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Arbeit

Arbeitende Frauen vereinigt Euch!

21.11.2009, Kathrin Schrader

Der französische Soziologe Michel Foucault plädiert in unterschiedlichen Texten und Gesprächen – u.a. in „Von der Freundschaft als Lebensweise“ mit Renè de Cecatty, Jean Danet und Jean Le Bitoux sowie in „Geschichte und Homosexualität“, welches er mit J.P. Joecker, M. Querd, A. Sanzio führte – dafür, schwul zu werden bzw. daraufhin zu arbeiten. Es geht ihm dabei nicht darum, dass man homosexuell sein muss, sondern „ sich in eine Dimension zu versetzen, in der die sexuellen Entscheidungen, die man fällt, immer gegenwärtig sind und unser ganzes Leben beeinflussen.“ Mit diesen sexuellen Entscheidungen sollen nicht normative Lebensweisen geschaffen werden. Schwul zu sein durchdringt das gesamte Leben. Es geht ihm darum, vorgefertigte Lebensweisen abzulehnen und die Sexualität dafür zu verwenden, neue Beziehungsformen zu erfinden. „Schwul zu sein heißt im Werden zu sein.“

Was meint Foucault damit? Nach meinem Verständnis geht es ihm darum, gegen die gesellschaftliche Normierung von Lebensstilen anzutreten. Die Aufforderung „Schwul zu werden“ soll ein Leben jenseits der hegemonialen heteronormativen Zumutungen des Alltags vorstellbar machen. Das Foucaultsche Plädoyer enthält nicht nur einen emanzipativen Gedanken, sondern auch den Ansatz zur Solidarität mit einer Gruppe von Menschen, die außerhalb der Mehrheitsgesellschaft steht.

Die Aufforderung Foucaults, solche Lebensweisen zu bevorzugen, die sich gegen den Duktus der Mehrheit wenden und Minoritäten ein-, statt ausschließen, möchte ich erweitern und so die Arbeit und den Beruf der Prostituierten betrachten.

Das Gewerbe selbst wird von der Mehrheitsgesellschaft nach wie vor moralisch geächtet und die dort Tätigen sind bestenfalls als Abhängige und Opfer oder als unmoralische Nymphomaninnen stigmatisiert, die keine Lust haben, einen anständigen Beruf auszuüben.

Prostituierte oder Sexarbeiterinnen widersetzen sich den gesellschaftlichen Normen von Treue, romantischer Liebe und Monogamie, denn allein durch ihren Beruf passen sie nicht in die Vorgaben normierter Sexualität. Deshalb unterliegen ihr Beruf und auch ihre Sexualität der staatlichen Überwachung und der moralischen Ächtung.

Ausgehend von dem Foucaultschen Denkansatz möchte ich die oft vergessene feministische Idee der Frauensolidarität aufgreifen und explizit die Prostituierten mit einbeziehen. Ich bin mir des essentiellen Diktums dieser Forderung durchaus bewusst und argumentiere hier für einen strategisch emanzipativen Essentialismus und spreche deshalb von den Frauen.

Stellen wir uns vor, es existiere eine gesellschaftliche, ethische Vision, die es ermöglicht, Frau zu sein und sexuelle Dienstleistungen zu verkaufen, ohne mit Restriktionen konfrontiert oder durch normative und moralische Vorgaben gegängelt zu werden, dann könnten neue Beziehungsformen und Lebensweisen entdeckt und der Entsolidarisierung unter Frauen entgegengewirkt werden.

Warum ist Arbeit nicht gleich Arbeit?

Ausgehend von einer moralisch determinierten gesellschaftlichen Rangfolge in der Bewertung von Arbeit möchte ich dem konstruierten Schlusslicht der Prostituierten die ganz oben stehende, verheiratete, maximal halbtags erwerbstätige Mutter gegenüberstellen.

Warum erscheint uns die finanziell abhängige Mutter in ihrer Rolle per se als glücklich und selbstbestimmt und wir stilisieren sie gar zu einem gesellschaftlichem Vorbild, während uns für Sexarbeiterinnen auf Grund ihrer Abhängigkeit positive Leitbilder unvorstellbar erscheinen? Wenn wir Sexarbeit nicht mehr als sittenwidrig betrachten, dann ist die Abhängigkeit von Zuhältern, Freiern oder BordellbesitzerInnen nicht schlimmer als die von einem allein verdienenden Ehemann. Sexarbeiterinnen hätten, wenn die gesetzlichen Regelungen durchgesetzt würden, sogar die Möglichkeit einen ausreichenden Lohn für ihre Dienstleistungen einzuklagen, während die angeblich gesellschaftlich so hoch geschätzte Arbeit einer verheirateten Mutter nur indirekt über den Ehemann bzw. Vater ihrer Kinder entlohnt wird. Folgt sie bei der Partnerwahl den Theorien mancher neoliberaler Ökonomen und hat sich für einen Mann mit üppigem Gehaltszettel oder wenigstens Karrierechancen entschieden, so werden sich ihre finanziellen Abhängigkeiten in Grenzen halten und ihre Gebärleistung wird sich mit den Jahren amortisieren. War sie aber blind vor Liebe oder hatte einfach nur Pech, dann kann ihre Abhängigkeit, an der ja auch noch das Los der Kinder hängt, um ein Vielfaches größer werden als das einer Prostituierten.

Betroffen ob der unerträglichen Abhängigkeit werden Ausstiegsszenarien für Prostituierte entworfen und organisiert, um sie aus ihren „Zwangslagen“ zu befreien, damit sie dann ein „selbstbestimmtes“ Leben führen können.

Müssten nicht auch für abhängige Mütter und Ehefrauen Ausstiegsprogramme geschaffen werden, statt den Ausstieg aus ihren Abhängigkeiten ihrem Selbstmanagement und ihrer eigenen Risikobereitschaft zu überlassen?

Bei aller Euphorie für die Alphamädchen oder die F-Klasse (siehe in Kritik auch Winker, Gabriele, 2007, auf den Seiten des FI): Mütter sind nach wie vor in den schlecht bezahlten Jobs zu finden, erledigen ein Großteil der unbezahlten nicht gesehenen Reproduktionsarbeit und sind in den Führungsetagen kaum präsent. Alleinerziehende Mütter sind in besonderer Weise von Armut betroffen und stellen einen signifikanten Anteil der Hartz IV-EmpfängerInnen.

Das haben sich die Frauen mit ihrer Entscheidung für die Familie sicher nicht freiwillig ausgesucht. Da die Gesellschaft kaum alternative Lebensentwürfe zur bürgerlichen Kleinfamilie akzeptiert und wir nach wie vor dem heteronormativen Herren-Signifikanten unterworfen sind, entscheiden sich viele Frauen dafür, dem traditionellen Weg zu folgen, was natürlich auch seine Vorteile hat. Geht alles gut, sind sie finanziell und damit materiell abgesichert und ihnen wird ein Teil der Sorgearbeit abgenommen. Was passiert aber, wenn das Modell nicht trägt, die Liebe vorbei ist, der Mann doch lieber lohnarbeitet oder seine Interessen auslebt, statt sich dem Mühsal der Reproduktionsarbeit zu widmen, sich um den Haushalt und die Kinder zu kümmern? Dann existieren in dieser Konstellation auf einmal sehr existentielle Zwänge für die Mutter, die die Selbstbestimmung bis zur Unfreiheit einschränken.

Arbeit aus Liebe ist ungesehene, unbezahlte Reproduktionsarbeit

Festzuhalten bleibt, dass sich eine Frau, wenn sie sich für Kinder entscheidet, in vielfältige und umfassende Abhängigkeiten entweder vom Ehemann, vom Arbeitgeber oder von staatlicher Fürsorge begibt.

Auch Sexarbeiterinnen befinden sich noch viel zu oft in qualitativ unterschiedlichen Abhängigkeiten von Zuhältern und Bordellbesitzern bzw. von den Forderungen der Freier. Damit ist ihre Situation, lässt man mal die moralische Betrachtung außen vor und vergisst die Klischees, trotzdem nicht ausbeuterischer und weniger selbstbestimmt, als das Leben einer abhängigen Mutter. Sexarbeit ist nach dem Gesetz immerhin eine zu vergütende Dienstleistung.

Für Sexarbeiterinnen wird eine sozialpädagogische Maschinerie angeworfen (und das ja auch nur im Sinne einer Symbolpolitik), um sie von dieser Arbeit zu „erlösen“. Was ja auch richtig ist, wenn Sexarbeit unter Zwangs- und Abhängigkeitsverhältnissen stattfindet. Aber müsste es nicht viel eher ein gesellschaftliches Ziel sein, menschenunwürdige Arbeits- und Lebensverhältnisse zu beseitigen? So halten wir es ganz gut aus, dass alleinerziehende Mütter mittlerweile staatlicherseits und finanziell in Arbeiten gezwungen werden, die weder ihren Qualifikationen noch ansatzweise ihren Lebensentwürfen entsprechen.

Wir sollten es wagen, radikale Forderungen an die Mehrheitsgesellschaft zu stellen, die Verantwortung für alle ihre Mitglieder, dazu zählen auch die nicht intelligiblen, verworfenen, gefährdeten und deklassierten Leben zu übernehmen, ohne dabei Entscheidungen über die Köpfe der „Anderen“ hinweg zu treffen, nur weil deren Lebensstile aktuell nicht passen oder nicht en vogue sind.

Verantwortung hieße dann auch, akzeptable Qualifikationsangebote für Mütter, Sexarbeiterinnen, Reinigungskräfte etc. zu schaffen und nicht Scheinqualifikationen in Näh- oder Computerkursen anzubieten, für die es innerhalb eines von kapitalistischen Paradigmen durchoptimierten Marktes keine Nachfrage gibt.

Die Ehefrau eines gut verdienenden, toleranten Gatten hat die Möglichkeit ihren oft durch moralische und bürgerliche Zwänge geprägten Alltag aufzulockern, indem sie Mal-, Schreib-, Yoga-, Tanz- und Ayurvedakurse besucht. Oft kann sie ihre finanziell gesicherte Situation auch nutzen, um zu studieren und gesellschaftlich anerkannte Abschlüsse und Qualifikationen zu erlangen. Ihr ist es dann freigestellt, ob sie die neuen Fähigkeiten nutzt, um ein Taschengeld hinzuzuverdienen. Sie kann sich auch mit Leib und Seele in die Waldorf- oder Privatschule ihrer Kinder einbringen und hier in unserer Gesellschaft ein anerkanntes Ehrenamt übernehmen. Aber ist das nicht auch ein Stück erkaufte Freiheit? Kann es nicht auch als erarbeitete Autonomie betrachtet werden, wenn sich Prostituierte von ihrem Lohn ihren Urlaubs-, Auto-, Ausbildungswunsch erfüllen oder mit dem Verdienst ihre Familie ernähren oder sich Drogen kaufen, um ihren sonst tristen Alltag erträglicher zu gestalten? Warum avanciert eine solche Frau nicht viel eher zu einer starken selbstbestimmten Figur, sondern bleibt in den gesellschaftlichen Bildern immer ein armes, abhängiges, ausgebeutetes und moralisch verwerfliches Opfer?

Allerdings möchte ich nicht so verstanden werden, dass ich davon ausgehe, dass es in der Prostitution keine massive Ausbeutung gäbe. Es gibt sie – oft auch in extremer Form – und sie muss thematisiert und bekämpft werden. Nur darf dabei nie vergessen werden, dass Ausbeutungs- und Abhängigkeitsverhältnisse nicht durch moralische Positionen bezüglich der Tätigkeit zu beseitigen sind. Wir bekämpfen ja auch nicht das Berufsbild einer Hausarbeiterin oder eines Kindermädchens, nur weil gerade in diesem Bereich oft Ausbeutungs- und Abhängigkeitsverhältnisse herrschen, die den schlechten Arbeitsbedingungen von Prostituierten oft in nichts nachstehen. Durch die Bresche, die mit moralischen Argumenten in die Mauer der Autonomie geschlagen wird, dringt der Gesetzgeber im vermeintlichen Auftrag der schweigenden Mehrheit ein und erzeugt in diesem moralisch legitimierten Kampf oft erst die Probleme, die er zu beseitigen vorgibt. So ist zum Beispiel die Rechtlosigkeit von Prostituierten ein Kollateralschaden moralisch legitimierter Verbote und Bestimmungen. Ausbeutungs- und Abhängigkeitsverhältnisse finden wir aber auch in vielen Partnerschaften und Ehen.

Kämpfen gegen schlechte Arbeits- und Lebensbedingungen heißt in erster Linie, Menschen das Handwerkszeug, die Möglichkeit zu liefern, um sich aus Unterdrückungsverhältnissen zu befreien und ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. Das setzt aber eine umfassende gesellschaftliche Solidarität voraus und erfordert die Bereitschaft situative partielle Affinitäten zu bilden, die immer auch das Andere, das Ausgeschlossene mitdenken. Deshalb sollten sich arbeitende Frauen, egal welcher Profession, ob Altenpflegerin, Mutter, Sexarbeiterin, Professorin, Verkäuferin … vereinigen und sich gegen jegliche Ausbeutungsverhältnisse solidarisieren oder anders gesagt – durch eine symbolische Aneignung im Sinne von Foucault – Prostituierte werden!


4 Kommentare »

  1. [...] Feministisches Institut Hamburg / Arbeit / Arbeitende Frauen vereinigt Euch! Über Sexarbeit: " Die Aufforderung Foucaults, solche Lebensweisen zu bevorzugen, die sich gegen den Duktus der Mehrheit wenden und Minoritäten ein-, statt ausschließen, möchte ich erweitern und so die Arbeit und den Beruf der Prostituierten betrachten." (tags: feminismus sexarbeit arbeit) [...]

    Pingback by i heart digital life » links for 2009-12-08 — 08.12.2009 um 13:01

  2. Ja genau,
    ich finde es klasse, dass endlich mal eine mutige Diskussion zu diesem Thema geführt wird. Besonders in diesen Zeiten, in denen die Politik wieder ganz hinterhältig die Markt angepasste, flexible Familie so heilig sprechen will, ist es mehr als notwendig, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den hochgelobten Familienmütter und den Sexarbeiterinnen zu unterstreichen – und uns an die Frauensolidarität zu erinnern!

    Mir fehlt in diesem Text nur ein bisschen das Hinterfragen der Klassenaspekte, wie z. B.: Aus welchen Schichten und welcher Herkunft sind die hier lebende Sexarbeiterinnen und warum sind sie hier? Naja, die alten Marxisten ändern sind halt nicht so schnell…

    Danke und weiter so.

    Comment by Kadriye Baksi — 16.12.2009 um 17:18

  3. Vielen Dank für den schönen Kommentar.
    Ja, Du hast natürlich vollkommen Recht. Das ist ein wichtiger Aspekt, den der Artikel vollkommen vernachlässigt, während ich die Familienmütter ja schon markiere als weiße Mittelschichtsfrauen.
    Aber ich entschied mich auch ein bisschen dagegen, weil es kein wirklich repräsentatives Zahlenmaterial gibt, jedenfalls bin ich der Meinung und so rückwärtsgewandt, wie derzeitige Stimmung zum Thema Sexarbeit auch in Deutschland ist, befürchte ich, dass solche Zuschreibungen, woher die Frauen kommen (Klasse, Herkunft) ganz schnell wieder gegen sie verwandt werden können.
    Naja, und wir sollten uns ja auch alle fragen, inwieweit wir permanent unentgeltlich sexarbeiten, was ja auch nicht schlimm sein muss, aber Geld zu verlangen, ist auch nicht schlimm, oder? Jedenfalls im Kaptialismus ist es vollkommen ok.

    Comment by Kathrin Schrader — 17.12.2009 um 12:04

  4. [...] Feministisches Institut Hamburg / Arbeit / Arbeitende Frauen vereinigt Euch! Über Sexarbeit: " Die Aufforderung Foucaults, solche Lebensweisen zu bevorzugen, die sich gegen den Duktus der Mehrheit wenden und Minoritäten ein-, statt ausschließen, möchte ich erweitern und so die Arbeit und den Beruf der Prostituierten betrachten." (tags: feminismus sexarbeit arbeit) [...]

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