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Missy. Popkultur von und für Frauen

21.07.2010, Stefanie Lohaus

Das Missy Magazine ist ein Popkulturmagazin für Frauen. Es möchte informieren und gleichzeitig unterhalten. Dabei zeichnet es sich durch eine dezidiert feministische Haltung aus. Anders als Publikationen wie die Emma oder die an.schläge aus Österreich berichtet das Missy Magazine nicht nur über Feminismus. Es betreibt auch keine feministische Theoriebildung wie es in akademischen Publikationen üblich ist. Stattdessen betreibt Missy „angewandten Feminismus“. Das bedeutet: Die Herausgeberinnen versuchen im Rahmen eines Frauen- und Popmagazines, eine feministische Haltung im Umgang mit Themen, Bildern und Sprache zu zeigen. Im Spektrum Zeitschriften sieht Missy sich zwischen Musik/Popkulturzeitschriften, klassischem Frauenmagazin und feministischen Zeitschriften ein. Salopp gesagt: zwischen Intro, Maxi und Emma.

Gegründet wurde das Missy Magazine Anfang 2008, als wir, das heißt Stefanie Lohaus, Chris Köver und Sonja Eismann uns entschlossen, den deutschsprachigen Zeitschriftenmarkt um ein Heft zu erweitern, das gleichzeitig feministisch sein und junge Frauen ansprechen sollte, um sie eben nicht, wie sonst auf dem Frauenzeitschriftenmarkt üblich, auf Schmink-, Diät- und Modetipps zu reduzieren.
Nach einer halbjährigen Planungsphase erschien die erste Ausgabe im Oktober 2008. Sie wurde mit den Geldern eines Kulturwettbewerbes finanziert. Gut anderthalb Jahre später steht Missy auf eigenen Beinen und erscheint regelmäßig: Vierteljährlich im Eigenverlag und mit einer Druckauflage von ca. 20.000 Exemplaren. Die Finanzierung erfolgt aus einem Mix von Verkaufs- und Aboeinnahmen, sowie Anzeigen. Während Missy als Hochglanzmagazin erscheint, versteht sich das Magazin nach innen als Grassroots-Projekt. Die Redaktion und der Verlag werden in Eigenregie organisiert. Der Grund: Anders als ein Fanzine, das auch nach außen kostengünstig kopiert und in kleinem Maßstab produziert wird, will Missy zugänglich sein für LeserInnen, die nicht nur in feministischen Szenen zu Hause sind.

Das Herausgeberinnen- und Redaktionsteam besteht aus den drei Gründerinnen. Ebenfalls im Team ist Margarita Tsomou, die auch Herausgeberin und Missy-Autorin ist und die Anzeigen- und Marketingabteilung leitet. Sie ist ebenfalls seit 2008 dabei. Die Art Direktion des Missy Magazines besteht aus zwei Frauen: Seit Mai 2010 sind das Daniela Burger und Hedi Lusser. Zusätzlich gibt es einen großen Stamm freie AutorInnen, IllustratorInnen und FotografInnen. Der innere Kreis besteht zwar nur aus Frauen, im erweiterten Team sind aber auch Männer zu finden. Bei der Vergabe vor allem der großen Themen schauen wir allerdings immer, ob wir zuerst eine Frau finden, die sich im Thema auskennt und erst im zweiten Schritt, ob es auch ein Mann machen kann. Mit dieser Vergabepraxis möchten wir einen Gegenpol zu den bekannten „Old Boys Netzwerken“ schaffen, denn auch der Journalismus, insbesondere der Musikjournalismus ist nach wie vor stark männlich geprägt.

Die Inhalte: Kultur, Musik, Politik, DIY, Mode und Sex

Kultur spielt eine große Rolle in Missy: Vor allem Popkultur wie Musik, Film, TV, Fotografie, aber auch Kunst und Theater. Der Grund: Wir alle haben zuvor im Kulturbereich gearbeitet und dort den Eindruck gewonnen, dass über Frauen nicht genügend berichtet wird. In den Popcharts sind zwar immer mehr Sängerinnen vertreten, doch der Eindruck täuscht. Im Popbereich ist der Frauenanteil nach wie vor sehr niedrig, wie zum Beispiel eine Studie des Frauenmusikzentrums aus dem Jahr 2002 (http://archiv.hamburger-illustrierte.de) zeigt. Die vorgestellten MusikerInnen müssen in erster Linie künstlerisch überzeugen – besonders begrüßen wir es wenn sie sich außerdem mit Feminismus und Geschlechterrollen auseinandersetzen.

Bei der Berichterstattung gelten in Missy Genderbewusstsein und Sexismusfreiheit. Anders als in vielen Mainstream-Medien ist in Missy das Aussehen der Künstlerin kein ausuferndes Thema: Sätze wie „die elfengleiche Sängerin mit den Rehaugen“ oder ein Erstaunen darüber, dass eine Musikerin ihr Instrument oder gar ein Mischpult beherrscht, kommen bei uns nicht vor. Im Sinne einer feministischen Wissenspolitik benutzen wir keinen insiderhaften Jargon und kein Namedropping. Bei der optischen Inszenierung freuen wir uns über Frauenbilder, die etwas derangiert sind, d.h. mit gängigen weiblichen Rollenkonventionen brechen oder sich über diese lustig machen. Die Frauen im Heft werden nicht digital aufgehübscht oder auf eine Weise nachbearbeitet, die unrealistisch ist. Und generell machen wir nichts, was die KünstlerInnen nicht wollen. Wir setzen uns kritisch mit Geschlechternormen und Produktionsbedingungen der Popindustrie auseinander, z.B. in Beiträgen wie „Frauen im Metal“ oder „Altern im Pop“ oder aber in unserem Dossier aus dem letzten Heft: Feminismus und TV, in dem wir schauen, ob, wo und wie im Fernsehen spannende feministische Rollen zu finden sind, und was Frauen auf und hinter dem Bildschirm über die Frauenrollen denken.

Politik

In Missy werden Reportagen und Nachrichten zu aktuellen frauenpolitischen Themen gedruckt, und wir setzten uns auf verschiedene Weisen mit Politik und historischen Figuren auseinander. Der Politikteil in Missy muss nicht immer „Pop“ sein, bewegt sich aber häufig dort, wo Pop politisch wird. Zum Beispiel wenn historische FeministInnen zu Sammelkarten werden, oder im Finanzkrisen-Dossier eine kritisch-feminstische Prespektiveüber die entkleidete entlassene Businessfrauen im Playboy“ zu lesen ist Wir beschäftigen uns mit aktuellen gender- und frauenpolitischen Themen, beobachten die momentane Gesetzeslage z.B. das Abtreibungsrecht oder Rechte für Homosexuelle oder Transgender. Dabei geht es immer darum, Probleme als strukturelle Probleme zu begreifen. Wir sehen das größte Problem der gesellschaftlichen Ungleichberechtigung in den gesellschaftliche Strukturen und Ansichten, die es nach wie vor zu bekämpfen gilt. In Rubriken wie „Vor uns“ bei der wir großartige Frauen, die in der Geschichtsschreibung zu kurz gekommen vorstellen, betreiben wir alternative Geschichtsschreibung, stellen Bezug zu feministischen Traditionen her und arbeiten so auch gegen die Diffamierung des Feminismus vor unserer Zeit.

Selbstermächtigung durch selbst machen

Der Teil „Mach es selbst“ umfasst Rubriken wie „1,2,3“ (Expertinnen erklären) und die „Mach es selbst – Bastelanleitungen“. Dabei haben wir sowohl klassisch „weiblich“ konnotierte Tätigkeiten (Stricken, Handarbeit, Kochen) im Programm, als auch klassisch „männlich“ (Möbel bauen, Platten auflegen, Skateboard fahren). Während es bei den „männlichen“ Fähigkeiten darum geht, Frauen und Mädchen zu ermutigen, Bereiche zu erobern, von denen sie sich bisher aufgrund der geschlechtlichen Zuschreibung eher abgewendet haben, geht es bei den Anleitungen zum Stricken oder Kochen um die Strategie der Wiederaneignung. Diese weiblichen Fähigkeiten, die traditionellerweise unbezahlte Arbeit darstellen und somit nicht entlohnt, also nichts „wert“ sind, sollen im Zusammenhang mit Popkultur eine Aufwertung erfahren. Deswegen binden wir diese Rubriken in andere Zusammenhänge ein: In der Kochrubrik TV Dinner, werden Rezepte aus Fernsehserien nachgekocht oder wir zeigen wie man mit der eigentlich spießigen Stick-Technik einen schicken Graffiti-Wandbehang erstellt.

Mode

Mode bietet die Möglichkeit Frauentypen abzubilden und zu inszenieren und mit dieser Art der Inszenierung vom Mainstream abzuweichen. Style und Mode ist eben identitätsstiftend. Uns ist es wichtig, nicht nur neue Trends vorzustellen, sondern mit Mode und Styling eine Geschichte zu erzählen. Wir zeigen verschiedene Körperbilder/Formen/Altersstufen: Frauen sind keine genormten Wesen in Größe 34. Deswegen ist in Missy Vielfalt die Norm.

Sex

Die generelle Haltung des Sexteils ist eine lustvolle und positive Auseinandersetzung mit Körper und Sexualität. Im Gegensatz zu herkömmlichen Frauenmagazinen geht es nicht darum, „ihm die Nacht seines Lebens“, sondern sich selbst eine gute Zeit im Bett zu bereiten. Die Rubrik soll zum Experimentieren anregen, beinhaltet Produkttests, Berichte über feministische „Sex Positive“ oder queere Themen. Wie im gesamten Heft bemühen wir uns darum, mit Heteronormativität zu brechen.
Neben diesen großen Rubriken hat Missy natürlich noch einiges mehr zu bieten. Ab dem nächsten Heft haben wir mit Claire Lenkova eine regelmäßige Comiczeichnerin im Heft. Eine regelmäßige Bildstrecke stellt eine junge, talentierte Fotografin und ihre Arbeiten vor.

Allgemein versuchen wir uns in Missy an der Gestaltung einer feministischen Popkulturwelt, sowohl nach innen, in dem neue feministische Strukturen schaffen, als auch nach außen, in dem wir feministische Popkultur sichtbarmachen. Darüber hinaus kritisieren wir aktuelle Popkultur mit feministischen Instrumentarien. Diese Auseinandersetzung ist wichtig, weil Pop Teil der Alltagskultur und Sozialisation eines jeden Menschen ist. Deswegen muss Popmusik, Fernsehen, Netzkultur oder Werbung genauso mit feministischen Mitteln kritisiert werden, wie bspw. Gesetze. Wir hoffen es gelingt uns, denn: Es gibt noch viel zu tun.

Das Heft ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz am Kiosk und im Bahnhofsbuchhandel erhältlich sowie im Abonnement und über Bestellung im Internet natürlich auch überall sonst auf der Welt.


2 Kommentare »

  1. [...] das „mit einer feministischen Haltung über Popkultur, Politik und Style berichtet“. (Siehe zur Mission von MISSY die Kritik vom Femistischen Institut [...]

    Pingback by Wie ich mich in MISSY und das Selbermachen verliebt habe… | D I Y — 22.11.2010 um 15:00

  2. [...] das „mit einer feministischen Haltung über Popkultur, Politik und Style berichtet“. (Siehe zur Mission von MISSY die Kritik vom Feministischen Institut [...]

    Pingback by Wie ich mich in MISSY und das Selbermachen verliebt habe… | digitalergap — 08.09.2012 um 13:57

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