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Gewalt

Zum Konzept der “Täuschung” – Einladung zu queer-feministischen Veranstaltungen in Bremen: „Queer-feministische Debatten, Reflexionen und Interventionen“

19.05.2011, Ines Pohlkamp

Queer-feministische Perspektiven setzen an alltagsweltlichen Erzählungen an und positionieren sich herrschafts- und identitätskritisch. Sie stellen Normalitäten in Frage, fokussieren Brüche und gehen davon aus, dass die Suche nach der einen “Wahrheit” vergeblich ist. Die “Täuschung” ist ein Gegenstück der “Wahrheit”. Das Konzept der “Täuschung” zu dekonstruieren ist wesentlicher Bestandteil queer-feministischer Betrachtungen. Um dies nachvollziehbarer zu machen, möchte ich zu einem gedanklichen Vergleich zweier recht unterschiedlicher alltagsweltlicher Beispiele mit den Elementen “Täuschung”, “Betrug” und “Wahrheit” einladen.

(1) Karl-Theodor zu Guttenberg habe “vorsätzlich getäuscht”, heißt es in der Stellungnahme der Universität Bayreuth (vgl. Heribert Prantl 2011). Guttenberg ist damit in drei zentralen Männlichkeiten-produzierenden Normierungsinstanzen gescheitert: in der Wissenschaft, in der Politik und als Verteidigungsminister im Feld des Militärischen. Seine “Täuschung” der Wissenschaft versuchte er zu entschuldigen, indem er erklärte, diese sei auch eine Folge von Mehrfachbelastungen als junger Familienvater (vgl. Birgit Baumann 2011).

(2) Eine Pflegekraft berichtete mir von folgendem Übergriff im Krankenhaus, der keinen Einzelfall darstelle. Wenn Trans*Patient_innen zu betreuen seien, käme es mitunter zu “Aufruhr im Personal”. Nicht zuständige Ärzt_innen und Pflegepersonal würden in die Anästhesie kommen, um sich sogar während der Narkose ein Bild davon machen zu können, “wie die aussehen”. Sie berichtete davon, die Kolleg_innen in solchen Fällen förmlich rauswerfen zu müssen, um deren “Neugierde zu stoppen“.

Gemeinsamkeiten & Unterschiede

Die Gemeinsamkeiten beider Ereignisse sind schnell skizziert: In beiden Fällen sind Normierungsinstanzen wie Medizin bzw. Wissenschaft beteiligt. In beiden Fällen geht es um normative Wahrheitsproduktionen: Auf der einen Seite handelt es sich um “Täuschung” und Entlarvung in Wissenschaft und Politik und auf der anderen Seite um medizinische Ethik und Eindeutigkeit in Geschlechterfragen. Gemeinsam ist beiden Fällen zudem die Entdeckung einer (vermeintlich) verwerflichen Devianz. Ansonsten überwiegen die Unterschiede:

Der Pressewirbel um Karl-Theodor zu Guttenberg ist/war enorm. Sein Ruf ist ruiniert, seine weitere politische Karriere ist – zumindest vorerst – gescheitert. Auch wenn er selbst keine Gewalt erfahren hat, ist die Härte der Häme gegen ihn möglicherweise schmerzhaft. Zudem hat der Vorfall eine breite mediale Diskussion um “Wahrheit” und Ehrlichkeit in der Wissenschaft ausgelöst.

Demgegenüber steht ein Ereignis im Krankenhaus, das keinen medialen Wirbel auslöst. Transphobe Gewalt ist kein öffentliches Thema. Die betroffene Person und das beteiligte Personal besitzen keinerlei Prominenz. Der voyeuristische Übergriff im Krankenhaus geht im Alltagsgeschehen unter. Transphobie als vermutete Aufdeckung einer “geschlechtlichen Täuschung” bleibt unbeachtet und die normative Kraft der Zweigeschlechtlichkeit unhinterfragt.

Die Normierungsinstanzen konstruieren das Andere, indem sie es als “Täuschung” oder Betrug in den Blick nehmen. Das Personal im Krankenhaus sieht sein gewaltsames Handeln durch ein Alltagsverständnis von Geschlecht legitimiert, dass besagt, dass in erster Linie Frauen und Männer existieren. Alle Anderen sind in heteronormativen Augen “exotisch” geschlechtliche Ausnahmen. In einem binären Denk- und Geschlechtersystem ist Zweigeschlechtlichkeit das Gegenstück zur Konstruktion anderer Geschlechter. Es existieren demnach “wahre” Geschlechter und “weniger wahre” Geschlechter, wie Personen, die sich transsexuell, transgender, intersexuell oder anders nennen (müssen).

Die Wissenschaftler der Universität Bayreuth mussten Karl-Theodor zu Guttenberg bescheinigen, dass er nicht aufrichtig, ehrlich und wahrheitsgemäß gehandelt hat, dass er getäuscht, betrogen oder gelogen hat. Legitimierend wirkt eine wissenschaftliche Ethik, die das “Abschreiben” nicht erlaubt. Guttenberg wird durch sein Handeln zum Plagiator, zum “scientific outlaw”. Die_der Patient_in wird ebenfalls – aber von außen – falsch zitiert und zum geschlechtliche Anderen konstruiert.

Der Plagiator wurde enttarnt. Das Outing kam nachgelagert. Die Öffentlichkeit wurde darauf aufmerksam gemacht, dass er abgeschrieben hat. Der Doktortitel wurde aberkannt. Das Coming-Out der_des Patient_in als Trans* Person war vermutlich der Versuch, dem Vorwurf einer “geschlechtlichen Täuschung” entgegenzuwirken und mögliche gewaltsame Konsequenzen auszuhebeln. Denkbar wäre aber auch, dass ihre_seine geschlechtliche Orientierung aufgrund der Behandlung oder der Krankenakte im medizinischen Personal “durchsickerte”. In jedem Fall war die vermeintliche “Täuschung” bekannt und führte dazu, dass die Person ohne ihr Wissen gedemütigt und der Gewalt ausgesetzt wurde. Diese Abgrenzungsleistung des Personals reproduziert im gleichen Atemzug die heteronormative Zweigeschlechtlichkeit durch die Konstruktion eines Anderen.

„Täuschung“-“Wahrheit“-Eindeutigkeit

Wo eine “Täuschung” ist, da ist das Feld des Aufruhrs nicht weit. Eine “Täuschung” zu entlarven ist machtvoll: Sie diskreditiert die betroffenen Personen: Im harmloseren Fall ist der Ruf geschädigt, eine Karriere vorbei, im schlimmsten Fall erfolgt ein (gewaltsamer) Übergriff. Das Pendant der “Täuschung” ist die “Wahrheit” als Eindeutigkeit. Mehr noch, schon die “Wahrheit” ist die erste “Täuschung”. Die des ehrlichen und akademisch korrekten Politikers. Oder die eines_r Patient_in mit eindeutigem Geschlecht.

Doch zurück zu Guttenberg und der_dem Patient_in: Das eigene Wissen um eine vermeintliche “Täuschung”, derer man bezichtigt werden könnte, bedeutet, dass Angst vorhanden ist. Eine Angst davor, dass eine Entlarvung zum Ausschluss oder zur Gewalt führen könnte. Guttenberg musste das spüren, die_der Patient_in ebenfalls. Mit anderen Worten: Im Alltag existiert eine gewaltsame Überlegenheit der Eindeutigkeit. Das große Verbot der “Täuschung” impliziert ein beständiges Auffordern zur “Täuschung”, denn in der “Wahrheit”“ liegt bereits eine erste “Täuschung”. Scheitert eine Person an ihren “Täuschungen“, ist dies kein individuelles Versagen, sondern eine – auch in Guttenbergs Fall – gesellschaftliche Position, die sie_er markiert. Guttenbergs sexistische Legitimierungsstrategie der Überforderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist dabei nur eine Komponente, die zeigt, wie sehr es sich hierbei neben (s)einer wissenschaftlichen “Täuschung” auch um eine möglicherweise eigene geschlechtliche “Täuschung” in Bezug auf die eigene Männlichkeit handeln könnte. Die Enttäuschung einer Männlichkeit, die alles richtig machen wollte, um in seiner Eindeutigkeit nach Erfolg in Beruf und Familie zu streben. Es bleibt dabei: Es existiert eine Wirkmächtigkeit der (geschlechtlichen) Eindeutigkeit oder anders formuliert: der Sehnsucht nach Authentizität und Ehrlichkeit, die sich in beiden Beispielen abzeichnet.

Einladung

In Bremen finden in diesem Frühjahr initiiert von der Rosa Luxemburg Initiative Bremen verschiedene queer-feministische Veranstaltungen statt. Akteur_innen wollen zu Diskussionen anregen und aktuelle Transformationen und Verschiebungen der Geschlechtertheorien und Interventionen im Neoliberalismus beleuchten. Diskurse um “Täuschung”, “Wahrheit” und Eindeutigkeit, Biologie, Medizin und Intersektionalität spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Möglichkeiten und Grenzen queer-feministischer Interventionen in der feministischen Mädchenarbeit.

In der nächsten Veranstaltung „Warum es biologisch Frau und Mann nicht gibt“ am 20. Mai 2011 um 20 Uhr im Infoladen in Bremen (St.Pauli Straße 10-12, 28203 Bremen) reflektiert Heinz-Jürgen Voss das System der Zweigeschlechtlichkeit aus konstruktivistischer Perspektive. Am 28. Mai 2011 um 20 Uhr werden im Infoladen Bremen die Debatten um Queer-Theory und Queer Politics in Deutschland von Franziska Rauchut zur Diskussion gestellt. Am 13. Juni 2011 um 19.30 Uhr stelle ich das Buch „Feministische Mädchenarbeit weiterdenken. Zur Aktualität eines bildungspolitischen Ansatzes“ in der Villa Ichon (Goetheplatz 4, 28203 Bremen) vor.

Wir Veranstalter_innen freuen uns über Interessierte, die Lust haben, sich der Kritik der Geschlechterverhältnisse zu stellen. Sie sind aufs Herzlichste eingeladen.

Quellen:

Baumann, Birgit (2011) (Der Standard online ): Guttenberg erklärt sich. „War hochmütig und überlastet“.
http://derstandard.at/1297818756254/Guttenberg-erklaert-sich-War-hochmuetig-und-ueberlastet [letzter Abruf 16. Mai 2011].

Prantl, Heribert (2011) Die Süddeutsche online: „Das Elend des talentierten Herrn Guttenberg“.
http://www.sueddeutsche.de/politik/plagiatsaffaere-bundeswehrreform-kundus-affaere-das-elend-des-talentierten-herrn-guttenberg-1.1094287 [letzter Abruf 16. Mai 2011].


2 Kommentare »

  1. Huhu,

    bei den Quellen hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen. Der Autor aus der Sueddeutschen heißt Prantl.

    Comment by gendalus — 22.05.2011 um 16:57

  2. [...] Bremen kommt Ines Pohlkamp, Referentin für queer-feministische Mädchenarbeit, intersektionale Bildung, Forschung zu [...]

    Pingback by AG Queer Studies | Vortragseinladung 2012-04-25: trans*inter*phobie — 21.04.2012 um 22:03

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