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Feministische Theorien

Queer und arbeitswerttheoretisch – Die Forschungsgruppe Arbeit-Gender-Technik an der Technischen Universität Hamburg-Harburg

15.02.2013, Ute Kalender

Queer Theory ist verschiedentlich vorgeworfen worden, Kapitalismus nicht mitzudenken. Der darauf reagierenden Queeren Ökonomiekritik wiederum, dass sie Fragen nach Staat oder einem kapitalistischen Ganzen ausklammere. Sie würde sich dadurch an einer Modernisierung des Kapitalismus beteiligen oder gar Ausdruck kapitalistischer Wissensproduktion sein. Dass dem nicht so ist, zeigen die Beiträge rund um die Forschungsgruppe Arbeit-Gender-Technik an der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Die darin arbeitenden Sozialwissenschaftlerinnen haben Begriffe wie Arbeitskraftmanagerin oder Care Revolution geprägt, die Debatte um das Grundeinkommen gequeert oder gefragt, welche Rolle eigentlich der Staat für eine kapitalistische Ökonomie spielt, in der Heteronormativität nach wie vor allgegenwärtig ist. Jetzt wird die Arbeitsgruppe zehn Jahre alt. Ein guter Grund das Denkkollektiv vorzustellen.

 

Keinen blassen Schimmer von politischer Ökonomie. Oder schlicht: Praxis-Gedöns. So die Vorbehalte gegen Queere Ökonomiekritik, die materialistische Feministinnen und Wertkritiker einen um die Ohren hauen – vorausgesetzt man begibt sich in marxistische Milieus. Ignoranz, Anti-Feminismus, Hetero-Sexismus möchte ich dann spontan erwidern. Und doch: Bei näherer Betrachtung der Queeren Ökonomiekritik fällt die Abwesenheit von Großmetaphern wie Revolution, Staat oder Kapital auf. Totalität scheint manchen gar ein Schimpfwort zu sein.

Umso bemerkenswerter deshalb das Hamburger Denkkollektiv: Die Forschungsgruppe Arbeit-Gender-Technik an der Technischen Universität Hamburg-Harburg ist vor zehn Jahren von Gabriele Winker, gegründet worden. Seitdem widmen sich die Wissenschaftlerinnen der Technik- und Internetforschung sowie der Hochschulforschung aus geschlechterwissenschaftlicher Perspektive. Vor allem aber bewegen sie sich an der seltenen Schnittstelle von Queer Theory und Queerer Ökonomiekritik, materialistischem Feminismus, Marxismus sowie Arbeitswissenschaften. Ihre Beiträge stellen sich der besonderen Herausforderung, aus einer queeren Perspektive nach Vermittlungsinstanzen wie dem Staat oder nach der Rolle ‚des‘ Bewegungsgesetzes, das ‚dem‘ Kapital und kapitalistischen Produktionsweisen immanent ist, zu fragen.

Wenig verwunderlich also, dass die Publikationen der Forschungsgruppe in den deutschsprachigen Queer Studies geschätzte Beiträge darstellen: Stefanie Bentrups „Feministisches Queer-Lesen der Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen“, der Band „Queer- | Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse“, herausgegeben von Melanie Groß und Gabriele Winker oder die umfangreiche Studie von Iris Nowak, Jette Hausotter und Gabriele Winker „Handlungsfähigkeit in entgrenzten Verhältnissen“ werden von Queer-Feministinnen regelmäßig herangezogen (vgl. Bentrup 2007; Groß/Winker 2007; Nowak/Hausotter/Winker 2012 & 2012a).

Anders als viele Queere Ökonomiekritiken machen die Hamburgerinnen die Marx’sche Arbeitswerttheorie und Kapitalverwertungsprozesse zum theoretischen Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen. Besonders Gabriele Winker gelingt es, soziale und ökonomische Produktion nicht als Parallelsysteme auseinander zu dividieren, sondern vergeschlechtlichte Ausbeutungsverhältnisse innerhalb der Produktion zu lokalisieren (vgl. Winker 2007, 18; vgl. auch Winker/Degele 2009, 36). Zwar erhebt sie Mehrwertproduktion dabei zu einem Relevanzkriterium für den Einsatz von Produktivkraft und abstrahiert durchaus von der Vielfalt und dem umkämpften Charakter gesellschaftlicher Phänomene. Winker vollzieht diese Denkbewegung jedoch in einer Weise, die über eine ökonomistische Analyse hinaus, mehr als nur bestimmte – für die kapitalistische Produktionsweise spezifische – Formen und Dynamiken erfassen kann. Sie schafft es, den spezifischen Imperativ der Verwertung sichtbar zu machen und ihn zugleich sehr differenziert im Wechselspiel mit der geschlechtlichen Codierung von Subjektivitäten, Körperlichkeiten, Fähigkeiten und Bedürfnissen zu fassen. Diese am Mehrwert orientierte, analytische Abstraktion kann besser als die oft von queer-feministischen Ansätzen verwendeten Kategorien wie ökonomische Verhältnisse, Neoliberalismus oder Biopolitik bestimmte Dimensionen erfassen.

Auch setzen die Hamburgerinnen ökonomische Vorgänge in Verbindung zu staatlichen Praktiken, indem sie zeigen wie neoliberale Politiken des Regierens mit dem Abbau staatlicher Leistungs- und Sicherungssysteme einhergehen. So bedeutet die sozialstaatliche Deregulierung, dass die Reproduktion der Ware Arbeitskraft heute noch stärker innerhalb der Familie erfolgen muss. Frauen tragen hier nach wie vor die Hauptlast und werden zu Chauffeurinnen, Hilfslehrerinnen und umfassenden Erzieherinnen. Neoliberale Deregulation bedeutet aber auch, dass queere Familien für solche ehemals staatlichen Aufgaben ebenfalls willkommen sind – solange sie flexibel genug sind und über die notwendigen finanziellen Ressourcen verfügen (vgl. Winker 2007, 27ff., 37ff.; vgl. auch Ganz 2007, 57ff.).

Auch der von Gabriele Winker und Tanja Carstensen entwickelte Begriff der Arbeitskraftmanagerin geht in diese Richtung. Ihre arbeitswissenschaftlichen Studien machen so eine spezifische, geschlechtliche Subjektivierung im neoliberalen Kapitalismus sichtbar. Indem Winker und Carstensen diese Subjektkonfiguration mit staatlich-juridischen sowie mit wertgesetzlichen Kräfteverhältnissen in Verbindung bringen, liefern sie ein gelungenes Beispiel für eine feministische, gouvernemental-foucault’sch inspirierte Perspektive, die die Entgegensetzung von Mikro- und Makroebene geschickt umgeht: Neoliberale Mikropolitiken des Regierens sind immer auch Makropolitiken (Winker 2007, 27; Winker/Carstensen 2004, 173ff.; vgl. auch Ganz 2007; Bentrup 2007).

Darüber hinaus eröffnet die Arbeitskraftmanagerin den Blick auf Handlungsfähigkeit und vermeidet einen verkürzten Blick auf arbeitende Frauen als bloße Opfer neoliberaler Umstrukturierungen. Besser aber als etwa die Agency-Verständnisse angelsächsischer Mikrobiopolitik-Ansätze können mit dem stärker marxistisch orientierten Begriff auch die Grenzen – die Verkehrungen – in Arbeitsverhältnissen sichtbar gemacht werden. Winker und Carstensen unterstreichen, dass die Gestaltung neuer Spielräume auch neue Zwänge bedeutet. Sie benennen gesellschaftliche Widersprüche, die durch die Ausrichtung immer größerer Bereiche des Lebens an Marktprinzipien entstehen und durch individuelle Regulierungen und Strategien kaum zu bewältigen sind (Winker/Carstensen 2004, 169).

Bemerkenswert sind die feministisch-materialistischen Zugänge darüber hinaus, weil sie nicht auf abwertenden Abgrenzungen gegen Queer Theory und Queer Studies basieren, sondern auf ihrem sorgfältigen und fast selbstverständlichen Einbezug. Ein solches freundschaftliches Verhältnis versteht sich nicht von selbst. Beruhen doch feministische Wissensproduktionen und marxistische Ansätze auf dem Imperativ Neues zu produzieren und auf der oft harschen Abgrenzung gegen konkurrierendes Denken. Sei es im akademischen Bereich, sei es in linken Milieus. Ein Beispiel sind die jüngsten Diskreditierungen von Queer Theorie und Gender Studies unter dem Deckmantel der Kritik an Judith Butler und Jabir Puar.
Schließlich arbeiten die Wissenschaftlerinnen immer empirisch und qualitativ genau, beispielsweise Wibke Derboven zum Studienabbruch von Ingenieurstudierenden (Derboven/Winker 2010) oder Kathrin Schrader (2012) zur Handlungsfähigkeit Drogengebrauchender Sexarbeiterinnen. Dadurch werden die Hamburger Beiträge zu queer-ökonomischen Feminismen auf der Höhe der Zeit. Und: Queere Ökonomiekritik trotzt damit ihren Kritikern, die oft aus der Philosophie und der Politischen Theorie kommen und damit Begriffe als alleinigen Ausgangspunkt ihrer Überlegungen setzen. Vor dem Hintergrund empirischer Zugänge und gesellschaftlicher Geschlechterverhältnisse wird deutlich, dass ihre Behauptungen wenig mit der gesellschaftlichen Totalität zu tun haben, über die sie vorgeben zu sprechen. Und so allenfalls ein Korrektiv sein können.

Kurzum: Um Queer Theory und Queere Ökonomiekritik als Teil kapitalistischen Wissens bezeichnen zu können, müsste man die Beiträge der Forschungsgruppe Arbeit-Gender-Technik an der Technischen Universität Hamburg-Harburg ignorieren. Das wäre dann tatsächlich anti-feministisch und hetero-sexistisch. Anders ausgedrückt: Auf zukünftige Beiträge können wir gespannt sein. Vielleicht greifen die Hamburgerinnen ja als erste das Thema Finanzialisierung aus einer queer-feministischen sowie politisch-ökonomischen Perspektive auf – und zwar nicht nur indirekt, sondern ausdrücklich. Zuzutrauen wäre es ihnen.

Literatur

  • Bentrup, Stefanie (2007): Feministisches Queer-Lesen der Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen. In: Groß, Melanie/Winker, Gabriele (2007) (Hrsg.): Queer-/Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse, Münster, 129–149.
  • Ganz, Kathrin (2007): Neoliberale Refamiliarisierung und queer-feministische Lebensformenpolitik. In: Groß, Melanie/Winker, Gabriele (2007) (Hrsg.): Queer-/Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse, Münster, 51–79.
  • Groß, Melanie/Winker, Gabriele (Hrsg.) (2007): Queer- | Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse, Münster.
  • Nowak, Iris/Hausotter, Jette/Winker, Gabriele (2012): Handlungsfähigkeit
in entgrenzten Verhältnissen. Subjektkonstruktionen von Beschäftigten in Industrie und Altenpflege. In: http://doku.b.tu-harburg.de/volltexte/2012/1138/pdf/Handlungsfhigkeit_Entgrenzung.pdf, 20.10.2012.
  • Nowak, Iris/Hausotter, Jette/Winker, Gabriele (2012a): Entgrenzung in Industrie und Altenpflege: Perspektiven erweiterter Handlungsfähigkeit der Beschäftigten. Im: WSI Mitteilungen, 4/2012, 272–280.
  • Schrader, Kathrin (2012): Politische Handlungsoptionen mit dem Ziel des Empowerments Drogengebrauchender Sexarbeiterinnen. In: standpunkt : sozial. Hamburger Forum für Soziale Arbeit und Gesundheit, Heft 3, 76–86.
  • Winker, Gabriele (2007): Traditionelle Geschlechterordnung unter neoliberalem Druck. Veränderte Verwertungs- und Reproduktionsbedingungen der Arbeitskraft. In: Groß, Melanie/Winker, Gabriele (2007) (Hrsg.): Queer-/Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse, Münster, 15–49.
  • Winker, Gabriele/Carstensen, Tanja (2004): Flexible Arbeit – bewegliche Geschlechterarrangements. In: Kahlert, Heike/Kajatin, Claudia (Hrsg.) (2004): Arbeit und Vernetzung im Informationszeitalter, Frankfurt/New York, 167–185.
  • Winker, Gabriele/Degele, Nina (2009): Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheit, Bielefeld.

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