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Queer Science and Technology Studies – Technik- und Wissenschaftsforschung ‘queer‘ betreiben

10.05.2015, AG Queer STS [Julian Anslinger, Daniela Zanini-Freitag, Birgit Hofstätter, Susanne Kink, Lisa Scheer, Jenny Schlager, Anita Thaler, Magdalena Wicher]

Wir, die wissenschaftliche Arbeitsgruppe Queer STS, beschäftigen uns mit Science, Technology and Society Studies (STS) aus queerer Perspektive. Gerade weil mit ‚queer‘ und ‚Queerness‘ vielfältige Definitionen und Konnotationen verbunden sind, wollen wir unser wissenschaftliches Verständnis davon beschreiben, das wir aber gleichzeitig auch inhärent politisch begreifen.

Im ursprünglichen Sinn bezieht sich die wissenschaftliche Verwendung des Begriffs ‚queer‘ unter anderem auf die Kritik an heteronormativen Wertvorstellungen, an hegemonialen Konzepten einer binären, dichotomen Geschlechterordnung, einer eindeutigen Identitätspolitik, biologistischen wie essentialistischen Identitätszuschreibungen, Sexualitäts- und Geschlechternormen, sowie an Institutionen und Denkformen, die hierarchisieren, determinieren und ausgrenzen.

‚Queerness‘ umfasst in unserem Verständnis jedoch nicht ausschließlich Sexualität und in diesem Zusammenhang Geschlecht, sondern, wie Nina Degele schreibt, „kommt es doch gerade darauf an, die Queer Studies geschlechtertheoretisch abzufedern und die Gender Studies auf queerende Weise zu betreiben. Damit ist gemeint, sie auf ihre unhinterfragten und nicht reflektierten Naturalisierungen und Ausschlussmechanismen hin zu überprüfen“ (2008, S. 11). Aus unserer Positionierung im Feld der queeren Science, Technology and Society Studies ist eine ‚queerende´ Forschungspraxis und Denkweise zentral. Diese beziehen wir auf Normierungen und normierende Systeme in Wissenschaft und Technologieentwicklung, in ihren Organisationen und Politiken als unseren Untersuchungsgegenstand.

Forschung im Bereich Queer STS bedeutet, eine kritische, (selbst-)reflektierende und relativierende Haltung einzunehmen, einerseits gegenüber bereits bestehender, vor allem hegemonialer Forschungspraxen, inhaltlicher Vorannahmen und Interpretationen wie auch methodologischer Vorgangsweisen. Andererseits stellen wir den Anspruch, eine queere Position auch im Rahmen unserer eigenen Forschung umzusetzen, in der eine permanente Überprüfung und Korrektur des eigenen Weltbilds und der eigenen Wertvorstellungen, die in die Wissensproduktion einfließen und damit auch die eigene Forschung beeinflussen, unabdingbar sind. Queere STS-Forschung kann also auch verstanden werden als eine (Forschungs-)Praxis des ständigen Hinterfragens im Sinne einer Dekonstruktion von Kategorisierungen (vgl. Butler, 1991), um deren dauerhaften Verfestigung – und somit der Annahme, sie seien ‚von Natur’ gegeben – in der Wissenschaft und in der Gesellschaft entgegen zu steuern.

Aus unserer Perspektive zeichnet sich queere Wissenschafts- und Technikforschung über verschiedene Zugänge aus:

Neben (1) queerer Kritik an empirischer Wissenschaft (vgl. Schmitz & Höppner, 2014) und (2) Forschung, die sich über die Queerness der forschenden Person(en) (vgl. Heckert, 2010), (3) die Queerness des Betrachtungsgegenstands (Leibetseder, 2012) und/oder (4) die Queerness der Methodologie als ‚queer‘ definiert, kann (5) besonders in transdisziplinären Forschungsprojekten auch queere Interventionsforschung betrieben werden (vgl. Hofstätter & Thaler, 2014). Diese verschiedenen Zugänge können auch fließend ineinander übergehen (vgl. Boellstorff, 2010).

Zur Veranschaulichung folgen einige konkrete Beispiele:

Queer-kritische Technik- und Wissenschaftsforschung

Queer-kritische Technik- und Wissenschaftsforschung nimmt in den Blick, inwieweit alltagsweltliche Annahmen, die oft instabil und zuweilen widersprüchlich sind, die Produktion wissenschaftlichen Wissens beeinflussen und somit gesellschaftliche Normen und Zuschreibungen und damit auch Machtverhältnisse verfestigen. Ein bereits bekanntes, jedoch besonders augenscheinliches Beispiel, ist das fehlerbehaftete Postulat eines ‚natürlichen‘ Intelligenzunterschieds zwischen ‚Männern‘ und ‚Frauen‘, welches dazu genutzt wird, um unter anderem die geringe Anzahl von Frauen* in Führungspositionen zu erklären. Eine ausführliche Diskussion hierzu findet sich in unserem Artikel Geschlechterwissen in der Hirnforschung: Ein queerer Blick aus den Science and Technology Studies (AG Queer STS, 2013).

Queere Betrachtung des Forschungsgegenstandes

Eine queere Betrachtung des Forschungsgegenstandes wird z.B. durch das ‚Queeren´ von Stichproben eingenommen, mit dem primären Ziel hegemoniale Sichtweisen aufzubrechen und unterschiedliche Positionen zu inkludieren. Im Forschungsprojekt BuildtoSatisfy wurde beispielsweise für eine Öffnung des Expert*innenbegriffs plädiert, welcher unmittelbar Einfluss auf die Datensammlung im Projekt, aber auch die Sichtweise der teilnehmenden Akteur*innen nimmt. Konkret ging es darum, Expert*innen für das Facility Management von Bürogebäuden abseits enger Ausrichtungen auf Haustechnik und/oder übergeordneten Management-Stellen zu definieren. Die Erweiterung der Stichprobe durch Einbeziehung des Putzpersonals, das einen alltäglichen Erfahrungsbezug zum Bürogebäude hat, werden Frauen*, Menschen nicht-österreichischer Herkunft, Personen mit geringem Gehalt etc. in eine sonst eher hegemonial (männliche*) Expert*innenrunde inkludiert. Diese Intervention wirkt unserem Verständnis nach auf zwei Ebenen: auf Ebene der Wissenschaft durch eine Erweiterung der Forschungsergebnisse und Bewusstmachung bei den beteiligten Forscher*innen, und auf Ebene der beteiligten Akteur*innen durch eine Wirkung auf die bestehende Hierarchie durch die Forschungspraxis selbst.

Queerness der Methodologie

Beim ‚Queeren‘ der Methodologie besteht die Herausforderung besonders darin, dass die völlige Dekonstruktion von Kategorisierungen in der empirischen Forschung nicht unbedingt immer zielführend ist, beispielsweise ist quantitative Forschung ohne Kategorien undenkbar. Die durch die Bildung von Gruppen erzeugten Realitäten und gleichzeitig produzierten Ausschlussmechanismen erweisen sich jedoch als problematisch. Es stellt sich demzufolge die Frage, ob quantitative Forschung überhaupt queer sein kann.

Grundsätzlich bestehen zwei Möglichkeiten, mit Kategorien wie Gender, Sexualität etc. quantitativ umzugehen: Sie entweder wegzulassen (dies erfordert vor dem Hintergrund der Produktion eines ‚blinden Flecks‘ allerdings eine reflektierte Begründung), oder sie, auf die Gefahr hin zu einer Stereotypien-perpetuierenden Forschung beizutragen, zu operationalisieren. Wir wollen dies am Beispiel der Kategorie Geschlecht verdeutlichen.

Eine Möglichkeit ,Geschlecht‘ als nicht-binäre Kategorie abzufragen, wurde im bereits genannten Forschungsprojekt BuildtoSatisfy als kleine bewusstseinsschaffende Intervention getestet, indem neben den beiden Möglichkeiten ‚weiblich´ und ‚männlich´ eine dritte, offene Kategorie zur Auswahl angeboten wurde (Wicher 2014). Eine weitere Möglichkeit stellt die Konstruktion eines Intersexualitätskontinuums dar (angelehnt an Fausto-Sterling, 1988), die betreffenden Menschen verorten sich entlang einer langen Linie zwischen den (fiktiven) Extremausprägungen ‚männlich´ und ‚weiblich´ demnach selbst. Idealerweise werden diese Einordnungen als moment- und befindlichkeitsabhängig sowie durch innere und äußere Vorgänge beeinflusst – also als fluid – begriffen. Die Vor-Benennung der beiden Extrempole in ‚männlich´ und ‚weiblich´ (Normsetzung), sowie die Eindimensionalität des Kontinuums erweisen sich dabei als Schwäche des Modells. Trotz dessen bieten die beiden Varianten für Menschen, die sich nicht unter entweder ‚weiblich´ oder ‚männlich´ aufgehoben fühlen, die Möglichkeit, sich wiederzufinden. Unsere bevorzugte Methode des Queerens orientiert sich allerdings an der Empfehlung, die Frage nach dem Geschlecht (sei es für wissenschaftliche Fragebögen, Marktforschung oder auch Webseiten-Profile) mit einer offenen Antwortkategorie zu versehen und die Antworten, falls nötig, erst anschließend zu clustern.

Wir vertreten somit den Standpunkt, dass auch quantitative Forschung – durch eine erneute Dekonstruktion von ‚natürlichen‘ Kategorien – wenigstens teilweise queer sein kann, wenn die gebildeten Kategorien hegemoniale Zuordnungen hinterfragen und umstürzen und somit auf Machverhältnisse aufmerksam machen.

Queere Interventionsforschung

Ein Beispiel queerer Interventionsforschung stellt das vom Zukunftsfonds Steiermark geförderteProjekt transFAIRmation (Hofstätter 2014, Hofstätter & Berger 2014) dar. Das transdisziplinäre und partizipative Bildungsforschungsprojekt ging den Forschungsfragen nach, ob durch IT-gestützte, transformative Medienarbeit gesellschaftskritische, technologische sowie Gerechtigkeits-Kompetenzen (vgl. u.a. Thaler 2014) vermittelt und so die Partizipation an einem politischen Diskurs über Popkultur ermöglicht werden kann. Unter dem Begriff ‚Fairness´, der mehr dem Sprachgebrauch von Jugendlichen entspricht und zugänglicher ist als ‚Queerness´, ‚Social Justice´ oder ‚Intersektionalität´, wurden die Themen Geschlecht und Sexualität, Behinderung sowie ethnische und sozio-ökonomische Zugehörigkeit anhand zweier populärer Fernsehserien aufgegriffen und bearbeitet.

Gemeinsam mit insgesamt 52 beteiligten Schüler*innen wurde Filmmaterial ausgewählter Episoden hinsichtlich sozialer Gerechtigkeit (‚Fairness‘) analysiert, Szenen von Ungerechtigkeit und Diskriminierung herausgearbeitet und im nächsten Schritt transformativ so bearbeitet, dass diese Situationen aufgelöst und heteronormative Setzungen ‚ge-queer-t´ wurden. Dieses Beispiel basiert auf Prinzipien des Political Remix Videos (z.B. Dhaenens 2012), worin Machtstrukturen hinterfragt, Stereotypen dekonstruiert, dominante Medienbotschaften in Frage gestellt und deren queeres Potenzial diskutiert werden.

Gleichzeitig werden durch transdisziplinäre Forschungsansätze auch bewusst Interaktionen mit den Beteiligten des Forschungsprozesses als Bewusstseinsbildungs- und Vermittlungsschritte eingesetzt und z.B. Momente der Irritation genutzt, um Lernprozesse in Gang zu setzen und bewusst Interventionen vorzunehmen. Diese Art der queeren Wissenschafts- und Technikforschung will über akademische Wirksamkeit hinaus sozial und nachhaltig wirksam sein, d.h. sich an ihrem Social Impact messen lassen.

Neben einer reflektierenden Haltung beziehen sich queere Science, Technology & Society Studies also kritisch auf eine gesellschaftliche Wirklichkeit, in der nicht allen Menschen die gleichen Rechte, Möglichkeiten, Partizipationschancen und Ressourcenzugänge zukommen. Ziel unserer Analysen ist es daher, die zum Teil verdeckten Normen und Werte, Machtverteilungen und Ausgrenzungsmechanismen zu entlarven, zu beleuchten und damit in ihrer Wirkung zu schwächen. Letztlich besteht unser Anliegen darin, einen barrierefreien Zugang zur Mitgestaltung von Wissenschaft und Technologie für alle Menschen zu ermöglichen.

Referenzen

AG Queer STS. (2013). Geschlechterwissen in der Hirnforschung: Ein queerer Blick aus den Science and Technology Studies. Freiburger Zeitschrift für Geschlechterstudien, 19: 67–84.

Boellstorf, Tom 2010. (2010) Queer Techne: TwoTheses on Methodologyand Queer Studies In: Browne, K. and Nash, C.,eds. Queering Methods and Methodologies: Queer Theory and Social Science Methods. Ashgate, London, S. 215-230.

Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/M.: Surkamp.

Degele, Nina (2008): Gender/Queer Studies. Paderborn: W. Fink.

Dhaenens, Frederik (2012). Queer cuttings on YouTube: Re-editing soap operas as a form offan-produced queer resistance. In: European Journal of Cultural Studies. 15 (4), pp. 442-456.

Fausto-Sterling, Anne (1988): Gefangene des Geschlechts? Was biologische Theorien über Mann und Frau sagen. München: Piper.

Heckert, Jamie 2010. (2010) Intimacy with Strangers/Intimicay with Self: Queer Experiences of Social Research In: Browne, K. and Nash, C., eds. Queering Methods and Methodologies: Queer Theory and Social Science Methods. Ashgate, London, S. 215-230.

Hofstätter, Birgit (2014). Video remix and political participation: A concept for critical media education. In: Thomas Berger and Günter Getzinger (Hrsg.). Proceedings of the STS Conference Graz 2014, 5-6 May 2014, Graz. Online: http://www.ifz.aau.at/Media/Dateien/Downloads-IFZ/IAS-STS/IAS-STS-Conference/STS-Conference-2014/Bodies-Technologies-Gender/Hofstaetter_paper [11.09.2014] ISSN: 2304-4233.

Hofstätter, Birgit und Berger, Thomas (Hg. 2014). transFAIRmation – Reflexive und transformative Medienarbeit in der Schule zum Thema Fairness. Graz: IFZ Eigenverlag. Download: http://www.ifz.aau.at/Media/Dateien/Downloads-IFZ/Frauen-und-Technik/transFAIRmation/transFAIRmation-Publikation_final[01.12.2014].

Hofstätter, Birgit und Thaler, Anita (2014). Medienpartizipation ist politische Partizipation: ‘Neue’ Medien als Herausforderung und Gewinn für eine zeitgemäße Medien- und Technikbildung. In: Hofstätter, Birgit & Berger, Thomas (Hg. 2014). transFAIRmation – Reflexive und transformative Medienarbeit in der Schule zum Thema Fairness. Graz: IFZ Eigenverlag. Download: http://www.sts.aau.at/layout/set/print/Media/Dateien/Downloads-IFZ/Frauen-und-Technik/transFAIRmation/transFAIRmation-Publikation_final [01.12.2014].

Leibetseder, Doris (2012). Queer Tracks. Subversive Strategies in Rock and Pop Music. Farnham/Burlington, Ashgate.

Schmitz, Sigrid und Höppner, Grit (Hg. 2014). Gendered Neurocultures. Feminist and Queer Perspectives on Current Brain Discourses. In: Band 2 der aktuellen Reihe “challenge GENDER. Aktuelle Herausforderungen der Geschlechterforschung”. Zaglossus: Wien.

Thaler, Anita (2014). Informelles Lernen in der technologischen Zivilisation. IFZ Electronic WorkingPapers IFZ-EWP 3-2014. ISSN 2077-3102. Online: http://www.sts.aau.at/Media/Dateien/Downloads-IFZ/Publikationen/Electronic-Working-Papers/EWP-3-2014_Habil-Thaler [06.08.2014].

Wicher, Magdalena (2014). Satisfying the Users – Zur Komplexität der Zufriedenheit der Nutzer*innen in grünen Bürogebäuden. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Universität Graz.


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