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Interventionen

Lookismus – Ein Blick auf gesellschaftliche Wissensbestände und emanzipatorische Potenziale eines Begriffs

29.04.2018, Svenja Spyra

Der Beitrag geht der Frage nach, welches Wissen gegenwärtig unter dem Begriff Lookismus verhandelt wird und bezieht sich dabei insbesondere auf gesellschaftliche Wissensproduktion im Kontext körperlicher Attraktivität. Dies wird am Ende unter dem Blickwinkel daraus resultierender emanzipatorische Potenziale diskutiert.

Begriffliche Annäherungen

Reicht es nicht aus, sexistische, rassistische, klassistische Blicke und Darstellungen zu kritisieren? Bietet die Analyse der Überschneidungen und Ausdifferenzierungen der vielfältigen Weisen diskriminierender (Alltags-)Praxen nicht schon genug gesellschaftskritisches Potenzial? Worin liegt das emanzipatorische Potenzial des Lookismus-Begriffs und einer spezifischen Analyse des Sehens und Bewertens von Körpern? Ist es notwendig genauer hinzuschauen, wie Personen auf Grund ihrer körperlichen Erscheinung auf eine bestimmte Weise gesehen und bewertet werden? Und, wie verhält es sich damit eigentlich in queeren und feministischen Zusammenhängen? Bestehen dort ebenfalls Normen, die das dortige Sehen und Bewerten bedingen?

Bei genauerer Betrachtung werden Parallelen zwischen lookistischen Praktiken des Sehens und Bewertens von Körpern und anderen Unterdrückungsmechanismen (z.B. Sexismus, Rassismus, Ableismus, Ageismus) deutlich. Gemein ist ihnen, dass konkrete Körper je kontextspezifisch mit kategorisierenden, hierarchisierenden, normativen Zuschreibungen belegt und bewertet werden. Diese orientieren sich an historisch gewachsenen Idealbildern und gesellschaftlichen Schönheitsvorstellungen von Frauen- und Männerkörpern – trotz bestehender Geschlechterdiversität. Diese Vorstellungen werden in einer neoliberalen kapitalistischen Gesellschaft insbesondere durch Leistungsanrufungen und Attraktivitätserwartungen (re)produziert. Eine dementsprechende Anordnung bildet gemeinhin den Referenzrahmen zur Beurteilung von Körpern und der unhinterfragten Zuschreibung körperbasierter Persönlichkeitsmerkmale, wie z.B. ,fett‘ = ,faul‘, ,Schwarz‘ = ,rhythmisch-musikalisch‘. Auf queere und feministische Kontexte bezogen bedeutet es, dass Personen, die sich optisch bestimmten Szenenormen anpassen, wahlweise als lustfeindlich, frigide und männerhassend deklariert werden, oder bei Nichtanpassung aus queeren und feministischen Blicken und Räumen fallen.

In einer ersten analytischen Suchbewegung nähere ich mich also der eher sperrig anmutenden Begrifflichkeit Lookismus. Diese bezeichnet, grob umrissen, die Bewertung und damit verbundene Diskriminierung einer Person aufgrund körperlicher Merkmale. Der Begriff bezeichnet zudem die Zuschreibung von Persönlichkeitsmerkmalen aufgrund der körperlichen Konstitution einer Person, wie die obigen Beispiele verdeutlichen. Der Begriff Lookismus möchte bestehende Konzepte und Perspektiven zur Analyse gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse um einen stärker körperbezogenen Fokus erweitern. Dabei geht es um eine kritische Betrachtung bestehender Körperzuschreibungen und Praktiken des Sehens und Bewertens von Körpern. Zudem geht es um die Anfechtung damit verbundener Praktiken der Körpernormierung, Hierarchisierung und Stigmatisierung von Personen. Lookismus bezieht sich also stets auf den Körper als Ort bzw. Diskursfeld von Auseinandersetzungen, um gesellschaftskritische, körperbezogene Bewusstseinsbildung voranzutreiben und bestehendes Wissen in einem emanzipatorischen Sinne kritisch zu reflektieren.

Zur Normalität von Schönheitsnormen

Menschen in ,schön‘ und ,häßlich‘ einzuteilen, ist eine allzu oft unhinterfragte gesellschaftliche Alltagspraxis. Diese Grenzziehungen und Kategorisierungen basieren oftmals auf erlerntem, gesellschaftlich vorherrschendem Wissen über die Verbindung von Attraktivität und Körperlichkeit. Dieses Wissen wiederum, bildet die Grundlage der Weisen, wie Körper gesehen und bewertet werden, sowie für damit verbundene Hierarchisierungen und (De-)Legitimierungen. In diesem Wissen enthaltene Vorstellungen von Körpernormen, Körperformen und Attraktivität strukturieren die Beurteilung menschlicher Körper in spezifischer Weise und ermöglichen das Erlernen weniger diskriminierender und bewertender Formen des Sehens und Betrachtens.

Auch die Bewertung des eigenen Körpers und der Umgang mit ihm wird oftmals von gesellschaftlichen Wissensregimen bestimmt, zumindest beeinflusst. Es scheint unmöglich, sich diesem Wissen zu entziehen, denn es ist Teil gesamtgesellschaftlichen Denkens. Doch Attraktivitätsvorstellungen und Schönheitsideale sind nicht universal verankert, sondern differenzieren sich bspw. durch kulturelle Vorstellungen und Praktiken, aktuelle Körpertrends sowie geschichtliche und soziale Kontexte aus. Dennoch lässt sich festhalten, dass westliche weiße heterosexuelle Schönheitsideale und Körpernormen gesellschaftliche Körpervorstellungen grundlegend strukturieren und in diesem Rahmen vorherrschende Positionen definieren. Oftmals sind diese dementsprechend durch kontextgebundene, (post)koloniale, sexistische, rassistische Gesellschaftsgeschichte(n) geprägt. Zudem bedingen geschlechtliche und sexuelle (Selbst)Positionierungen, welche Zuschreibungen bzw. Normierungen für welche Körper greifen. Auch millieuspezifische Wissensbestände spielen eine Rolle bei der Bewertung und Formulierung von Schönheitsidealen.

Wie ambivalent dieses Wissen sein kann, wird etwa bei der Betrachtung von (cis-)Mädchenzeitschriften deutlich, wenn diese einerseits formulieren, dass alle (cis-)Mädchen schön seien und andererseits primär normschöne Körper zeigen und Körperformen nach vorherrschenden Attraktivitätsvorstellungen hierarchisch kategorisieren. Auch wird dort primär eine körperbezogene Relevanz und Wertigkeit für (cis-)weibliche Körper formuliert und (re)produziert, die dem Gefallen des hegemonial (cis-)männlich-positionierten Blicks dienen. Aber auch innerhalb von Subkulturen findet eine Diskriminierung aufgrund als ,unpassend‘ wahrgenommener Kleidung statt. Häufig stehen Szenecodes diametral zu gesellschaftlich vorherrschenden Kleidungsformen. Erfüllen Menschen die dortigen Kriterien nicht – oder wollen sie diese nicht erfüllen – kann es zu Ausschlüssen und Diskriminierung(en) innerhalb der ,eigenen‘ Szene(n) kommen.

Fight Lookism – Emanzipatorisches Scheitern an bestehenden Normen?

Getragene Kleidung und die eigene Körpergestaltung können ein Mittel sein, sich selbst (politisch) zu verorten, auszudrücken und in Bezug zur Welt zu setzen. Kleidung und Körpergestaltung können in spezifischen Kontexten emanzipatorische Potenziale entfalten, wenn bspw. bestimmte Praktiken des Ankleidens und Schminkens die bestehende Geschlechterordnung unterwandern oder Körperpraktiken mit vorherrschenden Wissensbeständen und Erwartungen brechen. So stellt bspw. ein (cis-)Mann in einem ,Fummel‘ heterosexuelle Männlichkeitsvorstellungen ebenso in Frage, wie eine (cis-)Frau mit harter Ausstrahlung und groben Körpergesten. Und auch Personen, die visuell absichtlich nicht eindeutig in der binären Geschlechterordnung aufgehen (wollen), können das Sehen produktiv irritieren und unterwandern. Diese Beispiele verdeutlichen, dass Körper und Körperpraktiken in spezifischen Kontexten über das Sehen und Bewerten und in Rückkoppelung an die soziale Ordnung entstehen und diese ebenso bedingen. Fight Lookism bedeutet allerdings nicht, dass Menschen einander nicht mehr visuell attraktiv, begehrenswert oder angenehm finden sollen. Es möchte vielmehr dazu anregen, zu überdenken, weshalb das Äußere so wichtig scheint und nicht das, was das konkrete Gegenüber tut, sagt, schreibt, spielt, denkt, tanzt, malt, etc. Warum dominieren das Sehen und Bewerten den Charakter?

Bestehende Geschlechternormen und gesellschaftliche Vorstellungen von Attraktivität lassen sich spielerisch und parodistisch verdrehen und somit in Frage stellen. Hierdurch wiederum können bestehende Wissensbestände aufgebrochen werden. Dies kann mittels einer Drag-Performance ebenso passieren wie durch das Tragen eines bauchfreien Tops durch eine fette Aktivistin. Hier bieten sich auch Möglichkeiten zur (Selbst-)Reflexion für alle Menschen, die bei einem dementsprechenden Erscheinungsbild ins Stolpern geraten. Denn, warum stört mich das, was ich sehe? Was irritiert mich daran? Und, was wäre, wenn es das gar nicht müsste?

Doch der Akt des Nicht-Beurteilens und Nicht-Verurteilens, der Prozess des Erlernens des Anders-Sehens, das Aneignen einer weniger zuschreibenden Perspektive ist schwieriger als gedacht. Vor dem Hintergrund der Dominanz bestehender Blickregime scheint es bisweilen vielleicht gänzlich unmöglich, dauerhaft zu verlernen. Vielleicht bin ich hier pessimistisch. Denn, selbst bei stetigem Überdenken und Entwickeln von Gegenstrategien zu dem Konzept von ,schön‘/,hässlich‘, lassen sich verinnerlichte Wissensbestände nicht einfach löschen. Dieses Wissen zu verändern, ist ein Prozess, ein stetiges Aushandeln, ein Anfangen, ein Umdenken und Überdenken dessen Ergebnis immer offen ist, denn Menschen sind unterschiedlich und können – auch bei ähnlichen Reflexionsergebnissen – dennoch zu unterschiedlichen (Alltags-)Praxen und Resultaten gelangen.

Für kritische Lektüre und hilfreiche Anmerkungen danke ich Steffen Loick.

Quellen

http://www.lookism.info/
Lea Schmid/ Darla Diamond/ Petra Pflaster (Hg.) (2017): Lookismus. Normierte Körper – Diskriminierende Mechanismen – (Self-)Empowerment. Münster, Unrastverlag.


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