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Interventionen

Ausverkauf oder gelungener Guerilla-Kampf? Die Massentauglichkeit von Beth Ditto, Peaches und Co.

25.07.2009, Melanie Groß

Einigen Künstler_innen der riot grrrl und Ladyfest-Szene ist der Durchbruch in den Mainstream gelungen. Le Tigre sind schon längst zu einem Major-Label gewechselt, Peaches schafft es immer öfter aufs Cover angesagter Musikzeitschriften und nun flimmert Beth Ditto über alle Kanäle – dick befreundet mit der Modeindustrie. Was ist von so viel Ruhm zu halten? Kann er als erfolgreiche Intervention in die Zeichenebene des Geschlechterdualismus interpretiert werden oder handelt es sich bei Massentauglichkeit immer gleich nur um Ausverkauf?

Künstler_innen wie Peaches sind meiner Meinung nach eine große Bereicherung für die Popkultur, wenngleich ihre feministischen und queer-|feministischen Grenzüberschreitungen von geschlechtlichen und sexuellen Normen im Pop im Prinzip nichts Neues sind. So gab es gerade in dieser Szene immer schon etwas mehr Spielraum für Darstellungsweisen von Geschlecht, die jenseits dessen liegen, was im Mainstream als ‘normal’ und ‘natürlich’ gilt oder gegolten hat. Das Besondere an ihnen ist die explizit queer-|feministische Positionierung, die sie vornehmen. Peaches hat sich in der Kulturindustrie stets explizit für feministische Ideen eingesetzt und mit Klischees von Frauen als Sexsymbol in ermächtigender Weise gespielt. Sichtbare Schamhaare, umgeschnallte Dildos und das provokative Fatherfuckers-Album sind hier nur kleine Beispiele, die in der Zurschaustellung zugleich sichtbar machen, was Frauen eigentlich nicht gestattet ist. Beth Ditto – ganz im Sinne der riot grrrl Szene der 1990er Jahre – überzeugt mit einer unglaublichen Bühnenpräsenz und mit ihrem queeren Lebensentwurf. Diese Künstler_innen artikulieren Sex, Geschlechtlichkeit, Begehren und Körper jenseits der Norm und erweitern somit Grenzen des Lebbaren und des Denkbaren. Ihre Popularität weist meines Erachtens auf zweierlei hin: Zum einen zitieren sie (hetero-)sexistische und homophobe Elemente im Mainstream und unterlaufen sie subversiv, indem sie sie aufnehmen und umarbeiten. Mit dieser Guerilla-Strategie eröffnen sie Räume jenseits der rigiden Norm der Zweigeschlechtlichkeit mit all ihren Stereotypen und Rollenanforderungen. Sie machen Lebensweisen sichtbar und verschaffen damit auch denjenigen Sichtbarkeit, denen normalerweise der Subjektstatus in unserer Gesellschaft vorenthalten wird. In diesem Sinne ist Popularität ein großer Erfolg. Zum anderen funktioniert die Verwertungslogik nicht-normativer Körper und Lebensweisen aber immer auch über die Möglichkeit der Exotisierung, die einen erneuten Ausschluss bedeuten kann. Werden sie betrachtet als das Andere, das Ungewöhnliche, das Bunte, mit denen ‘Normalos’ sich hin und wieder gerne mal schmücken, um sich ihrer eigenen Normalität und Durchschnittlichkeit zu vergewissern? Ich denke, dass es beides ist: eine nicht zu unterschätzende Überschreitung von Geschlechternormen und gleichzeitig eine Disziplinierung durch Exotisierung. Letztlich kann das aber nicht am Schreibtisch entschieden werden, sondern ist eine je subjektive Betrachtungsweise in einem je subjektiven Kontext – es ist das, was Konzertbesucher_innen darin sehen und was sie daraus machen. Für die einen sind sie Ikonen, Vorbilder – die, die sich trauen, die, die laut sind und endlich queer-|feministische Positionen beziehen, so dass es bald niemand mehr überhören kann. Für die anderen sind sie die schrillen, die überdrehten, die merkwürdigen aber ganz witzigen, die man sich hin und wieder mal ansieht und dann zufrieden über die eigene heteronormale und -normative Kleinfamilie den Fernseher abschaltet.

Die Frage, warum diese Künstler_innen gerade jetzt so erfolgreich sind, scheint müßig. Möglicherweise haben die letzten ca. 15 Jahre riot grrrl- und Ladyfest-Kultur es geschafft, nun endlich von der Subkultur in den Mainstream zu gelangen – auch wenn es sich hier nur um wenige Ausnahmen der unzähligen Künstler_innen handelt. Für junge Menschen sind sie sicher deshalb attraktiv, weil sie politische Inhalte in der Popkultur artikulieren und mit queer-|feministischen Statements auch das Bedürfnis vieler, die mehr Identitätsspielräume wollen, widerspiegeln. Feminismus ist in diesem Kontext ein sehr ernstzunehmendes Spiel wider die Zweigeschlechtlichkeit und gleichzeitig eine massive Kritik an heterosexistischer und zumeist männlicher Macht innerhalb und außerhalb der Kulturindustrie. Das Dilemma der Popularität liegt meines Erachtens in der Geschwindigkeit und Fähigkeit kapitalistischer Verhältnisse, alles das, was anders und besonders ist, aufzusaugen und zu vermarkten. In neoliberalen Zeiten, wo Pluralität und Individualität zum Markenzeichen geworden sind, wo Modelabels mit Rebellion und Protest Werbung machen, wäre eine weitere Lesart, dass queer-|feministische Popkultur genau dieses Segment ungewollt auch bedient. Das könnte ein weiterer Grund sein, warum sie heute so populär geworden sind: sie sind vermarktbar geworden. Allerdings bedeutet das nicht, dass sie aufgrund dessen kritisiert werden müssten. Es heißt vielmehr, dass wir es mit einer Ambivalenz zu tun haben, die nicht auflösbar ist. Es heißt allerdings auch, dass Protestartikulationen im Mainstream wandelbar bleiben müssen, wenn sie nicht umgehend vermarktet werden wollen.


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