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Interventionen

Zwischen Emanzipation und Einpassung: postfeministische Verwicklungen in Politik und Popkultur

19.10.2010, Jette Hausotter

Ein neuer deutscher Postfeminismus feiert Emanzipation und unterstützt dabei die neoliberale Umgestaltung der Gesellschaft. Gleichzeitig bietet Popkultur, die das Alltagsverständnis prägt, jungen Frauen Teilhabe an der Konsumkultur um den Preis politischer Kritik. Queerfeministische kapitalismuskritische Interventionen müssen diese Entwicklungen ernst nehmen als Interessenartikulation in veränderten Produktionsverhältnissen. Manches erfordert Widerstreit, anderes eröffnet Räume für queerfeministische Praxis.

Postfeminismus: Abwicklung statt Entwicklung von Emanzipation
Zeitdiagnosen der Geschlechterpolitik greifen heute gerne auf den Begriff des Postfeminismus zurück. ‚Post-’ kann für überwinden stehen und für anknüpfen. Aber was wird zurückgelassen und was soll folgen? Dafür ist die historische Gemengelage interessant, in der dieser Begriff auftaucht: ein konservativer geschlechterpolitischer Backlash, eine neoliberale Neuordnung des Geschlechterregimes und ein wahlweise akademischer oder popkultureller dekonstruktivistischer Queerfeminismus treffen aufeinander.

Es gibt den Antifeminismus, der im modernisierten Gewand daherkommt. In konservativer Abgrenzung von emanzipatorischen sozialen Prozessen verweist dieser antifeministische Postfeminismus darauf, dass die Frauenbewegung das Geschlechterverhältnis zur Genüge modernisiert habe und nun überflüssig sei – bis hin zu der These, dass der Feminismus die Schuld trage am Leiden von Frauen, würden sie doch durch dessen gesellschaftliche Macht heute daran gehindert, unbeschwert ihrer Bestimmung zum Mutter- und Hausfrau-Sein nachzukommen. Derzeit prominentes deutsches Beispiel: Eva Herman.

In Abgrenzung dazu hat sich (auch) in Deutschland ein neuer Feminismus als Medienliebling etabliert (Riegraf 2007). Seine Vertreterinnen sind sich einig in der Ablehnung von Eva Hermans Propaganda für „Heim und Herd“. Die mittlerweile vielfältigen Repliken auf Hermans antifeministische Eva-Prinzipien feiern Emanzipation, Erfolg und Berufstätigkeit als endlich erreichte bzw. erreichbare Normalität weiblicher Lebensführung. Diesen neuen Postfeminismus verstehe ich als Anzeichen einer Diskursverschiebung in der gesellschaftlichen Debatte um Geschlechterverhältnisse, in der Emanzipation plötzlich keine Gefahr mehr ist, sondern erwünscht. Aber was heißt hier Emanzipation? Denn das erfolgreich von Heim-und-Herd emanzipierte Subjekt Frau, das derzeit einen Hype erfährt, ist zugleich das „Subjekt par Excellance des Neoliberalismus“ (McRobbie 2010). Das individualisierte Erfolgskonzept (mein Job, meine Partnerschaft, meine Kinder, meine Vereinbarkeit), das hier propagiert wird, stimmt in auffällig vielen Punkten mit der neoliberalen Hegemonie der Individualisierung überein.

Kritische Interventionen in diesen Postfeminismus sind nötig. Denn viele der hierunter fallenden Stimmen feiern Emanzipation und sind sich dabei einig in der Abgrenzung von der politischen Frauenbewegung bzw. von Feminismen, die um eine kollektive, solidarische Kritik und Politik ringen. In diesem Sinne streben auch die „Alphamädchen“ nach Gleichberechtigung und nennen ihr Projekt Feminismus: „Alle jungen Frauen wollen heute das Gleiche, nämlich: genauso viel verdienen wie Männer, die gleichen Aufstiegschancen, einen gleich großen Anteil an der Macht in unserem Land und nicht vor die Entscheidung ´Kind oder Karriere´ gestellt werden (….) Feministinnen sind nicht die männerhassenden, schlecht gekleideten alten Frauen aus dem Klischee. (…) Feminismus ist nicht alt oder überholt – er ist jung und cool.“ (Haaf/Klinger/Streidl 2008)

Dieses Phänomen ist bereits aus feministischer Perspektive analysiert und kritisiert worden. Zu Recht fallen dabei Begriffe wie „Spartenfeminismus“ (Hark/Kerner 2007) oder „Elitenfeminismus“ (Klaus 2008) und es wird die fehlende antirassistische Positionierung benannt: „Der weiße christliche Mittelschichtseintopf kocht und löffelt sich selbst. (…) Wie wäre es mit ein bisschen Solidarität, Kampfgefährtinnen?“ (Kiyak 2008).
Was ist passiert? Wurden die damals wie heute richtigen Anliegen des Feminismus einfach „umgedeutet“, „resignifiziert“ wie Nancy Fraser meint? So eindeutig sicher nicht, denn die Abwicklung politischer Kritik geht ja gerade mit realen Zugeständnissen an feministische und queere Bewegungen einher. An diesen Widersprüchen müssen Interventionen ansetzen. Es geht dann nicht bloß darum, ein „unheimliches neoliberales Double zurückzuerobern“, indem es wieder antikapitalistisch „breit gedacht“ wird? (Fraser 2009) Frigga Haug bezieht dagegen die Position, dass eine feministisch-sozialistische Perspektive neu zu formulieren heißt, den „neuen Feminismus“ ernst zu nehmen als Interessenartikulation in veränderten Produktionsverhältnissen – das entsprechende linke feministische ‚Wir’ sei darin „erst zu erringen“ (Haug 2009). Eine Strategie für politische Debatten in diesem Sinne kann es sein, populäre Lesarten des Feminismus als Chance für gesellschaftskritische Debatten zu nutzen, wie Gabriele Winker vorschlägt (Winker 2007). Das heißt „leidenschaftliche Analysen“ vorzubringen, die soziale Ausschlüsse und Ungleichheiten im neoliberalen Geschlechterregime in ihrer Verwobenheit entlang unterschiedlicher Kategorien wie Klasse, Geschlecht, Rasse und auch Körper betonen (ebd.). Da Neoliberalismus ja gerade keine emanzipatorischen Perspektiven einer gerechten Organisierung sozialer Reproduktion bietet, heißt dies auch, dass solche Analysen in Widerstreit mit den individualisierten postfeministischen Erfolgsgeschichten und deren rassistischen und klassistischen Bias gehen müssen.

Popkultur als Schauplatz postfeministischer Subjektivierung
Postfeminismus ist aber nicht bloß eine Frage politischer Haltung. Gerade in der Populärkultur finden subtile Prozesse der Abwicklung von Feminismus statt. Angela McRobbie (2010) hat in ihrem aktuellen Buch analysiert, wie der neoliberale Überwachungsmodus dort seine Wirkung entfaltet.
Der aufschlussreiche Fokus ihrer Analyse ist die “diskursive Abwicklung“ (ebd.) der Frauenbewegung, mit der in der Populär- und Konsumkultur das Entstehen feministischer Kritiken am neoliberalen Geschlechterregime im Alltagsbewusstsein junger Frauen verhindert wird. Hauptschauplatz der entpolitisierenden Einbindung vor allem von jungen Frauen ist laut McRobbie die Populärkultur: die Konsumkultur des Mode- und Schönheitskomplex, Make-Over-TV oder Filme wie Bridget Jones. Denn eben hier werde der postfeministische „gesunde Menschenverstand“ hergestellt, der nicht nur für dessen augenscheinliche Gewinnerinnen attraktiv ist, sondern es darüber hinaus schafft, breite soziale Gruppen auf das neoliberale Teilhabeversprechen einzuschwören. Das wirft Fragen nach queerfeministischer Handlungsfähigkeit auf. Wie muss sich Queerfeminismus in dieser postfeministischen Situation positionieren?

Widerständige Weiblichkeiten: In a post-patriarchy i´ll be a post-feminist!
McRobbie setzt an dem genannten Widerspruch zwischen Zugeständnis und Einbindung an und betont in diesem Prozess die Unterwerfung. Sie grenzt sich ab von queerfeministischen Kulturtheorien, die im Aufbrechen alter Geschlechter- und Sexualitätsnormen quasi als Selbstläufer die Möglichkeit des Entstehens nicht-heteronormativer Subjekte sehen. Dabei gehe ich mit. Aber sie betont die enorme Macht der neuen hegemonialen Identitätsentwürfe und begründet damit ihren Pessimismus gegenüber den emanzipatorischen Potenzialen postfeministischer Popkultur. Dabei zeichnet sie ein teilweise sehr vereindeutigtes Bild sozialer und kultureller Formen, das auffällige Leerstellen hat. Hier gilt es genauer hinzuschauen.

Denn der Mainstream steht im Austausch mit Subkultur, verwendet diese als kreative Ressource. Auch in der Subkultur gibt es, so unpassend ich den Begriff hiefür finde, postfeministische Positionierungen. Dies kann die selbstbewusste Ermächtigung entlang sexueller und kultureller Differenzen sein, die sich hegemonialen Repräsentationen von Geschlecht und Sexualität subversiv entzieht bzw. diese aneignet (etwa riot grrrls) – Postfeminismus als radikale Nichtidentifikation mit Bildern von Weiblichkeit, die in feministischen Bewegungen durchaus immer wieder affirmiert werden (Sabisch). Oder die auch in Deutschland in den queeren Szenen immer präsenteren Femininitäten, in denen Weiblichkeit nicht in heteronormative Begehrensformen eingebunden ist (Einen deutschsprachigen Überblick dazu bietet die aktuelle Ausgabe von Hugs and Kisses.)
Dies ist anschlussfähig an die Subjekt- und Identitätskritik des akademischen Feminismus und queerer Theorie, an die Reflexion und das Überwinden der eigenen Verwobenheit in die heteronormative, rassistische Geschlechterordnung, an eine notwendige intersektionale Neupositionierung von Geschlechtertheorien im Feld komplexer Herrschaftsformationen. In beiden Feldern geht es um die Etablierung emanzipatorischer Geschlechterpolitiken bzw. Analysen in neuen Bündnissen oder von neuen Standpunkten aus.

Es ist sicher kein Zufall, dass der Mainstream des Pop heute voll ist von widerstreitenden Entwürfen von Weiblichkeit und Sexualität. Nicht zuletzt Queers und Feminist_innen in den Subkulturen waren dafür Inspiration. Und trotz der dominierenden Erzählung von Konsum als Gestaltungsmöglichkeit des Selbst, entstehen darin Situationen, in denen das postfeministische weibliche Subjektideal reale Ermächtigungsräume für junge Frauen aufmacht. In der zum Teil queeren, stark sexualisierten, Bildsprache ist naturalisierte Männlichkeit oft genug abwesend. Sie eröffnet den Rezipient_innen vielfältige Möglichkeiten Weiblichkeit – und zwar immer wieder neu und anders – selbstbewusst zu inszenieren.

Queerfeministische Politik muss also in politischen Auseinandersetzungen der Zufriedenheit mit dem Neoliberalismus widersprechen – Postfeminismus ist in diesem Sinne die Zukunft, in der Sexismus und Heteronormativismus überwunden sind. Aber auf dem Weg dahin müssen wir die Einbindung junger Frauen ins neoliberale Vermarktlichungsgeschehen, die dem Entstehen eines starken solidarischen Feminismus entgegen stehen kann, in seiner Widersprüchlichkeit ernst nehmen. Wir dürfen sie nicht als ‚falsches Bewusstsein’ abtun. Queerfeministische Praxis heißt, widerständige, sich patriarchalen Repräsentationen entziehende Weiblichkeiten im Alltag und in der Popkultur zu stärken.

Literatur

Fraser, Nancy (2009): Feminismus, Kapitalismus und die List der Geschichte. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 8/2009, S.43-57.
Haaf, Meredith/ Klinger, Susanne/ Streidl, Barbara (2008): Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht. Hamburg.
Hark, Sabine/ Kerner, Ina (2007): Der Feminismus ist tot? Es lebe der Feminismus! Das “False Feminist Death-Syndrome”, in: querelles-net 21, www.querelles-net.de/forum/forum21/harkkerner.shtml
Haug, Frigga (2009): Feministische Initiative zurückgewinnen – eine Diskussion mit Nancy Fraser. In: Das Argument 281/2009, S.393-408.
Kiyak, Mely (2008): Und was ist mit uns?, in: DIE ZEIT 28/2008, www.zeit.de/2008/28/Feminismus
Klaus, Elisabeth (2008): Antifeminismus und Elitefeminismus. Eine Intervention, in: Feministische Studien 26, www.feministische-studien.de/fileadmin/download/pdf/Fem08_02_Klaus.pdf
McRobbie, Angela (2010): Top Girls – Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes. Wiesbaden.
Riegraf, Brigit (2007): Feminismus ist en vogue! Aber welcher Feminismus?, www.feministisches-institut.de/feminismus_riegraf
Sabisch, Katja: Spielarten des Postfeminismus: Die ‘riot grrrl’-Bewegung, www.ladyshake.de/spielartenpostfeminismusrrriot.pdf
Winker, Gabriele (2007): Populäre Lesarten des Feminismus als Chance für gesellschaftskritische Debatten nutzen!, www.feministisches-institut.de/feminismus_winker


1 Kommentar »

  1. [...] Der Neoliberalismus tendiert dazu Ideen zu instrumentalisieren – auch feministische [weiterführende Lektüre: Antje Schrupp über Nancy Fraser (Feminists should think big)]. “Aber was heißt hier Emanzipation?” fragt die Geschlechterforscherin Jette Hausotter. “Denn das erfolgreich von Heim-und-Herd emanzipierte Subjekt Frau, das derzeit einen Hype erfährt, ist zugleich das ‘Subjekt par Excellance des Neoliberalismus’ (…). Das individualisierte Erfolgskonzept (mein Job, meine Partnerschaft, meine Kinder, meine Vereinbarkeit), das hier propagiert wird, stimmt in auffällig vielen Punkten mit der neoliberalen Hegemonie der Individualisierung überein.”  (Lesetipp: Zwischen Emanzipation und Einpassung: postfeministische Verwicklungen in Politik und Popkultur). [...]

    Pingback by Und mit wem bist du verbandelt? | aufZehenspitzen — 10.07.2013 um 13:31

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