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Feministische Theorien

Queer Theory

24.06.2007, Melanie Groß

Mit der Queer Theory hat die feministische Kritik an Heteronormativität seit den 1990er Jahren einen Namen erhalten. Ein zentrales Merkmal dieser Forschungsrichtung ist es aufzuzeigen, wie feministische Theorien selbst dazu beitragen, die Forschungsgegenstände zu schaffen, die sie vermeintlich nur untersuchen. Dabei werden vor allem Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität als das scheinbar Normale produziert und andere Existenzweisen als ‘das Andere’ ausgegrenzt.

Politischer und theoretischer Anfang einer Bewegung, die als Queer bezeichnet wird, liegt in den USA der 1990er Jahre. Drei zentrale Gründe für diese Neu- und Reformulierung insbesondere homosexueller Politiken sind die Institutionalisierung und Kommerzialisierung homosexueller und feministischer Bewegungen, das Erstarken der Neuen Rechten und die Auswirkungen der Aids-Epidemie (Woltersdorff 2003). Mit der Institutionalisierung und Kommerzialisierung ging auch eine verstärkte Form der vereinheitlichenden Identitätspolitik einher, durch die versucht wurde, Schwule und Lesben als ethnische Minderheit zu konstruieren, die eigene Ansprüche auf Bürgerrechte artikulierten. Dabei wurden innerhalb der LesbischSchwulen Bewegung Vorstellung von lesbischschwulem Lebensweisen geschaffen, die als Norm fungieren und nicht unumstritten geblieben sind. Als ‘sex wars’ werden die Auseinandersetzungen innerhalb der lesbisch-feministischen Szene bezeichnet, die sich um Themen wie Bisexualität, Promiskuität, SM und Pornografie drehten und dazu führten, dass viele sich nicht mehr eindeutig der Community zugehörig fühlten (ebd.). Queere Politik versucht in Folge dessen nun einerseits randständige und dissidente Positionen innerhalb der Lesbian and Gay Community sichtbar zu machen, sich gegen die kommerzielle Verwertbarkeit der eigenen Lebensstile zu wehren und die offizielle schwul-lesbische Identitätspolitik aufzudecken und anzugreifen. Andererseits setzt sie das Projekt der Lesbian and Gay Community weiter fort, Heterosexualität als Normalitätsregime zu kritisieren. Diese doppelte Geste der queeren Strategie zeichnet sich also durch kritische Selbstreflexivität und produktive Weiterführung zugleich aus. Mit Queer wird es nun möglich, neue und andere Bündnisse einzugehen und zugleich die eigene Differenz zu betonen. Darüber hinaus werden verstärkt Bewegungen in den Blick genommen, die sich gegen die Grenzen des als Normal markierten zur Wehr setzen. Vor allem die Transgender, Transsexuellen und Intersexuellen Bewegungen weisen darauf hin, dass auch lesbisch schwule Politik Zweigeschlechtlichkeit reproduziere. In diesen Bewegungen wird nicht nur die normative Heterosexualität angegriffen sondern darüber deutlich gemacht, wie gewaltförmig die Norm der Zweigeschlechtlichkeit ist.

Was heißt “Queer”?

Queer war lange Zeit eine abwertende Bezeichnung für Lesben und Schwule. Übersetzt bedeutet der Begriff ‘seltsam, sonderbar, schwul, Falschgeld’. Mit der Selbstbezeichnung queer wurde dieser Begriff zurückerobert und zu einer Strategie der Verstörung und Irritation derjenigen, die diese zuvor abwertende Bezeichnungen einsetzten. Die Selbstbezeichnung entzieht den Diffamierenden die Macht über die Repräsentation von Schwulen und Lesben. Die erfahrene Verletzung bleibt dadurch sichtbar. Darüber hinaus war und ist die neue Bezeichnungspraxis eine Abgrenzung von Begriffen wie Homosexualität und Gay. ‘Homosexualität’ ist stark in sexualwissenschaftlichen Diskursen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts verwurzelt und zitiert ein medizinisch biologistisches Bild von der oder dem Homosexuellen, das in den 1960er Jahren, als Gay (schwul/lesbisch) sich zunehmend durchsetzte, politisch verworfen wurde. Zwar war die Annahme, es gebe eine biologisch begründete Homosexualität, ursprünglich zu Anfang des 20. Jahrhunderts auch als politischer Versuch unternommen worden, Homosexualität theoretisch als etwas zu fassen, wofür niemand etwas ‘kann’. Jedoch wurde sich in den späten 1960ern immer mehr diesem Begriff verabschiedet. Diese Ablehnung beruht darauf, dass mit der Verwendung einer Bezeichnung auch ein ganz bestimmter Bedeutungshorizont zitiert wird und dieser zunehmend verschoben wurde:

“[D]er Weg von ‘homosexuell’ über ‘schwul’ oder ‘lesbisch’ zu ‘queer’ (stellt) genau die Begriffe und Identifikationskategorien dar, mit denen gleichgeschlechtliches Begehren in der Regel gefaßt wurde” (Jagose 2001: 97).

Jedoch meint er eben nicht das immer gleiche. In der Verschiebung der Bezeichnungen vollzieht sich auch eine Verschiebung dessen, was bezeichnet wird. Teresa de Lauretis formulierte 1991 als erste queer als Begriff für eine kritische theoretische Auseinandersetzung mit nicht normgerechten Sexualitäten.

Queer Theory – theoretische Positionen

Queer Theory bildete sich also zum einen aus politischen Kämpfen und zum anderen aus einer kritischen (Selbst-)Reflexion feministischer Theorien mit Methoden poststrukturalistischer Theorieansätze. Feministische Theorien hatten die Thematisierung von Begehrensformen und sexuellen Existenzweisen vernachlässigt – die Anerkennung der Differenzen innerhalb der Gruppe der Frauen wird nun u.a. durch queere Positionen eingefordert.

Zentrale Elemente der Queer Theory sind die Betonung der Differenzen zwischen Frauen und die Problematisierung normativer Heterosexualität. Judith Butler, die prominenteste Vertreterin queerer Theoriebildung, setzt sich 1991 in ihrem Werk Das Unbehagen der Geschlechter mit der Frage nach dem So-Geworden-Sein von gender auseinander. Ähnlich wie in postkolonialen Theorien die Hervorbringung einer sozialen Gruppe durch die Bezeichnung ‘Schwarz’ betont wird, fasst Butler ‘gender’ als Kategorie, deren Verwendungsweise erst das erzeugt, was sie scheinbar nur beschreibt. So geht Butler davon aus, dass diskursive Prozesse Geschlecht überhaupt erst als relevante Unterscheidungskategorie hervorbringen und dadurch ‘Geschlecht’ erzeugen statt nur zu beschreiben. An dieser Produktion von Geschlecht sind auch – so ihre Kritik – feministische Theorien beteiligt, in dem sie Menschen in nur zwei Gruppen von Männern und Frauen einteilen und deren Unterschiede zum Gegenstand ihrer Analysen machen. Dadurch wird das System der Zweigeschlechtlichkeit permanent erzeugt und hervorgebracht und gleichzeitig festgeschrieben und materialisiert. Zweigeschlechtlichkeit wird im Kontext queerer Theorieansätze als gewaltförmiger Prozess verstanden, der ‚Andere’ als konstitutives Außen, also als notwendige Bedingung für die Herstellung eigener innerer Einheit produziert: Homosexualität wird zum Anderen der Heterosexualität, zur Abgrenzungsfolie und zur Vergewisserung der eigenen Normalität und Natürlichkeit.

Feministische Theorien müssen sich der Herausforderung stellen, ihre eigenen Wissensproduktionen kritisch zu reflektieren und dafür auch die Positionen queerer Theoretiker_innen systematisch einbinden. So müssen feministische Positionen sich stets die Frage gefallen lassen, ob und auf welche Weise sie (wenn auch ungewollt) das System heterosexueller Zweigeschlechtlichkeit mit produzieren.

Weiterführende Literatur


2 Kommentare »

  1. [...] das wohl als Anspielung auf queer-feministische Theorien zu [...]

    Pingback by Kurze Sommerpause – Die Freibeuterin — 01.07.2015 um 23:18

  2. [...] zu sprechen.“ (Zitat aus der Internetseite einer radikal-kommunistischen Jugendbewegung. Quelle: http://www.feministisches-institut.de/queertheory/ 2) Quelle: Volker Woltersdorff alias Lore Logorrhöe: Queer Theory und Queer Politics. In: UTOPIE [...]

    Pingback by Sexuelle Früherziehung: Schule erzwingt frühzeitige Indoktrinierung | Der Honigmann sagt... — 07.07.2015 um 12:00

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