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Bildung

Queere Kinderbücher – Strategien, dem Anderen Raum zu geben

16.02.2015, Joke Janssen

Als seit einigen Jahren praktizierender Vorleser_ von Kinderbüchern verzweifle ich regelmäßig: Viele Kinderbücher sind voller Vorurteile und vermitteln diskriminierende und ausschließende Welt- und Identitätsbilder. Erzählungen sind überproportional aus der Perspektive weißer Jungen geschrieben, zentrieren ein Zwei-Eltern-Kernfamilienmodell oder sind beiläufig fett- oder femininitätsfeindlich. Das ist nicht nur schade, sondern schädigend, weil Kinder aus diesen Büchern für ihr Leben lernen und viele Kinder aus ihnen vor allem lernen müssen, dass sie als starke und vielschichtige Protagonist_innen nicht vorkommen. Ich suche deshalb nach Büchern, in denen andere Strategien verfolgt werden: In denen Horizonte erweitert statt begrenzt werden, mit Mehrdeutigkeiten gespielt und Dominanzkultur entnormalisiert wird. Entsprechende Kinderbücher lassen sich unter Schlagworten wie alternativ, vorurteils- oder diskriminierungssensibel finden. In diesem Text geht es um queere Kinderliteratur.

Zunächst: Was ist gemeint, wenn hier queer steht?
Unter queer finden sich verschiedene und durchaus auch widersprüchliche Bedeutungen und Praxen. In den Queer Studies und ihnen nahe stehenden queerpolitischen Handlungen und Interventionen wird queer häufig als Verunsicherung und Destabilisierung herrschender Normen verstanden. Hier geht es darum, Dichotomien und alltägliche Normalitäten zu hinterfragen, sie zu stören und manchmal Alternativen zu ihnen zu entwickeln. Wenn hier intersektional gearbeitet wird, werden dabei nicht nur die Aspekte Geschlecht, Sexualität und Begehren einbezogen, sondern auch ihre Verknüpfungen mit und das Ineinandergreifen von diversen anderen Machtverhältnissen wie beispielsweise Ethnisierung. Gleichzeitig umfasst queer auch vielgestaltige und überhaupt nicht einheitliche Kämpfe um Identitäten und gesellschaftliche Teilhabe einer sich stetig wandelnden Gruppe von Personen, die sich vor allem durch ihr begehrendes und sexuelles Handeln und ihre vergeschlechtlichten Identitäten abseits heteronormativer, monogamer Zweigeschlechtlichkeit positionieren.
Queere Kinderliteratur umfasst genau diesen Bogen unterschiedlicher Auslegungen von queer und präsentiert diverse Familien- und Lebensverhältnisse aus einem LGBT-Spektrum, aber auch Versuche, mehrere Machtverhältnisse zu thematisieren oder machtvolle Ausschlüsse produzierende Normen zu dekonstruieren. In queeren Kinderbüchern können deshalb unterschiedliche Strategien verfolgt werden, um abseits des Hegemonialen zu erzählen. Ich stelle nun ein paar dieser Strategien vor und nenne für Interessierte einige dazu passende Buchtitel. Deren Zusammenfassung unter dem Label queer ist meine Bezeichnung und bedeutet nicht, dass die Autor_innen ihre Bücher selbst so nennen würden.

Repräsentation marginalisierter Identitäten

Die Repräsentation sonst wenig erwähnter Identitäten ist wohl die verbreitetste Strategie queerer Kinderbücher. Hier finden sich Geschichten, in denen schwule (Luzie Libero und der süße Onkel), lesbische (Du gehörst dazu) oder trans* (Wie Lotta geboren wurde) Bezugspersonen vorkommen oder auch Bücher, in denen Kinder oder Jugendliche von der (imaginierten) Norm abweichende Gender leben (Unsa Haus; Hexenblut).
Häufig finden sich Repräsentationen nicht-heterosexueller Familienverhältnisse oder gender-nonkonformer Kinder in Büchern, die Vielfalt zum Thema haben und in denen versucht wird, möglichst viele verschiedene Identitäten und Familienformen darzustellen. Die Heterogenität, die diese Bücher aufmachen können, bedingt gleichzeitig, dass der Inhalt meist auf der deskriptiven Ebene bleibt, die Leser_innen also vor allem visuelle Differenzen präsentiert bekommen. Eine Ausnahme stellt Unsa Haus aus dem NoNo Verlag dar. In der Geschichte geht es um Kinder mit diversen gesellschaftlichen Hintergründen und gleichzeitig um ihre Interessen, Alltagssorgen und Zukunftsphantasien.
Nicht selten wird zur Repräsentation nicht-heterosexueller Begehrensformen auf „homosexuelle“ Tier-Charaktere zurückgegriffen (Hallo, wer bist denn du?). Während die Darstellung von Tieren sicherlich einerseits ein Mittel ist, Homosexualität mehrheitskonformer im Kinderbuch einzuführen, bleibt andererseits die damit verbundene Naturalisierung und Universalisierung gesellschaftlicher Sexualitäts-, Begehrens- und Beziehungskonstrukte fragwürdig. Da außerdem Beziehungskonzepte nicht erklärt, sondern nur über kurze Einblicke in Lebensverhältnisse meist visuell (zwei Personen mit gleichem oder nicht gleichem Geschlecht leben zusammen) repräsentiert werden, kann resultierend daraus eine Verhandlung von Bisexualität/Pansexualität nicht stattfinden.

Umdeutungen und Alternativen

Sprache konstruiert machtvoll Realität und ist gerade in der Benennung von Differenzen oder vermeintlichen Natürlichkeiten häufig gewaltvoll. Dem begegnen Autor_innen queerer Kinderbücher mit Interventionen in hegemoniales Sprechen durch Versuche der Umdeutung, Neubelegung oder Infragestellung. In Wie Lotta geboren wurde heißt es:

Ein Baby wächst bei Menschen im Bauch.
Da gibt es eine gemütliche Babyhöhle,
die heißt Uterus. Manche Leute sagen auch
Gebärmutter dazu.

Strategisch wird hier eine nicht an unterschiedliche Gender geknüpfte Bezeichnung („Babyhöhle“) gefunden, die den Begriff Gebärmutter ersetzen kann. Gleichzeitig wird der – an sich weit verbreitete – hegemoniale und meist nicht hinterfragte Gebrauch des deutlich gegenderten Wortes Gebärmutter unterwandert, denn die Autor_innen vermitteln, dass nur „[m]anche Leute“ diese Bezeichnung benutzen und eröffnen damit einen Raum mehrerer gleichwertig nebeneinander stehender Wörter.
Auch verschiedene normative Konzepte werden in queeren Kinderbüchern hinterfragt und reformuliert. In Tanja Abous Raumschiff Cosinus wird das Konzept der Familie umgedeutet und die Möglichkeit eingeführt, Wahlfamilien zu bilden. Lilly Axster und Christine Aebi brechen wiederum mit dem Konzept Aufklärungsbuch, indem sie in DAS machen? davon absehen, genauer auf menschliche Reproduktionsverfahren einzugehen. Während Aufklärungsbücher sonst häufig Vorreiter_innen der Normalisierung von Heteronormativität sind, entzieht sich DAS machen? dieser Logik und fördert viel mehr die Neugierde der Leser_innen, sich den eigenen Fragen zu Sexualitäten zu widmen. So werden hegemoniale Konzepte nicht gefestigt und es kann genug Imaginationsraum für alternatives und queeres Wissen entstehen.

Queere Experimente

Spannend wird es insbesondere, wenn Kinderbuchautor_innen Experimente wagen. Da es im Bereich queerer Kinderbücher nach wie vor wenig Vorlagen gibt, sind Versuche, queere Theorien/Praxen/Politiken im Kinderbuch umzusetzen, Experimente in sich, deren Umsetzungserfolg häufig erst im Nachhinein und im größeren Kontext eingeschätzt werden kann. Tanja Abou verzichtet beispielsweise in Raumschiff Cosinus auf die Vergabe von Pronomen und die vergeschlechtlichte Zuordnung der Protagonist_innen. Da in der deutschen Sprache die maskuline Form aber nach wie vor privilegiert wird und darüber hinaus Charaktere gewählt wurden, die in manchen Fällen eine maskuline Genderung näher legen als eine feminine (z.B. Bordcomputer und Cpt_Cosmo), funktioniert dieses Experiment nicht ohne Weiteres. Gleichzeitig ist Raumschiff Cosinus mit der Strategie der Nicht-Vergeschlechtlichung eine Seltenheit auf dem Kinderbuchmarkt und bietet die Möglichkeit, anhand von konkretem Material genauer über die Verwendung von Pronomen und die visuelle Darstellung von nicht gegenderten Charakteren nachzudenken.

Dekonstruktionen
Dekonstruktionen hegemonialen Wissens im Kinderbuch sind mit der besonderen Schwierigkeit verbunden, komplexe theoretische Ansprüche in einer für Kinder und Jugendliche ansprechenden und verständlichen Weise zu kommunizieren. Für Autor_innen bedeutet dies meist eine Gratwanderung zwischen stärkenden Identitätsrepräsentationen und dekonstruierenden Infragestellungen des Gewohnten. In DAS machen? gelingt diese VerUneindeutigung durch die Spannungen und Widersprüchlichkeiten erzeugende Mischung der Text- und Bildebenen. Text und Illustrationen werden hier genutzt, um eine ganz kinderbuchuntypische Komplexität zu entwerfen. Sie eröffnen – mal in Abstimmung miteinander, mal unabhängig voneinander und mal sich aneinander reibend – Imaginationsräume, in denen das normalerweise Perverse, Verworfene oder nicht Gesagte denkbar wird, ohne explizit ausgesprochen und damit wiederum festgelegt zu werden. So sind in einem Abschnitt über die möglichen Bedeutungen von Sexualität kindliche Überlegungen auf der Textebene mit teilweise queeren, perversen Sexpraxen auf der Bildebene vermischt: So wird die Überlegung der Kinder, ob BHs und Unterhosen bei der Sexualität eine Rolle spielten, illustriert mit einer Leine, auf der Kleidungsstücke hängen. Die Kleidungsstücke – von Feinrippunterhose über Katzenmaske zum Nietenhalsband – lassen ein Phantasieren über Sex zu, das weder vom Text noch von der Illustration in Bahnen gelenkt wird. Die in DAS machen? ineinandergreifenden diversen Schichten und Deutungsmöglichkeiten entziehen sich so einem Gelesen- und Verstandenwerden auf den ersten Blick und ermöglichen gerade damit ein Feld vielfacher vorstellbarer Lesarten.

Weiterlesen!

Die vorgestellten Strategien sind häufig nicht so trennscharf wie hier beschrieben; in unterschiedlichen Büchern finden sich Überschneidungen und Verknüpfungen mehrerer der genannten Methoden. Gemeinsam ist allen hier vorgestellten Büchern, dass sie einen Raum für das Andere, vielleicht Queere eröffnen und Geschichten erzählen, die sonst nicht erzählt werden. Weiterlesen lohnt sich!

Erwähnte Kinder- und Jugendliteratur

Abou, Tanja (2011): Raumschiff Cosinus. Der Bordcomputer hat die Schnauze voll. NoNo Verlag, Berlin.
Axster, Lilly; Christine Aebi (2014): DAS machen? Projektwoche Sexualerziehung in der Klasse 4c. 2. überarbeitete Auflage. deA Verlag, Wien.
Böttger, Ben; Rita Macedo u.a. (2013): Unsa Haus und andere Geschichten. 3. überarbeitete Auflage. NoNo Verlag, Berlin.
Hoffmann, Mary (2010): Du gehörst dazu. Das große Buch der Familien. Sauerländer, Mannheim.
Lindenbaum, Pija (2007): Luzie Libero und der süße Onkel. Beltz, Weinheim.
Lötzerich, Suskas (2014): Hexenblut. Luftschacht, Wien.
Schmitz-Weicht, Cai; Ka Schmitz (2013): Wie Lotta geboren wurde. 2. Auflage. Atelier 9 3/4, Berlin.
Schmitz-Weicht, Cai; Ka Schmitz: Hallo, wer bist denn du? Atelier 9 3/4, Berlin.


2 Kommentare »

  1. [...] Feministischen Institut Hamburg schreibt Joke Jansen über queere Kinderbücher, denn “Erzählungen sind überproportional aus der Perspektive weißer Jungen geschrieben, [...]

    Pingback by Mädchenmannschaft » Blog Archive » Özgecan Aslan, Trans*Frauen of Color und dickes Sexappeal – kurz verlinkt — 18.02.2015 um 10:01

  2. [...] Janssen vom ‘Feministischen Institut Hamburg’ hat eine Liste mit einigen queeren und empfehlenswerten Kinderbüchern [...]

    Pingback by Noch mehr gute Kinderbücher | fuckermothers — 22.02.2015 um 14:17

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