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Interventionen

Frauenrevolution in Rojava – und hier?

12.04.2015, Ellen Jaedicke

„Vielleicht ist dies das erste Mal in der Geschichte, dass Frauen eine solch aktive Rolle in der Organisierung einer Revolution gespielt haben. Sie kämpfen an der Front, fungieren in Kommandopositionen und nehmen an der Produktion teil. Es gibt keinen Ort in Rojava, an dem keine Frauen zu sehen sind. Sie sind überall und ein Teil von allem.“ Dies schreiben Anja Flach u.a. in dem neu erschienenen Buch „Revolution in Rojava. Frauenbewegung und Kommunalismus zwischen Krieg und Embargo“. Auch die Mainstream-Medien richten seit Ende 2014 ihre Aufmerksamkeit auf diese Frauen, die eine wesentliche Rolle spielen in den demokratischen Aufbrüchen im nördlichen Syrien. Was heißt das eigentlich für uns und hier?

Die Geschichte der Gegenwart – Anfänge der Frauenorganisierung

Als es am 19.7.2012 gelingt, die letzten Reste der maroden Staatsregierung Assads aus Rojava (Nordsyrien) zu vertreiben, kann die Bevölkerung auf viele Jahre Erfahrung politischer Organisierung zurückgreifen. Das gilt gerade auch für die Frauen. Schon in den 1980er und 1990er Jahren beteiligten sich tausende Frauen an der sogenannten Volksarbeit der kurdischen Befreiungsbewegung, bei der die Mitarbeiterinnen von Haus zu Haus gehen, jede einzelne Frau besuchen und in die Arbeit einbinden. Und auch damals fanden schon regelmäßig Bildungsarbeiten und Frauenversammlungen statt.

Rojava wird heute von der dort lebenden Bevölkerung im Sinne der „Demokratischen Autonomie“ selbst verwaltet. Das Konzept basiert auf den Ideen Abdullah Öcalans, die er in den vergangenen 15 Jahren in seinen Gefängnisschriften veröffentlichte. Es wurde von der kurdischen Bewegung aufgegriffen, intensiv diskutiert und schließlich 2005 als neues Paradigma ausgerufen. Seinen Kern bilden Rätestrukturen, in denen sich die Gesellschaft von unten nach oben organisiert. Frauen sind sowohl in allen gemischten Einheiten dieser Organisierung als auch parallel dazu autonom organisiert.

Teil dieser Selbstverwaltung ist ein großes Netzwerk an Bildungseinrichtungen. „Denn es geht nicht darum, die Regierung zu wechseln, sondern die Geisteshaltung der Bevölkerung zu ändern, die Revolution in die Gesellschaft zu tragen“, zitiert Janet Biehl einen Aktivisten aus der Rätestruktur. Alle, die in den Strukturen aktiv mitarbeiten, nehmen an den wöchentlich stattfindenden Bildungsveranstaltungen teil. Inhaltlich geht es um die Reflexion und Weiterentwicklung der eigenen politischen Arbeit und die Aneignung von Wissen über z.B. Geschichte, Frauenbefreiung, politisches Weltgeschehen und die Demokratische Autonomie. Darüber hinaus werden Denk- und Analyseformen des HERRschenden Wissensregimes zu überwinden versucht. Es wird ganzheitliches Denken und Begreifen der Geschichte und der revolutionären Prozesse gelernt. „Es wird nicht der Augenblick, sondern die Geschichte, nicht das Individuum, sondern die Gesellschaft analysiert.“ (Abdullah Öcalan auf dem Parteikongress der PKK 1986)

Auch in den Frauenakademien geht es neben Auseinandersetzungen über Sexismus und Frauengeschichte nicht um klassische Wissensvermittlung. Die Teilnehmerinnen sollen sich selber als Subjekte verstehen lernen und darüber die Kraft entwickeln, zu diskutieren und Dinge aufzubauen.

Freie Gedanken und Freier Wille – das Konzept der Frauenbefreiung

Autonome Frauenorganisierung, egal ob in Rojava oder hier in der BRD, eröffnet Frauen Frei- und dadurch Lernräume, in denen sie einen eigenen Willen entwickeln sowie Bewusstsein und eigene Stärke entdecken können. Darüber hinaus haben Frauen in Rojava durch die autonomen Frauenstrukturen auf allen Ebenen der gesellschaftlichen Organisierung – sei es in Rätestrukturen, Frauenakademien, Frauenkooperativen im Bereich der Ökonomie oder in autonomen Selbstverteidigungseinheiten – den Raum, über sich selber zu entscheiden. Ihre Organisierung wirkt in den Rest der Gesellschaft. Abgesehen von ersten Schritten im Wandel des patriarchalen Geistes aller, gibt es institutionelle Errungenschaften, wie zum Beispiel die 40-prozentige Geschlechterquote, die in den gemischten Räten und allen anderen institutionellen Organisationen eingehalten werden muss. Ebenso werden alle Strukturen mit einer Doppelspitze, d.h. einem Mann und einer Frau, besetzt. Aber erkämpft wurde vor allem, dass Gewalt gegen Frauen gesellschaftlich geächtet wird. Sie wird öffentlich gemacht durch die Frauenzentren und -räte und notfalls auch mit Hilfe der gerichtlichen Instanzen verfolgt.

Dadurch, dass ein Großteil der Haushalte in den Rätestrukturen mitarbeitet, ist auch die Situation jeder Familie, ihr Alltagsleben in den Räten präsent und lässt Gewalt gegen Frauen und Kinder kaum im Verborgenen. Auch wenn Gewalt nicht gänzlich aus dem Leben verbannt werden konnte, so wird dennoch im Vergleich zu früher viel Gewalt verhindert, durch den hohen Status der Frauen und der Frauenbefreiung und eine Öffentlichkeit, in der die Gesellschaft ihren Alltag miteinander lebt und organisiert.

Und auch hier wiederum spielen viele lange Jahre der Auseinandersetzung eine große Rolle, bis sich das Bewusstsein dafür durchsetzte, dass die Freiheit einer Gesellschaft untrennbar mit der Freiheit der Frauen verbunden ist. Bereits 1987 begannen die Diskussionen um patriarchale Unterdrückung und Frauenbefreiung und es gab erste Ansätze von Frauenorganisierung innerhalb der PKK. Diese entwickelten sich weiter über die Bildung autonomer Frauenverteidigungseinheiten im Jahr 1993. Am 8. März 1998 wurden mit der Frauenbefreiungsideologie die Grundprinzipien der sozialen Revolution durch Frauen im Rahmen von fünf Prinzipien festgelegt. Dazu gehört das Prinzip freier Gedanken und des freien Willens, d.h. der Notwendigkeit, sich unserer Prägung durch das patriarchale System bewusst zu werden und eigene Gedanken und einen eigenen Willen entwickeln zu lernen.

Solidarität mit den kämpfenden Frauen in Rojava heißt: Organisierung hier!

Solidarität hat viele Gesichter. Erforderlich ist sie gerade dringend vor Ort in materieller Form, um die Not der Flüchtlinge in dieser Region zu lindern und die Versorgungslage in Rojava, die durch das wirtschaftliche und politische Embargo von Seiten der Türkei und des Nordiraks katastrophal ist, zu verbessern. Ebenso braucht es die Schaffung einer Öffentlichkeit, die eine internationale Anerkennung von Rojava und den dortigen demokratischen Aufbrüchen voranbringt und auch die Kriminalisierung der kurdischen Bewegung hier, durch das PKK-Verbot, stoppt.
Und Solidarität heißt ebenso, hier in der BRD etwas aufzubauen, was gesellschaftliche Umbrüche anstößt. Dass unsere Lage als Frauen hier misslich ist, d.h. unsere Gesellschaft noch immer patriarchal strukturiert ist, machte u.a. der Bericht über Gewalt gegen Frauen in der EU 2014 einmal mehr sichtbar. Anstelle einer kraftvollen Frauenbewegung sind seit den 1990 Jahren wenig sichtbare feministische Organisierungen getreten. Der Individualismus hat sich durchgesetzt. Wir leben vereinzelt und so sehen unsere Kämpfe auch überwiegend aus. Insbesondere junge Frauen wissen heute nicht mehr, was ihre Betroffenheitslage sein soll, weil von offizieller Seite die Doktrin der Gleichstellung herrscht. Es bedarf neuer Aufbrüche, die die Frauenbefreiung nicht einem System überlassen, das von kapitalistischer Verwertungslogik dominiert wird. So wurden von Frauen erkämpfte Errungenschaften wie z.B. autonome Frauenhäuser staatlich vereinnahmt und damit von ihren politischen emanzipatorischen Ansprüchen auf eine soziale Funktion reduziert.

Ausgangspunkt können Überlegungen dazu sein, was das Konzept der Frauenbefreiung der kurdischen Bewegung für unsere Situation bedeuten oder wie die Demokratische Autonomie für unsere Realität übersetzt werden könnte.

Eine Gruppe Internationalistinnen machte sich 2010 auf den Weg in die Kandil-Berge nach Südkurdistan, um dort von den Guerilla-Kämpferinnen der PKK mehr über ihre Organisierung und Ideologie zu erfahren. In dem Buch „Widerstand und gelebte Utopien“ veröffentlichten sie zahlreiche der dort gemachten Interviews und beschreiben in ihrem Fazit, was sie als Anregungen für feministische Kämpfe hier mit auf den Weg nahmen. Organisierung und Selbstverteidigung waren Aspekte darin. Ja, viele von Frauenbewegungen erkämpfte Errungenschaften sind verloren gegangen, weil wir nicht in der Lage waren, sie zu verteidigen. Verteidigung bedeutet Kollektivität und braucht Organisierung. Organisierung wiederum bedarf einer Utopie, die beschreibt, was das Ziel der Kämpfe sein sollte und einen Maßstab, an dem wir überprüfen, ob wir mit unserer jeweiligen Praxis noch auf dem richtigen Weg sind.

Lasst uns autonome Frauen*orte schaffen, an denen wir zusammenkommen, uns gemeinsam bilden, die Situation hier verstehen und Utopien und Strategien für unsere Kämpfe entwickeln können – für ein freieres Leben. Lasst uns lernen von anderen kämpfenden Bewegungen und hier einen Prozess ins Rollen bringen, um wieder zu einer kraftvollen Frauen*bewegung zu werden!

Literatur

Biehl, Janet: Revolutionäre Bildung. http://www.biehlonbookchin.com/revolutionary-education/
Flach, Anja; Ayboga, Ercan; Knapp, Michael: Revolution in Rojava. Frauenbewegung und Kommunalismus zwischen Krieg und Embargo. VSA-Verlag, 2015.
Herausgeberinnenkollektiv: Widerstand und gelebte Utopien. Frauenguerilla, Frauenbefreiung und Demokratischer Konföderalismus in Kurdistan. Mezopotamien Verlag, 2012.
Öcalan, Abdullah: Befreiung des Lebens. Die Revolution der Frau. Mezopotamien Verlag, 2013.


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