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Die Schleckerfrauen: Der Kapitalismus kennt keine Moral

29.04.2012, Kersten Artus

Die Schlecker-Pleite, Folge einer jahrelangen verfehlten Unternehmenspolitik, bedroht die Existenzen zehntausender Menschen, vor allem Frauen. Die Gründung einer Transfergesellschaft scheiterte am Widerstand der Neoliberalen. Doch auch die Gewerkschaften haben Fehler gemacht. Die Schlecker-Pleite sollte Anlass sein, über eine neue Standortpolitik, über persönliche Managerhaftung, mehr betriebliche Mitbestimmung und eine Reform der staatlichen Leistungen in Richtung einer repressionsfreien, existenzsichernden Grundleistung nachzudenken. Außerdem weist sie auf ein kommendes Problem hin, das uns in Zukunft immer mehr beschäftigen wird: die massenhafte Altersarmut vor allem von Frauen durch immer mehr Kurzfrist-, Teilzeit- und Minijobs.


Schlecker am Kattrepel im Hamburger Kontorviertel ist eigentlich immer schlecht besucht gewesen. Das lag nicht am Ruf der Drogerie, sondern dass der Kattrepel eine um 150 Meter tief im Schatten der Einkaufsmeile Mönckebergstraße gelegene kleine Straße ist. Die Verkaufsstelle dort ist Sinnbild für die Krise, die den Schlecker-Konzern eingeholt hat.
Wahllos hatte der Drogeriebetreiber Läden eröffnet, auch an Orten, von denen klar war, dass sie nicht das einbringen, um dem Imperium Profit zu sichern. Aber getreu dem Motto: Masse statt Klasse wurde die Marktführer-Strategie fortgesetzt. Die Opfer sind: Vorwiegend ältere und gering qualifizierte Frauen. Auch Schleckers Vermögen ist futsch, angeblich.
Von 240 Angestellten in Hamburg droht etwa 120 der Arbeitsplatzverlust, 64 davon sind bereits gekündigt. Bundesweit sind es von insgesamt 27.500 ca. 11.000 Beschäftigte, deren Arbeitsplätze Ende März verloren gegangen sind. Am 8. März 2012, dem Internationalen Frauentag, demonstrierte ein Teil der Betroffenen durch die Stadt, begleitet von Gewerkschafterinnen, die an diesem Tag ohnehin auf der Straße waren. Linke und sozialdemokratische Abgeordnete der Hamburgischen Bürgerschaft zeigten sich solidarisch, Sozialsenator Detlef Scheele sagte Unterstützung zu – auch für eine Transfergesellschaft. Mit 70 Millionen Euro hätte sie die Folgen für die Schleckerfrauen abfedern können.
Der Plan: Die Bundesländer übernehmen das Kreditrisiko, die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau würde ein Darlehen geben. Der Erfahrung nach hätte mindestens jede zweite Verkäuferin dadurch wieder in Arbeit vermittelt werden können.
Auch die Gewerkschaft Verdi und die Betriebsräte kämpften für dieses Modell. Gleichzeitig versuchten sie sich in einer Imagekampagne: Schlecker ist besser als sein Ruf, die Arbeitsbedingungen gar nicht so schlecht, es gibt Tarifverträge und eine Interessenvertretung. Maßgeblicher Grund: Die Suche des Insolvenzverwalters Arndt Geiwitz nach einem Käufer. Das Unternehmen soll solide erscheinen. Den Seelen der Betroffenen und dem Zusammenhalt tat die Kampagne gut. Marktkenner hingegen benötigen sie nicht. Der seit Jahren anhaltende Preiskampf der Drogeriebranche, diese größte anzunehmende Unvernunft, über schnellen Absatz Erfolg zu generieren, wird seit langem mit Sorge betrachtet. Preiskämpfe sind wie übermütiges Hüpfen auf Glatteis: Die Gefahr des Ausrutschens ist hoch, wenn die Balance verloren geht. Viele Preise bei Schlecker galten als zu hoch, der Eigenmarkenanteil als zu gering.
Transfergesellschaften sind bei den Grahlshütern der radikalen Marktwirtschaft unbeliebt: Die Aufgefangenen stehen dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung. Es wird einerseits Kurzarbeitergeld gezahlt, andererseits fortgebildet. Dafür klagen diejenigen nicht beim Arbeitsgericht, die in die Gesellschaft eintreten, das Unternehmen zahlt im Normalfall weiterhin Sozialversicherungsabgaben. Transfergesellschaften sind ein Notgriff, bevor der Abgrund namens Arbeitslosigkeit einen verschluckt. Vizekanzler und FDP-Vorsitzender Rösner hingegen plädierte für eine schnelle Anschlussverwendung der Schleckerfrauen und produzierte damit den Top-Favoriten zum Unwort des Jahres.
Die FDP gibt Verdi eine Mitschuld an der Situation von Schlecker: Die Gewerkschaft hätte schließlich zum Boykott der Märkte aufgerufen. Das ideologische Getöse war zu erwarten. Einerseits trifft zu: Verdi hatte 2009 auf den unsozialen Expansionskurs von Schlecker aufmerksam gemacht. Schlecker hatte Filialen geschlossen und neue, so genannte XL-Filialen, eröffnet. Die dort Wiedereingestellten verdienten um die Hälfte weniger, ca. 1000 Euro brutto. Andererseits war es Verdi gelungen, die Beschäftigten zu mobilisieren, Tarifverträge und Betriebsräte durchzusetzen und somit zur inneren Stabilität des Unternehmens beizutragen. Dies ist heute ein großes Pfund bei den Verkaufsverhandlungen des Insolvenzverwalters.
Verdi hat sich in der konkreten Situation aber leider auch als wenig kompetent dargestellt. Die Gewerkschaft strebt an, dass das Unternehmen als Ganzes erhalten bleibt. Das ist eine zwar identitätsbildende, aber eher unrealistische Forderung, ist doch das großsüchtige Schlecker- Geschäftsmodell soeben gescheitert. Und wie die Parole der Hamburger Verdi zu verstehen ist, dass keine Jobs durch Managementfehler verloren gehen dürfen, erklärt sich ebenfalls nur durch Hilfslosigkeit und dem Wunsch, in den Medien zitiert zu werden. Es stellt sich eher die Frage nach neuen Jobs, nach sicheren Arbeitsplätzen.
Das Ende von Schlecker und damit die massenhafte Vernichtung von Arbeitsplätzen war vorauszusehen. Der Markt reguliert sich. Das macht er seit zwei Jahrhunderten so und nennt sich ruinöser Wettbewerb. Moral und tröstende Worte reichen daher nicht aus. Den Frauen muss geholfen werden, darin liegt die Verantwortung des Staates und der unfähigen Manager. Der Zynismus der FDP sollte als letztes Aufstöhnen einer untergehenden Partei verhallen. Es müssen dringend Konzepte für eine Strukturpolitik her, die in einer Region dafür sorgen, dass Opfer von Arbeitsplatzvernichtung neue Jobs bekommen. Hier könnte der Deutsche Gewerkschaftsbund einen wichtigen Beitrag leisten. Das ist nicht Aufgabe eines Fachbereichs einer Dienstleistungsgewerkschaft. Standortpolitik könnte neu erdacht werden, weniger auf Wachstum, mehr auf Lebensqualität. Die Entwicklung der Metropole birgt Chancen, auch wenn durch den zu erwartenden Zuzug Jüngerer – im Jahr 2030 werden ca. 100.000 mehr Menschen in Hamburg leben als heute – die Arbeitsplatzkonkurrenz unter den Generationen steigt. Der Fachkräftemangel in einigen Branchen, der Gesundheit als Wachstumsmarkt beispielsweise, weist jedoch Wege auf.
Warum die Schleckerfrauen dringend Hilfe und Solidarität benötigen, liegt folgenden Fakten zugrunde: Millionen Frauen müssen befürchten, im Alter arm zu werden. Grund sind die Teilzeit- und Minijobs, in denen vor allem Frauen tätig sind. Eine Rechnung, die die Bundesregierung nach einer aktuellen Anfrage der linken Bundestagsfraktion aufgestellt hat: Pro Jahr der Beschäftigung in einem Minijob wird ein Rentenanspruch von 3,11 Euro erworben. Macht nach 45 Versicherungsjahren 139,95 Euro. Auch die Teilzeitarbeit vieler Frauen, auch die von Schlecker, wirken sich armutsgefährdend aus. Der Gleichstellungsbericht der Bundesregierung mahnt daher zu Recht an, Minijobs abzuschaffen. Derzeit beträgt die Durchschnittsrente von Frauen 535 Euro. Plus anderen Einkünften lebt eine Frau im Alter von 1.188 Euro, mit abnehmender Tendenz. Und das nach einem Erwerbsleben, nach Jahren der Erziehung von Kindern. Expertinnen und Experten gehen zudem von einer weiteren Absenkung der Vollzeitarbeitsplätze aus. Bereits heute erfolgt jede zweite Neueinstellung nur befristet. Der Weg für eine existenzsichernde Zukunft von Frauen muss daher stringent und schnell eingeschlagen werden. Hinzu kommen gesetzliche Weichenstellungen auf Bundesebene. Dies verlangt grundsätzliche Änderungen in unserem Sozialsystem und eine Kampfansage an die gesellschaftliche Vorteilsnahme des Mannes.
Das Hartz-IV-System hat in den letzten sechs Jahren die Lage verschärft, die Einkommensschere weiter geöffnet, Dumpinglöhnen und prekären Arbeitsbedingungen Vorschub geleistet. Es gehört durch eine existenzsichernde, repressionsfreie Grundleistung ersetzt. Weiterhin gehören die persönliche Managerhaftung und die Erweiterung der betrieblichen Mitbestimmung auf die wirtschaftlichen Entscheidungskompetenzen gesetzlich geregelt und die Umverteilung der Arbeit durch Arbeitszeitverkürzung in den Fokus.
Bis Pfingsten sollen neue Eigentümer für Schlecker gefunden werden. Entscheidend, sagt Insolvenzverwalter Geiwitz, ist der Kaufpreis. Auch das ist ein Gesetz des Kapitalismus.


1 Kommentar »

  1. Vielen Dank für den Beitrag.

    Nur eine Anmerkung: Ich wundere mich immer, wenn die Verkäufer_innen bei Schlecker pauschal als “gering qualifiziert” klassifiziert werden. Wegen Mangel an Personal waren viele Verkäufer_innen oft allein in den Filialen und mussten so auf sich gestellt ein ganzes Geschäft führen. Auch werden die Qualifikationen, die mensch für solch ein Job in der (weiblich dominierten) Dienstleistungsbranche braucht, häufig einfach vorausgesetzt und somit nicht als Qualifikation klassifiziert, z.B. die so genannten “soft skills”.

    Comment by Magda — 30.04.2012 um 18:31

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