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Sozialpolitik

Männer in der Sozialen Arbeit – Mehr Männer in die Soziale Arbeit?

10.12.2014, Barbara Rose

Aus feministischer Perspektive kam und kommt das Geschlechterthema in der Sozialen Arbeit in dem Tenor daher, die vorhandene Geschlechterordnung mit dem Benachteiligungsblick kritisch zu durchleuchten, mit dem Ziel, das weibliche Geschlecht und seine Positionierung sichtbar und angemessen zu würdigen und Benachteiligungsverhältnisse zu skandalisieren. Die Frage nach den Männern (als Subjekten) in der Sozialen Arbeit kann diese Perspektive komplettieren und möglicherweise auch dazu beitragen, einige neue Impulse zum Themenbereich: Care-Arbeit und Geschlecht zu setzten. Eine entsprechende Gelegenheit bietet die Diskussion um Männer in Kitas.

Das Thema „Frauen in der Sozialen Arbeit“ wird uns heutzutage nur ein leichtes Gähnen und eventuell noch einen höflichen Gesichtsausdruck entlocken. Nicht nur sind wir bestens informiert über die traditionell verankerte Weiblichkeit des Personals in sozialen Berufen. Erwerbstätige Frauen machten dort 2007 83% aus, also eine Zahl, die ungefähr doppelt so hoch lag wie ihr Anteil an der Erwerbstätigkeit insgesamt. Sondern wir wissen auch um die eindeutigen geschlechtlichen Konnotierungen der Sozialen Arbeit. Darauf weisen in der Wissenschaft verwendete Schlagzeilen wie z.B. „Soziale Arbeit als weibliche Profession“, „Mütterlichkeit als Beruf“, „Sozialarbeiterinnen – eine Mehrheit, die sich wie eine Minderheit verhält“, „Soziale Arbeit als Vergesellschaftung weiblicher Hausarbeit“ hin. Die geschlechtliche Performance ist sonnenklar, die Angerufenen sind stets Frauen.

Mit Beginn der Zweiten Frauenbewegung begann die Beforschung und Aufdeckung der Geschlechterordnung in der Sozialen Arbeit:

  • Es wurde deutlich, dass die Angebote der Jugendarbeit mehrheitlich auf Jungen ausgerichtet waren;
  • männliche Täterschaft im Kontext sexueller Gewalt wurde nachgewiesen und angeprangert;
  • der proportional extrem geringe Frauenanteil in Leitungspositionen wurde aufgezeigt;
  • unterschiedliche Formen von Abweichungen männlicher und weiblicher Klientel und deren sehr unterschiedliche Wahrnehmung und Bewertung wurden ans Licht gebracht;
  • den typischen Frauen- und Männerdomänen in der Profession und in sozialer Praxis (Elementarbereich contra Knastarbeit und Streetwork, Beziehungsarbeit contra Management des Sozialen) wurde Beachtung geschenkt
  • die Verhandlung der Geschlechterthematik klassischerweise als „Sonder-“ oder „Extrathema“ in Studium und Fortbildungen wurde infrage gestellt.

Inzwischen haben wir es mit einer neuen Geschlechterdebatte in Bezug auf die Fachkräfte zu tun: 2010/2011 erregte die vom zuständigen Bundesministerium aufgelegte und vom Europäischen Sozialfonds weitgehend finanzierte Kampagne „MEHR Männer in Kitas“ einiges Aufsehen und beförderte kontroverse Debatten über die Geschlechterordnung in der Sozialen Arbeit. Die extreme Randstellung von männlichen Professionellen in diesem Praxisfeld (2,5% Fachkräfte und 5,7% Leitung) mag zu großen Teilen dem doing gender-Regime geschuldet sein, dass nämlich Kindererziehung (ebenso wie Altenpflege) derart als typische weibliche Arbeit gilt, dass Männer als Erzieher (und Pfleger) sich doppelt gar dreifach stigmatisiert empfinden/bzw. interpretiert werden durch: unattraktive Arbeitsbedingungen /geringe Entlohnung/niedriger Status plus „unmännliche“ Arbeitsinhalte.

Demnach wären Männer schon allein durch ihre Nähe zur weiblich konnotierten Sorge- und Erziehungsarbeit vom Ideal der hegemonialen Männlichkeit weit entfernt (Weichei, Sozialfuzzi, Schwuli…), somit abgewertet und müssten deshalb ihr Mann-Sein besonders unter Beweis stellen. Untersuchungen zum Elementarbereich und zur Altenpflege zeigen in der Tat, dass Männer in diesen Feldern die Differenz zu ihren Kolleginnen betonen, ihre spezielle Brauchbarkeit als Mann herausstellen und dass die Kolleginnen die Männer gerne auf geschlechtstypische Tätigkeiten festlegen (Hausmeister, Kraftarbeit, Bolzen…).

Exakt an diesem Punkt setzt die mediale/politische/fachliche Debatte zum Thema: „Männer in Kitas“ an: Ihren Ausgang nahm sie als Reaktion auf die Rede von den Jungen als Modernisierungsverlierern, wie die Pisa-Studie es formuliert hatte. Die argumentative Grundfigur sieht etwa so aus: Jungen sind heutzutage per se, ohne dass auf Differenzierungen wie ethnische und soziale Hintergründe eingegangen würde, Modernisierungsverlierer. Sie sind es deshalb, weil: Erstens bislang alle sozial- und bildungspädagogisch relevanten Ressourcen in die Mädchenförderung gesteckt wurden. Mädchen haben inzwischen aufgeholt und gewonnen, Jungen blieben auf der Strecke und wurden zu Verlierern (um später in der Negativmasse des „Fachkräftemangels“ wieder aufzutauchen).
Und zweitens: Es mangelt den Jungen an Unterstützung, insbesondere wird ihnen zu wenig Gerechtigkeit und Wertschätzung von Erwachsenenseite entgegengebracht. Die Botschaft Wir sollen die Jungen mehr annehmen, Jungs sind einfach so, sie sind laut und rüpelhaft.
Drittens: Die für einen gelingenden Identitätserwerb nötigen erwachsenen (Vorbild)Männer fehlen/sie sind abwesend. Die die Jungs umgebenden/umsorgenden anwesenden Frauen (in der Familie, im Elementarbereich, in der Grundschule) können dieses Defizit nicht kompensieren, gewissermaßen qua Natur nicht, weil sie eben Frauen sind.

Damit führt dieser Jungendiskurs den klassischen Geschlechterdualismus fort/ja dramatisiert ihn sogar aufs Neue.
Der Diskurs hat vom feministischen „Benachteiligungsdiskurs“ gelernt und dreht ihn um: Er wertet die anwesenden Frauen als nicht hilfreiches Geschlecht ab und die abwesenden Männer als potenzielle Retter auf. Und: Er ist wirkmächtig, weil er politische Schwerpunkte setzt, Ressourcen verteilt und Meinungen produziert, wie z.B. das Modellprogramm „MEHR Männer in Kitas“ zeigt.

Es sollte mittel- und längerfristig dazu beitragen, das Ziel von 20% männlichen Erziehern (die „kritische Masse“) in Kitas zu erreichen.
Eine zum Modellprogramm parallel erstellte Studie zur Situation von Männern in Kitas und der Ausbildung zum Erzieher fokussierte Barrieren und Hürden, die einer Steigerung des Männeranteils im Wege stehen und die weit über das Kita-Arbeitsfeld hinaus prototypisch für die Geschlechterordnung in sozialen Berufen sind und auch generell Auskunft geben über das gesellschaftliche Image von care-work insgesamt.

  • Die Entlohnung und gesellschaftliche Anerkennung des Erzieherberufes sind nicht leistungsentsprechend.
  • Die Aufstiegs- und Berufschancen sind gering.
  • Das veraltete Berufsbild (spielen, Fortsetzung der mütterlichen Betreuungsarbeit) lässt den Beruf unattraktiv erscheinen.
  • Es bestehen immer noch Vorbehalte gegenüber männlichen Erziehern in Kitas ).
  • Eine als dominant wahrgenommene „weibliche Kultur“ löst bei männlichen Erziehern Deplatzierungseffekte aus.
  • Träger und Leitungen verfolgen keine wirklich ernsthaften Strategien zur Erhöhung des Männeranteils, da sie nach wie vor von deren mangelndem Interesse ausgehen.
  • Die Politik nimmt sich des Themas nicht (zu wenig) an, es fehlt ein wirklicher politischer Wille an Veränderung.

Daraus folgern die Autor_innen der Studie einige Handlungsempfehlungen:

  • Aufstiegs- und Berufsschancen müssen verbessert werden.
  • Entlohnung und gesellschaftliche Anerkennung müssen steigen.
  • Ausbildungsrahmenbedingungen müssen sich verbessern.
  • Die Berufszugänge für männliche Quereinsteiger und Umschulungsinteressierte müssen sich verbessern.
  • Kitaträger und -leitungen müssen politisch und öffentlichkeitswirksam unterstützt werden.
  • Das professionelle Profil des Erzieherberufes muss sich in der alltäglichen Arbeit und auch in der Außendarstellung schärfen.
  • Männer, die bereits im Berufsfeld sind, müssen in der Außendarstellung sichtbar werden.

Vier Aspekte sind nun bemerkenswert:
Erstens: Der größte Teil dieser Handlungsempfehlungen gilt für beide Geschlechter in der Profession und muss im Interesse einer gesellschaftlichen und materiellen Aufwertung professioneller Care-Arbeit für Beide ins Feld geführt werden. Aber Fakt ist: Sie kommen auf den Tisch im Kontext des Anliegens, Männer besonders zu fördern, um die verlorenen Jungs zu retten (oder salopp ausgedrückt: Das schwächelnde Konstrukt der hegemonialen Männlichkeit zu stützen und gleichermaßen auch die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Deutschland zu sichern).

Zweitens: Geht es um die Erhöhung des Männeranteils, dann können die Ansprüche an eine wissenschaftlich basierte Qualifizierung, an den fachlichen Anspruch der Profession, schon mal ins Hintertreffen geraten (siehe die laxen Vorgaben für Quereinsteiger, Umschüler, …).

Drittens: Wenn man die Folgerungen dieser Untersuchung mit den Zielen des Modellprogramms vergleicht, dann fällt doch auf, wie nahezu ausschließlich eine symbolische Politik von der politisch verantwortlichen Stelle betrieben wird. Strukturell und materiell orientierte Perspektiven, wie sie immerhin in der Untersuchung genannt werden, fehlen in der politischen Programmatik fast gänzlich.

Und viertens: Diese Debatte spielt auf dem Feld der frühkindlichen Erziehung, das in den letzten zehn Jahren eine enorme bildungspolitische Aufwertung erfahren hat (vergleiche die Kampagne „Auf den Anfang kommt es an“ sowie die zunehmende Zahl von Bachelor-Studiengängen “Frühkindliche Bildung und Erziehung“). Kitas sind mittlerweile als Bildungseinrichtungen anerkannt. Eine vergleichbare politisch und medial geführte Debatte um z.B. „Mehr Männer in der Pflege von alten und kranken Menschen“ gibt es nicht!

So stellen sich abschließend vier Fragen, die sich – aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven gespeist – auf das Verhältnis von Geschlecht, Macht und Arbeit am Sozialen beziehen und dringend der weiteren Bearbeitung harren:

  1. Können, wollen und sollen wir: eine Aufwertung der „weiblich konnotierten“ Sozialen Arbeit durch „mehr Männer“ erhoffen? Und infolge einer drastische Erhöhung des Männeranteils mehr gesellschaftliche Anerkennung von Care-Arbeit überhaupt erwarten?
  2. Und wird damit eine Ent-Geschlechtlichung dieser Arbeit erreicht, gelingt also eine andere, neue Bewertung der Arbeit am Sozialen und damit auch eine Neuverteilung ehemals weiblich bzw. männlich konnotierter Arbeit auf beide Geschlechter?
  3. Geht das alles: durch bessere Bezahlung? Oder durch gezielte Männerförderung, Männerquoten? Oder mithilfe attraktiverer Arbeitsplatzgestaltung und Arbeitsplatzbeschreibungen?
  4. Oder: Führt die Forderung nach „Mehr Männern“ letztlich zu einer intraberuflichen Geschlechtersegregation nach traditionellem Muster und schlimmstenfalls zur Verdrängung der Frauen aus einer ihrer wenigen beruflichen und von ihnen profilierten Domänen und sollte deshalb energisch bekämpft werden?

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