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Interventionen

Mehr queere Kunst!

21.10.2009, Christiane Wehr


Gibt es überhaupt queere Kunst? Meine Antwort ist: „ja“. Damit werfe ich eine Reihe weiterer Fragen auf – unter anderem die sehr große Frage „Was ist überhaupt Kunst?“, die für meinen Geschmack zu umfassend ist. Statt einer Antwort wird sich Leser_in mit einer Behauptung arrangieren müssen: Kunst ist das, was zwischen dem Werk und den Betrachtenden entstehen kann. Mich interessieren an dieser Aussage die vielseitigen Formen des Dazwischen und nicht etwa, ob eine derart erweiterte Sichtweise auf Kunst akzeptabel ist oder nicht.

In queeren Zusammenhängen hat das Dazwischen sein Heimspiel. Denn die Stärken von queer liegen in einem Überschuss, einem nicht eindeutigen „Mehr, als das, was gemeint und benannt ist“. Es ist ein kluger Versuch, das Mehr, was zwischen den etablierten Zuschreibungen und Sinnzusammenhängen liegt, zu denken und es darzustellen. Spätestens hier wird für manche die zweite, nicht weniger ausufernde Frage wichtig: „Was verstehst du unter queer?“. Das werde ich hier ebenfalls nicht direkt beantworten. Nur soviel: Eine Eigenschaft von queer scheint darin zu bestehen, gleichzeitig die unterschiedlichsten Bedeutungen zu ermöglichen und mit einzubeziehen. Queeres Denken und Leben wird deshalb mit Vielfalt, Gerechtigkeit und mit der Überschreitung und Auflösung von Grenzen in Verbindung gebracht. Ich will zeigen, dass viele Ansätze dazu führen, etwas als queere Kunst aufzufassen. Oder, als Frage formuliert: Was macht denn Kunst queer?

Ansprüche

„Wir haben einen aktivistischen Ansatz, keinen kunsthistorischen.“

Gran Fury

Queere Autor_innenschaft und queere Denk- und Lebensweise führen nicht zwangsläufig zu einer queeren Kunstproduktion. Kunst wird nicht allein dadurch queer, dass queere Leute sie gemacht haben. Bedauerlich ist in diesem Zusammenhang, dass Queersein für viele, die sich dieses Label inzwischen angeeignet haben, nicht automatisch Politischsein bedeutet. Queer kann auch kein Ersatzbegriff für lesbisch und schwul sein, denn sonst wäre der Begriff wieder auf dem Weg, etwas zu vereindeutigen. Mein Bedauern verweist auf einen Anspruch an queer: Die Geschichte des Begriffs hat ihn zu einem nachweislich starken, politischen gemacht. Er transportiert daher neben Spaß auch Verantwortung und kritische Handlungsweisen. Queerer Aktivismus für Anerkennung von Differenz und Pluralität hat sich aus eigenen Unterdrückungserfahrungen der Aktivist_innen entwickelt. Deshalb plädiere ich dafür, dass Kunst, die das Adjektiv queer trägt, gesellschaftskritisch, also politisch sein sollte. Ein gutes Beispiel für queere Kunst sind die Flugblätter, die Claude Cahun und Marcel Moore gestaltet haben. Einerseits wirken die Flugblätter wie konkrete Poesie, andererseits wird mit ihnen gegen die Besetzung der Insel Jersey durch deutsche Soldaten im Jahre 1940 protestiert. Kunst muss nicht immer so offensichtlich zum Mittel für Propaganda und Information werden. Sie kann ihre Kritik an Normen der Heterosexualität, an Zweigeschlechtlichkeit, an Zuschreibungen, an Zwängen zur Vereindeutigung und an Machtverhältnissen auch auf subtile Weise transportieren. Ideal wäre darüber hinaus, wenn queere Kunst das, was im Allgemeinen unter Kunst verstanden wird, beeinflussen könnte.

Soziale Praxis – Sichtbarkeit beeinflussen

„Der grundlegende Charakter sozialer Probleme ist, dass man sie teilt.“

Videokollektiv Testing The Limits

Obwohl etwas zu sehen nicht heißt, zu wissen, wie etwas ist, wird Sichtbarkeit oft als wesentliche Absicht queerer Aktivist_innen genannt. Mehr Sichtbarkeit kann allerdings nicht nur mehr Akzeptanz hervorbringen, sondern auch bedeuten, stärker in die Normen der Gesellschaft eingebunden zu sein. Hieraus erwächst das neuere Bedürfnis doch lieber wieder unsichtbar zu werden. Es gibt zum Gegensatzpaar Sichtbarkeit – Unsichtbarkeit durchaus Alternativen. Gerade Kunst ermöglicht, etwas jenseits vorhandener Kategorien – etwas das vorher nicht da war – vorstellbar zu machen. Ich denke dabei nicht an Irritation, das heißt die Abweichung von einer Norm, sondern an einen ganz neuen Sinnzusammenhang. Das erfordert jedoch von den Künstler_innen, nicht einfach die Wirklichkeit abzubilden, sondern die gesellschaftlichen Bedingungen fürs Sichtbar- beziehungsweise Unsichtbarwerden zu berücksichtigen. Mit künstlerischen Mitteln kann zum Beispiel vorstellbar werden, was als schön und als ästhetisch aufgefasst wird und welche Rolle dabei Geschlecht, race, Ability und Sexualität spielen. Ein Kunstwerk kann über seine eigenen Bedingungen Auskunft geben. Es kann zeigen, wer wen unter welchen Voraussetzungen anschaut beziehungsweise wer von wem angeschaut wird.  Es kann zeigen, wie Macht und Begehren des Blickens im Dazwischen funktionieren. Wird Kunst, wie oben beschrieben, als ein gemeinsames soziales Tätigsein aufgefasst, das Bedingungen sichtbar macht, muss sie ständig in Bewegung sein und sich stets aufs Neue verwirklichen. Künstler_innen – wollen sie an der Gesellschaft teilhaben und gleichzeitig Einfluss nehmen – erweitern ihr Repertoire ständig, auch auf bisher so genannte kunstferne Bereiche. Wie weit geht die Einflussnahme der Künstler_innen? Wird ihre soziale Intervention über die Werke deutlich?

Queer Lesen – der Kontext als Kompliz_in

„Je konservativer das Publikum, desto queerer das Bild.“

Bemerkung einer Teilnehmer_in auf dem Workshop „Queere Kunst“, der 2006 an der HfbK Hamburg stattfand.

Ging es bisher vor allem um die Produzent_innen, kommen nun die Konsument_innen stärker ins Spiel. Denn ein Bild, ein Film oder eine Performance sind so queer, wie sie für das Publikum queer lesbar sind. Queere Kunst stellt sich immer im Zusammenhang – im Kontext – her. Kunst-Konsument_innen können, in Form sozialer Praxis, in ein queerendes Ereignis verwickelt werden. Damit öffnet sich ein großer Pool von Sinnzusammenhängen und Bedeutung. Im Zusammenspiel der Bedingungen zwischen Betrachter_in und Kunstwerk hängt die Lesart beziehungsweise die Wirkung eines Werkes vom Vorwissen, den mitgebrachten Sehgewohnheiten und Erwartungen ab. Auch Begehren und Affekte beim Betrachten sind wichtig. Nehmen sich die Betrachtenden wahr als die, die betrachten oder als die, die betrachtet werden? Bedeutsam ist darüber hinaus das jeweilige Umfeld, in dem etwas gezeigt wird. Eine queere Absicht kann schief gehen. Ein Bild, eine Performance, ein Film, ein Projekt, können queer gemeint sein, in einem anderen Kontext aber nicht als solches erkannt werden. Genauso ist es möglich, ein Kunstwerk queer zu lesen, wenn die Absicht der Künstler_in eine ganz andere war. Gibt es dennoch Kunst, die sich eher für eine queere Lesart anbietet als andere?

Die Bedeutung eines Kunstwerks ist nicht abgeschlossen sondern entsteht durch bestimmte gesellschaftliche Übereinkünfte. Innerhalb dieses sozialen Kontexts liegen einige Bedeutungen eher nahe, andere werden in den Hintergrund gedrängt. Je nach Übereinkunft ist aber die (Um-)Deutung zum queeren Kunstwerk denkbar. Queeres Lesen ist die Suche nach Lücken und Widersprüchen, also das Aufspüren der von gesellschaftlichen Übereinkünften abweichenden Möglichkeiten. Eine kritische Frage an ein Kunstwerk ist zum Beispiel, welche Aussagen darin gemacht und welche weggelassen werden. Nun kommt das erfreuliche Ereignis: Betrachter_innen können – mindestens während des Kunstkonsums – ihre gesellschaftliche Situation selbst herstellen, wenn sie die nahe gelegten Bedeutungen aber auch die Lücken und Widersprüche ausnutzen und für sich umbauen. Das Betrachten von Kunst wird so beweglich und das Festlegen von Bedeutung kurzfristig. Das (Kunst-)Werk wird zum Vexierbild: Eben noch als Werbung oder als Mainstream durchgegangen, können ein Bild, ein Film, eine Performance, eine Installation, ein Projekt kurz darauf als queere Kunst genossen werden. Die Vielfalt der Lesarten verdeutlicht nochmals, dass Bedeutung nicht allein durch die Absicht der Künstler_innen in eine von ihnen gewünschte Richtung gesteuert werden kann. Es wird auch vorstellbar wie sich immer neue Lesarten entwickeln können. Risiken der Überinterpretation, der Austauschbarkeit und der Wirkungslosigkeit müssen in Kauf genommen werden.

Immer mehr als das, was gemeint ist

Queere Kunst tritt in unterschiedlicher Weise in Erscheinung: als eine Ansammlung miteinander verwobener Bedingungen, Bedeutungen, Handlungsweisen und als eine an sich selbst gerichtete Fragestellung. Über das komplizierte Verhältnis, das alle diese Sinnvarianten miteinander eingehen, habe ich die Selbstverständlichkeit, mit der nach dem „Was ist?“ gefragt wird, aus dem Blickfeld gerückt zugunsten eines breiter angelegten „Wie geschieht das?“. Diese Frage wird meines Erachtens eher dem Sinn queerer Kunst gerecht. Es ist demnach nicht wichtig, was queere Kunst ist, sondern es ist wichtig, sich die Wege anzusehen, die dazu führen, sich ein Bild oder eine Vorstellung von etwas zu machen und sich dazu zu positionieren. Erst dann lässt sich normierendes Verhalten erkennen, stören und beeinflussen. Queere Kunst ist nur in dem Maße interessant, wie sie sich mit Bruch- und Konfliktpotenzial ihrer eigenen Kategorien, überschnitten mit weiteren gesellschaftlichen Kategorien – vor allem mit denen, die zu diskriminierenden Unterscheidungen führen – auseinandersetzt.

Queere Kunst ist nichts Festes, sondern ein Mittel, um Sinnvarianten und den damit verknüpften Bedingungen nachzuspüren, ohne dabei dauerhaft in festen Kategorien haften zu bleiben. Die neuen Sinnzusammenhänge und Kategorien, die dabei entstehen, bleiben als Orientierungshilfe maßgeblich und bilden mehr oder weniger hilfreiche Abhängigkeiten. Ein wichtiger Punkt ist, über queeres Lesen die ständig veränderbare Perspektive auf das, was als das jeweils Andere bezeichnet wird, zu erkennen. Queeres Lesen wirkt hier zunächst sehr befreiend, hat aber auch seine Tücken. Mit der Umdeutung geschehen anstelle der alten Ausschlüsse viel zu oft neue. Auch in queeren- und/oder Kunstszenen ist dies der Fall, wenn neue Abgrenzungen, wie zum Beispiel Aussehens-, Verhaltens- oder Deutungsübereinkünfte Zwänge und Unwohlsein schaffen – was gerade vermieden werden soll. Das Prinzip aller Ausschlüsse muss noch viel konsequenter unterlaufen, es muss noch viel mehr verqueert werden. Denn das Andere ist immer mehr als das, was gerade gemeint ist.


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