anderen zu erleichtern. Sie griffen damit die weitverbreitete Praxis der gegenseitigen Eltern-Unterstützung auf und stellten diese in einen solidarischen Zusammenhang. Da kurz nach dem ersten Treffen das Schlichtungsverfahren einberufen wurde, beschränkte sich die nachfolgende Arbeit vorerst auf Soli-Erklärungen und die Bereitstellung praktischen Wissens für eine mögliche kommende Streikphase. So stehen auf der Internetseite beispielsweise ein Formular zur Kostenrückerstattung der Kita-Gebühren und Tipps zur Organisation selbstverwalteter Kinderbetreuung zum Download bereit. Zu den Treffen und solidarischen Praxen werden alle aufgerufen – nicht nur Eltern. In beiden Fällen ging es demnach auch um die Ausweitung der Unterstützer*innen des Streiks über die unmittelbar Betroffenen hinaus. Aktuell ist die Initiative sehr klein und überschaubar. Trotzdem zeigt sich an ihr, dass sich in Konfliktsituationen auch Praxen entwickeln können, welche Denkhorizonte erweitern oder alltagspraktische Unterstützung verbessern können.

Wie auch in den Diskussionen des Care Revolution Netzwerks fand auch in der Veröffentlichung der „Eltern in Solidarität“ die Belastungssituation betroffener Eltern ihren Raum. Darin sehe ich einen ersten Ausgangspunkt für gemeinsame Politiken: So erscheint es mir als Stärke, wenn eigene Belastungen an den gegenwärtigen Verhältnissen – aber auch im Streik – formuliert werden können, ohne deshalb unsolidarisch zu agieren. Vielmehr bedarf es kritischer Analysen und einer Kultur des Zuhörens, welche ermöglicht über eigene Erfahrungen und Verletzungen in den aktuellen Verhältnissen zu sprechen; nicht um diese gegeneinander auszuspielen, sondern um gemeinsam solidarische Politiken und Praxen zu entwickeln.

Literatur:

Duden, Barbara (2009): Arbeit aus Liebe – Liebe als Arbeit. Ein Rückblick, in: Olympe. Feministische Arbeitshefte zur Politik, Heft Nr. 30, S. 16-26


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