Navigation




Arbeit

Ist Reproduktionsarbeit wertproduzierende Arbeit?

14.05.2013, Stefan Paulus

Inwiefern Reproduktionsarbeit in den Wertbildungsprozess eingeht, war ein wesentlicher Streitpunkt in der sogenannten Hausarbeitsdebatte: die Diskussion um den „richtigen“ Anschluss an die Marxsche Theorie. Die in den 1960er Jahren gestellte Frage hat auch heute nichts an Aktualität eingebüßt und wird derzeit wieder aus unterschiedlichen Perspektiven und theoretischen Zugängen diskutiert. Meine Studie „Hausarbeitsdebatte Revisited. Zur Arbeitswerttheorie von Haus- und Reproduktionsarbeit“ widmet sich der Hausarbeitsdebatte und stellt verschiedene Antworten auf die oben gestellte Frage dar. Im Folgenden Artikel möchte ich jedoch weniger auf die unterschiedlichen Perspektiven eingehen, sondern ein Schlaglicht auf diese Frage im Anschluss an die Marxsche Werttheorie skizzieren.

Im Wesentlichen bezieht sich der marxistische Begriff der Reproduktion der Arbeitskraft auf menschliche Tätigkeiten, die außerhalb der Lohnarbeit verrichtet werden, die dem Erhalt und der Wiederherstellung der individuellen Arbeitsfähigkeit dienen. Er bezieht sich auf die generative Reproduktion sowie auf Tätigkeiten, welche die Erziehung und Bildung von künftigen Arbeitskräften zum Gegenstand haben. Dieser relativ allgemeine Begriff von Reproduktionsarbeit wird von den Protagonist_innen der Hausarbeitsdebatte im Wesentlichen getragen. Allerdings konnten die Schlussfolgerungen kaum unterschiedlicher sein. Anfang der 1980er Jahre hat dies zu der Reflexion geführt, dass die Hausarbeitsdebatte als gescheitert, als „unvollendete Aufgabe einer marxistischen Fassung der Frauenfrage“ (Dietrich 1984) sowie als eine „unglückliche Ehe von Marxismus und Feminismus“ (Hartmann 1979) betitelt wurde. Dennoch möchte ich einen Blick auf die Thesen von Gardiner/Himmelweit/Mackintosh (1975) und Seccombe (1975) werfen, da diese mir geeignet erscheinen die oben gestellte Frage aus marxistischer Perspektive zu beleuchten. Diese Thesen besagen, dass Hausarbeit Bestandteil der relativen Wertform der Arbeitskraft ist und dass Hausarbeit den Wert der Arbeitskraft senkt. Im Folgenden möchte ich mit Bezug auf die Marxsche Arbeitswerttheorie diese Thesen erläutern und bewerten:
Aufgrund des kapitalistischen Herrschaftssystems verkaufen Lohnabhängige ihre Arbeitskraft und erhalten dafür das, was zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft erforderlich ist. Der Lohn erscheint als Bezahlung für den gesamten Arbeitstag. Dabei zerfällt der Arbeitstag in zwei Teile: In die notwendige Arbeit, die Lohnabhängige leisten, um ihr Lohnäquivalent zu produzieren, und in die darüber hinaus gratis geleistete Mehrarbeit, um den Mehrwert zu produzieren:



Der Erwerbsarbeitstag

Eine kapitalistische Wirtschaftsform ist rational nur sinnvoll, wenn in der von Lohnabhängigen erschaffenen Ware ein Wert verbleibt, der größer ist als die Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft. Damit die Reproduktion des Kapitalkreislaufs profitabel ist und am Ende eines Zyklus mehr Wert verbleibt, als investiert wurde, müssen die Arbeitskräfte den Waren mehr Wert zusetzen als sie selbst wert sind. Durch diese Logik wird den direkt Lohnabhängigen ein Lohn unterhalb des eigentlichen Subsistenzniveaus gezahlt. Reproduktionsarbeit hilft auf das Niveau der Subsistenz zu gelangen und den Wert, der zum Lebensunterhalt benötigt wird, zu verkleinern bzw. den Mehrwert zu vergrößern. Die Analyse von Reproduktionsarbeit muss daher unter diesem Blickwinkel die Aufteilung der gesamtgesellschaftlich notwendigen Arbeit auf den Ebenen der absoluten versus der relativen Mehrwertproduktion berücksichtigen (vgl. MEW 23: 331ff):



Absolute versus relative Mehrwertproduktion

Die Höhe der Mehrarbeit variiert zwischen Gesellschaftsformation, Entwicklungsniveau der Produktivkräfte und Arbeitsproduktivität. Je höher die Arbeitsproduktivität desto größer die Mehrarbeit, desto höher der private Reichtum, der durch die Besitzer_innen der Produktionsmittel angeeignet wird. Um den Anteil der Mehrarbeit an dem gesamten Arbeitstag zu vergrößern, kann die Verlängerung des Arbeitstages erhöht werden:



Absolute Mehrwertproduktion

Die notwendige Arbeitszeit zur Erwirtschaftung des Lohnäquivalents zur Reproduktion bleibt konstant. Diese Form der Mehrwertproduktion wird von Marx als absolute Mehrwertproduktion bezeichnet, da der Arbeitstag im Vergleich zur Ausgangssituation absolut verlängert wird.
Weil die absolute Mehrwertproduktion eine natürliche Schranke – 24 Stunden Arbeitstag, Vernutzung der Arbeitskraft bis zum Tod – besitzt, kann kein maximaler Profit durch absolute Mehrwertproduktion akkumuliert werden. Daher ist die kapitalistische Akkumulationsdynamik auf die Regulation der absoluten Mehrwertproduktion angewiesen und die Mehrwertproduktion kann nur relativ sein. Das heißt, die absolute Mehrwertproduktion und die Verlängerung der täglichen Arbeitszeit besitzen biologische und in der bürgerlichen Gesellschaft ethische bzw. klassenkämpferische Grenzen, die in der gesetzlichen Regelung der Länge des Arbeitstages sowie in der physischen und psychischen Regeneration der Ware Arbeitskraft münden (vgl. MEW 23: 192-330). Das bedeutet, bei der relativen Mehrwertproduktion bleibt die gesamte tägliche Arbeitszeit von 8 Stunden konstant, während sich der Anteil der notwendigen Arbeitszeit bezogen auf die tägliche Arbeitszeit absolut und relativ reduziert:



Relative Mehrwertproduktion

Die Verdichtung vollzieht sich einerseits durch Kooperation, Arbeitsteilung, Maschinerie und Geschicklichkeit der Lohnabhängigen. Andererseits kann die Produktivität der Arbeitskraft sich steigern, wenn die Lohnabhängigen gesund und ausgeruht sind und die nötige Disziplin bzw. Selbstverantwortung besitzen, sodass Lohnabhängige in kürzerer Zeit den Gegenwert ihres Arbeitslohnes produzieren können. Dadurch wird die Spanne der Mehrarbeit ohne Verlängerung des Arbeitstages vergrößert und die Spanne für die notwendige Lohnarbeit verkürzt.

Ein Rückgang der notwendigen Arbeit wird über die Minimierung der Reproduktionskosten der Arbeitskraft realisiert. Relative Mehrwerterhöhung bezieht sich auf eine Verbindung der Produktions- und Reproduktionssektoren, indem eine Verbesserung der Maschinerie und eine Steigerung der Produktivität in der Konsumgüterindustrie, hergestellt sowie durch unentgeltliche Reproduktionsarbeiten ein Produktivitätszuwachs durch Verkürzung der für die Reproduktion der Arbeitskräfte notwendigen Arbeitszeit realisiert wird. Dadurch sinkt der relative Anteil der notwendigen Arbeit an der Gesamtarbeitszeit. Analog steigt der absolute und relative Anteil der unbezahlt angeeigneten Mehrarbeit (vgl. MEW 23: 542-552):



Reproduktionsarbeit und Mehrwert

Zusammenfassend bedeutet das, dass Reproduktionsarbeit zwar keine wertproduzierende Arbeit ist und keinen Profit produziert, aber Lohnarbeit durch Reproduktionsarbeit produktiver wird. Anders gesagt, trägt unbezahlte Reproduktionsarbeit zur Minderung der Kosten zur Realisation des Mehrwerts bei, weil Reproduktionsarbeiten die Kosten der Reproduktion der Arbeitskraft verbilligen. Deshalb wird den Lohnabhängigen auch ein Lohn unterhalb des eigentlichen Subsistenzniveaus gezahlt. Folglich sind Reproduktionsarbeiten für „die Wiederherstellung der geschundenen Arbeitskraft und als spezifische Ausbildung zukünftiger Arbeitskräfte Voraussetzung für die Produktion relativen Mehrwerts“ (Redaktionskollektiv Autonomie 1985: 208). Abschließend lassen sich unbezahlte Reproduktionsarbeiten im Anschluss an die Marxsche Werttheorie insofern bestimmen, dass sie in den Wertbildungsprozess eingehen.

Literatur

  • Dietrich, Gabriele 1984: Die unvollendete Aufgabe einer marxistischen Fassung der Frauenfrage. In: Geschlechterverhältnisse (Argumentsonderband 110), Berlin, S. 24-64
  • Gardiner, Jean/ Himmelweit, Susan/Mackintosh, Maureen 1975: Women’s Domestic Labour. In: Conference of Socialist Economists Bulletin, Nr. 11, S. 1-11
  • Hartmann, Heidi 1979: The Unhappy Marriage of Marxism and Feminism: Towards a more Progressive Union. In: Capital & Class, vol. 3, Nr. 2, S.1-33
  • MEW 23: Marx, Karl 1867: Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band, Berlin (1975)
  • MEW 24: Marx, Karl 1885: Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie. Zweiter Band, Berlin (1975)
  • Paulus, Stefan 2013: Hausarbeitsdebatte Revisited. Zur Arbeitswerttheorie von Haus- und Reproduktionsarbeit, TUHH
  • Redaktionskollektiv Autonomie 1985: Klassenreproduktion und Kapitalverhältnis. In: Autonomie. Materialien gegen die Fabrikgesellschaft. Klassengeschichte – Soziale Revolution? Berlin, S. 201-216
  • Seccombe, Wally 1975: Domestic Labour. Reply to Critics. In: New Left Review, Nr. 94, S. 85-96

Keine Kommentare »

Noch keine Kommentare

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack URL

Hinterlasse einen Kommentar


Weitere Themen

Recht auf Straße(-nstrich)! Stadtentwicklungspolitik als Spiegel gesellschaftlicher Ausschlüsse Ein Workshop erkundet städtische Vertreibungspolitiken und Widersetzungspraxen

Die akteuellen Verdrängungspolitiken gegenüber Sexarbeiter_innen, aber auch das Schweigen vieler linker stadtpolitischer Bewegungen zu diesem Thema nahm Ragazza, das Hamburger Projekt für drogengebrauchende Sexarbeiterinnen, zum Anlass, in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung einen internationalen Workshop zu organisieren. Unter dem... mehr

smash it all – smash sexism – Kongressbericht

Im Jahr 2013 wurden viele Diskussionen über Sexismus und sexualisierte Gewalt in den Medien geführt. Dabei kam es selten zu differenzierten Analysen über Herrschaftsverhältnisse, die mit sexualisierter Gewalt verbunden sind. Ein Versäumnis, das wir auch innerhalb der radikalen... mehr

Über Anregungen, Kritiken und andere Positionen freuen wir uns jederzeit: info[at]feministisches-institut.de


Feministisches Institut Hamburg