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Statement zur aktuellen Diskussion um Sexarbeit vom AK Reproduktion und dem Feministische Institut Hamburg

20.01.2015, AK Reproduktion und Feministisches Institut Hamburg

Aktuell wird im Bundestag über die Novellierung des 2002 verabschiedeten Prostitutionsgesetzes beraten. In der öffentlichen Diskussion darum wird häufig ein generelles Verbot von Sexarbeit gefordert – von Seiten der Regierungsparteien, aber auch von links-feministischen Kreisen. Letztere erhoffen sich davon unter anderem eine Schwächung patriarchaler Verhältnisse. Statt gesellschaftliche Strukturen in den Blick zu nehmen und herrschende Geschlechterverhältnisse anzugreifen, würde ein Prostitutionsverbot jedoch in erster Linie die Situation vieler Frauen in der Sexarbeit verschlechtern. Zudem würden feministische Erfolge – z.B. ein selbstbewusstes Ringen um anständige Arbeitsverhältnisse und Gesundheitsschutz – untergraben. Es handelt sich bei der Forderung um ein generelles Verbot von Sexarbeit also um Symbolpolitik, die außerdem wertkonservative Vorstellungen von Sexualität befördert. Diese Debatte und die mit ins Feld getragenen Argumente gehen uns alle an. Der Arbeitskreis Reproduktion und das Feministische Institut Hamburg halten es vor diesem Hintergrund für dringend notwendig, der Diskussion andere Argumente entgegenzusetzen.

Sexarbeit galt jahrhundertelang als sittenwidrig. Sexarbeiter_innen wurden und werden ins gesellschaftliche Abseits gedrängt, verfolgt, vergewaltigt und für ihren Job umgebracht. Auch in der BRD hatten sie kaum Rechte. Das hat sich erst 2002 durch das von der rot-grünen Bundesregierung verabschiedete Prostitutionsgesetz (ProstG) etwas verbessert. Seitdem sind die Vereinbarungen zwischen Prostituierten und ihren Kund_innenen nicht länger sittenwidrig und folglich zivilrechtlich wirksam. Das bedeutet unter anderem, dass Sexarbeiter_innen nun nicht gezahlten Lohn einklagen können. Auch andere Benachteiligungen wie der Ausschluss aus der Sozialversicherung wurden aufgehoben. Das war ein kleiner-großer Fortschritt in Deutschland, vergleicht man die Situation von Sexarbeiter_innen in anderen europäischen Ländern.
Doch die Debatte um Sexarbeit hat neue Fahrt aufgenommen. Seit 2012 gibt dafür die Arbeitsaufnahme der EU- Koordinatorin gegen den Menschenhandel Anlass sowie der 2005 veröffentlichte EU-Aktionsplan zur Bekämpfung und Verhütung des Menschenhandels, der in allen europäischen Staaten umgesetzt werden muss. Das Verschleppen und Einsperren von Menschen ist zweifelsohne schwere Gewalt, diese zu bekämpfen ist ein wichtiges Anliegen. Leider sind viele der vorgeschlagenen Maßnahmen gegen Menschenhandel jedoch unglaubwürdig, da sie sich nicht auf alle Branchen (Landwirtschaft, Fleischindustrie, Pflege usw.) beziehen und erst recht nicht auf Aufklärung und Beratung im Sinne der Betroffenen setzen. Unter dem Deckmantel der Bekämpfung von Menschenhandel versuchen stattdessen konservative Kräfte nicht nur die Rechte von Sexarbeiter_innen wieder einzuschränken, sondern auch feministische Errungenschaften zunichte zu machen. Im Namen eines vermeintlichen Schutzes der betroffenen Frauen werden diskriminierende polizeiliche Kontrollmaßnahmen legitimiert und einer Stigmatisierung von Prostitution weiter Vorschub geleistet. All das ist Teil eines reaktionären Backlashs, der jahrzehntelang erkämpfte Rechte zurückdrängen soll.

Nur gesicherte Rechte schützen Sexarbeiter_innen vor Ausbeutung
Menschen und besonders Frauen, die in der Sexarbeit tätig sind, wird nicht durch Repression geholfen, sondern durch einen Ausbau ihrer Rechte. Jenseits der Möglichkeit, ihren Lohn gerichtlich einzuklagen und Verträge abzuschließen, gehört dazu auch, dass sie nun in die Kranken-, Renten-, Arbeitslosenversicherung einzahlen können und damit sozial abgesichert sind. Darüber hinaus wäre es für Sexarbeiter_innen wichtig, berufliche Beratungen, Fort- und Weiterbildungen in Anspruch nehmen zu können, wie beispielsweise Einstiegsberatungen, Sprachkurse, berufsbegleitende Supervisionsangebote und Weiterbildungen, um sich im Arbeitsfeld der Sexarbeit zu professionalisieren. Zentral für Migrant_innen wäre außerdem ein sicherer Aufenthaltsstatus in Deutschland. Sexarbeiter_innen, die Rechte haben und diese kennen, können sich besser vor Druck und Gewalt in ihrer beruflichen Tätigkeit schützen.
Die Kriminalisierung und Stigmatisierung von Sexarbeit, die nicht zuletzt durch Feminist_innen wie Alice Schwarzer vorangetrieben werden, schaden den Sexarbeiter_innen. Denn der Diskurs unterschlägt, dass viele Frauen Sexarbeit als Tätigkeitsfeld für sich frei gewählt haben. Für sie wird es schwieriger, offen als Sexarbeiter_innen aufzutreten und selbstbewusst für die eigenen (Arbeits)Rechte einzustehen. Ihnen wird zudem die eigene Entscheidungsfreiheit abgesprochen. Sicherlich gilt die Freiwilligkeit nicht für jede einzelne Sexarbeiter_in, auch das wäre eine verkürzte Erzählung; doch selbst für diejenigen, die durch strukturelle Zwänge und/oder direkte Gewalt dazu gebracht wurden, Sexarbeit zu verrichten, würde die Situation durch den Abbau eines gesetzlichen Rahmens sicher nicht besser. Sie werden weiter ins gesellschaftliche Abseits gedrängt und sind in dieser Lage verschärft Gewalt, Missbrauch und Ausbeutung ausgeliefert. Ginge es den Prostitutions-Verbot-Befürworter_innen tatsächlich um Selbstbestimmung, faire Arbeitsbedingungen und globale Gerechtigkeit, sollten außerdem auch andere Bereiche in die sogenannte Debatte um Prostitution einbezogen werden: Eine Menge Jobs sind unangenehm, risikoreich oder ausbeuterisch und werden von marginalisierten Menschen – häufig Migrant_innen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus – verrichtet. Beispiele sind in der Landwirtschaft, in der Fleischindustrie, im Pflege- oder Hausarbeitsbereich zu finden. Es geht darum, Menschen in diesen Situationen strukturell zu unterstützen und mit Rechten auszustatten, anstatt einen Berufszweig symbolisch platt zu machen.

Die heile Welt bürgerlicher Moral lebt von der Konstruktion der „Hure“
Das „Hurenstigma“ dient dazu, Frauen in „Heilige“ und „Huren“ zu teilen und das Bild einer vermeintlich heilen Welt der Kleinfamilien mit „guten Müttern und Vätern“ unangetastet zu lassen. Druck, Macht, Zwang und sexualisierte Gewalt werden ideologisch in das Milieu der Prostitution verschoben. Dieses Bild entspricht nicht der Realität, denn die meisten Fälle von sexualisierter Gewalt finden im Privatbereich statt und werden nicht von „Fremden“ verübt, sondern nach wie vor von Bekannten, Ehemännern und Vätern. Dies ist nicht zuletzt durch die Zweite Frauenbewegung umfassend belegt.
Mit vielen prostitutionsfeindlichen Feminist_innen teilen wir das Anliegen, patriarchale Gewalt zu bekämpfen. Wir glauben jedoch nicht, dass ein Kampf gegen die männliche Hegemonie durch eine Abschaffung von Sexarbeit möglich ist. Der Kampf gegen patriarchalen Zwang und sexualisierte Gewalt muss in allen gesellschaftlichen Bereichen stattfinden: in Familie, Arbeitsverhältnissen, Erziehung etc. Das „Hurenstigma“ und die Kriminalisierung von Sexarbeit unterstützen diesen Kampf nicht, sondern erschweren ihn. Frauen, die vermeintlich gerettet werden sollen, werden faktisch zu Opfern gemacht, wenn ihnen keine andere Wahl bleibt, als in illegalisierten Verhältnissen zu leben und zu arbeiten. Wir brauchen an dieser Stelle keine Verbote, sondern Strukturvorschläge, die den Einen sozial und rechtlich abgesicherte Sexarbeit und den Anderen eine andere ebenfalls gesicherte Arbeit ermöglichen.
Das Bild der „Hure“ entspringt der patriarchalen Ideologie. Es ist deshalb notwendig, das Stigma der Prostitution anzugreifen und endlich anzuerkennen, dass Sexarbeit Arbeit und Care-Arbeit ist.

Für die Care-Revolution!
Deshalb sollte für eine emanzipatorische Politik sowohl der Ausbau von Rechten, als auch der Abbau der Stigmatisierung an oberster Stelle stehen. Der AK Reproduktion und das Feministische Institut Hamburg sind gemeinsam mit Sexarbeiter_innen im Netzwerk Care Revolution organisiert. In einer Resolution, mit der die Gründung des Netzwerks beschlossen wurde, haben wir neben Bereichen wie Gesundheit, Pflege, Assistenz, Erziehung, Bildung, Wohnen oder Haushaltsarbeit auch Sexarbeit als Feld sozialer Reproduktion benannt. Alle diese Bereiche unsichtbarer und abgewerteter Arbeit gilt es gesellschaftlich anzuerkennen. Solche Bereiche also, die essentiell für ein gutes Leben sind und doch heute verstärkt unter Druck geraten. Dem stellen wir uns entgegen: Für ein gutes Leben für alle! Für eine Care Revolution!

Dieses Statement wurde im Winter 2014 vom Ak Reproduktion und dem Feministischen Institut Hamburg verfasst. Wer dieses Statement unterzeichnen möchte, wende sich an: ak-reproduktion[at]gmx[.]de.


6 Kommentare »

  1. Danke für diesen tollen Artikel! Das beste was ich seit langem zu diesem Thema gelesen habe!

    Comment by Gisela Zohren — 22.01.2015 um 10:20

  2. Ein hervorragender Artikel, der mir sehr aus dem Herzen spricht. Er sollte weit verbreitet werden, damit sich möglichst viele damit auseinandersetzen können.

    Comment by Elke Bock — 26.01.2015 um 10:06

  3. Diese umfassende Betrachtung, die die Probleme sieht und die Interessen der Sexarbeiterinnen berücksichtigt und sich ebenso klar gegen veraltete Sexualvorstellungen wendet hat in der Debatte gefehlt. Danke dafür. Ich teile und unterstütze diese Auffassung, die Lösungsvorschläge und den Artikel als Ganzes.

    Comment by Edith E. Preiss — 28.01.2015 um 12:50

  4. Ich kann mich dem nur anschließen. Auch von mir herzlichen Dank für dieses gelungene Statement!

    Comment by Karen Hedergott — 28.01.2015 um 13:31

  5. Dem Artikel ist nichts mehr hinzuzufügen, er deckt vor allem eines auf:
    Der Konservatismus und das Patriarchat nutzt hier Deckmäntelchen der Kriminalität,
    um Prostitution per se in Sippenhaft zu nehmen.
    Die sexuelle Anziehungskraft der Frauen wird jeden Tag vom Konsum und Marketing
    für die Wirtschaft bentutzt. Es ist Nonsens hier nur einen Versuch zu machen,
    dass es sittenwiedrig sei, wenn eine Frau ihren Körper für sich selbst einsetzt,
    um damit ökonomische Vorteile zu erhalten.
    Angebot und Nachfrage hat immer ökonomische Ziele und Intentionen, und sei es nur,
    wenn eine Schwiegermutter großes Interesse hat, ihre Tochter mit dem angesehen Arzt
    aus der Kleinstadt zu verheiraten. Dieser Diskurs über ein Verbot der Prostitution
    ist das Beste Beispiel für Bigotterie für die Gegenwart.

    Comment by Jasmin — 30.01.2015 um 14:52

  6. Artikel und Reflektion des Artikels hier auf Freeyourgender
    http://www.freeyourgender.de/forum/viewtopic.php?t=519#p838

    Comment by Jasmin — 30.01.2015 um 22:57

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