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Gewalt

smash it all – smash sexism – Kongressbericht

16.02.2014, smash it all

Im Jahr 2013 wurden viele Diskussionen über Sexismus und sexualisierte Gewalt in den Medien geführt. Dabei kam es selten zu differenzierten Analysen über Herrschaftsverhältnisse, die mit sexualisierter Gewalt verbunden sind. Ein Versäumnis, das wir auch innerhalb der radikalen Linken feststellen, weshalb wir im Juli 2013 den Kongress smash it all_smash sexism zum Themenkomplex Sexismus und sexualisierte Gewalt in der Roten Flora in Hamburg veranstaltet haben.

Sexualisierte Gewalt – so eine zentrale Perspektive des Kongresses – muss immer in einem größeren Kontext betrachtet werden und als Ausdruck von Macht- und Herrschaftsverhältnissen verstanden werden. Aus einem emanzipatorischen Anspruch heraus halten wir es für unabdingbar dies als Teil bestehender Geschlechterverhältnisse zu analysieren.

Unter Gewalt fassen wir hier nicht ausschließlich den Angriff auf die physische Unversehrtheit einer Person, sondern auch subtile psychische und strukturelle Machtmechanismen, derer sich bedient wird, um Dominanz über Andere zu sichern oder herzustellen. Die heterosexistische Norm führt dazu, dass primär Frauen (1) und Mädchen, aber auch als ‚schwach‘ geltende Männlichkeiten und Jungen oder jene, die sich nicht innerhalb der binären Geschlechterkonstruktionen verorten, von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Ebenso können diskriminierende Sprache sowie unerwünschte Kommentare über Körper und deren Aussehen – also jegliche Handlungen mit geschlechtlichem Bezug ohne Einwilligung der betroffenen Person – zu seelischen Traumata mit zumeist psychosomatischen Folgen führen. Der Begriff der sexualisierten Gewalt soll verdeutlichen, dass es sich bei diesen Handlungen nicht primär um solche zur Befriedigung eines sexuellen Bedürfnisses handelt. Vielmehr wird eine sexuelle Komponente genutzt, um Macht und Gewalt über eine andere Person auszuüben.
Sexistische Artikulationen und Handlungen lassen sich als gewalttätige Momente einer gesellschaftstrukturierenden Heteronormativität begreifen, die im Zusammenhang mit dem komplexen, auf Asymmetrien und Ausschlüssen beruhenden Geschlechterverhältnis stehen. Hierbei ist es nötig, das gesamte Konstrukt von Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität als gewaltförmigen Ausdruck alltäglicher Machtverhältnisse zu enttarnen und anzugreifen.

„Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“ Simone De Beauvoir

Wir alle werden mit dem Eintritt in diese Gesellschaft einer der zwei sich gegenseitig ausschließenden Geschlechterkategorien zugeordnet.
Die Körper, die nicht genau in eines der beiden Schemata passen, werden operativ angeglichen und “passend gemacht” (2). Jeden Tag aufs Neue reproduzieren wir unsere Rollen als “männlich” oder “weiblich” und hetzen Idealbildern hinterher, die so nie zu erreichen sind.

Geschlecht als soziale Kategorie ist ein fragiles Konstrukt, das von den einzelnen Individuen immer wieder performativ hergestellt werden muss. Dies tun wir, um uns sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auch innerhalb der sexuellen Ökonomie möglichst erfolgreich und somit gewinnbringend verkaufen zu können. Die Kategorien von Männlichkeit und Weiblichkeit stehen sich nicht nur ausschließend gegenüber, sondern auch in einem hierarchischen Verhältnis zueinander. Das Eine bedingt und ergänzt hierbei das Andere. Das als männlich verstandene wird dabei als das Aktive, Produktive und Objektive konstruiert und in der öffentlichen Sphäre der Gesellschaft verortet, somit also zur Norm erklärt. Das als weiblich markierte “Andere” hingegen gilt als passiv, irrational und reproduktiv.

Zum Kongress (3)

In der historischen Genese von zweigeschlechtlichen heterosexistischen Verhältnissen lassen sich unterschiedliche Institutionen und Entwicklungen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft als treibende Faktoren ausmachen. Aus diesem Grund haben wir uns entschieden nach einer Einführung in die Kritik von Heteronormativität und der Herleitung des Zweigeschlechtermodells uns aus aktuellem Anlass (4) insbesondere den Bereichen Kirche, Medien, Justiz und feministischen Widerstandspraxen zu widmen Der Kongress begann mit einem Einführungsvortrag zum Thema „Smash_it_all – oder: der #aufschrei gegen (Hetero-) Sexismus und sexualisierte Gewalt“. Es wurde diskutiert wie und wo sich (Hetero-) Sexismus und sexualisierte Gewalt artikulieren. Diskutierte Fallbeispiele zeigten, dass sich sexualisierte Gewalt durch alle gesellschaftlichen Räume – von der Kleinfamilie übers Internet bis hin zum öffentlichen Raum – zieht. Auch die Angst vor potenzieller sexualisierter Gewalt dient bereits als bewusstseinsstrukturierendes Element. So werden bereits Räume gedanklich als nicht sicher betretbar klassifiziert, was zur Folge haben kann, dass mensch sich in der Bewegungsfreiheit einschränken lässt.
Am zweiten Tag wurde sich mit der Analyse historischer und aktueller Verhältnisse, dem „Ist-Zustand“ in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, befasst. Hier wurde thematisiert, dass Sexismus als Strukturelement der Gesellschaft in unterschiedlichen Ausprägungen allgegenwärtig ist. Anhand von Vorträgen wurde eine Kritik an der Reproduktion von Heterosexismus und sexualisierter Gewalt innerhalb verschiedener Institutionen der Gesellschaft geschärft. Auch gab es zusätzlich einem Kampfsportworkshop, um sich gegen Gewalt und die, die sie ausüben, zur Wehr setzen zu können.

Am dritten Tag haben wir uns thematisch auf eine mögliche Perspektive einer von sexualisierter Gewalt befreiten Gesellschaft konzentriert. Dies wurde vor allem in Workshops erarbeitet. Es gab einen Themenblock zur Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt innerhalb der radikalen emanzipatorischen Linken. Hier wurde in Form eines Workshops ein konstruktiver Umgang mit persönlichen Grenzen und Konzepten zur Verhinderung von sexualisierter Gewalt sowohl erarbeitet als auch erprobt.

In der abschließenden Podiumsdiskussion zeigte sich unter anderem ein dringendes Bedürfnis, den Cis-Begriff (5) aufzuarbeiten und genauer zu bestimmen. Es wurde die Problematik thematisiert, dass es durch die Verwendung des Begriffes auch zu einem Rückgriff auf ein vermeintlich “biologisches” Geschlecht kommen kann. Daran anknüpfend wurde sich darüber ausgetauscht, ob und wie notwendige Schutz- oder Ermächtigungsräume erhalten und geschaffen werden können. Da diese Räume entweder über den Ausschluss von potentiellen Tätern (CIS-Männer frei) oder aber den Einschluss von potentiell Betroffenen (FLTI* only) definiert werden. Das jeweilige emanzipatorische Potential dieser unterschiedlichen Praxen wurde gegeneinander gestellt. Auf der einen Seite stellte sich die Frage, ob mensch sich als potentiell Betroffene*r von sexualisierter Gewalt sieht und einen Schutzraum aufsucht oder andererseits nicht auch ein Positiv-Bezug auf die Kategorie “Frau” geschaffen werden kann, insbesondere vor dem Hintergrund einer patriarchalen und misogynen Gesellschaft. Als eine konkrete Perspektive wurde innerhalb der Podiumsdiskussion die Idee formuliert, bereits innerhalb einer frühkindlichen Sozialisation (bspw. innerhalb institutioneller Kontexte) deutlich stärker in den Fokus zu rücken, wie Menschen nicht zu Tätern werden, und sich nicht nur mit dem Schutz potentieller Opfer zu beschäftigen. Eine entsprechende Schwerpunktsetzung wäre nötig, um real existierende Verhältnisse aufbrechen und angreifen zu können. Ein weiterer Punkt, der das Podium und das Publikum am Sonntagabend beschäftigte, war die Frage nach dem nötigen Minimalkonsens, der eingegangen werden müsste, um in Bündnissen gegen sexualisierte Gewalt aktiv zu sein. Besonders in Hinblick auf die Zusammenarbeit mit gesellschaftstragenden Institutionen wie .z.B. der Polizei oder Krankenhäusern wurden ablehnend und teilweise befürwortende Positionen vertreten.

Unserer Meinung nach sollte es nicht bei dem Minimalkonsens – gegen sexualisierte Gewalt zu sein – verbleiben, sondern eine kritische Auseinandersetzung mit allen Herrschafts- und Machtmechanismen geben, um nicht in Haupt- und Nebenwiderspruch-Thesen zu verfallen oder gar Anknüpfungspunkte für reaktionäre Argumentationen zu bieten. Wie die Diskussionen insbesondere bei der Auseinandersetzung mit der Geschichte der Frauenhäuser zeigten, sind auch feministische linksradikale Projekte und Themen immer wieder von staatlicher Vereinnahmung betroffen. So werden beispielsweise die Vergaben von Geldern an Auflagen geknüpft die Diskursverschiebungen im Umgang mit sexualisierter Gewalt bewirken können. Daraus resultiert ein Spannungsverhältnis zwischen Systemkritik und Reformismus. Dies macht deutlich, dass linksradikale Praxen immer wieder in Frage gestellt werden müssen, insbesondere, wenn man sich nicht nur in partiellen Abwehrkämpfen verorten möchte, sondern die Verhältnisse, die sexualisierte Gewalt reproduzieren, verändern will. Eine theoretische Arbeit ist Grundlage für die Entwicklung widerständiger Praxen gegenüber alten, verkrusteten, aber auch sich wandelnden, sich immer wieder anpassenden Herrschaftsverhältnissen.

Wir richten uns an die radikale Linke, weil hier einerseits deutliche Versäumnisse innerhalb der Auseinandersetzung erkennbar sind. Ebenso wird bei näherer Betrachtung schnell offenbar, dass sowohl die Kommunikationsformen, als auch die erkennbaren Werte innerhalb der radikalen Linken zumeist männlich konnotiert sind. Dies wird insbesondere bei Betrachtung der Gewaltverherrlichung von Straßenschlachten (6), in Form von diskriminierender Sprache, vor allem aber dann deutlich, wenn Feminismus als Nebenwiderspruch abgetan wird, weil es um das Streben nach einem „höheren Ziel“ geht. Dies zeigt, dass auch widerständige Bewegungen nicht befreit von der Reproduktion der Verhältnisse sind, die sie eigentlich kritisieren.

Uns war bereits in der Planung des Kongresses bewusst, dass wenn man über Gewaltverhältnisse spricht, und gerade dann, wenn man diese analysieren möchte, entsprechende Faktoren immer zusammen gedacht werden müssen. Geschlecht steht niemals allein und ist immer mit anderen die Gesellschaft strukturierenden Kategorien, wie Klasse, Alterskonstruktion – dem sogenannten ageism – Rassismus, Antisemitismus und weiteren Ausgrenzungsmechanismen verknüpft. Der theoretische Anspruch, dem mensch in der Praxis leider häufig hinterher eilt, sexualisierte Gewalt vollständig im Zusammenspiel mit anderen Herrschaftsverhältnissen zu diskutieren, ist uns wichtig aufzudecken und zu formulieren. Leider sind auch wir hinter diesem Anspruch zurückgeblieben. So wurde bei unserem Kongress der Themenkomplex von sexualisierter Gewalt gegenüber Menschen, die sich jenseits der binären Geschlechterkonstruktion verorten oder nicht heterosexuell begehren, leider auch nur additiv behandelt. (Zum Beispiel fand es bei unserem Einladungstext bedauerlicherweise nur Platz in einer Fußnote). Zum Einen sind diese Versäumnisse mangelnden Kapazitäten und dem organisatorischen Rahmen geschuldet. Zum Anderen bedeutet eine inhaltliche Schwerpunktsetzung auch immer, andere wichtige Aspekte für eine spätere Bearbeitung aufzubewahren. Wir versuchten Facetten sexualisierter Gewalt und Sexismus eingebettet in Geschlechterverhältnisse, sowie widerständige Praxen zu behandeln und zu diskutieren. Der Kongress diente eher als ein Startpunkt, um wieder eine Debatte über Sexismus / sexualisierte Gewalt und die Analyse bestehender Herrschafts- und Machtstrukturen (auch in den linken Strukturen selber) zu entfachen und vielleicht auch andere Veranstaltungen anzuregen.

Wie geht es weiter?

In den Diskussionen zeigte sich trotz einiger Kontroversen eine große Gemeinsamkeit in der Analyse der Funktion von sexualisierter Gewalt: Das gewalttätige Herstellen und Durchsetzen hegemonialer Männlichkeit, die damit verbundene Aneignung von öffentlichen Räumen und Marginalisierung derjenigen, die nicht in die heterosexuelle Norm passen (wollen). Wir sehen die Bearbeitung und Auseinandersetzung mit Gewaltverhältnissen, die sich sexualisierter Komponenten bedienen, nach dem Kongress noch lange nicht abgeschlossen. Es ist uns wichtig, die entstandenen thematischen Lücken zu benennen, da es substanziell ist, alle bestehenden Herrschaftsverhältnisse verschränkt zu denken. Leider handelt es sich hierbei jedoch um einen Anspruch, dem mensch häufig in der Praxis hinterherläuft. Trotzdem halten wir es für unabdingbar, diesen Anspruch zu formulieren und uns ein Scheitern daran einzugestehen. Wir wollen und werden uns in unserer weiteren Arbeit eben diesen “Lücken” widmen. Ihr könnt euch schon auf weitere spannende Veranstaltungen freuen. Fortlaufend findet beispielsweise an jedem dritten Donnerstag im Monat ein Kneipenabend mit inhaltlichem Input im Rahmen der „UnräumBar“ in der Roten Flora statt.

(1) Wir verstehen die Kategorien Frau /Mädchen/ Mann/Junge als soziale aber doch wirkmächtige Konstruktionen. Zwar lehnen wir die Zuschreibung eines biologischen Geschlechtes ab, benutzen aber die Kategorien, um real existierende Verhältnisse benennen zu können.
(2) Mit der Zuschreibung einer Geschlechtsidentität wird vorausgesetzt, dass mensch ein Begehren nach dem als anders konstruierten Geschlecht entwickelt. Alle anderen Formen von Sexualität werden als abweichend von der Norm behandelt und zum Teil pathologisiert. Menschen, die sich nicht innerhalb dieser zweigeschlechtlichen Ordnung wiederfinden (wollen), werden somit nicht als selbstbestimmte Subjekte wahrgenommen und häufig Opfer von Anfeindungen bis zur körperlichen Gewalt und Mord.
(3) Die Mitschnitte der einzelnen Veranstaltungen sind demnächst auf unserem Blog unter smashitall.noblogs.org zu finden.
(4) Schaute mensch sich Anfang des Jahres 2013 die mediale Öffentlichkeit an, so wurde mensch nahezu erschlagen von Ereignissen und Berichterstattungen zu sexualisierten Übergriffen. Dominique Strauß-Kahn, Rainer Brüderle, die Verweigerung eines katholischen Krankenhauses in Köln, einer vergewaltigten Frau die „Pille danach“ auszuhändigen, sind nur einige Vorfälle, die in dieser Zeit öffentlich diskutiert wurden.
(5) Cisgender ist das Gegenkonstrukt von Begriffen wie Transgender und Intersexuell. Es bezeichnet Menschen, deren Geschlechtsidentität mit dem, ihnen bei der Geburt zugewiesenen, Geschlecht übereinstimmt. Andere Begriffe für Cisgender sind beispielsweise „genetische Männer/Frauen“ oder „Biomann/Biofrau“. Diese Begriffe lehnen wir jedoch ab, da sie indirekt Körpern und Begehrensformen die sich nicht innerhalb der Norm verorten eine natürliche Verfasstheit abspricht.
(6) Hierbei wollen wir nicht in Abrede stellen, dass es manchmal nötig ist, sich gewalttätigen Verhältnissen unfriedlich in den Weg zu stellen und Militanz für uns eine legitime Form des Widerstands darstellt.


1 Kommentar »

  1. [...] Sexismus und sexualisierte Gewalt statt. Jetzt ist beim Feministischen Institut Hamburg ein Kongressbericht [...]

    Pingback by Mädchenmannschaft » Blog Archive » Antisemitische Briefe, “Unterdrückte Mehrheit” und Ausschlüsse – kurz verlinkt — 19.02.2014 um 14:00

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