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Interventionen

Die Tomate weiter werfen… Feministische Gesellschaftskritik jenseits von Alphamädchen und F-Klasse

08.03.2010, Feministischer Arbeitskreis ‚Schöner leben‘

Feminismus soll gerade für junge Frauen wieder attraktiv gemacht werden. Cool und lässig soll Feminismus sein und das Leben für Frauen schöner machen, so das Credo vieler Bücher. Ist damit Feminismus schon so salonfähig, dass man/Frau darüber gar nicht mehr in gesellschaftskritischer Form sprechen müsste? Dass sich dieser „neue Feminismus“ nicht auf alle Frauen bezieht und sich oftmals nicht als feministische Kritik an der gesamten Gesellschaft versteht, ist scharf zu kritisieren. Deshalb plädiert der „Feministische Arbeitskreis ‚Schöner Leben‘“ aus Münster für eine lokale feministisch gesellschaftskritische Bewusstseinsbildung. Leerstellen wie Rassismus, soziale Spaltungen und ökonomische Ausbeutung, die insbesondere Frauen treffen, zeigen, dass es notwendig ist feministische Widerstandspraxen innerhalb breiter sozialer Bewegungen zu etablieren!

Debatten um Familienpolitik, Kinderbetreuung, Elterngeld und Väterzeit ebenso wie der seit einiger Zeit in den Medien kursierende sogenannte „neue Feminismus“ scheinen auf den ersten Blick Diskussionen um Geschlechtergerechtigkeit wieder auf die politische Tagesordnung gebracht zu haben. So scheint der Feminismus in staatlichen Institutionen und in der bürgerlichen Mitte angekommen zu sein. Haben sich emanzipatorische Forderungen damit also erledigt?

Hervorgeholt aus der vermeintlichen Mottenkiste und befreit vom Mief der 70er Jahre soll Feminismus gerade für junge Frauen wieder attraktiv gemacht werden. Feminismus kann cool und lässig sein und soll das Leben schöner machen, so Meredith Haaf, Susanne Klinger und Barbara Streidl in ihrem Buch „Wir Alpha-Mädchen“. Thea Dorn propagiert in Abgrenzung vom Feminismus der 70er Jahre die neue F-Klasse, erfolgreiche Individualistinnen, die es geschafft haben, „ihre Projekte trotz Anfechtungen durchzusetzen und dennoch keine schmallippigen Karrieremaschinen geworden sind.“ Ebenso verabschieden sich die „neuen deutschen Mädchen“ Jana Hensel und Elisabeth Raether von einem Populär-Feminismus à la Alice Schwarzer und konzentrieren sich stattdessen in autobiografischer Weise auf das, was ihrer Auffassung nach der Feminismus außen vor gelassen hat: die Probleme, Wünsche und Sehnsüchte des privaten Lebens von Frauen.

So ist auf den ersten Blick zu meinen, dass im Namen des sogenannten „neuen Feminismus“ in Form von Literatur wie Wir Alpha-Mädchen oder die Neue F-Klasse, aber auch der Familienpolitik der großen Koalition doch eigentlich Feminismus schon zum Mainstream und so salonfähig geworden ist, dass man/Frau darüber doch gar nicht mehr in gesellschaftskritischer Form sprechen müsste.

Zu fragen ist aber, ob sich dieser sogenannte „neue Feminismus“ auf alle Frauen bezieht und inwiefern sich dieser tatsächlich als feministische Kritik an der gesamten Gesellschaft versteht?

Feministische Leerstellen

Bei genauerem Hinsehen fällt nämlich auf, dass diese Art Post-Feminismus nichts gemeinsam hat mit einem gesellschaftskritischen Feminismus der sogenannten zweiten Frauenbewegung, die im Kontext der StudentInnenbewegung 1968 entstand. Ein Tomatenwurf während der Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes war 1968 einer der Startschüsse für diese zweite deutsche Frauenbewegung. Damals kritisierten die Studentinnen, der SDS ignoriere die Diskriminierung von Frauen. Als Teil sozialer Bewegungen und Kämpfe formulierte sie eine fundamentale Kritik an bestehenden kapitalistischen Verhältnissen. Die Perspektive der Generation der Alpha-Feministinnen ist jedoch eine andere. Ihnen geht es vor allem um sich selbst: Um mittelständische, intellektuelle Frauen auf der Karriereleiter steil nach oben. Ihr „feministischer“ Anspruch ist begrenzt auf individuelle Selbstverwirklichung und beruflichen Erfolg.

Die Lebenssituation von Migrantinnen, Hartz IV-Empfängerinnen, Alleinerziehenden, um nur einige zu nennen, kommen hingegen nicht vor, geschweige denn, dass ein Blick über den eigenen bundesrepublikanischen Tellerrand hinaus gemacht wird. So scheint es der neuen feministischen Avantgarde noch nicht aufgefallen zu sein, dass globale (patriarchale) Unrechtsstrukturen besonders auch Frauen betreffen und unter den Frauen selbst große Ungleichheitsverhältnisse existieren.

Mag der Anspruch dieses sogenannten „neuen Feminismus“ das Lebensgefühl einer bestimmten Gruppe von Frauen aufgreifen, angesichts der aktuellen sozialen und politischen Entwicklungen greift er jedenfalls viel zu kurz. Leerstellen wie Rassismus, soziale Spaltungen, ökonomische Ausbeutung, Elitenförderung und Klassenverhältnisse zeigen, dass es sich im Gegenteil lohnt die „Tomate weiterzuwerfen…“

Lokale feministische Bewusstseinsbildung

Um eine feministische gesellschaftskritische Diskussion gerade unter Einbeziehung dieser Leerstellen anzustoßen, konstituierte sich unter dem Namen „Feministischer Arbeitskreis ‚Schöner leben‘“ Ende 2007 eine Gruppe von sechs Frauen im Umfeld des Institut für Theologie und Politik und der attac-Regionalgruppe in Münster. Im Gegensatz zum entsolidarisierten Bücherfeminismus bestand das Hauptanliegen der Gruppe darin, sich an lokaler feministischer Bewusstseinsbildung zu beteiligen.

Zum einen sollte die Frage danach gestellt werden, wie sich Formen feministischer Politik verändert haben? Wo gibt es heute Protest und Widerstand gegen Frauendiskriminierung und Geschlechterhierarchie, ohne die kapitalistische Gesellschaft nicht funktionieren würde? Wie kann es gelingen, gleichzeitig die Geschlechterrollen und ganz grundsätzlich die Einteilung in zwei Geschlechter selbst als hierarchisch und überholt zu entlarven und zu bekämpfen? Wie können wir Ansätze grundsätzlicher feministischer Kritik sichtbarer machen, miteinander ins Gespräch bringen und öffentliche Debatten anstoßen?

Darüber hinaus ging es darum, die derzeit zum größten Teil fragmentierten lokalen feministischen Gruppen und Institutionen (z.B. die autonomen Frauenhäuser oder Frauenrechtsgruppen oder autonome Gruppen, die z.B. Ladyfeste organisieren, feministische Politik und Diskussionen an den Hochschulen oder in linken Gruppen organisieren) nicht nur sichtbarer werden zu lassen, sondern Möglichkeiten stärkerer Vernetzung zu erschließen.

Einige Monate traf sich die Gruppe, um sich über aktuelle Debatten und Publikationen im Bereich ‚Feminismus‘ zu informieren. So diskutierten wir die oben genannten Bücher und die Debatten um den daran anschließenden ‚neuen Feminismus‘ in den Medien. Auf der anderen Seite diskutierten wir aber auch Publikationen z.B. des Feministischen Institut Hamburg (G. Winker, Melanie Groß: „Queer-/feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse“, Münster 2007) oder von Frigga Haug (Die Vier-in-Einem-Perspektive, Hamburg 2008). Daraus entstand die Idee, eine Veranstaltungsreihe zum Thema „neuer Feminismus“ und möglicher Kritik daran zu initiieren. Klingt diese Vorstellung auch akademisch, ging es uns um sehr reale Alltagssituationen, die politisch eingeschätzt werden und in politische feministische Praxis umgesetzt sein wollen. Um die Fragestellungen in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen, haben wir im Frühjahr 2009 eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Die Tomate weiterwerfen….Feministische Gesellschaftskritik jenseits von Alpha-Mädchen und F-Klasse“ dazu durchgeführt.

„Die Tomate weiter werfen“ – Die Veranstaltungsreihe

Mit dem Film „Bread and Roses“ von Ken Loach wurde die dreiteilige Veranstaltungsreihe eröffnet. Der im Jahr 2000 entstandene Film zeigt das Schicksal der illegalisierten mexikanischen Migrantin Maya, die in Los Angeles in einer Putzkolonne arbeitet und sich nach und nach politisiert und gewerkschaftlich organisiert, gleichzeitig aber dadurch auch in massiven Konflikt mit ihrer Schwester gerät. Der Film basiert auf den Erfahrungen der Gewerkschafts-Kampagne „Justice for Janitors“ in den USA und zeigt deutlich die Verquickung von sexistischer, rassistischer und sozialer Diskriminierung auf. Dies war uns ein besonderes Anliegen angesichts des neuen „Eliten-Feminismus“. Außerdem machte er die internationale Dimension des Themas deutlich.

Auf die Entstehung und Entwicklung der Frauenbewegung in Deutschland seit 1968 konzentrierte sich die Politologin Stefanie Ehmsen (Berlin) mit ihrem Vortrag unter dem Titel „Ausverkauf des Feminismus? Von der Revolutionärin 1968 zur Gleichstellungsbeauftragten“. Im Anschluss daran entstand eine rege Diskussion unter den Teilnehmenden und mit der Referentin über Chancen und Grenzen von aktueller Gleichstellungspolitik, über Geschlechterverhältnisse und – rechtmäßig oder unrechtmäßig – verloren gegangene Ansprüche von Gesellschaftskritik aus feministischer Perspektive. Ganz grundsätzlich wurde über die Definition von „Feminismus“ oder „Frauenbewegung“ und ihre Aktualität diskutiert. Dabei wurden sehr kontroverse Positionen deutlich, die aber gut nebeneinander stehen gelassen werden konnten. Trotzdem konnte insgesamt unter den Beteiligten Konsens darüber festgestellt werden, dass es notwendig ist, Diskriminierung und immer noch verfestigte Rollenbilder sowohl öffentlich als auch innerhalb von Beziehungen zu thematisieren.

Vor welche Herausforderungen feministische Gesellschaftskritik in Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise gestellt ist, analysierte die Soziologin Gabriele Winker (Hamburg). Ihr Vortrag nahm die Wirtschaftskrise als Ausgangspunkt, um den Ansatz der Intersektionalität, der von Gabriele Winker und ihren Kolleginnen zurzeit entwickelt wird, vorzustellen. Dieser berücksichtigt vier Kategorien – Geschlecht, Körper, ‚Rasse‘ und Klasse, um Unterdrückung und Herrschaft auf drei Ebenen, nämlich Struktur, Repräsentation und Identität, zu beschreiben. An der TU Hamburg, an der die Referentin lehrt, wird dieses Modell anhand einer Studie zu Erwerbslosigkeit von einem Forscherinnenteam zur Zeit getestet.

Die anschließende Diskussion drehte sich viel um die Verbindung des theoretischen Anspruchs des Modells ‚Intersektionalität‘ mit konkreten politischen Notwendigkeiten, z.B. der Organisierung von feministischen Anliegen in Gruppen, Bündnisbildung und politischer Wirksamkeit. Angesichts der dominanten Interpretationen der Wirtschaftskrise und entsprechend konservativen Handlungsstrategien scheint zurzeit wenig Spielraum für emanzipatorische Gesellschaftsveränderung zu existieren. Die Frage, wie konkret ein Aufbrechen dieser Dominanzen zurzeit möglich ist, musste offen bleiben. Die Betrachtungsweise des intersektionalen Ansatzes, unterschiedliche Herrschaftsformen zusammen zu denken und doch als eigenständige zu verstehen, wurde jedoch von der Mehrheit als sehr nützlich für Perspektiven von Veränderung und neuen Strategien angesehen.

Perspektiven und Potenziale feministischer Widerstandspraxen vor Ort

Von mehreren Seiten bekamen wir Anerkennung dafür, das Thema aufgegriffen und in Münster öffentlich diskutierbar gemacht zu haben, da es kaum kritische Veranstaltungen dazu gibt. Durch die Suche nach Mitveranstaltenden ergaben oder vertieften sich Kontakte und es besteht das Interesse, weitere Veranstaltungen gemeinsam zu organisieren. Leider sind wir in Münster weit davon entfernt, (wieder!?) ein handlungsfähiges feministisch-politisches Bündnis auf die Beine zu stellen – die letzte spektrenübergreifende Vorbereitung des Internationalen Frauentags mit aussagekräftigen Protest-Aktionen fand 2005 statt. Von daher muss es im Moment bei solchen kleinen Projekten und Anstößen bleiben. Dennoch können die verschiedenen feministischen Widerstandspraxen innerhalb breiter sozialer Bewegungen dazu beitragen, dass eine andere Welt denkbar wird, in der ein menschenwürdiges Leben für alle selbstverständlich ist. So wollen wir weiterhin Ansätze feministischer Gesellschaftskritik sichtbar machen, Impulse und Ideen anzustoßen und nach Handlungsmöglichkeiten feministischen Widerstands für eine gerechtere und solidarischere Welt zu suchen.


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