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Arbeit

Ein Plädoyer für die Achtung von Alterität und Destigmatisierung in der Sexarbeit

04.04.2007, Kathrin Schrader

Prostitution ist in Deutschland – trotz gesellschaftlicher Umbrüche – auch weiterhin mit Stigmata behaftet. Diese klandestine Welt scheint reizvoll und hinterfragt gleichzeitig die Tabus im Umgang mit Sexualität und Körper. Die Einführung des Prostitutionsgesetzes im Januar 2002 sollte die Situation der SexarbeiterInnen verbessern. Bislang wurden jedoch keine großen Erfolge verzeichnet, weil einerseits die dichotomen Gegenüberstellungen von Selbstbestimmung, Freiwilligkeit, positiver und negativer Freiheit versus Abhängigkeit, Zwang und sexuelle Ausbeutung der Komplexität von Prostitution nicht gerecht werden und andererseits die Verschränkungen verschiedener Gesetzgebungen zu neuer Marginalisierung führt. Es ist erforderlich die Heterogenität der Sexarbeit aufzuzeigen und auch die Marginalisierten entlang der Achse des Prostitutionsgesetzes sichtbar zu machen.

“Das Stigma der Hure trennt uns Frauen in gute und schlechte Frauen. Dieses Stigma ist eine Säule der patriarchalen Ideologie. Es ist notwendig, das Konzept der Prostitution – in dem dieses Stigma bereits festgeschrieben ist – zu dekonstruieren.” Maria Cristina Boidi, Philosophin, Koordinatorin LEFÖ, Österreich

Seit dem 1. Januar 2002 gibt es in Deutschland ein Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten (ProstG). Prostitution ist danach nicht mehr sittenwidrig. Ein Ziel dieses Gesetzes ist es, durch rechtlich abgesicherte Beschäftigungsverhältnisse den Prostituierten einen Zugang zu den Sozialversicherungssystemen zu ermöglichen und die Lebenssituation von Prostituierten generell zu verbessern.

Das Gesetz wurde bereits evaluiert und die Ergebnisse zeigen, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Einführung sozialversicherungspflichtiger Tätigkeit kaum genutzt werden. Eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen konnte ebenfalls nicht beobachtet werden.

Diese Sachlage ist u.a. auf die fehlenden Durchführungsbestimmungen zum ProstG zurückzuführen. Daraus resultiert eine Rechtsunsicherheit auf Seiten der SexarbeiterInnen, der BordellbetreiberInnen und der Behörden, in deren Folge es z.B. zu Willkürakten mancher Finanzämter, bei der Höhe der steuerlichen Nachveranlagung kommt. In einigen Bundesländern müssen SexarbeiterInnen, die ihr Gewerbe anmelden wollen, mit einer rückwirkenden Überprüfung ihrer Angaben und einer Anklage wegen Steuerhinterziehung rechnen. Außerdem gibt es bereits erste Forderungen an BordellbetreiberInnen eine Vorsteuer pro SexarbeiterIn in Höhe von 25€ pro Tag einzutreiben.

Gleichzeitig wird ein nicht unerheblicher Teil der Arbeit im sogenannten “illegalen” Bereich durch SexarbeiterInnen ohne gültige Aufenthaltserlaubnis oder Beschaffungsprostituierte geleistet, deren Lebenssituation viel stärker durch andere, nicht geänderte Gesetze bestimmt wird.

So ist zum Beispiel die Sperrgebietsverordnung in vielen deutschen Städten noch immer eine gängige Praxis. Diese beruht auf dem besonders eklatanten Widerspruch, dass mit dem ProstG die Sittenwidrigkeit der Prostitution abgeschafft wurde, gleichzeitig jedoch im Einführungsgesetz zum Strafgesetzbuch (EGStGB) der Artikel 297 “Verbot der Prostitution” gültig bleibt, der besagt: “Die Landesregierung kann zum Schutz der Jugend oder des öffentlichen Anstandes … durch Rechtsverordnung verbieten, der Prostitution nachzugehen” (http://www.buzer.de/gesetz/5387/a74190.htm).

Hier wird also den Landesregierungen erlaubt, das Ausüben einer – aus Sicht der Bundesregierung – legalen, nicht sittenwidrigen Beschäftigung, mit Verweis auf den Anstand, zu verbieten und die Prostitution so wieder zu illegalisieren.

Real dient ein Sperrgebiet nur denen, die Arbeitsplätze im Sperrgebiet oder in den Toleranzzonen anbieten und ist somit ein Instrument, das Abhängigkeiten schafft.

Von den Strafverfolgungsbehörden wird die Sperrgebietsverordnung außerdem benutzt, um diese Gebiete zu kontrollieren und mit Razzien gegen das “organisierte Verbrechen” vorzugehen.

Die Konsequenzen dieser Vereinfachung polizeilicher Ermittlungsarbeit haben die SexarbeiterInnen ohne regulären Aufenthaltsstatus zu tragen. Werden sie während einer Razzia aufgegriffen, droht ihnen zwangsläufig eine schnelle Abschiebung, wenn ihre Aussage nicht in einem Prozess benötigt wird.

Der gegenwärtige Diskurs um Frauenhandel in Deutschland hat die finnische Rechtssprechung zum Vorbild und diskutiert auch die Möglichkeit einer Umsetzung in Deutschland. Nach diesem Modell sollen auch die Freier von gehandelten und unter Zwang arbeitenden Frauen bestraft werden.

Die rechtliche Definition von “Zwang” und “Freiwilligkeit” führt jedoch automatisch zur Viktimisierung von MigrantInnen in der Sexarbeit. Außerdem setzen sich zwangsläufig alle Freier von MigrantInnen dem Verdacht aus, eine Straftat zu begehen, was wiederum Rassismus reproduziert.

MigrantInnen, die ohne gesicherten Aufenthaltsstatus in Deutschland als SexarbeiterInnen arbeiten wollen, geraten automatisch in Abhängigkeitsverhältnisse, weil sie generell Strukturen vorfinden, die ihnen keinerlei rechtlichen Schutz bieten.

Dies gilt in etwas anderen Formen auch für Beschaffungsprostituierte, sie arbeiten ebenfalls häufig im Sperrgebiet und verstoßen durch ihren Drogenkonsum obendrein gegen das Betäubungsmittelgesetz (BtMG). Diese Kriminalisierung verhindert, dass sie ihre Arbeitssituation auf Grundlage des ProstG verbessern können. Gleichzeitig fehlen ihnen wichtige Stimmen in der gesellschaftlichen Diskussion, weil sie von vielen WissenschaftlerInnen und SozialpädagogInnen nicht als Prostituierte gesehen werden, da für sie die Finanzierung ihrer Sucht im Vordergrund stünde und sie es nur selten schafften, eine professionelle Distanz zu ihrer prostitutiven Tätigkeit aufzubauen (Vgl. Brückner/Oppenheimer, 2006, S. 12, 24).

Die Beispiele zeigen, wie komplex der Bereich der Prostitution ist.

Das ProstG inkludiert nur diejenigen, die über das nötige soziale, ökonomische und kulturelle Kapital verfügen, um an der geschaffenen Rechtslage zu partizipieren. Damit wird ein wichtiger Teil des Sexmarktes durch die angestrebten Verbesserungen gar nicht erreicht.

Die schrittweise Umsetzung der Gesetzgebung wird von der Forderung nach “Ausstieg” begleitet, da viele gesellschaftliche Vertreter meinen, dass Prostitution kein Beruf wie jeder andere sei (BMFSJ Pressemitteilung).

Angesichts restriktiver HARTZ IV – Gesetzgebungen, der Diskussion um Mindestlöhne und der Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse stellt sich die Frage, wohin der Ausstieg erfolgen soll und welche Perspektiven sich denn “AussteigerInnen” bieten? Die Realität in der Prostitution sieht außerdem völlig anders aus. Statt auszusteigen, drängen immer mehr Menschen aus Armuts- und Überlebensgründen in den Sexmarkt. Es zeigt sich, dass auch in prekären Lebenssituationen die Abgrenzung zwischen “Freiwilligkeit” und “Zwang” in der Sexarbeit mehr als ein Definitionsproblem ist.

Viele Menschen haben in bestimmten Situationen nur noch eingeschränkte Wahlmöglichkeiten und entscheiden sich unter diesen Umständen für eine Überlebensstrategie, die sie in anderen Situationen nicht wählen würden. Eine davon kann eben auch Sexarbeit sein. Statt die “Hilfsaktivitäten” immer nur auf den “Ausstieg” zu fokussieren, sollten rechtliche, soziale und ökonomische Strukturen geschaffen werden, die die Menschen stärken, ihnen Handlungsmöglichkeiten geben und somit Abhängigkeiten vermindern.

Es ist sehr schwer, den Opferdiskursen entgegen zu wirken und differenzierte Bilder zu vermitteln. Für sichtbares menschliches Leid werden bereitwillig Gelder gespendet, für selbstbewusst handelnde Subjekte nicht. Mit medialen Bildern können starke Identifizierungen hervorgerufen werden. Wenn Betroffene es schaffen, durch medienwirksame Bilder eine Öffentlichkeit für sich herzustellen, so wird ihnen der Status des Mitmenschen zugestanden. In der Folge könnten sie Rechte einklagen, die nicht nur individuell gültig sind, sondern die Gruppe betreffen.

Die Selbstorganisation von SexarbeiterInnen in Deutschland hat schon sehr viel erreicht, aber es ist schwierig, Strategien des Empowerment in den marginalisierten Bereichen der Sexarbeit zu etablieren, denn dort ist die Situation aufgrund der Gesetzgebung im Ausländerrecht und im Strafrecht sowie aufgrund des strukturellen Rassismus bei Ämtern und Behörden sehr kompliziert. SexarbeiterInnen sind nicht per se Opfer, sie sind in ihrer spezifischen Arbeitssituation nur vulnerabler als andere. Dies gilt insbesondere für Beschaffungsprostituierte und SexarbeiterInnen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus. Auf Basis eines gesellschaftlichen Konsens muss gegen die Stigmatisierung von Sexarbeit angekämpft werden, indem die Bedingungen, die Menschen verletzbarer machen, aufgezeigt, hinterfragt und gegeben falls abgelehnt werden (vgl. Butler, 2005, S. 47).

Deshalb reicht eine Legalisierung und Regulierung der Prostitution allein nicht aus. Sie muss von ergänzenden Änderungen im Ausländerrecht, sowie im Strafrecht bezüglich der Sperrgebietsverordnung und des BtMG flankiert werden.

Gleichzeitig sollte auch in der gesellschaftlichen Diskussion über die scheinbare Gewissheit der eigenen Identität und den daraus resultierenden Zuweisungen an “die Anderen” nachgedacht werden, was eben auch bedeutet, sich die patriarchalen Strukturen, die dem Konzept der Prostitution zu Grunde liegen, bewusst zu machen.

Literatur

  • Brückner; Margit/Oppenheimer, Christa: Lebenssituation Prostitution. Ulrike Helmer Verlag, Königstein/Taunus, 2006.
  • Butler, Judith: Gefährdetes Leben. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005.

4 Kommentare »

  1. [...] Schrader kritisiert auch die in Emma vertreten Position vor allem in Bezug auf die Darstellung von Prostituierten als Opfer, denen keine Handlungsmacht zugeschrieben wird. Eine solche Darstellung von Prostituierten als weibliche Opfer verdecke die faktische Heterogenität im „Wirtschaftsbereich“ Sexarbeit, z. B. was das Geschlecht der Prostituierten betrifft. Schrader sieht anders als Emma gerade in der gesellschaftlichen Stigmatisierung von Prostitution das Problem und sieht Sexarbeit als „Dienstleistung“ an. (8) [...]

    Pingback by Der richtige Umgang mit Prostitution…. « menschenhandel heute — 05.11.2011 um 09:55

  2. Ihr seid Wissenschaftlerinnen. Um an deutschen Unis durchzudringen, braucht man bekanntlich vor allen Dingen einen sehr privilegierten Hintergrund und wird mit einem gewissen Bildungsideal groß. Hat man sexuelle Missbrauchserfahrungen, dann war das Drumherum jedenfalls so gut, dass man in der Welt der Karriere trotzdem weiterkam.
    Verfügt man über all solche Ressourcen,dann befindet man sich nicht in Gefahr, in der Prostitution zu landen.Man braucht sich also niemals auf der Gefühlsebene (!) damit auseinanderzusetzen, was Prostitution bedeutet.Etwaig aufkeimende Gefühle lassen sich mit Mitteln der Theorie bekämpfen. Das ist an einer Universität ja sowieso Alltag, und viele merken’s nicht einmal mehr.
    Wenn man also selber in einer Machtposition gelandet ist, kann man sich doch auch mit den mächtigen Männern gegen die sozial erheblich schwächeren Frauen verbünden, nicht wahr?

    Ihr Frauen vom sog. Feministischen Institut, ihr seid keine Feministinnen, sondern ihr spaltet die Frauen. Euer größtes Problem ist ganz offensichtlich nicht, dass ihr dem diskriminierten Geschlecht angehört, sondern dass ihr auf einer anderen Ebene eure Vorteile und Privilegien verteidigt, wie unkritische Privilegierte es immer tun. Genau so haben es die Freier und die MacherInnen des ProstG gemacht.

    Es gibt andere, auch und gerade in Deutschland sehr wirksame Formen der Diskriminierung, als denjenigen, eine Frau zu sein. Das vergesst ihr. Vollkommen.

    Comment by Tina — 13.06.2013 um 15:52

  3. Vielen Dank für den kritischen Kommentar!
    Ja, wir sind Wissenschaftlerinnen und wir haben uns bewusst entschieden feministische Wissenschaftlerinnen zu sein. Dass wir uns jetzt in einer privilegierten Position befinden und wir damit auch mehr Handlungsspielraum haben, ist uns durchaus bewusst und darüber sind wir auch sehr froh. Jedoch möchten wir an dieser Stelle nicht stehen bleiben. Sondern wir kämpfen in unseren unterschiedlichen Jobs (die nicht nur im Wissenschaftsbereich verortet sind) für die Anerkennung und Destigmatisierung anderer Lebensweisen, die im hegemonialen Diskurs entweder abgewertet oder überhaupt nicht wahr genommen werden. Wir sind der festen Überzeugung (und hier haben wir durch aus „gefühlte“ Erfahrungen), dass der Opferdiskurs und Regulierungen über die Betroffenen hinweg, diese zum Schweigen verurteilen. Der erste Schritt zur Selbstermächtigung ist es zu hören, was die Menschen selbst sagen und nicht im Sinne „gut gemeinter Eingriffe“ marginalisierte Gruppen und/oder Menschen zu kolonisieren. Da hat gerade die weiße deutsche Frauenbewegung nach wie vor einiges aufzuarbeiten. Und du schreibst ja selbst: „Es gibt andere, auch und gerade in Deutschland sehr wirksame Formen der Diskriminierung, als denjenigen, eine Frau zu sein.“ Genau das finden wir auch und deshalb geht es uns nicht um ein neoliberales „anything goes“ sondern um die Skandalisierung von Ausbeutung, sexualisierter Gewalt und Stigmatisierung. Uns geht es darum die Verhältnisse nicht nur anzuklagen, sondern auch Ideen zu entwickeln sie zu verändern. Dass wir vielleicht aus mancher Sicht daneben liegen, liegt in der Natur der Sache, wenn man sich positioniert und es immer unterschiedliche Perspektiven gibt. Allerdings bringen demagogische Angriffe auf das ProstG keine Seite weiter. Ist das ProstG auch ein zahnloser Tiger, so erkennt es zumindest auf struktureller Ebene die harte jahrhundertlange abgewertete Tätigkeit an und damit auch die Menschen die diese leisten (müssen)!
    Ein letzter Satz: Das elitäre deutsche Bildungssystem haben nicht Feminist_innen zu verschulden, auch wir nicht. Jedoch sehen wir uns durchaus in der Verantwortung es zu verändern. Ich hoffe Du auch?
    Kathrin

    Comment by Kathrin Schrader — 14.06.2013 um 10:45

  4. [...] Umstrittene Freiwilligkeit, hierarchisches Geschlechterverhältnis, gesellschaftliche Abwertung und mangelnde Bereitschaft zur angemessenen Entlohnung machen Sexarbeit zu einer regulierungsbedürftigen Form der Erwerbstätigkeit, bei der Gewaltschutz, Menschenwürde und Autonomie nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten. [...]

    Pingback by Mindestlohn für Sexarbeiter*innen! — 26.11.2013 um 19:10

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