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Bildung

LizzyNet – eine Bildungsgelegenheit für Mädchen im Internet

13.06.2008, Angela Tillmann

Das Internet stellt viele Bildungsgelegenheiten für Jugendliche bereit. Es ist jedoch nach wie vor nicht für alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen attraktiv und zugänglich. So werden Mädchen und Frauen immer noch mit Schließungsmechanismen konfrontiert und wenig bei der Aneignung des Mediums unterstützt. Zudem treffen sie dort auf zielgruppenspezifische kommerzielle Angebote, die in erster Linie Stereotype bedienen. Abhilfe schafft hier ein Angebot – LizzyNet -, das ausschließlich für Mädchen konzipiert wurde und sich zum Ziel gesetzt hat, Kompetenzen von Mädchen zu fördern, ihr Selbstwertgefühl zu stärken und ihren Handlungsspielraum zu erweitern.

Die Auseinandersetzung mit und über Medien ist im höchsten Maße identitäts- und bildungsrelevant. Insbesondere die seit Anfang der 1980er Jahre gegründeten Online-Communitys als auch die neuen partizipativen Beteiligungsformen des Web 2.0 laden zur Artikulation und Reflexion eigener Erfahrungen und gemeinsamen Wissensproduktion ein. Dieses Bildungspotential des Internet ist jedoch zunächst nicht allen Bevölkerungsgruppen gleichermaßen zugänglich – dies verdeutlichen die geringeren Nutzungszahlen von Mädchen und Frauen von Beginn an. Bis heute lassen sich Unterschiede bei der Ausstattung mit Rechnern und der Nutzungsintensität feststellen (JIM-Studie 2007). Erklärt werden kann dies damit, dass Technik innerhalb der Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit immer noch einen gender-differenzierenden Faktor darstellt. Technik- oder Computer-begeisterten Mädchen fällt es schwerer, sich “weiblich” zu positionieren (Klaus/Pater/Schmidt 1997). Sie können sich (zumal vor Jungen) kaum damit schmücken, in Sachen neue Technologien besonders firm zu sein. Dies führt eher zu Gender-Verwirrungen, die in einer heteronormativ ausgerichteten Welt die Suche nach einer ersten Beziehung deutlich erschweren. Zudem lässt sich im Internet weiterhin ein Verteilungskampf um attraktive Online-Räume beobachten, der in Form von Schließungsmechanismen geführt wird, die sich z.B. in Form von herabwürdigenden Äußerungen gegenüber Mädchen/Frauen, der Infragestellung von technischem Knowhow bei Mädchen/Frauen und den ausschließlich an männlichen Bedürfnissen sich orientierenden Kommunikationsinhalten äußert (Schachtner/Duval 2004). Auch eignet sich das Überangebot an pornographischen und sexistischen Angeboten wenig dazu, das Internet für Mädchen und Frauen attraktiver zu machen. Zielgruppenspezifische Internetseiten, die sich explizit an Mädchen oder Jugendliche richten, sind meist kommerziell ausgerichtet und bedienen weiterhin Stereotype, wie z.B. die romantische heterosexuelle Liebe, das Schönheitsideal, einseitige Kleidungsnormen usw. Diese Angebote laden nicht zu einer reflektierten Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechtsidentität und Welt ein. Ein Angebot, das versucht, den Mädchen und jungen Frauen eine Alternative zu bieten, ist LizzyNet.

LizzyNet – Ein Angebot nur für Mädchen

LizzyNet, ursprünglich Anfang 2000 von Schulen ans Netz e.V. gegründet, zu Beginn diesen Jahres dann an die Unternehmensgruppe M. DuMont Schauberg (MDS) übergeben, nimmt von der Konzeption und Anlage her Bezug auf sozialkonstruktivistische Gender-Theorien. Es knüpft, da es sich ausschließlich an Mädchen richtet, allerdings auch an differenztheoretisch begründete Prinzipien der Mädchenarbeit an. Dabei wird nicht angenommen, dass Mädchen einen anderen Nutzungsstil haben, vielmehr stellt LizzyNet den Mädchen einen geschützten Raum zur Verfügung, in dem sie ihren eigenen individuellen Nutzungsstil entwickeln und weiter ausdifferenzieren können. In einem geschlechtshomogenen Raum werden 12- bis 18-jährige Mädchen verschiedene Angebote zur Auseinandersetzung mit sich und der Welt gemacht. Es geht darum, Kompetenzen von Mädchen zu fördern, ihr Selbstwertgefühl zu stärken und ihren Handlungsspielraum, insbesondere im Umgang mit dem Computer und Internet, als auch ihr berufliches Spektrum zu erweitern. Die Mädchen finden bei LizzyNet Artikel von Redakteurinnen und Userinnen aus den Bereichen Körper, Politik, (Pop-)Kultur, Forschung und Internet sowie verschiedene Möglichkeiten zur aktiven Teilnahme (z.B. Wettbewerbe), ein umfangreiches Kommunikationsangebot (E-Mail, Chat, Foren, Clubs), zahlreiche Online-Kurse und -Spiele sowie Tipps zum genussvollen Surfen als auch Informationen und Tricks für die Berufsfindung und Bewerbung. Unterstützt werden die Mädchen in ihren Aktivitäten von erfahrenen Nutzerinnen – den LizzyScouts – und der Redaktion.

Die Faszination des Netzwerks für Mädchen

Im Rahmen einer Studie und damit zahlreichen Interviews und Beobachtungen, die ich in den letzten Jahren gemacht habe, wurde deutlich, dass das Angebot seinen besonderen Reiz für die Mädchen erhält, da es “Spaß” verspricht und eine zunächst sehr unverbindliche und damit offene Annäherung ermöglicht. Ein weiterer – noch wesentlicherer – Grund dafür, warum die Mädchen dabei bleiben und sich in Folge engagiert einbringen, liegt an der mädchenspezifischen Ausrichtung des Angebots. Mädchen werden im Alltag mit anderen Themen und Problemen konfrontiert als Jungen, da sich ihre gesellschaftlich normierten Handlungsaufgaben im Hinblick auf Risiken und Handlungsspielräume anders angehen und bewältigen. Dementsprechend haben sie unter Mädchen eher “das Gefühl, die Leute verstehen einen” (Lizzy, 19 Jahre). Des Weiteren schätzen die Mädchen auf LizzyNet den Schutz vor sexuellen Belästigungen und abwertenden (männlichen) Kommentaren, der es ihnen ermöglicht, sich sehr offen mit ihren Themen – ihrer Geschlechtsidentität – auseinander zusetzen. Denn sonst würde es “gerade auch in den Chats losgehen wie in öffentlichen Chatrooms, so Jungs Mädels Sachen. Und ja, vielleicht könnte man auch nicht mehr so offen miteinander umgehen wie Mädels untereinander” (Lizzy, 16 Jahre). Des Weiteren weisen die Mädchen auf die vielfältigen Partizipationsmöglichkeiten im Netzwerk hin und stellen die besondere Bedeutung der medienpädagogische Betreuung heraus. Sie schätzen die spezifische Auswahl und Aufbereitung an Themen. Zudem garantieren die Redakteurinnen eine kontinuierliche Unterstützung in fachlichen (HTML-Kurs) als auch persönlichen Fragen: “Die sind einfach super, auf jeden Fall. Die sind halt da, wenn irgendetwas ist, dann kann man die ansprechen und das ist voll schön. Das sind irgendwie die Eltern in der großen Familie” (Lizzy, 16 Jahre).

Identitätsarbeit im Internet – nur für Mädchen?

Die Studie hat gezeigt, wie wichtig geschlechtshomogene und nicht-kommerzielle Räume im Internet sind. Sie ermöglichen es, dass Mädchen in einem sicheren und nicht gewinnorientierten Umfeld ihre Leidenschaften, Interessen und Sorgen aber auch ihr Expertinnentum auf persönlichen Websites, Fanpages oder Blogs, per E-Mail, Foren, Chats oder in der Online-Zeitung (LizzyPress) für andere darstellen und diskutieren. In der Auseinandersetzung mit anderen Mädchen sichern sie ihren Lebensstil ab, teilen ihre aktuellen Schulprobleme, Zukunftsängste und Unsicherheiten mit dem eigenen Körper, diskutieren über heterosexuelle Umgangsformen und präsentieren auf vielfältige Weise ihre Medienkompetenz. Dabei sind sie immer auf der Suche nach Anerkennung, machen also Beziehungsangebote in Foren, versehen ihre Websites mit einem Gästebuch, beteiligen sich am Button-Tausch, nehmen an Wettbewerben teil usw. Die Rückmeldungen dienen dabei nicht nur der Selbstbestätigung, sondern auch zur Kontaktaufnahme und Vernetzung. Mit anderen Worten: Mädchen partizipieren auf vielfältige Art und Weise – und erweitern auf diese Weise ihren bisherigen Identitätsspielraum.

Können wir uns ein solches Angebot auch für Jungen denken? Wie müsste es konzipiert sein? Als Anknüpfungspunkte, um das Interesse der Jungen zu wecken, drängen sich einige Themen auf: Computerspiele, Sport – v.a. Fußball, Autos, Artikel zu Sachthemen usw. Jungen müsste allerdings – als Pendant zu dem pädagogisch-politischen Auftrag von LizzyNet – weniger die Scheu vor der (neuen) Technologie genommen oder das Berufspektrum hin zu technischen Berufen erweitert werden, Ziel müsste es vielmehr sein, deren Lese- und vielleicht Sozialkompetenz zu fördern und ihr Berufsspektrum in Richtung soziale Berufe zu erweitern. Würden sich Jungen in einem solchen Netzwerk wohlfühlen und dauerhaft engagieren? Eine gewisse Skepsis bleibt, womit erneut deutlich wird, dass sich das Geschlechterverhältnis weiterhin als ein hierarchisches darstellt, in dem “männliche” Attribute erstrebenswerter erscheinen als “weibliche”. Aber vielleicht wäre es ja trotzdem einen Versuch wert…


Literatur

  • Klaus, E. / Pater, M. / Schmidt, U. C. (1997): Das Gendering neuer Technologien. Durchsetzungsprozesse alter und neuer Kommunikationstechnologien. In: Das Argument, 39. Jg., 223, S. 803-818
  • Schachtner, C. / Duval, B. (2004): Virtuelle Frauenräume: Wie Mädchen und Frauen im Netz-Medium Platz nehmen. In: Kahlert, H. / Kajatin, C. (Hrsg.): Arbeit und Vernetzung im Informationszeitalter. Wie neue Technologien die Geschlechterverhältnisse verändern. Frankfurt a. M.: S. 279-298

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