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Bildung

Differenzen zwischen Frauen im Kontext von Schule: Mädchenmütter gegen Jungsmütter

10.04.2008, Wibke Derboven

Im postmodernen Feminismus werden Differenzen zwischen Frauen betont. Das es diese gibt, ist ohne jeden Zweifel. Doch die Differenzen, die von Frauen im Alltag konstruiert werden, muten zuweilen grotesk an und sind nicht immer förderlich. Will man Strukturen und Systeme verändern, braucht es gelegentlich einen Blick auf das Gemeinsame, auch wenn es ein Blick ist, der vieles übersieht. So werden besonders im Kontext von Schule – ausgelöst durch die PISA-Debatte und gerahmt von der vermeintlichen “Erkenntnis” über die unterschiedlichen Schulleistungen und Arbeitshaltungen von Jungen und Mädchen – Differenzen zwischen Frauen konstruiert, die letztendlich dazu beitragen, das vorhandene Schulsystem zu stabilisieren. Ich möchte nicht das normierende Wir-Gefühl der alten Frauenbewegung bemühen, um die Akteurinnen zu befrieden, aber auch nicht den postmodernen Blick auf die Differenzen einnehmen, um die Realität beschreibend zu erfassen. Ich wünschte mir die Entwicklung eines partiellen Wir-Gefühls aller Schulakteure, um gegen die Eigendynamik eines Schulsystems anzutreten, das in der derzeitigen Erscheinung eigentlich niemand wollen kann.

Die alte Frauenbewegung hatte es noch: das frauenumspannende Wir-Gefühl, die globale Schwesternschaft. Es reichte zur Solidarität und damit zur politischen Handlungsfähigkeit – aber auch zur kollektiven Unterwerfung vieler Subjekte unter das neu geschaffene Bild der modernen Frau. Der Schatten der Emanzipationsbewegung generierte gewaltige Normierungsprozesse, von denen sich immer mehr Frauen unterdrückt fühlten. Die Frauenbewegung überwand nicht nur alte Zwänge sondern erschuf in gleichem Maße Neue. Ein Kampf um kulturelle bzw. identitäre Hegemonie begann und löste den solidarischen – d.h. über Differenzen hinweg sehenden und das Gemeinsame in den Vordergrund stellenden – Kampf um die Transformation ungleichheitsgenerierender Strukturen ab. Die Emanzipation von der Emanzipation nahm ihren Weg. An Stelle eines Diskurses, der das Ziel hat Interessen zu formulieren und durchzusetzen, trat ein Diskurs um Identitäten. Der Fokus verschob sich von Fragen der Gerechtigkeit zu Fragen der Anerkennung, von der Suche nach Gleichheit zur Suche nach Differenz. Ohne die Frage beantworten zu können, zu wollen oder zu müssen, ob Frauen nun verschieden oder gleich sind, ob ein Wir-Gefühl angemessen erscheint oder auch nicht, scheint mir die Frage wichtig, welche Kämpfe und welche Bündnisse zwischen welchen Menschen in welchen Systemen ausgetragen werden. Dadurch können spezifische Konfliktlinien erkannt werden, die zur strukturellen und identitären Hierarchisierung in den jeweiligen Bezugssystemen führen. Manchmal werden es Konfliktlinien zwischen und manchmal innerhalb der Geschlechter sein. Trotz postmoderner Debatte um die Differenz von Frauen scheinen generell die alltäglichen Konfliktlinien innerhalb der Geschlechter zurzeit weniger erforscht. Hier scheint ein Blick auf die Alltagspraxen sehr aufschlussreich. Zur Zeit tobt in der Praxis in den verschiedensten Kontexten ein Kampf um den richtigen Lebensstil. Diese Kampfzonen des Alltags können Aufschluss darüber geben, wann die Perspektive der Gleichheit und wann die der Differenz eine Verstärkung braucht.

Eine lange Tradition der alltäglichen Differenzerfahrung zwischen Frauen haben – speziell in Deutschland – die Mütter. Dabei ging es immer um die Definitionsmacht über das Konzept der richtigen Mutterschaft. Zunächst ging es um den Disput, ob eine Mutter berufstätig sein darf oder nicht. Im Zuge der Betreuungsdebatte wird gerade wieder intensiv und ideologisch aufgeladen darüber diskutiert, “wie viel Mutter ein Kind braucht” und wie man als Mutter zu sein hat (1). Hinzu kamen weitere Konfliktlinien, die immer spezifischer wurden. Am Beispiel des Systems Mutterschaft lässt sich verdeutlichen, wie kleinteilig Differenzerfahrungen sein können. Ein Artikel im Magazin der Süddeutschen Zeitung (02.08.2007) über Kinder-Kriegerinnen fand für diese Kleinteiligkeit humoristische Worte:

  • “Mütter, die nur an Elternabenden in die Schule gehen, verabscheuen Mütter, die den Geburtstag der Lehrerin wissen und ihr auch noch einen Kuchen backen.
  • Mütter mit pädagogischen Ratgebern verachten Mütter, die sich mit Erziehung keine Mühe machen, da “alles eine Frage der Gene ist”.
  • Mütter mit Kleidergröße 40 hassen Mütter mit Größe 34/36, die Kuchen essen und jammern, seit der Geburt wären ihre Hüften so breit.
  • Osteopathisch gebildete Mütter finden Mütter unmöglich, die den fragilen Nacken ihres Säuglings im Babyjogger herumschleudern und über hohe Bordsteine rumpeln.”

(Karina Lübke in Süddeutsche Zeitung Magazin)

Im Kontext der Schule gedeihen derzeit nicht weniger groteske Kampflinien. Ausgelöst durch den erhöhten Leistungsdruck werden verstörende Differenzen zwischen Frauen über das Geschlecht ihrer Kinder konstruiert. Von der Forschung noch wenig beachtet, im Schulalltag jedoch schon alltäglich, greift die Presse zunehmend das Thema auf. Der Beitrag “Jungsmütter-Mädchenmütter. Warum gibt es immer Streit?” in Brigitte beschreibt z. B. die “herrschende Eiszeit” zwischen Müttern mit Kindern verschiedenen Geschlechts (Brigitte.de). In einer neuen Variante des Geschlechterkampfes und vorwiegend im Kontext von Schulangelegenheiten werfen Mütter von Töchtern den Müttern von Söhnen vor, diese hätten ihre Söhne nicht im Griff und seien damit für eine leistungsferne Lernatmosphäre verantwortlich. Mütter von Söhnen werfen demgegenüber den Müttern von Töchtern vor, dass das Perfektionismus- und Konkurrenzdenken ihrer Töchter das Lernklima negativ präge.

Die Kampfzone Mädchenmütter gegen Jungsmütter speist sich aus vielen Diskursen, Kategorien und Konfliktlinien. Dabei geht es nur vordergründig um Jungen und Mädchen, sondern viel mehr um die Angst, das eigene Kind finde später keinen Platz in der Gesellschaft. Und da vorrangig immer noch die Mütter für das mächtige und entgrenzte Erziehungspaket zur Anpassung ihrer Kinder an die Bedarfe einer globalisierten, kapitalistischen Gesellschaft zuständig sind, sind ihre Ängste und gleichzeitig Ohnmachtsgefühle so stark, dass groteske Differenzen untereinander konstruiert werden. Im Versuch der Durchsetzung bestimmter Leistungskulturen bedient man sich auf Elternabenden Kategorien, die als politisch korrekt gelten oder auch einfach nur modern sind. Denn die Leistungskategorie gilt eher als “Ellbogenkategorie” und damit als anrüchig und wird auf Elternabenden nur selten genutzt. So wirkmächtig die Leistungskategorie die Konflikte in Schulen gestaltet so verschleiert tritt sie in Diskursen auf. Wer will anderen schon vorwerfen, ihr/sein Kind verlangsame den Unterricht. Da ist es doch moralisch viel korrekter sich auf die allgemein akzeptierte Wahrheit der Differenz von Jungen und Mädchen zu stürzen und als Argumentationsfigur für die Durchsetzung der eigenen Leistungsansprüche zu nutzen.

Im Kontext von Schule wünschte ich mir weniger Differenzempfinden und mehr Solidarität unter den Müttern und aller anderen Schulakteure. Wie wäre es mit einem partiellen Wir aller Mädchenmütter, Jungsmütter, Mädchenväter, Jungsväter, Lehrer, Lehrerinnen, Schüler und Schülerinnen? Dann gäbe es endlich eine Interessensgruppe, die sich trotz offensichtlicher Differenzen gemeinsam gegen ein Schulsystem wehrt, das eigentlich keiner will und keinem gut tut, aber eine Eigendynamik entwickelt hat, der man meiner Meinung nach nur mit der Konstruktion eines partiellen Wir-Gefühls aller Akteure entgegentreten kann.


1 Kommentar »

  1. Herzlichen Dank Frau Derboven für diese Ihre Analyse, welche den NAgel auf den sprichwörtlichen Kopf trifft. Mein Sohn hat im 2. Kindergartenjahr nicht “performt”: Seine Arbeitshaltung sei schlecht und er sei zu eigenwillig. Da hat er dann halt nochmals eine Ehrenrunde gedreht. Besser so, als ihn von einer Drillmeisterin bereits in diesem zarten Alter in einen Wirtschaftssoldaten heranzubilden. Denn da fängt sie wohl an die Frage nach der gesellschaft, wie ich sie mir vorstellen; -durchaus auch mit Co-Müttern mit Sinn für ein kritisches WIR.

    Comment by Esther Gisler Fischer — 21.06.2016 um 19:14

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