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Bildung

Teilhabende und Ausgegrenzte in der Schule: Was macht den Unterschied?

20.06.2007, Wibke Derboven

Momentan gibt es eine breite Debatte über unterschiedliche Leistungen von Jungen und Mädchen in unserer Schule. Jungen gelten als weniger fleißig, weniger zielstrebig, weniger angepasst, etc.. Längst ist es eine soziale Tatsache, dass Schulversagen männlich ist. Eine Reformierung des deutschen Schulsystems scheint diese Debatte aber nicht zur Folge zu haben, eine Zementierung von Geschlechterdifferenzen dagegen schon. Deshalb ist es dringend notwendig, die Kategorie Geschlecht mit feldspezifischen Differenzlinien zu verzahnen.

Am Anfang waren es Statistiken. So bewegten 2002 z. B. Zahlen, die belegten, dass 65% der Schulabgänger/innen ohne Schulabschluss und 64% der Schüler/innen an Sonder – und Förderschulen männlich waren, die gesellschaftliche Debatte über bundesdeutsche Schulwelten (Dannenböck/Meidinger 2003). Dann wurde eine soziale Tatsache geschaffen: Schulversagen ist männlich. Der Zeitgeist gab dem Schulversagen ein Geschlecht. Der Spiegel Artikel “Schlaue Mädchen, Dumme Jungen – Sieger und Verlierer in der Schule” (Der Spiegel, 21/2004) war Ausdruck dieser gesellschaftlichen, binären Wahrnehmung. Schlaue Jungs schienen die Konsequenzen zu ahnen und werten sich postum. “Ich bin sieben Jahre alt und gehe in die zweite Klasse. Ich bin nicht dumm und auch kein Verlierer”, begann ein Leserbrief (Der Spiegel, 22/2004) zu diesem Artikel. Von solchen Leserbriefen sichtlich unberührt mehren sich seit dieser Zeit Artikel über männliche Schulversager und auch in meinem Bekanntenkreis ist es längst eine Selbstverständlichkeit, dass Jungen mehr Probleme in der Schule haben als Mädchen. In der Fachliteratur ist von “Boy Crisis” und “Jungenkatastrophe” die Rede. Dieser Botschaft etwas überdrüssig und zurückgreifend auf Batesons berühmte Sprachfigur frage ich mich schon seit längerem, ob Geschlecht im Kontext von Schule wirklich der Unterschied ist, der einen Unterschied macht. Und ich frage mich weiter, ob diese Unterscheidung geeignet ist, Gestaltungsmaßnahmen abzuleiten, die auf weniger Ausschlüsse und mehr Engagement und Lernfreude in den Schulen fokussieren.

Die Zahlen, die aufzeigen, dass Jungen häufiger als Mädchen ausgegrenzt werden und sich ausgrenzen lassen, gibt es und sie sollten auch nicht ignoriert werden. Sie sollten aber auch nicht in den Dienst einer unreflektierten Zementierung von Geschlechterdifferenzen gestellt werden. Die wesentlichen und vor allem gestaltungsrelevanten Unterscheidungen, die über Erfolg und Misserfolg in der Schule entscheiden, liegen immer noch im Verborgenen und werden eher verschleiert als in den öffentlichen Raum getragen, wenn man zu sehr auf die Kategorie Geschlecht fokussiert. So leicht die Kategorie Geschlecht auch zu operationalisieren ist – was ihrer Beliebtheit in den Sozialwissenschaften sicherlich zu Gute kommt-, so sperrig gebärt sie sich, wenn es um die Gestaltung unserer Welt geht. Die Gefahr der Reifizierung immer im Gepäck kann unsensibler Aktionismus die Geschlechterdifferenzen eher verstärken denn abbauen. Ich möchte genauer hinschauen und die kategoriale Brille meiner Wahrnehmung und Deutung um andere Kategorien erweitern. Es geht in erster Linie weniger um die Unterscheidung “Junge – Mädchen” im Schulsystem, sondern um die Unterscheidung “erfolgreiche Akteur/innen – erfolglose Akteur/innen”. Was sind aber die wirkmächtigen Differenzen, die im Kampf um Schulerfolg und Schulversagen, im Kampf um Teilhabe und Ausgrenzung wirken? Mit welchen Unterscheidungen müssen wir in die Analyse gehen, um daraus Konzepte zu entwickeln, die mehr Lernende zu Teilhabenden in der Schule und damit später auch in der Gesellschaft werden lassen? Es ist an der Zeit die Kategorie Geschlecht mit feldspezifischen Kategorien der Differenz zu verzahnen, damit sich in unserer Gesellschaft nicht das materialisiert, was man verhindern möchte – nämlich Geschlechterdifferenz. Die Geschlechterforschung hat – ausgelöst durch die Debatte um die Reifizierung – neue Wege der Kategorisierung in der wissenschaftlichen Forschung und für gesellschaftliche Debatten vor- und eingeschlagen und verschiedene Konzepte für eine komplexere Analyse entwickelt. Die Aussagen über Jungen in der Schule sollten nicht hinter diese Debatte zurückfallen. Vor diesem Hintergrund ist die Sichtbarmachung vielfältigster Kapitalien und Differenzlinien in der Lebenswelt “Schule” mehr als überfällig. In jüngster Zeit kann man zwar eine Verknüpfung der Kategorie “Geschlecht” mit der Kategorie “Schicht” und der Kategorie “Ethnie” beobachten, die unter bestimmten Rahmungen zu begrüßen wäre, derzeit aber eher Zuschreibungen und Vorurteile produziert. Der Trend zeichnet sich ab, dass Schulversager ein neues Label bekommen: männlich, aus der Unterschicht und mit Migrationshintergrund. Stereotypisierungseffekte sind vorprogrammiert, wenn man diese neue Differenzierung nicht in die Rahmung von struktureller Ausgrenzung, sondern in die Rahmung von elterlichen Erziehungsdefiziten stellt. Ein Blick auf feldspezifische Differenzlinien ist nach wie vor dringend notwendig.

Schaut man in den Bildungsbericht 2006 so lassen sich gestaltungsmächtige Differenzlinien jenseits des Geschlechts erkennen, wenn auch manchmal erst auf den zweiten Blick. So wird z. B. in dem Kapitel “Unterschiede nach Geschlecht” vor allem auf die höheren Sprachkompetenzen der Mädchen hingewiesen. Sprachkompetenzen scheinen ein Kapital darzustellen, welches nicht innerhalb des Systems angesammelt werden kann, aber für die Schullaufbahn von entscheidender Bedeutung ist und damit eine entscheidende Differenzlinie darstellt. Ebenso Geschlechter different aber weit weniger schulrelevant sind computerbezogene Kompetenzen. Im Bildungsbericht wird fest gehalten, dass Jungen insgesamt besser mit dem Computer umgehen als Mädchen. Gleichzeitig wird deutlich, dass der Umgang mit dem Computer weitgehend außerhalb der Schule erlernt wird und dass diese Kompetenz – obwohl in außerschulischen Lebenswelten äußerst wichtig – keine entscheidende Kapitalie und damit Differenzlinie für einen generellen Schulerfolg darstellt. Will man Teilhabe gerechter gestalten, darf Schule bei schulischen Kernkompetenzen weder auf den Lernort “Freizeit” vertrauen noch wesentliche gesellschaftliche Kompetenzen komplett aus der Bewertungslogik ausblenden.

Insgesamt scheint unser Schulsystem offensichtlich besonders ungeeignet zu sein, mit Differenz umzugehen. In der Schule haben sprechende, schreibende und lesende Tätigkeiten Vorrang vor allen anderen. Der Umgang mit zeitgemäßen Werkzeugen führt ein Schattendasein. Damit wird vorherrschend auf bürokratische Lebenswelten vorbereitet und damit einhergehend werden “bürokratische Lernstile” stark begünstigt und einseitig gefestigt. Und dies obwohl in der Lernforschung seit langem bekannt ist, dass diese Art des Lerners eher passives Wissen erzeugt und wenig geeignet ist “Selbstwirksamkeit” zu konstruieren. Und was ist mit Kindern, die andere Lernstile in ihrer Lebenswelt ausgebildet haben? Kinder, die eher einen praktischen denn einen theoretischen Sinnhorizont entwickelt haben. Diese Kinder werden stark benachteiligt, egal ob Junge oder Mädchen, und dies obwohl gerade praktisches und weniger theoretisches Handeln in vielen Lebensbereichen die Expertin/den Experten ausmacht. Vor dem Hintergrund von gleichwertiger Verschiedenartigkeit und struktureller Ungleichstellung, gibt es jenseits vom Geschlecht wirkmächtige Dimensionen, die helfen, sowohl die Inhalte, die Didaktik als auch die Bewertungslogiken neu zu beleuchten. Diese Dimensionen müssen in ihrer Vielfalt und relationalen Bedingtheit diskutiert und in entsprechende Strukturen und vor allem soziale Praktiken transformiert werden. Vor dem Hintergrund der derzeitigen Selektionslogik in unserem Schulsystem eine wirkliche Herausforderung!

Literatur:

Dannenböck, Kornelia & Meidinger, Heinz-Peter (2003): Geraten Jungen in unserem Bildungssystem immer mehr ins Abseits? In: Das Magazin für Gymnasium und Gesellschaft, 3, S. 8-14.


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