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Feministische Theorien

Feministische postkoloniale Positionen

24.07.2007, Melanie Groß

Feministische postkoloniale Ansätze beziehen sich auf die Arbeiten des US-amerikanischen Black Feminism (u.a. Combahee River Collective 1982; hooks 1996) und verbinden diese verstärkt mit poststrukturalistischen Philosophieansätzen und marxistischen Theorien. Zentrale Gemeinsamkeit dieser verschiedenen kritischen Reflexionen ist die Problematisierung der Kategorie Frau und die Betonung der sozialen Konstruktion der Kategorie race. Beide Kategorien werden als Konstruktionen und dis-kursive Produktionen verstanden. Konstruktionen und diskursive Produktionen generieren jedoch nicht nur Bedeutungen, sondern sie werden als Prozesse gefasst, die mit strukurellen und identitären Effekten einhergehen.

Race – soziale Konstruktion und Herrschaftssystem

Stuart Hall (1994) verweist in dem Aufsatz-Band Rassismus und kulturelle Identität auf die soziale Konstruktion der Kategorie Schwarz. Mit Einblicken in seine Biographie erläutert er, wie er erst durch die Einreise nach England zu einem als Schwarz markierten Menschen wurde. In den 1950er Jahren migrierte er zum Studium von Jamaika nach England und wurde dort mit einer Kategorisierung konfrontiert, die in seinem vorherigen Leben in Jamaika nicht relevant war:

“Bis zu meiner Abreise hörte ich niemals, daß jemand sich selbst oder die anderen als Schwarz bezeichnet hätte, obwohl vermutlich 98 Prozent der Bevölkerung Jamaikas schwarz oder auf andere Weise farbig sind. Niemals hörte ich das Wort schwarz, dafür aber mehr als tausend andere Bezeichnungen” (ebd.: 79).

In dieser kurzen Sequenz macht Hall eindrücklich deutlich, wie heterogen und diversifiziert die soziale Realität ist, die durch die Kategorie Schwarz vereinheitlicht wird. Neben der machtvollen Hervorbringung von identitären Wirkungen hat die Konstruktion von Kategorien wie race und Schwarz auch materialisierte und verfestigte strukturelle Konsequenzen zur Folge (Frankenberg 1996). Schwarz bezeichnet also nicht etwa eine real existierende Gruppe, die erst durch die Identifikationen, die dieser Gruppe zugeschrieben werden, zu einer konstruierten und rassistischen Kategorie wird. Die diskursive Erzeugung der Kategorie und damit der Gruppe selbst ist bereits ein gewaltförmiger Akt, durch den Unterschiede unsichtbar gemacht werden und Bedeutungen produziert werden. Als Schwarz bezeichnete Menschen gibt es nur deshalb, weil sie diskursiv erzeugt wurden. Den Kategorien Schwarz und race liegen keine vordiskursiven Realitäten zugrunde. Hiermit ist nicht gemeint, dass es keine unterschiedlichen Abstufungen von Hautfarben gäbe. Entscheidend ist hingegen, dass in der Bildung der Kategorie Schwarz Homogenisierungen und Zuschreibungen greifen und dadurch “das Andere” erzeugt wird. Die Kategorie Schwarz fungiert also als politische Kategorie und ist keine unschuldige Beschreibung.

Die Artikulation der Kategorie Schwarz wurde im kolonialen und rassistischen Diskurs mit visuellen Bildern und literarischen Erzählungen (wie beispielsweise durch literarische Reiseberichte Steyerl 2002), mit naturwissenschaftlichen, medizinischen Techniken des Unterscheidens und mit ethnisierenden und exotisierenden Abwertungen und Zuschreibungen verbunden. Rassismus ist also durch die Konstruktion der Kategorie race und die damit einhergehende ideologische Bedeutungszuschreibung geprägt. Die Artikulation von Schwarz war in diesem Kontext stets eine Repräsentation durch hegemoniale Positionen, die das Andere geschaffen haben. Im anglo-amerikanischen Sprachraum wird die Kategorie Black ebenso wie die Kategorie race durch einen Kampf der Selbstartikulation zurückerobert: “In diesem Kampf vollzieht sich eine Veränderung im Bewußtsein, in der Selbstwahrnehmung, ein neuer Prozeß der Identifikation, das Hervortreten eines neuen Subjekts ins Sichtbare” (Hall 1994: 80).

Ausschluss und “paternalistische Mission”

Im deutschsprachigen Diskurs gab es ebenfalls bereits in den 1980er Jahren kritische Positionen Schwarzer Feministinnen; sie gelangten jedoch nicht in den feministischen Mainstream und wurden folglich weder breit diskutiert noch hinterließen sie Spuren in den hegemonialen feministischen Konzepten. Erst die Perspektiven postkolonialer Positionen wurden verstärkt in den 1990er Jahren diskutiert und schließlich vom feministischen Mainstream aufgenommen. Der Vorsprung der USA in der Debatte um race und postkoloniale Positionen erklärt sich vor allem daraus, dass diese sich aufgrund der Erfolge der Bürgerrechtsbewegung und als klassisches Einwanderungsland zu einem früheren Zeitpunkt für postkoloniale Diskurse interessieren mussten. Dass dieser Prozess erst mit einer Verzögerung im deutschsprachigen Raum einsetzte, wird als ein Merkmal der zugrunde liegenden Problematik angesehen: dem Ausblenden der Kontinuität rassistischen und völkischen Denkens auch innerhalb emanzipatorischer Theorieansätze (siehe auch: Critical Whiteness).

Bereits im Jahre 1988 hat Chandra Talpade Mohanty deutlich herausgearbeitet, dass die Produktion der unterdrückten Frau der so genannten Dritten Welt konstitutiv ist für die Produktion der emanzipierten westlichen Feministin. Ähnlich argumentiert auch Gayatri Chakravorty Spivak (1990), die das Engagement der Feministinnen des Nordens für die Frauen des Südens als “paternalistische Mission” kritisiert. Spivak stellt eine schwesterliche Verbundenheit zwischen westlichen Feministinnen und Frauen der kolonisierten Länder in Frage und setzt sich mit der Frage nach dem Zusammenhang von Imperialismus und Feminismus auseinander. Das Sprechen im Namen ‚der Frau’ ist in Anbetracht der verschiedenen Positionierungen nach Klasse, Religion, Nationalität oder Kultur zentraler Gegenstand der Kritik am westlichen Feminismus.

Mit Bezug auf Spivak wird in den Arbeiten postkolonialer feministischer Positionen betont, dass die Sicht auf die Welt stets im Kontext des Kolonialismus analysiert werden muss und dass dies auch für feministische Perspektiven auf die Welt gilt. Die mit dem Kolonialismus einhergehende Sicht von der Welt und damit gleichzeitig auch von der Aneignung der Welt ist stets durch hegemoniale Diskurse, Sprache und Schrift geprägt. Das bedeutet, dass Sichtweisen und Deutungsmuster der Welt nicht jenseits des Kolonialismus angesiedelt werden können, sondern dass vielmehr anerkannt werden muss, dass durch den Kolonialismus und die Produktion des ‚Westens und dem Rest’ (Hall 1994: 137ff.) spezifische machtvolle Wissenssysteme hervorgebracht wurden.

Ziel einer postkolonialen Theorieposition ist es, einerseits eurozentristischen (bzw. US-amerikanischen, imperialistischen) und Weißen wissenschaftlichen und politischen Blicken differente Subjektivitäten und komplexe Heterogenitäten von Gesellschaften entgegenzustellen. Darüber hinaus geht es um die Rekonstruktion des ‚So-Geworden-Seins’ von Wahrheitssystemen. Dieses Wahrheitssystem ist geprägt von Ausschluss, Homogenisierung und Alterität. Durch die Analyse des So-Geworden-Seins wird versucht, derart machtvolle Prozesse zu durchbrechen.

Diese Verbindung von Erkenntniskritik mit Gesellschaftskritik, die in der feministischen postkolonialen Theorie vorgelegt wird, ist eine dringend notwendige Erweiterung feministischer Theorien. Sie kann auch als eine konsequente Weiterführung feministischer Wissenschaftskritik verstanden werden, die wie Sand im Getriebe feministische Positionen mit ihren eigenen Ausschlüssen und ihrer Beteiligung an der Stabilisierung der Dominanzkultur konfrontiert. Insofern ist es notwendig, dass die Kritik postkolonialer Ansätze systematisch in feministische Theoriepositionen einfließt, um rassistische Kontinuitäten zu durchbrechen.

Weiterführende Literatur

  • Collins, Patricia Hill (1996): Ist das Persönliche politisch genug? Afrikanisch-amerikanische Frauen und feministische Praxis. In: Fuchs, Brigitte; Habinger, Gabriele (Hg): Rassismen und Feminismen. Differenzen, Machtverhältnisse und Solidarität zwischen Frauen. Wien, 67-91.
  • Combahee River Collective (1982): A Black Feminist Statement. In: Hull, Gloria T.; Scott, Patricia Bell; Smith, Barbara (eds): But Some of Us Are Brave. Black Women’s Studies. Old Westbury, 13-22.
  • Frankenberg, Ruth (1996): Weiße Frauen, Feminismus und die Herausforderung des Antirassismus. In: Fuchs, Brigitte; Habinger, Gabriele (Hg): Rassismen und Feminismen. Differenzen, Machtverhältnisse und Solidarität zwischen Frauen. Wien, 51-66.
  • Hall, Stuart (1994): Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften II. Hamburg.
  • hooks, bell (1996): Sehnsucht und Widerstand. Kultur, Ethnie, Geschlecht. Berlin.
  • Mohanty, Chandra Talpade (1988): Aus westlicher Sicht: feministische Theorie und koloniale Diskurse. In: beiträge zur feministischen theorie und praxis: Modernisierung der Ungleichheit – weltweit, Heft 23, 149-162.
  • Spivak, Gayatri Chakravorty (1990): The Post-Colonial Critic. Interviews, Strategies, Dialogues (Edited by Sarah Harasym). New York, London.
  • Steyerl, Hito (2002): Reise und Rasse. Tourismus als Motor globaler Klassenbildung. In: Backes, Martina; Goethe, Tina; Günther, Stefan; Magg, Rosaly (Hg): Im Handgepäck Rassismus. Beiträge zu Tourismus und Kultur. Freiburg im Breisgau, 29-42.

2 Kommentare »

  1. [...] Quelle: Melanie Groß, “Feministische postkoloniale Positionen” Tweet Stuart Hall (1994) verweist in dem Aufsatz-Band Rassismus und kulturelle Identität auf die soziale Konstruktion der Kategorie Schwarz. Mit Einblicken in seine Biographie erläutert er, wie er erst durch die Einreise nach England zu einem als Schwarz markierten Menschen wurde. In den 1950er Jahren migrierte er zum Studium von Jamaika nach England und wurde … [...]

    Pingback by Schwarz durch Einreise » ☠ ring2 hamburg — 18.03.2011 um 18:09

  2. [...] Der Kulturtheoretiker Stuart Hall thematisiert in dem Band „Rassismus und kulturelle Identität“, wie „Schwarz“ als Kategorie sozial konstruiert wird. Die Zuschreibung des Attributes „Schwarz“ sorgt laut Hall dafür, dass die Heterogenität der Gruppe, die durch dieses Wort beschrieben wird, keine Beachtung mehr findet. Es gibt also keine objektiv existierende, homogene Gruppe von Menschen, die „Schwarz“ oder „Weiß“ sind. Stattdessen ist „Schwarz“ eine Fremdzuschreibung. Erst dadurch, dass die Zuschreibung über bestimmte Praktiken immer wieder getroffen wird, wird die Kategorie „Schwarz“ relevant und identitätsbildend (mehr dazu hier). [...]

    Pingback by „Und wo kommst du her?“ – Was spricht dafür und was dagegen, Leute nach ihrer Herkunft zu befragen | nowestversusrest — 19.11.2014 um 17:25

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