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Interventionen

Recht auf Straße(-nstrich)! Stadtentwicklungspolitik als Spiegel gesellschaftlicher Ausschlüsse Ein Workshop erkundet städtische Vertreibungspolitiken und Widersetzungspraxen

17.01.2012, Stella Gaertner, Tina Habermann und Iris Nowak

Die aktuellen Verdrängungspolitiken gegenüber Sexarbeiter_innen, aber auch das Schweigen vieler linker stadtpolitischer Bewegungen zu diesem Thema nahm Ragazza, das Hamburger Projekt für drogengebrauchende Sexarbeiterinnen, zum Anlass, in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung einen internationalen Workshop zu organisieren. Unter dem Titel „Stadt, Prostitution, Vertreibung“ wurden Handlungsstrategien gegen repressive staatliche Politiken und medienträchtige Skandalisierungen diskutiert.

Der Verkauf sexueller Dienste war stets begleitet von einem Ringen um ökonomische, rassifizierende Verhältnisse und Geschlechterverhältnisse, um Vorstellungen von Ordnung und Moral. Diese Konflikte fanden ihren Ausdruck in gesellschaftlichen Regulierungen und in stadträumlichen Ordnungen. Nach den selbstorganisierten Kämpfen der Hurenbewegung in den 1980ern lässt sich heute für eine – potentiell solidarische – Linke in Deutschland ein weitgehendes Schweigen zu dem Thema Sexarbeit feststellen, in feministischen Kontexten sind regressive Positionen besonders lautstark. Aktuell organisieren sich verschiedene Bewegungen um Konflikte zum Thema Stadt herum, gleichwohl sind die Verdrängungspolitiken gegenüber Sexarbeiter_innen darin selten Thema. Dies nahm Ragazza , das Hamburger Projekt für drogengebrauchende Sexarbeiterinnen, zum Anlass, in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung einen internationalen Workshop zu organisieren. Unter dem Titel „Stadt, Prostitution, Vertreibung“ (1) wurden Handlungsstrategien gegen die repressiven staatlichen Politiken und medienträchtige Skandalisierungen diskutiert. Ein weiterer Anlass war das 20jährige Bestehen von Ragazza.
Wie anderswo auch kommt es im Kontext einer ökonomisierten und rassifizierenden Stadtentwicklungspolitik in Hamburg St. Georg zu gesellschaftlichen Ausschlüssen. Sexarbeit soll aus dem aufzuschickenden Viertel verdrängt werden, um einen Ort zu hinterlassen, der für bürgerlich-weiße (2) Vorstellungen hergerichtet werden kann. Das Prostitutionsgesetz besteht seit 2002, bietet aber nur für wenige Sexarbeiter_innen (3) eine Absicherung und hat kaum Auswirkungen auf eine gesellschaftliche Anerkennung der Arbeit. Diese Regulierung führt zudem zu neuen Differenzierungen innerhalb der Gruppe der Sexarbeiter_innen.
Sexarbeit wird in St. Georg seit 1980 über eine Sperrgebietsverordnung reguliert, welche Prostitution untersagt. Seit Anfang des Jahres 2011 wird diese in Kombination mit der Gefahrengebietsverordnung (4) über Aufenthaltsverbote und Bußgelder über mehrere hundert Euro verschärft umgesetzt. Effekt dieser Politik ist eine Potenzierung der Prekarität von Sexarbeit in mehrerer Hinsicht: Durch den Druck, klandestiner zu arbeiten, werden weniger Kunden erreicht und somit weniger Einkommen erzielt. Gleichzeitig müssen die durch Aufwertung und Repression gestiegenen Ausgaben ausgeglichen werden. Auf diese Weise verschwindet nicht die Sexarbeit, aber die Möglichkeit, selbstbestimmt über Arbeitsorte und -zeiten, Kunden und Praktiken zu entscheiden. Auf dem Rücken einer prekären Arbeiter_innenschaft wird eine Stadtpolitik durchgesetzt, die Gewerbe, Tourismus und Wohnen nach bürgerlichen Ansprüchen bereitstellen will.
Auf dem Workshop verdeutlichte Jenny Künkel, dass Sexarbeit in einem Feld der globalen Städtekonkurrenz, in der die Metropolen um die Ansiedlung von Mittelklasse und Unternehmen werben, durchaus widersprüchlich eingelassen sein kann. Ein Teil dieser Politik bestehe in einem „Aufräumen“ der Städte; eine andere Strategie sei die der Umarmung, der Einbettung in Form eines Zelebrierens von verwertbarer Vielfalt. Während Sexindustrie in St. Pauli als touristischer Magnet und Mythos vermarktet wird, gilt der Straßenstrich in St. Georg als „Schmuddel-Ecke“ und Störfaktor für städtische Aufwertungs- und Gentrifizierungsprozessen.
Differente soziale Positionen und Lebensalltage der Sexarbeiterinnen führen zu unterschiedlichen Formen der Prekarisierung. Wie Kathrin Schrader am Beispiel St. Georg erläuterte, setzt die Regulierung von Sexarbeit auf diese Differenzierungen. Die Position der Sexarbeiterinnen wird erneut geschwächt; die Disziplinierungsanforderungen zwischen Hilfesystem und Kriminalisierung stellen sich widersprüchlich dar. Schrader zeigte dabei auf, dass die – oft verneinte – Handlungsmacht von Sexarbeiterinnen als Moment von Konflikten berücksichtigt werden muss. Diese besteht beispielsweise in Widersetzungen gegen Regulierungen und Zuschreibungen, der Inanspruchnahme juristischer Mittel und in der Suche von Schlupflöchern sowie gemeinschaftlichen Ansätzen der Arbeitsorganisierung. Um den Spaltungsversuchen entgegenzuwirken, ist für Schrader eine Zurückweisung von rassistischen Zuschreibungen, wie Anwohner_innen und Presse, aber auch einige Sexarbeiter_innen sie bedienen, notwendig. Soziale Einrichtungen vermögen ihr zufolge innerhalb rassistischer Verhältnisse wenig Unterstützung zu leisten, solange sich weiße Hegemonien in der Zusammensetzung der Mitarbeiter_innen, aber auch in Praxen und Positionen widerspiegeln.
Egal, ob sie aus Amsterdam, Linz oder Berlin kamen, neben den städtischen Aufwertungsprozessen ist die Verknüpfung der Themen Migration, Sexarbeit und Rassismus für fast alle Teilnehmenden des Workshops zentrales Thema ihrer lokalen Arbeit. Gergana Schrenk vom Linzer Projekt Maiz legte dar, dass eine Auseinandersetzung mit Zusammenhängen von globaler Migration und unterschiedlichen prekären Arbeitsfeldern Sexarbeit aus ihrer diskursiven Sonderrolle zu holen vermöge. Bislang verbleibe der Diskurs um Sexarbeit und Migration oft in der Rede über „fremde Opfer“. Ein Beispiel hierfür ist die nach wie vor häufige selbstverständliche Gleichsetzung von Sexarbeit und Frauenhandel. Die Folge sei dann nicht eine Ermächtigung der Position der migrierten Sexarbeiterinnen, sondern eine (west-)europäische Abschottungspolitik und die Entmündigung der arbeitenden und bisweilen subversiven Subjekte. Die Erkenntnis struktureller Ähnlichkeiten all der prekären Arbeiten, die vor allem von migrierten Menschen / Frauen ausgeübt werden, rücke dagegen globale Arbeitsverhältnisse und -strukturen in den Fokus der Kritik.

In Kämpfen für gute Arbeits- und Lebensbedingungen für Sexarbeiter_innen muss es als erstes, da waren sich alle Anwesenden einig, um die Anerkennung von Sexarbeit als einer Arbeit gehen, die anderen Formen von Erwerbstätigkeit gleichwertig ist. Eine solidarische Haltung und Handlungsstrategien, die auf Selbstermächtigung von Sexarbeiter_innen abzielen, setzen in vielfacher Hinsicht eine Reflexion und Selbstpositionierung aller Beteiligten voraus. Grundsätzlich stellt sich bei dem Engagement sozialer Projekte immer die Frage, wer für wen spricht. Jenny Künkel mahnte darüber hinaus an zu hinterfragen, welche Diskurse mit dem Sprechen angerufen werden. So dürfe es beispielsweise nicht einfach um eine Rückeroberung des öffentlichen Raums gehen, ohne dabei zu betrachten, dass diese Politik an konservative Verständnisse anzuschließen vermag. Ein Sprechen für Sexarbeit müsse sich daher immer über einen Abwehrkampf hinaus positionieren.
Diese Reflexionen zu Handlungsstrategien stellen Anknüpfungspunkte für das Hamburger Bündnis „Recht auf Straße“ dar. Aus feministisch-linker Perspektive begegnete das Bündnis den Konflikten um Sexarbeit bisher mit einer Kundgebung auf dem Hansaplatz in St. Georg – als Symbolort der Verdrängung – sowie Diskussionsveranstaltungen und Aktionen. Eine feministische Perspektive bedeutet für das Bündnis zu verdeutlichen, dass nicht die Sexarbeiter_innen das Übel sind, sondern die gesellschaftlichen Umstände, die zu Sexarbeit und ihrer prekären Situation führen. Die gegensätzliche Politik um Sexarbeit, die die Stadt Hamburg in St.Pauli einerseits, in St. Georg andererseits verfolgt, kritisiert das Bündnis entsprechend auch aus antikapitalistischer und migrationspolitischer Sicht. Die Verdrängung der Sexarbeit in St. Georg stelle sich demnach explizit als eine Verdrängung der besonders Prekarisierten (unsicherer Arbeits-/Aufenthaltsstatus, Drogengebrauch) dar.

Die Notwendigkeit, unterschiedlich wirkende Herrschaftsverhältnisse zusammenzudenken, wurde innerhalb des Workshops überdeutlich. Eine solche Perspektive stellt eine wichtige Strategie gegen Vereinnahmungs-, Spaltungs- und Verwertungspolitiken dar. Die diskursive Legitimierung der Verdrängungsbestrebungen basiert neben gesellschaftlichen Dominanzpositionen auf dem Bild, das über Sexarbeit vorherrscht. Sexarbeit wird in hegemonialen Diskursen nicht als – wenn auch prekäre, vulnerable – Arbeit im Kontext globaler Migration und Arbeitsteilung repräsentiert, sondern als kriminell, als moralisch deviant. Hier wirken Bilder von Sexualität, Geschlechterverhältnissen, Intimität, Privatheit und Öffentlichkeit. Gerade die um das Thema Sexarbeit oft geführte Diskussion um Freiwilligkeit und Selbstbestimmung kann nur dann emanzipatorisch sein und erneuten (Fehl- und Fremd-)Repräsentationen begegnen, wenn sie aufzeigt, dass die Frage nach der Freiwilligkeit und der Einbeziehung des gesamten Körpers innerhalb der Kontexte von Lohnarbeit und rassifizierenden wie vergeschlechtlichten Arbeitsverhältnissen für alle Arbeitenden widersprüchlich zu beantworten ist.

Fußnoten

(1) Ein ausführlicher Bericht zum Workshop „Stadt, Prostitution, Vertreibung“, der am 2.12.2011 stattfand, steht demnächst unter www.rosalux.de .
(2) Mit der Benennung von weiß soll seine Selbstverständlichkeit als unsichtbare gesetzte Norm demaskiert werden. Weiße Privilegien sollen so sichtbar gemacht und die damit zusammenhängenden Geschichten von Kolonialismus und Rassismus aufgedeckt werden. Werden weiße Positionen nicht bezeichnet, bleibt ihre Erlangung durch einen privilegierten Status in einem rassistischen und klassifizierenden Gesellschaftszusammenhang verdeckt. Zudem wird mit der Kursivschreibung der Konstruktions-Charakter von weiß hervorgehoben.
(3) In diesem Text sprechen wir von Sexarbeiter_innen, wenn nicht explizit nur Frauen gemeint sind. Der Unterstrich soll aufzeigen, dass auch vielfältige weitere sexuelle Identitäten (kindlich, männlich, trans, poly…) nachgefragt und angeboten werden.
(4) Das Hamburger Polizeigesetz ermöglicht damit verdachtsunabhängige Personenkontrollen, Durchsuchungen, Aufenthaltsverbote oder Ingewahrsamnahmen. Für St. Georg liegt der Fokus auf Drogenkonsument_innen.


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