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Ökonomie

Ohne Reproduktion keine Produktion. Über die Notwendigkeit die Reproduktionssphäre zu bestreiken!

29.01.2009, Stefan Paulus

Die kollektive Arbeitsniederlegung, der Streik, ist einerseits ein Mittel zur Durchsetzung von besseren Arbeitsbedingungen und höheren Löhnen. Andererseits gilt der Streik aus einer anarchistischen bzw. anarchosyndikalistischen Perspektive als Hebel zur Einleitung der sozialen Revolution. Aus einer feministischen oder (post)strukturalistischen Perspektive stellen sich noch andere Grundlagen zur radikalen Veränderung kapitalistischer Verhältnisse dar. Im Folgenden möchte ich eben auf diese “anderen” Grundlagen, die sich vor allem im Reproduktionsbereich finden, eingehen. In diesem Zusammenhang soll verdeutlicht werden, was eine Bestreikung bzw. Verweigerung der zugewiesenen Rolle der Individuen für den Fortbestand der kapitalistischen Gesellschaftsformation bedeuten kann.[1]

Ohne Reproduktion keine Produktion

Die Akkumulation von Kapital – die ja darin besteht, dass Arbeitskräfte Waren immer mehr Wert zusetzen als sie selber Wert sind – ist nicht auf ein bestimmtes Geschlecht angewiesen. Der Zweck der kapitalistischen Produktionsweise, einen immer größeren Mehrwert unter Beibehaltung des ursprünglichen Kapitals zu produzieren, wird erreicht, wenn letztlich der Prozess der Herstellung und Verkauf einer Ware und der dadurch erzielte Wert wieder zum Ausgangspunkt eines neuen Produktionszyklus wird. Wichtig ist hierbei nur, welches auch immer die gesellschaftliche Form des Produktionsprozesses ist, dass dieser Prozess kontinuierlich ist oder periodisch stets von neuem dieselben Stadien durchläuft. Dieser Mechanismus zur Selbstverwertung des Werts, um die Reproduktion des Kapitalverhältnisses aufrechtzuerhalten, “zwingt” das Kapital lediglich dazu, sich die Produktivkraft der Arbeit nutzbar zu machen und sie zu entwickeln: “Zu seiner Erhaltung bedarf das lebendige Individuum einer gewissen Summe von Lebensmitteln”[2]. Allerdings reicht es nicht aus, nur die Lebensmittel zu produzieren oder zu ernten, sondern sie müssen auch gekocht werden, es reicht auch nicht aus Kleidung herzustellen, sondern sie muss auch gewaschen werden. Da der Kapitalismus auch nicht in der Lage ist, ohne Arbeitskräfte auszukommen oder Arbeitskräfte massenhaft im Reagenzglas zu züchten, ist dieser auf weibliche Reproduktionstätigkeiten und staatliche Institutionen angewiesen, um neue Generationen von Arbeitskräften herzustellen und ihnen Regeln beizubringen: Regeln des guten Anstands, Regeln der Moral, Regeln der zweigeschlechtlichten Norm, Regeln des staatsbürgerlichen und beruflichen Pflichtbewusstseins. Um bestimmte Formen der Moral und Beziehungen zu kultivieren, sind ideologische Mittel nötig, damit nicht repressive Regulationsapparate wie Gerichte, Polizei, Gefängnis oder Militär die Betten und Schulen kontrollieren bzw. für die Reproduktion sozialer Beziehungen eingesetzt werden. Die ideologischen Staatsapparate (Familie, Kindergarten, Schule etc.) statten sozusagen ihre StaatsbürgerInnen mit der jeweiligen herrschenden Ideologie (heteronormativ, konservativ etc.) aus, indem die jeweiligen Apparate die ideologischen Praxisformen vorgeben. Jedes Individuum, das aus einem dieser Apparate ausscheidet bzw. eins dieser Einschlussmilieus durchlaufen hat, ist mit einer zweckmäßigen Ideologie ausgestattet, welche der Rolle als Arbeiter, Chef, Mutter oder Hausfrau usw. entspricht. Daraus lässt sich folgern, dass erst durch die Reproduktion – auch im wörtlichen Sinn – von Arbeitskräften der Produktionsprozess zirkulieren kann und zu einer Kapitalakkumulation führt. Demnach lässt sich festhalten, dass “keine Produktion möglich ist, ohne dass die Reproduktion der Produktionsbedingungen erfolgt” [3].

Einfach gesagt bedarf es ausreichender Geburtenraten, kostengünstiger Reproduktionstätigkeiten und funktionaler Identitäten um die stetige Profitmacherei zu ermöglichen. Der Kapitalismus und Widerstandsformen gegen diesen können gerade durch diese “außerökonomischen” Faktoren nicht unmittelbar auf die Akkumulation von Kapital oder auf ein Produktionsparadigma reduziert werden. Das heißt, dass die Trennung von bezahlter Erwerbsarbeit und unbezahlter Reproduktionsarbeit die beiden Standbeine des Kapitalismus sind. Der Doppelcharakter kapitalistisch benötigter Arbeit stellt sich somit auch als Widerspruch zwischen direkt und indirekt Lohnabhängigen dar. Zudem ist Vollzeitlohnarbeit eindeutig männlich besetzt: Frauen leisten 31 Stunden unbezahlte Arbeit pro Woche, Männer hingegen nur 19,5 Stunden. Frauen bekommen 12 Stunden Erwerbsarbeit bezahlt, Männer dagegen 22,5 Stunden [4]. Die weibliche Reproduktionsarbeit wird zum ergänzenden Arbeitsverhältnis der männlichen Lohnarbeit und ist letztlich indirekte Lohnarbeit.

Streiks in der Reproduktionssphäre

Auf dieses Verhältnis bzw. auf diese Problematik haben 1975 isländische Frauen hingewiesen. Ca. 90% aller Isländerinnen traten sowohl in einen Erwerbs- als auch Haus- und Familienarbeitsstreik und legten für einen Tag Industrie-, Dienstleistungs- und Hausarbeitsbereiche lahm. Väter mussten ihre Kinder mit zur Arbeitstelle nehmen, die dann überall herumliefen und ein produktives Arbeiten erschwerten. Andere blieben direkt zu Hause. Durch die Verweigerung der Hausarbeit sollte sichtbar gemacht werden, was Hausarbeit ist: gesellschaftliche Arbeit! [5]

In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, ob ein Rückgang der Geburtenrate oder eine Veränderung oder Bestreikung funktionaler Geschlechterverhältnisse zu einer fundamentalen Krise des Kapitalismus führen kann. Zumindest kann die Verwerfung oder Verweigerung einer weiblichen Lebensidentität, die damit verbundene produktive Sexualität und die Abspaltung “des weiblichen Lebenszusammenhangs, der für die wertförmig nicht erfassbare Seite des menschlichen Lebens ‚zuständig’ ist” [6] zu einem Krisenmoment der kapitalistischen Produktivkraftentwicklung werden, sofern sich Frauen von der ihnen zugewiesenen Rolle distanzieren. Diesen Hintergrund hatten auch Teile der ersten Frauenbewegung. Sie wehrten sich gegen den staatlich verordneten Gebärzwang aufgrund des Paragraphen 218 und den damit verbundenen gesellschaftlichen Muttermythos in der Weimarer Zeit. Mittels des Gebärstreiks wollten die Arbeiterinnen den Nachschub an Menschenmaterial für die deutsche Kriegsmaschinerie und Fabriken untergraben. Vor allem in anarchistisch-syndikalistischen Kreisen stieß die Debatte um Gebärstreiks und Verhütungsmittel auf lebhafte Resonanz.[7] In dieser Debatte ging es nicht grundsätzlich um die Entscheidung für oder gegen die Mutterschaft, sondern um die Selbstbestimmung des Körpers, der Reproduktionsfähigkeit und der Identität.[8] Das bedeutet, dass Widerstandsstrategien gegen kapitalistische Verhältnisse und gegen Formen der Ausbeutung nicht nur auf der strukturellen Ebene geführt werden müssen, sondern es müssen auch Kämpfe gegen funktionale Identitäten und ideologische Unterwerfung geführt werden.

Fazit

Ob Forderungen nach der Entlohnung für alle Pflege- und Hausarbeiten – durch Löhne, Renten, Land oder andere Mittel – sinnvoll ist, wie z.B. durch das “Global Woman Strike Network” [9] gefordert, sei an dieser Stelle dahingestellt. Dazu müsste erstmal ein erweiteter Arbeitsbegriff innerhalb der Gewerkschaften durchgesetzt werden, welcher Reproduktionsarbeit als gesellschaftliche Arbeit einschließt. Vor allem müssten auch die Ausschließungsmechanismen der bürgerlichen Gewerkschaften aufgehoben werden, damit HausarbeiterInnen sich kollektiv organisieren können. Diese Erweiterung würde auch folglich eine Veränderung des bisher gebräuchlichen Streikbegriffs nach sich ziehen. Denn nicht nur eine generale Bestreikung der materiellen Bedingungen der Produktion ermöglicht eine radikale Veränderung der Gesellschaftsformation, sondern auch eine Verweigerung der Regeln der Einhaltung der gesellschaftlichen Ordnung, der Arbeitsteilung, der Qualifikation und der Reproduktion kann zu einer fundamentalen Krise von Produktionsverhältnissen führen. Denn ohne die hegemonialen Werteorientierungen und die “nicht” warenförmigen sozialen Beziehungen der “außerhalb” des direkten Kapitalverhältnisses stehenden Arbeitsformen sind weder die Herstellung von Arbeitskräften, noch der Bestand und die Stabilität der Gesellschaft gewährleistet. Wenn der Streik ein Mittel ist, direkt unsere Lebensverhältnisse zu verbessern, müssen neue Streikformen daher vor allem auf “außerökonomische” Verhältnisse, Institutionen und Identitätszuschreibungen verweisen, denn das Leben findet nicht nur in der Fabrik statt.

Anmerkungen

  1. Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung des Buchbeitrages: Von der Reproduktion her denken – Geschlechterverhältnisse, Gebärstreiks, Hausarbeitsstreiks und Identitätsstreiks. Für einen erweiterten Streikbegriff. In: Thorsten Bewernitz (Hrsg.): Die neuen Streiks. Münster, 2008, S. 175-188 [http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,293,7.html]
  2. MEW 23; Marx, Karl 1975: Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie, Bd.1, Berlin (1867), S. 185
  3. Althusser, Louis 1977: Ideologie und ideologische Staatsapparate, Hamburg/Berlin, S.109
  4. Vgl. Statistisches Bundesamt 2003: Wo bleibt die Zeit. Die Zeitverwendung der Bevölkerung in Deutschland 2001/02. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Berlin, S. 9
  5. Vgl. Notz, Gisela 1994: Den Aufstand wagen. In: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis. Nr. 36, S. 23-33
  6. Kurz, Robert 1992: Geschlechterfetischismus. In: Krisis Nr. 12. Beiträge zur Warengesellschaft, Bad Honnef, S. 124
  7. Vgl. Nelles, Dieter 2000: Anarchosyndikalismus und Sexualreformbewegung in der Weimarer Republik. Online verfügbar unter [http://www.iisg.nl/~womhist/nellesde.pdf]
  8. Ob der Rückgang der Geburtenrate aufgrund dieser Debatte nach Ende des ersten Weltkrieges um etwa die Hälfte zurückging, lässt sich empirisch nicht schlüssig bewerten.
  9. Vgl. die Streikforderungen zum weltweiten Frauenstreik 2007 unter http://www.globalwomenstrike.net/German2007/GermanStrikeCall07.htm

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