Navigation




Arbeit

Professionalisierung der Pflegeberufe durch Stärkung der Care-Potentiale

10.07.2013, Sandra Mehmecke

Welche Professionalisierungsstrategie für Pflegeberufe ist vernünftig? Diese Frage kann zwei Jahrzehnte nach Etablierung zahlreicher Pflegestudiengänge als zentrale Herausforderung der Pflegepraktiker_innen und -wissenschaftler_innen in Deutschland gesehen werden. Die bisher nahezu unkritische Anpassung an die Ökonomisierung führt nicht zu einer Professionalisierung der Pflegeberufe, sondern zu einer Abwertung des professionellen Pflegehandelns. Mit diesem vorherrschenden Professionsverständnis geht ein Schwinden des „Typisch Pflegerischen“ einher, worunter die interaktiven, sprechenden und berührenden Pflegeleistungen zu verstehen sind, die schwer operationalisierbar sind. Im Folgenden plädiere ich für die Stärkung dieser Care-Potentiale.

Ausgangslage

Die fortwährende Ökonomisierung des Gesundheitswesens wirkt sich eklatant auf die Pflegearbeit aus, insofern die Qualität der Pflegeleistungen heute überwiegend wirtschaftlich definiert wird. Die derzeitige Professionalisierungsstrategie der Pflegeberufe potenziert dieses Phänomen. Vordergründig auf Akademisierung setzend, orientiert sie sich primär an wissenschaftlichem Regelwissen. Dies führt in der Konsequenz häufig zur Abwertung aller nicht explizit begründbaren Wissensformen (implizites Wissen, Intuition) und aller nicht rational-distanzierten Handlungen (Beziehungsarbeit, Kommunikation), welche jedoch das spezifisch Pflegerische ausmachen (vgl. Friesacher 2008). Dennoch wird die Anpassung der Pflege an die Ökonomisierung von einigen Sachkundigen als Chance angesehen, können doch so praxisrelevante Pflege-Konzepte zur Effektivitätssteigerung, Kontrollierbar-, und Kalkulierbarkeit entwickelt und umgesetzt werden. Unbestreitbar sind solch empirisch ausgerichtete Fortschritte zur Qualitätssicherung der pflegerischen Versorgung wichtig, aus meiner Sicht dürfen sie aber nicht ausschließlich lanciert werden. Denn das Pflegespezifische wird hierdurch zu einem Randphänomen und schwindet allmählich aus der pflegerischen Wirklichkeit. Die Stärkung der Care-Potentiale stellt dagegen – zusammen mit einem entsprechenden Professionsverständnis – einen Ansatz zu einer Professionalisierungsstrategie dar, welche die Kernaufgaben der Pflege in den Fokus rückt.

Fokus auf Care-Potentiale

Die Pflege zählt zu den sogenannten Care-Berufen, die beruflich erbrachte Reproduktionsarbeit leisten. Obwohl die Reproduktionsarbeit die Grundlage für die Produktionsarbeit darstellt, erfährt sie im Vergleich wenig Anerkennung. Das schließt sowohl die finanzielle Vergütung, als auch die gesellschaftlich-politische Geltung ein. Care-Berufe sind typische Frauenberufe (z.B. im Bereich der Kranken- und Altenpflege), für die es, auch noch nach heutiger Auffassung Vieler, keiner speziellen Fähigkeiten bedarf und die deshalb abgewertet werden. Care-Leistungen gelten im Sinne eines rein ökonomischen Verständnisses als unproduktiv. Denn anders als in der Industrie, die am Ende eines Produktionsvorganges etwa ein fertiges Auto vorzuweisen hat, liegt in der Care-Arbeit das Produkt sozusagen im Handeln selber und ist damit kaum greifbar. Dies macht Care-Leistungen schwer operationalisierbar und damit aus betriebswirtschaftlicher Sicht kaum abrechenbar. Demgemäß erscheint die Stärkung der Care-Leistungen in der Pflege aus managerialer Sicht als unsinnig. Meinem Verständnis nach sollte sich das Pflegemanagement aber gerade für die Stärkung dieser Care-Potentiale einsetzen und dazu beitragen, dass die berufliche Pflege als Beitrag zur Reproduktionsarbeit eine höhere Anerkennung erfährt.

Care-Potentiale sind in meinem Verständnis mit dem vergleichbar, was laut Friesacher (2009) das „Typisch Pflegerische“ ausmacht:

  • der spezifische Zugang zu den Betroffenen,
  • das Ansetzen an der Leiblichkeit und nicht allein am Körper;
  • die fürsorgende und fürsprechende Anteilnahme,
  • die sinnliche Wahrnehmung,
  • das dialogisch-interaktive Vorgehen und
  • die mimetische Zugangsweise über leibkörperliche Dimensionen.

Da die pflegerischen Care-Leistungen sich immer in situativem Handeln entfalten und so durch einen hohen Grad der Nicht-Standardisierbarkeit und Unsicherheit gekennzeichnet sind, werden sie oft als „nicht-wissenschaftlich“ und eben als „nicht-professionell“ bezeichnet (vgl. Hülsken-Giesler 2008). Doch das Gegenteil ist aus meiner Sicht zutreffend: Denn ich vertrete, genau wie u.a. Bartholomeyczik (2010) oder Friesacher (2008) – im Gegensatz zum klassischen merkmalstheoretischen Verständnis von Profession – ein handlungsorientiertes Professionsverständnis, das die innere Logik pflegerischen Handelns fokussiert. In diesem Verständnis setzt sich professionelles Pflegehandeln aus zwei sich ergänzenden Wissensformen und Handlungslogiken zusammen: Ein explizites, relativ abstraktes theoretisches Wissen, das zu rational-distanziertem Handeln nach Regeln und Standards führt und ein kontextgebundenes, am Einzelfall orientiertes, lebensweltlich gegründetes implizites Wissen, das in teilnehmendem und situativem Handeln mündet. Es geht in diesem Verständnis also nicht nur darum, standardgeleitet pflegen zu können oder einen Prozess zu steuern, sondern es geht auch und gerade um die pflegerische Domäne, die ich unter dem Begriff Care-Potentiale summiere. Meinem Verständnis nach sind die Care-Potentiale damit ein inhärenter Bestandteil professionellen Pflegehandelns und müssen somit notwendiges Fundament der Pflegeberufe auf dem Weg zu einer eigenen Profession sein.

Folgen des managerialen Denkens

Mit Blick auf die Realität im Gesundheitswesen wird deutlich, dass aus Gesundheitseinrichtungen Wirtschaftsunternehmen geworden sind. Pflegerische Handlungsabläufe sind mittlerweile mit Abläufen der Industrie vergleichbar (vgl. Friesacher 2008). Im Sinne der kapitalistischen Logik wird die berufliche Care-Arbeit – der Gesetzmäßigkeit der industriellen Produktion folgend – mit tayloristischer Arbeitsteilung z.B. in Minutenpflege aufgegliedert (vgl. Hellige/Döge 2012).

Da die bisherigen Professionalisierungsbestrebungen der Pflege auf dem merkmalsorientierten Verständnis von Profession beruhen, fokussieren sie sich auf die Sicherung von Qualität und eine effiziente Prozesssteuerung. Das hat betriebswirtschaftliche Steuerungsinstrumente und Konzepte hervorgebracht – wie den Pflegeprozess, das Disease Management, Case Management und viele weitere mehr. Friesacher (2011) spricht in diesem Zusammenhang von einer „Kybernetisierung des Menschen“, die in der Konsequenz zu rein rationalem Handeln führt und das menschliche Element in der beruflichen Pflege schwinden lässt. Das setzt sich auch in der „verbetriebswirtschafteten“ Sprache fort. Denn Kranke, Pflegebedürftige oder Sterbende sind, anders als Kund_innen oder Konsument_innen, auch leidend. Sie benötigen Unterstützung, Begleitung, manchmal einfach nur Nähe und Anwesenheit. Management-Konzepte, die die Betroffenen aber als kritische Kunden verstehen, unterschlagen gerade das, was Krankheit und Pflegebedürftigkeit bedeuten und welche Bewältigungsleistungen damit verbunden sind (vgl. Friesacher 2009). Pflegerisches Handeln mit seinen Care-Potentialen wird damit im Kern deformiert, denn die Erlebniswelt der Patient_innen und Bewohner_innen rückt aus dem Blickfeld.

Das bedeutet gleichzeitig, dass wichtige Arbeitsformen der Pflegeberufe, wie die Wohlbefindensarbeit, Gefühlsarbeit und Biographiearbeit, die schon immer unter dem Mangel an Sichtbarkeit litten, jedoch für eine gelingende Pflegebeziehung zentral sind, verloren gehen. Das sind Erkenntnisse, die in der Pflegewissenschaft nicht neu sind. Für mich drängt sich deshalb die Frage auf, warum die Pflege in weiten Teilen immer noch an dem merkmalsorientierten Professionsverständnis festhält und nicht ein eigenes Verständnis von Profession weiterdenkt? Provozierend könnte meine Antwort hierauf lauten: Lieber passt sich die Pflege an die Ökonomisierung des Sozialen an und geht damit den Weg des geringsten Widerstands. Meiner Einsicht nach müssen sich die Pflegeberufe aber nicht zwangsläufig der Logik des Marktes mit seiner zweckrationalen Vernunft unterwerfen, um sich als Profession zu legitimieren. Die Pflegeberufe sollten sich nicht der Ökonomisierung leibeigen machen, indem sie sich nur die Frage nach den Kosten von Care-Leistungen stellen (lassen). Die Pflege muss vielmehr verdeutlichen, welchen Preis die Gesellschaft mit dem Verzicht auf Care-Leistungen zu zahlen hat und wie zentral und wertvoll Care-Potentiale in der beruflichen Pflege sind.

Zukunft der Pflegeberufe

Heute hadern beruflich Pflegende noch damit, wenn sie aufgrund des Ökonomisierungsdrucks Care-Leistungen nicht anbieten können. Nach Braun et al. (2010) arbeitet ein Großteil der Pflegekräfte in einer Realität, in der das, was sie als moralisch richtig empfinden, nicht ihrer Praxis entspricht. Meiner Ansicht nach muss dies aber als ein Phänomen einer „Übergangsgeneration“ in der Pflege bezeichnet werden. Denn diejenigen, die heute einen Pflegeberuf ergreifen, nehmen die praktische Pflege überwiegend „verbetriebswirtschaftetet“ wahr und erleben damit Care-Leistungen im Berufsalltag kaum noch. Ohne professionelle Vorbilder, die ihre Care-Potentiale in der Pflegearbeit entfalten, wird dieser Aspekt verloren gehen.

Die Care-Potentiale sind jedoch ein inhärenter Bestandteil professionellen Pflegehandelns und müssen somit notwendiges Fundament der Pflegeberufe auf dem Weg zu einer eigenständigen Profession sein. Notwendig ist ein handlungsorientiertes Professionsverständnis, das die Pflegeberufe weiterentwickeln müssen. Care-Potentiale und Managementkompetenzen dürfen sich in Zukunft nicht ausschließen, sondern sollten sich ergänzen. Ich sehe hier alle Vertreter_innen der Pflegeberufe in der Verantwortung. Aus meiner Sicht müssen daher die weiteren Professionalisierungsbestrebungen der Pflegeberufe mit einer Stärkung der Care-Potentiale einhergehen.

Literatur

  • Bartholomeyczik, Sabine (2010): Professionelle Pflege heute. Einige Thesen. In: Kreutzer, Susanne (Hrsg.) (2010): Transformationen pflegerischen Handelns. Institutionelle Kontexte und soziale Praxis vom 19. bis 21. Jahrhundert. Osnabrück: V&R unipress, S. 133-154.
  • Braun, Bernard; Klinke, Sebastian; Müller, Rolf (2010): Auswirkungen des DRG-Systems auf die Arbeitssituation im Pflegebereich von Akutkrankenhäusern. In: Pflege & Gesellschaft, Jg. 15, Heft-Nr. 1, S. 5-19.
  • Friesacher, Heiner (2008): Das Konzept der Gouvernementalität. In: Remmers, Hartmut (Hrsg.) (2008): Theorie und Praxis pflegerischen Handelns. Göttingen: V&R Unipress, S.112-131.
  • Friesacher, Heiner (2009): Ethik und Ökonomie. Zur kritisch-normativen Grundlegung des Pflegemanagements und der Qualitätsentwicklung. In: Pflege & Gesellschaft. Heft 1, Jg.14, S. 5-23.
  • Friesacher, Heiner (2011): „Vom Interesse an vernünftigen Zuständen…“- Bedeutung und konstitutive Elemente einer kritischen Theorie der Pflegewissenschaft. In: Pflege, Heft 24, Jg. 6, S. 373-388.
  • Hellige, Barbara; Doege, Michael (2012): Carearbeit in Zeiten des Neoliberalismus. Veröffentlichung in Vorbereitung. S. 1-14.
  • Hülsken-Giesler, Manfred (2008): Der Zugang zum Anderen. Zur theoretischen Rekonstruktion von Professionalisierungsstrategien pflegerischen Handelns im Spannungsfeld von Mimesis und Maschinenlogik. Osnabrück: V & R unipress.

Keine Kommentare »

Noch keine Kommentare

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack URL

Hinterlasse einen Kommentar


Weitere Themen

Ohne Reproduktion keine Produktion. Über die Notwendigkeit die Reproduktionssphäre zu bestreiken!

Die kollektive Arbeitsniederlegung, der Streik, ist einerseits ein Mittel zur Durchsetzung von besseren Arbeitsbedingungen und höheren Löhnen. Andererseits gilt der Streik aus einer anarchistischen bzw. anarchosyndikalistischen Perspektive als Hebel zur Einleitung der sozialen Revolution. Aus einer feministischen oder... mehr

Die Tomate weiter werfen… Feministische Gesellschaftskritik jenseits von Alphamädchen und F-Klasse

Feminismus soll gerade für junge Frauen wieder attraktiv gemacht werden. Cool und lässig soll Feminismus sein und das Leben für Frauen schöner machen, so das Credo vieler Bücher. Ist damit Feminismus schon so salonfähig, dass man/Frau darüber gar... mehr

Über Anregungen, Kritiken und andere Positionen freuen wir uns jederzeit: info[at]feministisches-institut.de


Feministisches Institut Hamburg