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Arbeit

Sexarbeit – das Tabu des konservativen Feminismus

15.03.2016, Kathrin Schrader

oder warum haben manche Feminist_innen Probleme mit Sexarbeit, wenn Sie doch Carearbeit als zwingend notwendig erachten?
Der folgende Text ist das Manuskript des Vortrags auf dem Sexarbeitskongress an der HAW (2.-4. März 2016). Im Vortrag habe ich mich den folgenden 5 Thesen gewidmet und einen Vorschlag unterbreitet:
1. Sexarbeit ist feministisch, aber Feminismus ist manchmal paternalistisch.
2. Sexarbeit ist ein Teil von Carearbeit.
3. Care- und Sexarbeit sind Dienstleistungen in kapitalistischen Verwertungsprozessen.
4. In einer freien Gesellschaft wird es Carearbeit und damit auch Sexarbeit geben.
5. Sexarbeit als Zwang oder bezahlte Vergewaltigung zu bezeichnen, ist zutiefst unfeministisch.

In der von mir sehr geschätzten queerfeministischen Zeitschrift Missy Magazin vom Dezember 2015 wurden folgende Fragen gestellt: Was haben Sexarbeiter_innen und Geflüchtete gemeinsam? Vielleicht sind es miserable Lebensbedingungen, die durch die geltende Gesetzeslage geschaffen werden oder die Bevormundungen durch Privilegierte, wie z. B. weiße Feminist_innen mit Helfer_innensyndrom? Ich würde die Fragen bejahen und dies im Folgenden durch die 5 Thesen begründen.

1. Sexarbeit ist feministisch, aber Feminismus ist manchmal paternalistisch

1971 bekennen sich mutige Frauen im „stern“, dass sie abgetrieben haben. Sie legen damit das Fundament für eine Initiative, die unter dem Slogan „Mein Bauch gehört mir“ bekannt wurde, und beginnen damit einen langen Kampf für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen.
2013 fühlt sich die vormalige Avantgarde der sexuellen Revolution berufen, den mutigen Frauen, die seit langer Zeit eine Legalisierung der Sexarbeit fordern, entgegenzutreten und für sich den Anspruch zu erheben, über den Körper von Sexarbeiter_innen zu bestimmen. Nun ließe sich die Parole „Dein Körper gehört uns“ medienwirksam einsetzen. Die jetzt als Kader der Emanzipation agierenden Aktivist_innen machen sich zum Sprachrohr einer moralisierenden Mehrheit, die Sexarbeit für widernatürlich hält, sie als „Prostitution“ bezeichnet und sich gekauften Sex nur als Akt von Zwang und Gewalt vorstellen kann. Sie fordern die erneute Kriminalisierung von sexueller Dienstleistung, um ihrer Vorstellung von Moral und Geschlechtergleichheit Geltung zu verschaffen. Sie wollen mit ihrem Vorstoß das Verbrechen des Menschenhandels eindämmen und nehmen dabei billigend in Kauf, dass die Entrechtung und die Gefahr für die Dienstleister_innen erheblich zunehmen, wenn Sexarbeit nur noch in der Illegalität praktiziert werden kann.
Menschenhandel ist ein Verbrechen und seit der Ratifizierung des Sklavereiabkommens von 1926 weltweit verboten. Eine Abstufung der Schwere der Straftat je nach Art der Beschäftigung bei der „Empfänger_in“ ist nicht vorgesehen. Es wird nicht leichter, wenn ein Mann verkauft wird und er danach als Leibwächter arbeitet, oder schwerer, wenn eine Frau von ihrer Käufer_in zu sexuellen Handlungen mit Dritten gezwungen wird. In diesem Fall begeht der Käufer zusätzlich zur Freiheitsberaubung auch noch das Verbrechen der Anstiftung zur Vergewaltigung. Das Opfer prostituiert sich nicht unter Zwang, sondern es wird vergewaltigt. Eine offene Gesellschaft bekämpft solche Verbrechen aktiv und mit allen Mitteln, versucht jedoch nicht, sie durch Einschränkungen von Bürgerrechten zu verhindern. Diktaturen lieben solche einfachen Lösungen.
Mit dem Entwurf zum geplanten Prostitutionsschutzgesetz (bufas 2015) sind die Forderungen der konservativen Feminist_innen von Erfolg gekrönt. Auf dieses gehe ich jetzt nicht noch einmal ein, das hat Maria Wersig vorhin bereits ausgiebig beleuchtet (Wersig 2015).

2. Sexarbeit ist ein Teil von Carearbeit

Die allgemeinen Verhältnisse, in denen wir leben, sind prostitutiver Natur. Prostitution gehört im Kapitalismus zu unserer Lebensweise. Wir sind käuflich und werden körperlich, seelisch, moralisch und vor allem geistig gekauft (vgl. Sigusch 2013, 412). Viele von uns müssen, wenn sie dazu gehören wollen, entfremdet arbeiten, also auf „den Strich“ gehen, sich anbieten und Dinge machen, die sie nicht wollen, weil sie ja das Geld brauchen. Den Ekel und die Abscheu vor uns selbst projizieren wir aber auf die Sexarbeiter_innen. Verpönt ist nicht unsere geistig-moralische Prostitution in Bezug auf unsere persönlichen Werte und Normen, sondern die explizit körperliche „Ausübung, Erduldung und Stimulation von sexuellen Handlungen gegen Entgelt“ (Zurhold 2005, 105), also die physische Befriedigung von Trieb und Lust. Die moralische Keule bekommen die zu spüren, die so ehrlich sind, Geld für eine „menschliche Dienstleistung“ zu nehmen, die wir mit romantischer Liebe verknüpft und somit tabuisiert haben. Sexarbeiter_innen akzeptieren dieses Tabu nicht und dekonstruieren damit auch unsere romantische Sicht auf die Bedeutung von Nächstenliebe in der Sozialen Arbeit, in der Carearbeit oder in der Sorgearbeit. In einer Gesellschaft, in der eigentlich alles käuflich ist, soll nur der Sex mit einem ökonomischen Tabu belegt werden. Es darf aber nicht etwas nur deshalb verboten werden, weil es auf die Maske der bürgerlichen Wohlanständigkeit verzichtet. Das gilt im Übrigen auch für alle anderen Beteiligten in der Sexarbeit: Freier_innen, Zuhälter_innen und Bordellbetreiber_innen.

3. Care- und Sexarbeit sind Dienstleistungen in kapitalistischen Verwertungsprozessen

Waren haben sowohl einen Gebrauchswert als auch einen Tauschwert. Der Gebrauchswert von Prostitution ist die Befriedigung der Sehnsüchte der Klient_innen, die Befriedigung sexueller Genüsse. Der Gebrauchswert von Carearbeit ist einerseits die Befriedigung der Rechtsansprüche, Bedürfnisse und Interessen der Klient_innen und andererseits die Befriedigung aktueller sozialer Kontrollinteressen seitens öffentlicher Steuerungsagenturen, z.B. in der Sozialen Arbeit. Der Tauschwert ist die in der Ware enthaltene, gesellschaftliche Arbeit, also die physische und mentale Arbeit, die in der Erbringung der sexuellen, sozialarbeiterischen oder Care-Dienstleistung enthalten ist. Sie entspricht dem, was eine Arbeiter_in braucht, um sich zu den gesellschaftlich akzeptierten Bedingungen ihres Gewerbes zu reproduzieren. Wie die meisten kommerziellen Transaktionen im Kapitalismus entstehen auch die Prostitution und die Carearbeit durch den Kauf und Verkauf einer Ware. Gemeinhin wird gesagt, eine Prostituierte verkauft ihren Körper. Doch das ist falsch, denn am Ende der Transaktion besitzt die Klient_in nicht den Körper der Prostituierten. Die Klient_in kauft eine zeitlich befristete Dienstleistung.
Der Unterschied zur Carearbeit ist, dass sich dort die Klient_in die Dienstleistung oft nicht aussuchen kann, sondern nehmen muss, was die politischen Zuhälter_innen der Carearbeit für richtig halten. Auch die Carearbeiter_in muss diese Dienste anbieten, selbst wenn die Tätigkeit bei Anderen Ekel hervorruft oder sie persönlich der Meinung ist, dass dadurch ein Risiko für die Klient_in und/oder für sie entsteht. Carearbeit ist oft hart und wird, wie auch die Prostitution, immer mehr ein kaltes Geschäft, geprägt von effizienzbestimmter, allseitiger Ausbeutung, wobei letztere ermöglicht, was sonst nicht erlaubt ist. Carearbeit, insbesondere Soziale Arbeit hingegen schließt oft aus, diszipliniert, kontrolliert und normiert. Wir brauchen uns nur die aktuellen Situationen in den Pflegeheimen oder die Elendsverwaltung in der Sozialen Arbeit anschauen.
Die Mehrheit der Gesellschaft ist auch nach der „sexuellen Revolution“ immer noch der Meinung, dass die Umwandlung von Sex in eine Ware unmoralisch bzw. eine „Sünde“ sei. Sie stützen sich dabei hauptsächlich auf das säkulare Argument, dass Sex einen intimen Bereich betreffe, der nicht als Ware veräußert werden könne. Diese verklärte romantische Sicht auf Sex verschleiert die gesellschaftlichen Verhältnisse. Mit Michel Foucaults Sexualitätsdispositiv wurde nachgewiesen, dass die Regulierung des Sexes eine Technik der Maximierung des Lebens ist (Foucault 1995, 147f). Es geht um die Stärkung des Körpers, die Zeugungskraft und Nachkommenschaft der „herrschenden Klasse“ (ebd. 148). Sex ist im Kapitalismus umfassend geregelt und verfügt über eine wirtschaftliche Dimension: „Diese Regelung ist gegründet auf die Notwendigkeit, das Privateigentum durch Vererbung zu schützen“ (Ward 2007, 2). Dafür muss Sexarbeit außerhalb der Rechtsnorm gestellt werden, damit niemals Besitzansprüche aus der sexuellen Vereinigung mit einer Dienstleister_in entstehen können. Ebenso verhindert die moralische Sicht auf Sexarbeit ihre politische Einbettung in gesellschaftliche Veränderungen. So schreibt Viktor Klemperer in seinen Beobachtungen zur Münchner Räterepublik 1919, dass in einer Versammlung das Verbot der Prostitution mit einer sittlichen Erneuerung begründet wird. Diese sei notwendig, denn ‚Prostitution‘ wird nicht mehr sein, denn an ihr ist ja nur die Bourgeoisie schuld. „Die wissen, dass sie alle ums Geld heiraten müssen, da wollen sie vorher lieben und verführen die Töchter des Volkes. Das wird mit Überzeugung vorgetragen und findet lebhaften Beifall“ (Klemperer 2015). Bevor wir uns über die krude Definition von Prostitution, die diesem Gedanken zu Grunde liegt, lustig machen, sollten wir uns fragen, ob die aktuellen Rufe nach einem Prostitutionsschutzgesetz wirklich besser begründet sind oder nicht auch nur „lebhaften Beifall“ hervorrufen sollen.
Das Leben von Sexarbeiter_innen ist nur deshalb so hart und gefährlich, weil sie immer wieder aus moralischen Gründen kriminalisiert werden und Repressionen ausgesetzt sind. Wie viele entfremdet tätige Arbeitnehmer_innen, sind auch Sex- und Carearbeiter_innen in ihrer Arbeit unglücklich und würden sie verlassen, wenn sie eine Alternative sähen.

4. In einer freien Gesellschaft wird es Carearbeit und damit auch Sexarbeit geben

Davon gehe ich aus, weil Sex ein menschliches Bedürfnis ist, ein Bedürfnis nach Nähe, Zärtlichkeit, Berührung, Begehren, manchmal auch nach Schmerz und Leid. Er stillt Leidenschaft kann Tabus brechen und tut Verbotenes. Streben wir tatsächlich eine freie Gesellschaft an, in der alle nur noch liebevoll konditioniert miteinander kuscheln und die gleiche Vorstellung von Sex haben, wäre diese nicht frei, sondern normativ. Wenn wir uns eine „freie“ nicht kapitalistische Gesellschaft vorstellen können, dann ist in ihr jede faire Arbeit, also auch Sexarbeit, denkbar. Dies gilt auch für Carearbeit, denn es wird immer Menschen geben, die Unterstützung brauchen, wie Kinder oder alte Menschen und nicht in jedem Umfeld kann jemand gefunden werden, der diese Tätigkeiten freiwillig ausführen will oder kann. Interessanter wird es, wenn wir uns eine Gesellschaft denken, die auf den Tausch von Waren verzichtet und in der die Menschen aus einer Einsicht in die Notwendigkeit tätig werden. In dieser Utopie wären Carearbeit und Sexarbeit keine Lohnarbeit mehr und es zeugte von einem hohen Maß an solidarischer Verantwortung, wenn in ihr alle Formen von Bedürfnissen hinsichtlich ihrer Befriedigung thematisiert, verhandelt und befriedigt werden könnten. Im Umfeld von Trieb und Lust ist dies besonders schwierig, weil wir eigentlich nicht wissen, was freier Sex ist, da die Sicht auf Sexualität immer von Gewalt, Tabuisierung, Normierung, Interventionen, Verfolgung und Ächtung überlagert ist.

5. Sexarbeit als Zwang oder bezahlte Vergewaltigung zu bezeichnen, ist zutiefst unfeministisch

Zwangsprostitution gibt es nicht. Es gibt Nötigung, Freiheitsberaubung, Vergewaltigung, sexuelle Gewalt, Misshandlung und Missbrauch von Menschen. Das sind massive Straftaten, die es auch im Kapitalismus oder Neoliberalismus zu verfolgen gilt. Wenn zwei mündige Menschen sich auf ökonomischer Basis auf sexuelle Handlungen einlassen, hat niemand das Recht, dies aus seiner persönlichen moralischen Sicht als bezahlte Vergewaltigung zu bezeichnen. Damit stellt er nicht nur deren Mündigkeit in Abrede, sondern verharmlost auch noch ein Gewaltverbrechen und seine gravierenden Folgen, die niemand unversehrt über Jahre hinweg aushalten könnte. Ob und warum Menschen freiwillig entfremdet arbeiten, kann ich nicht sagen. Ich weiß aber, dass ich in der Psychiatrie als pflegerische Hilfskraft zu keinem Zeitpunkt freiwillig und ohne Ekel die Klos geputzt habe. Ich war den Herrschaftsverhältnissen ausgeliefert und hatte keine Rechte mich zu wehren. Trotzdem wurde dies von der Gesellschaft nicht als Zwangsarbeit, sondern als notwendiger Dienst rund um ein natürliches Bedürfnis von Menschen wahrgenommen. Zwangsverhältnisse in der Arbeitswelt sind ein generelles gesellschaftliches Problem und müssen dort gelöst werden. Sie rechtfertigen nicht das Verbot einer einzelnen Tätigkeit. Der Begriff „Zwangsprostitution“ verschleiert die massive Gewalt gegen und die Verachtung von Menschen und ist aus meiner Sicht in keiner Weise feministisch, sondern das Gegenteil. Er spielt den Herrschenden in die Hände und aktiviert, wenn vielleicht auch ungewollt, den alten patriarchalen Stereotyp, dass eine Frau nach der Vergewaltigung ihre Ehre verloren hat, indem er suggeriert, dass das Opfer über den Zwang zu einer Prostituierten oder drastischer ausgedrückt zu einer Hure wird.

6. Mein Vorschlag

Statt uns aus fehlgeleiteter Fürsorge oder bequemer Vereinfachung von komplexen Ursache- und Wirkungszusammenhängen innerhalb normativer sexualitätsfeindlicher Diskurse in eine unheilige Allianz mit rechtskonservativen Antifeminist_innen, der AfD und den besorgten Eltern zu begeben, sollten auch wir Feminist_innen für ein besseres Leben aller Menschen kämpfen. Es ist nicht unsere Aufgabe, uns unter dem Beifall der Mehrheitsgesellschaft am Thema Sexarbeit abzuarbeiten, sondern Prozesse von Armut und Prekarisierung zu verstehen und zu skandalisieren. Ausbeutungsverhältnisse sind, wie alle gesellschaftlichen Verhältnisse, von Menschen gemacht. Die Menschen sind ihnen in unterschiedlicher Weise unterworfen und sie haben darin qualitativ und quantitativ unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten.
Wir brauchen mehr organische Intellektuelle, um mit Antonio Gramsci zu sprechen, die innerhalb der antiintellektuellen hegemonialen Diskurse Verschiebungen vornehmen. Und wer wäre dafür besser geeignet, als die Sexarbeiter_innen selbst. Lasst uns die Macht, die wir als Wissenschaftler_innen, Journalist_innen oder Sozialpädagog_innen haben, nutzen, um den Sexarbeiter_innen eine Sprecher_innenposition zu verschaffen, damit sie durch das neue Prostitutionsschutzgesetz nicht wieder mundtot gemacht werden. Das sichert zwar nicht unsere Arbeitsplätze, aber wir sollten uns überlegen, in wessen Dienst wir ansonsten treten. Sexarbeiter_innen verstehen von dem Feld mehr als die traditionellen Intellektuellen, die oft auch nur von einer moralischen Position aus beobachten und werten.

Literatur

bufas e.V. (2015): Stellungnahme zum „Entwurf eines Gesetzes zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen” (Prostituiertenschutzgesetz, ProstSchG) des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Berlin. http://www.bufas.net/DOKUMENTE/bufas%20Stellungnahme%202015-09-10.pdf [12.03.2016].
Foucault, Michel (1999): In Verteidigung der Gesellschaft. Frankfurt am Main.
Gramsci, Antonio (1996): Gefängnishefte 10 Bd. (Hg.): Bochmann, Klaus/Haug, Wolfgang Fritz. Hamburg.
Klemperer, Viktor (2015): Man möchte immer weinen und lachen in einem: Revolutionstagebuch 1919. Hamburg.
Missy Magazine (2015): Run the World. 4/15. Berlin.
Sigusch, Volkmar (2013): Sexualitäten: Eine kritische Theorie in 99 Fragmenten. Frankfurt am Main.
Ward, Helen (2007): Marxismus versus Moralismus. Trend 7-8/ 07 onlinezeitung. http://www.trend.infopartisan.net/trd7807/t407807.html [21.02.2016].
Wersig, Maria (2015): “Regulierung der Prostitition: Es gibt keine einfachen Lösungen”, in: djbZ Zeitschrift des Deutschen Juristinnenbundes 1/2015, 47-49.
Zurhold, Heike (2005): Entwicklungsverläufe von Mädchen und jungen Frauen in der Drogenprostitution. Eine explorative Studie. Berlin.


3 Kommentare »

  1. Wow, gerade wenn man denkt “Schlimmer geht nimmer” wird man eines besseren belehrt: Schlimmer geht immer.

    Verklemmt, prüde, moralistisch usw hören wir uns AbolitionistInnen ja nun schon eine Weile an – interessant wenn man bedenkt, von wem das nordische Modell in Schweden erarbeitet und erkämpft wurde (Tipp: Feministinnen und Linke) Aber geschenkt.

    Namecalling interessiert mich schon lange nicht mehr.
    Was mich interessiert ist das Schicksal von Hunderttausenden von Frauen, die unter unserer aller Augen täglich vor die Hunde gehen. Frauen, meist Mitglieder ethnischer Minderheiten aus den Armenhäusern dieser Welt, müssen die Beine breit machen für die Befriedigung der HERRschaften dieses Landes. Auch arme, deutsche Frauen, meist mit sexueller Gewalterfahrung in der Kindheit gibt es noch “im Angebot”.

    “Sexarbeit ist Carearbeit” ist schon absurd genug – letztendlich geht Frau Schrader hier aber noch einen ganzen Schritt weiter. “Interessanter wird es, wenn wir uns eine Gesellschaft denken, die auf den Tausch von Waren verzichtet und in der die Menschen aus einer Einsicht in die Notwendigkeit tätig werden. In dieser Utopie wären Carearbeit und Sexarbeit keine Lohnarbeit mehr und es zeugte von einem hohen Maß an solidarischer Verantwortung, wenn in ihr alle Formen von Bedürfnissen hinsichtlich ihrer Befriedigung thematisiert, verhandelt und befriedigt werden könnten” – Also liebe Frauen: Nehmt keine Kohle mehr für den kommerziellen, sexuellen Missbrauch (denn das ist es, wenn eine Frau nur aufgrund von materieller Entschädigung zustimmt, und ohne Kompensation sexuellen Handlungen niemals zugestimmt hätte), sondern macht es ihm Umsonst. Care for him, zeigt Solidarität.

    Frau Schrader möge mir mal bitte den Feminismus dieser drei Aussagen erklären, vielleicht hab ich ja was relevantes übersehen”:

    1) “Die Dame scheint sich öfter mal was einzuwerfen, sie war auf jeden Fall ziemlich zugedröhnt. 50 Euro für GVO/FO/AVO ausgemacht. Gut an ihr ist, dass sie sich recht geil verbiegen lässt. Schlecht an ihr ist, dass sie doch recht sabbelig ist. Aber das wird wohl an dem Zustand, in dem sie sich befand gelegen haben.”

    2) “letzte Woche hatte ich Julia zu Besuch und war offensichtlich der glückliche Erste, der sich an der frisch eingetroffenen Polenjungsau vergehen konnte [...] Also direkt vornüber gebeugt, Höschen runter und von hinten ordentlich reingekloppt in das enge Schlitzchen [...] Irgendwann wurde es etwas mühsam, weil die kleine Sau auch noch ein Schwämmchen im Fötzchen hatte. Daher schnell zum Vaselinetopf gegriffen und der Maus das Polöchlein eingeschmiert, das ich dann gute 35 Minuten lang in allen erdenklichen Stellungen eingeritten und wund geknüppelt habe.”

    3)”An ihrem zweiten Tag gebucht, war sie natürlich noch etwas vorsichtig, wenn gar nicht unerfahren, hat jedenfalls versucht, die Schenkel möglichst beieinander zu halten … Wie süß!!! Da war natürlich energische Arbeit gefordert, um der Polenmaus trotzdem die Löcher ordentlich zu dehnen”

    Ihr könnt euch weiter belügen, ihr könnt weiterhin eine rassistische, sexistische und klassistische Institution verteidigen, ihr könnt mich weiterhin “konservativ”, “moralistisch” oder “prüde” nenenn, aber BITTE NENNT EUCH NICHT FEMINISTISCH!

    Comment by Manuela Schon — 25.03.2016 um 02:43

  2. Als mögliche Ergänzung noch der Link zum Abschlussbericht „Der Runde Tisch Prostitution Nordrhein-Westfalen“
    http://www.mgepa.nrw.de/mediapool/pdf/emanzipation/frauen/RTP_Abschlussbericht.pdf
    auf den Frau Claudia Zimmermann-Schwartz bei der Podiumsdiskussion zum Film „SEXarbeiterin“ in Köln hinwies.
    Vielleicht das einzige Dokument, dass auch irgendwelchen Zahlen etwas näher kommt, denn es gibt ja tatsächlich keinerlei belastbare Zahlen, wogegen mit hypothetischen Zahlen und sogar Dunkelziffern Politik und Meinungsmache betrieben wird.

    Viele Grüße,
    Dittmar

    Comment by Dittmar Steiner — 28.03.2016 um 16:20

  3. Zum Kommentar von Mauela Schon:

    Zum einen: es ist schon spannend, wie hier kniesehnenreflexartig gegendert wird (“Also liebe Frauen”, “Care for him”). Wenn wir schon in Utopien denken, spricht überhaupt nichts dagegen, dass Sexarbeit von Menschen aller Geschlechter sowohl angeboten als auch nachgefragt wird. Wie es übrigens heute selbstverständlich bereits der Fall ist, nur noch nicht gleichermaßen.

    Zum zweiten: Aus den Postings in Freierforen lässt sich schließen, dass es Leute gibt, die unter Pseudonym gern virtuelle Schwanzvergleiche mit Gleichgesinnten abhalten. Da werden aus fünf Minuten Mikado mit gekochten Spaghetti auch gern mal 35 Minuten “knüppeln”.

    Und natürlich gibt es auch wirklich nervige, drängelige Kunden in der Sexarbeit, wie in jedem anderen Dienstleistungs-Job auch. Das wird jede_r Sexarbeiter_in bestätigen. Damit umzugehen und das Verhalten solcher Kunden in vernünftige Bahnen zu lenken, ist Teil der von Kathrin Schrader erwähnten Verhandlung von Bedürfnissen, die vor der Befriedigung derselben steht.

    Sexarbeit ist sicher kein Job für jede_n. Sicher sind aufgrund vieler Faktoren, darunter Kapiltalismus, Partrarchat, Wohlstandsgefälle etc. derzeit viele Menschen in der Sexarbeit tätig, die anderweitig glücklicher und besser aufgehoben wären. All das macht aber Sexarbeit nicht inhärent problematisch oder wäre gar ein Grund für eine Kriminalisierung. Wenn diese grundlegenden Probleme gelöst würden, wären viele Menschen nicht mehr in dieser Branche tätig. Beim gleichzeitigen Abbau des Schlampen- und Hurenstigmas dafür viele andere, aus anderen Beweggründen. Und viele von uns würden ihren Job ganz ähnlich weiter machen wie bisher. Warum auch nicht?

    Comment by Undine de Rivière — 01.04.2016 um 00:52

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