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Feministische Theorien

Prozessual-strategische Subjektivität: Handlungsfähigkeit, politische Bündnisse und Widerstand aus queer-feministischer Sicht

01.09.2009, Do. Gerbig

Feminismus nach Butler, wie ist das noch möglich? Meines Erachtens brachte gerade die, durch Judith Butler (1990) ausgelöste Infragestellung einer vermeintlich angeborenen Weiblichkeit und die Dekonstruktion von körperlichem Geschlecht neue und politisch wichtige Denkansätze für Feminismen hervor. Um Subjekte dennoch und auch jenseits der Figur der „Unternehmerin ihrer Selbst“ handlungsfähig und widerständig erscheinen lassen zu können, habe ich in meiner Diplomarbeit den Begriff „prozessual-strategische Subjektivität“ entwickelt. Dabei war für meine Konzeption von Subjektivität und Politik zentral, Widerstand sowohl auf theoretischer als auch auf praktischer Ebene zu formulieren und dabei weder auf subjektive Autonomie zu referieren, noch Herrschaftsverhältnisse unbeachtet zu lassen.

Was das Subjekt ist und wie es handlungsmächtig wird, war und bleibt Kristallationspunkt verschiedener wissenschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen. Gerade vor dem Hintergrund einer neoliberalen Gouvernementalisierung der Gesellschaft muss m. E. angezweifelt werden, dass die Möglichkeit Widerstand zu leisten, hauptsächlich eine Frage der Ausbildung eines „freien Willens“ ist. Durch die Auseinandersetzung mit poststrukturalistischer, feministischer und queerer Theoriebildung wurden mir die Werkzeuge in die Hand gelegt, um Subjektivität und agency (Handlungsfähigkeit) nicht länger als angeborene anthropologische Eigenschaften (Engel 2002: 61) zu entpolitisieren, sondern sie in ihrer historischen Kontingenz und Verankerung in sozio-diskursiven Macht- und Herrschaftsverhältnissen wahrzunehmen. Aus dem Zusammendenken der Arbeiten von Jacques Derrida, Michel Foucault und Judith Butler ergibt sich eine bestimmte Möglichkeit, subjektive und politische Handlungsfähigkeit zu denken, die ich prozessual-strategisch bezeichne.

Subjektpositionen: prozessual und strategisch

Prozessual zunächst schon deshalb, weil Subjekte mit Derrida gedacht, ebenso wie Bedeutungen, abhängig von Differenzen und dem identifikatorischem Außen, ständig in Bewegung sind und viele Kontexte durchlaufen und aufnehmen müssen. Subjekte befinden sich unablässig im Werden und können nicht als abgeschlossen gedacht werden (vgl.: Bennington/Derrida 1994 u. Derrida 1996, 2004). Zentral ist für mich außerdem Foucaults Begriff der produktiven Macht, die neben Diskursen und Machtverhältnissen (Disziplinartechnologien) auch Subjektpositionen (Selbsttechnologien) hervorbringt. Was seine Arbeit anbietet, ist die Verschiebung einer kohärent gedachten Subjektivität hin zu einem Denken verschiedener, variabler Subjektpositionen, die sich entlang diskursiver Vorgaben und Machttechniken formieren (Foucault 1983, 1993, 1994). Prozessual schließlich auch in Anlehnung an Butlers Begriff der ‚performativen Materialisierung’ von kulturell intelligiblen körperlichen Subjekten entlang diskursiver Vorgaben. Dieser Prozess der Herstellung ist abhängig von der Wiederholbarkeit und Zitatförmigkeit regulativer Normen. Gleichzeitig sind durch dieses ständige Wiederholen gewisse Instabilitäten in Form von Rissen oder Brüchen bereits ‚vorprogrammiert‘ oder sogar konstitutiv für die Subjektivierung (vgl.: Butler 1990, 1993).

Strategisch handlungsfähig wird eine so verstandene Subjektivität, indem sie sich diese prozessuelle Materialisierung in ihrer Offenheit sowie die immer vorhandene Verwobenheit in Machtverhältnisse klar macht und die Herstellung eigener Identität und Praxen gegen diskursive und regulative Normen wendet. Die konstitutive Beschränkung der Subjektivierung verhindert Handlungsfähigkeit also nicht, aber verortet sie als eine wiederholende, reartikulierende Praxis, welche nie außerhalb von Machtverhältnissen stattfinden kann (vgl.: Butler 1998). Auch mit Foucault ergeben sich strategische Möglichkeiten der Intervention im Spannungsfeld von Unterwerfung und Autonomie durch und bei der Subjektwerdung. Deshalb gilt es, auch nach ihm, neue Formen der Subjektivität hervorzubringen, in denen „wir die Art von Individualität, die man uns jahrhundertelang auferlegt hat, zurück[zu]weisen“ (Foucault 1994: 250). Mit Derridas bejahender Hinwendung zum absolut Anderen (vgl.: Derrida 2005) kann schließlich ein ethischer Rahmen gezogen werden, der vor allem verlangt, jede subversive Strategie oder Politikform beständig und immer wieder daraufhin zu fragen, was oder wer gerade ausgeschlossen wird.

Subjektivität in dieser Weise als prozessual und in Machtverhältnissen eingelassen zu konzipieren, kann Möglichkeiten eröffnen, sie strategisch für widerständige Praxen gegen diese einzusetzen. Damit soll aber nicht gesagt werden, dass es keine – unter so manchen Bedingungen sozialer Ungleichheit sogar überlebenswichtige – Strategie sein kann, sich den herrschenden Diskursen anzupassen. Außerdem möchte ich auch nicht behaupten, dass queer-femistische Theorie und Praxis nur von Menschen betrieben werden kann, die sich immer und ausschließlich subversiv verhalten. Innerhalb der vorliegenden gesellschaftlichen Strukturen ist permanenter Widerstand ohnehin nur schwer denkbar, zumindest ohne den Partizipationsanspruch völlig aufs Spiel zu setzen. Vielmehr ist es mein Eindruck, dass Subjekte zwischen den beiden Polen Anpassung und Subversion pendeln und so manches Mal auch scheitern müssen, um sich erfolgreich zu konstituieren, überleben und widerständig sein zu können.

Politik: Bewegung und Bündnisse

Was bedeutet dieses Konzept von Subjektivität und Handlungsfähigkeit für gegenwärtige und queere oder feministische Bewegungen und Politikformen? Wie wird nach Ablehnung von politischen Strategien, die auf einer geteilten – vermeintlich kohärenten, angeborenen und damit auf nationalistischen Prinzipien beruhenden – Identität fußen, gemeinsames politisches Handeln denkbar, vor allem aber umsetzbar?

Aus der Fragmentierung und dem Brüchig-Werden von Identität, welche „sich als widersprüchlich, partiell und strategisch“ (Haraway 1995: 40) erweist, kann ein neues Verständnis von Verbindung und eine „andere mögliche Strategie der Koalitionsbildung“ (ebd: 41) entstehen: „Affinität statt Identität“ (ebd.). Damit geht es auch bei feministischer Politik darum, einen Raum zu konstruieren, „der nicht mit Handlungen auf der Grundlage natürlicher Identifikation gefüllt werden kann, sondern nur aufgrund bewusster Koalition, Affinität und politischer Verwandtschaft“ (ebd.: 42). Innerhalb dieser Räume kann durch das Zusammentreffen von „virgin, whore, mother, etc.“ die Freiheit einer kollektiven Unsicherheit, „a groundless solidarity“ (Elam 1994: 84) entstehen. Differenzen sind immer da und vermehren sich ständig, deshalb ist ein respektvoller Umgang mit ihnen notwendig, der aber nicht impliziert, dass das „Andere“ durch den richtigen Umgang zum Identischen gemacht werden kann. Politik sollte jedoch nicht in der Klärung dessen, was oder wer die „Anderen“ sind, zum Erliegen kommen oder versuchen zu (er)klären, was deren Andersheit heißt.

Aus einer queer-feministischen Perspektive auf widerständige Praxen und im Hinblick auf die zentrale Frage nach Gestaltungsmacht ist es notwendig, nicht nur Diskriminierungen und Gewalt, sondern auch gesellschaftliche Systeme und Institutionen zu bekämpfen, welche die ungleiche Verteilung ökonomischer, sozialer und symbolischer Ressourcen sicherstellen. Politiken, die Rechte einfordern, sollten dementsprechend nicht verworfen werden, aber auch nicht länger darauf abzielen, „sexuellen Minderheiten einen Platz im Recht zu sichern und sie vor Diskriminierung zu schützen“ (quaestio 2000: 24), sondern vielmehr darauf, die „Bedingungen gesellschaftspolitischer Auseinandersetzung und Praxis zu verändern“ (ebd.: 25). Vor jeder Frage nach den passenden politischen Strategien steht damit unbedingt die Überlegung, wie die heteronormative, androzentristische und rassistische Verfasstheit gesellschaftlicher Institutionen immer zugleich die Bedingungen für politische Praxis und Gestaltungsmacht definiert (Engel 2002: 59).

Praxen: Widerstand und Scheitern

In meiner bisherigen Arbeit zu Subjektivität, agency und Widerstand schien ein wenig geliebtes und theoretisch kaum bearbeitetes Phänomen, nämlich das Scheitern, immer wieder auf. Entgegen der beinahe durchgehend negativen Konnotation, gehe ich davon aus, dass dem Scheitern, sowohl in Verbindung mit Subjektkonstituierung als auch mit agency und Entwürfen widerständigen Handelns eine produktive Kraft innewohnt – und dies auf vielerlei Weise. Zunächst, Judith Butler folgend, schon in der Subjektwerdung, denn wir alle müssen uns zwar dem regulativen Ideal verkörperter und vergeschlechtlichter Subjektivität annähern, ohne dies aber jemals erreichen zu können. Darüberhinaus können Exklusionserfahrungen oder das Nicht-Erfüllen-Können oder Wollen normativer Vorgaben uns dazu antreiben, alternative Subjektpositionen, Handlungsmöglichkeiten oder politische Strategien zu entwickeln und anzustreben. Außerdem nicht zu vernachlässigen ist die Tatsache, dass das Scheitern gewisser Protest- und Widerstandsformen Alternativen hervorgebracht hat und somit auch als bewegendes Moment für neue widerständige Handlungskonzepte lesbar wird. Dies kann gut am Beispiel des Feminismus nachvollzogen werden. Die berechtigten Aufschreie schwarzer Frauen, die sich durch einen nach innen geschlossenen weißen Mittelstands-Feminismus (der nicht auf seine Weißheits-Privilegien reflektierte) nicht repräsentiert fühlten und nicht repräsentieren lassen wollten, führte zur Entstehung des Black Feminism. Durch die aufkommende Queer Theory und queeren Aktivismus, wurden noch weitere Ausschlüsse durch Identitätspolitiken in Frage gestellt und neue Formen widerständiger Praxen und Bündnisse ins Leben gerufen.

Widerstand verstehe ich dabei nicht, als einzig in Revolutionen und radikalen Umstürzen sichtbar oder denkbar. Subversion kann sich oft nur in kleinen Unterscheidungen zum Hegemonialen ausdrücken und sollte deshalb in ihrer Vielfalt anerkannt werden. Auch zu stark vereinfachend wäre, Widerstand in der Opposition oder Verweigerung der Anpassung zu begreifen, denn häufig scheint im Hinblick auf Teilhabemöglichkeiten eine Menge Anpassung nötig, um überhaupt subversiv handlungsfähig werden zu können.

Literatur:

  • Bennington, Geoffrey /Derrida, Jacques (1994): Jacques Derrida. Ein Porträt, Frankfurt am Main.
  • Butler, Judith (1990): Gender Trouble, New York, London.
  • Butler, Judith (1993): Bodies that matter: on the discursive limits of “sex”, New York.
  • Butler, Judith (1998): Hass spricht. Zur Politik des Performativen, Berlin.
  • Derrida, Jacques (1996): Grammatologie, Frankfurt am Main.
  • Derrida, Jacques (2004): Die Différance, in: Engelmann, Peter 2004,76-113.
  • Derrida, Jacques (2005): Gesetzeskraft. Der “mystische Grund der Autorität”, in: Wetzel, Stefan Moebius; Dietmar 140-153.
  • Elam, Diane (1994): Towards a Groundless Solidarity, in: (dies.) 1994, 64-88.
  • Engel, Antke (2002): Wider die Eindeutigkeit. Sexualität und Geschlecht im Fokus queerer Politik der Repräsentation Frankfurt am Main.
  • Foucault, Michel (1983): Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1, Frankfurt am Main.
  • Foucault, Michel (1993): „Leben machen und Sterben lassen“, Lettre international (63), 62-67.
  • Foucault, Michel (1994): Warum ich Macht untersuche: Die Frage nach dem Subjekt, in: Dreyfus, Hubert L. and Rabinow, Paul 1994, 243-261.
  • Haraway, Donna (1995): Ein Manifest für Cyborgs. Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften, in: dies. 1995,33-72.
  • quaestio (Hrsg): Nico J. Berger, Sabine Hark, Antke Engel, Corinna Genschel, Eva Schäfer (2000): Queering Demokratie. Sexuelle Politiken, Berlin.

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