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Interventionen

Queer goes Pop? Zur Ambivalenz von Sichtbarkeit und Disziplinierung im Mainstream

18.04.2009, Melanie Groß

Queer ist inzwischen ein fester Bestandteil der uns umgebenden Popkulturen. Doch wie ist das Verhältnis von Queer und Pop? Um welchen Preis wird Queer Pop? Das Spannungsfeld von Sichtbarkeit und Disziplinierung eröffnet einerseits neue Räume für Identifikationen und überschreitet Grenzen ‚des Normalen’, andererseits begrenzt es diese Räume zugleich.

Ein Blick ins Fernsehen fördert heute erstaunliche Mengen an queeren Lebensweisen zutage. Seien es Daily Soaps wie Verbotene Liebe (ARD), aufwändig produzierte US-amerikanische Prime Time Serials wie Six Feet Under (HBO/VOX) oder deutsche Doku-Soaps wie Frauentausch (RTL 2) – ohne Schwule, Lesben, trans- oder bisexuelle Charaktere scheinen sie alle nicht mehr auszukommen. In der Verbotenen Liebe sehen wir Lesben heiraten und einen Schwulen gegen die Homophobie im Amateur- und Profi-Boxen kämpfen. In Six Feet Under sind wir beeindruckt von einem sehr religiösen Beerdigungsinstitutsleiter, der mit einem Ex-Polizisten zusammenlebt und Kinder adoptiert. Über fünf Staffeln der Serie hinweg ist ihre Beziehung die einzige, die Bestand hat. Bei Frauentausch tauchen statt der sonst ihre Qualitäten als Hausfrauen und Mütter demonstrierenden Frauen Drag-Queens wie Nina auf, die die Gastfamilie in der tristen Platte mit ausgedrückten Kippen im Blumentopf und demonstrativ zur Schau gestelltem Desinteresse an häuslichen Tätigkeiten zur Verzweiflung bringt.

Neben solchen Highlights sind in den letzten Jahren auch komplette Serien entstanden und erfolgreich gewesen, die explizit nicht-heterosexuelle Geschichten erzählen: Queer as Folk (Showtime/Pro7) oder The L-Word (Showtime/Pro7) haben große Zuschauer_innenzahlen erreicht. Gerade räumt mit Itty-Bitty-Titty-Committee ein Indie-Kino-Film haufenweise Preise ab mit der Geschichte einer radikal-postmodern-queer-trans-feministischen Aktivist_innen-Gruppe, die mit Witz, Sex und Radikalität politische Aktionen ungemein attraktiv erscheinen lässt.

Auch wenn sich der Eindruck nicht von der Hand weisen lässt, dass in Zeiten von ökonomistisch verstandenem Diversity Management das Augenmerk der Werbeindustrie auf der Erschließung neuer Marktsegmente liegen dürfte: Diese Präsenz und Sichtbarkeit von sexuell verdächtigen Lebensweisen im Mainstream ist in dieser Breite neu und hoch erfreulich. Noch bis in die 1980er Jahre hinein war Homosexualität auf der Leinwand und im Fernsehen entweder verschlüsselt zu sehen, oder die Darstellungen bewegten sich meist in sehr engen Klischees, Abwertungen oder exzentrischen Exotisierungen. Bis in die 1960er Jahre war die Darstellung von Homosexualität im US-amerikanischen Kino durch den von 1934 bis 1967 geltenden Hays-Code gänzlich verboten und lässt sich in vielen Produktionen nur ‚zwischen den Zeilen’ erkennen (vgl. Gasperi 2008). Der Hays Code war nie gesetzlich verankert, umso mächtiger aber fungierte er als Freiwillige Selbstkontrolle der Hollywood-Produktionsfirmen: Eine eigens zur Kontrolle eingesetzte Production Code Administration nahm jedes Drehbuch unter die Lupe und konnte hohe Geldstrafen verhängen. Erst ein Gerichtsbeschluss aus den 1960er Jahren setze dem Hays Code schließlich ein Ende.

Sichtbarkeit eröffnet Räume für Identifikation

Die heute deutlich breitere Sichtbarkeit und Normalität für verschiedene sexuelle Orientierungen und Identitäten eröffnet neue Räume für vielfältigere Identifikationen. Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender oder Transsexuelle werden durchaus differenziert und individuell dargestellt. Diese Sichtbarkeit trägt auch ins letzte provinzielle Wohnzimmer, dass es auf dieser Welt auch etwas anderes als die heteronormative Klein- und Kleinstfamilie gibt. Die gezeigten Zweier-Liebesverhältnisse sind zwar nicht gänzlich entstandardisiert und die Figuren sind auch nicht polymorph pervers – aber zumindest scheinen sie nur noch seriell monogam zu sein.

Die Repräsentationen der Charaktere sind vielfältig: Gerade die Logik der Serie bietet mehr Spielräume als ein mühsam formuliertes Flugblatt sie je aufzeigen könnte: Nicht eine einzige Familie in der Verbotenen Liebe ist ‚klassisch’: Es sind hochkomplexe Patchwork-Familien, mehrfach wechseln Mütter und Väter, Kinder kommen dazu, verschwinden wieder. Gerade die Daily Soaps präsentieren uns das umkämpfte Feld der Identität auf verblüffend postmoderne Weise: Figuren wechseln ihre Identitäten und sexuellen Orientierungen, wie es gerade ins nie enden dürfende Drehbuch passt – sogar die Schauspieler_innen werden hin und wieder einfach ausgetauscht, ohne dass die Handlung unterbrochen würde.

Was ist der Preis der Sichtbarkeit?

Und dennoch – bei aller Begeisterung: Sichtbarkeit von Queers im Pop gibt es nur für den Preis der Disziplinierung. So dürfen Schwule in der Lindenstraße (ARD) immer noch keinen Sex haben – Frauen in The L-Word dafür umso mehr. Die heteronormative Schaulust begrenzt die Sichtbarkeit auf ein scheinbar erträgliches Mittelmaß, das nicht überfordert und dennoch die Lust auf das Exotische, das Andere bedient und nährt. Zweigeschlechtlichkeit wird nur ausgesprochen selten grundsätzlich in Frage gestellt. Heteronormativität als Matrix der Gesellschaft bleibt in der Regel unhinterfragt. Auch wenn Familien beispielsweise immer brüchiger werden, suchen die meisten Figuren auf der Leinwand immer noch ihr Glück in der romantischen Zweierbeziehung. So bleibt Sichtbarkeit in einem Spannungsverhältnis von Normalisierung auf der einen Seite und Disziplinierung auf der anderen Seite, um anschlussfähig an heterosexuell verfasste Gesellschaften zu bleiben – das eine ist ohne das andere nicht zu haben.

Es wäre allerdings ein Fehler ‚abweichende’ Sexualitäten im Mainstream nur dann anzuerkennen, wenn sie politisch korrekt und progressiv daher kommen würden – damit werden Lebensweisen und Identitäten auch aus kritischer Perspektive markiert und zum Anderen gemacht. Warum sollte eine Lesbe in einer Daily Soap nicht stinklangweilig und spießig sein dürfen? Das sind alle anderen Figuren ja auch.

Das Salz in der popkulturellen Suppe sind aber natürlich genau die Figuren und Geschichten, die mit Hegemonialem brechen – es entweder überspitzen oder unterlaufen, die Geschichten re-artikulieren, umschreiben, neu und anders zitieren. Sie sind immer noch radikaler, lauter und progressiver und eher im Independent-Bereich zu finden als im Mainstream, aber immer öfter überschreiten sie die Grenzen.


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