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Interventionen

Das erste Ladyfest im Saarland – Feminismus und Que(e)rdenken fernab der Metropolen

23.11.2012, Heike Mißler

Im Oktober 2012 organisierte der Lehrstuhl für Nordamerikanische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität des Saarlandes das erste saarländische Ladyfest. Fernab der zweifelsohne lebhafteren queer-feministischen Szenen Berlins, Hamburgs oder Kölns fiel die Umsetzung einer solchen Veranstaltung anfänglich vielleicht etwas schwerer, aber die Mühe hat sich definitiv gelohnt.

“Ihr macht ein was?” So, oder so ähnlich lautete die am häufigsten gestellte Frage an die Organisator_innen und Helfer_innen des ersten Ladyfestes im Saarland (24. bis 27. Oktober 2012), das, eher ladyfest-untypisch, vom Lehrstuhl für Nordamerikanische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität des Saarlandes organisiert wurde, sich aber keineswegs nur an ein akademisches Publikum richtete und entsprechend außerhalb des Campus stattfand.

Die Antwort auf die Frage nach Sinn und Zweck eines Ladyfestes trugen wir unermüdlich monatelang allen vor, die sie hören wollten oder nicht schnell genug weghören konnten, nämlich: Ladyfeste stehen für Geschlechtergerechtigkeit und die Anerkennung vielfältiger Lebensweisen und wollen Identitäten jenseits binärer Kategorisierungen von Mann/Frau, Hetero/Homo, usw. nicht nur sichtbar, sondern lebbar machen. Auch wenn die Begrifflichkeiten teilweise Kopfschütteln hervorriefen, wurde die Idee des Ladyfestes selbst sehr positiv aufgenommen, und es fanden sich innerhalb weniger Monate eine beachtliche Reihe finanzieller und ideeller Unterstützer_innen. Die “Lady” im Ladyfest ist zugegebenermaßen kein unproblematischer Begriff, und viele stießen sich daran, dass der Name impliziere, es seien ausschließlich Frauen erwünscht. Aus diesem Grund versahen wir unser Logo mit dem Zusatz “not just for the ladies”, fügten unserer Webseite ein Glossar hinzu und erklärten so oft wir konnten, dass wir die “Ladies” als einen subversiven Begriff sehen, der ironisch gemeint ist und es ermöglicht, auf altbekannte binären Bezeichnung zu verzichten.

Auch wenn selbst innerhalb feministischer Kreise im Saarland Ladyfeste nur bedingt bekannt waren, und auch an der Universität Bereiche wie Gender und Queer Studies erst seit wenigen Jahren Einzug in die Curricula der Universitäten gehalten haben, muss hervorgehoben werden, wie schnell und problemlos wir uns mit gender-spezifischen Institutionen vernetzen konnten. Das Ladyfest finanzierte sich fast zur Hälfte durch das Zutun des Gleichstellungsbüros der Universität des Saarlandes, der Frauenbibliothek Saar oder des saarländischen Ministeriums für Bildung und Kultur, um nur einige zu nennen, und die Oberbürgermeisterin der Stadt, Charlotte Britz, übernahm ohne zu zögern die Schirmfrauschaft. Durch unser gutes Netzwerken gelangten wir nicht nur an finanzielle Mittel, sondern auch an engagierte Workshopleiter_innen, Künstler_innen und interessante Veranstaltungsorte.

Das erste Ladyfest im Saarland war für uns so wichtig, weil es auch als Auftaktveranstaltung für ein größeres Projekt diente, nämlich den Aufbau eines Forum Geschlechterforschung an der Universität des Saarlandes. Natürlich gibt es im Saarland nicht weniger Interesse und Motivation gegen (Hetero-)Sexismus und Heteronormativität zu kämpfen als im Bundesdurchschnitt. Bisher fehlte es aber teilweise an Strukturen, um interessierte und engagierte Menschen zu identifizieren und zusammenzubringen. Es ging uns also auch um Sichtbarkeit, und darum deutlich zu machen, was an queerem und feministischem Potenzial im Saarland bereits vorhanden ist. Unser Ladyfest sollte genau dazu einen Beitrag leisten und Raum für Begegnungen schaffen.

Bereits während der Organisation konnten viele neue Kontakte geknüpft werden, einige davon auch überregional, wie zum Beispiel zu Transgender Luxembourg, einer Vereinigung, die sich für die Rechte von Transmenschen im Großherzogtum einsetzt. Wir hoffen, diese Kontakte in Zukunft ausbauen zu können. Wer weiß, vielleicht gibt es in der Region bald ein Ladyfest Saarlorlux?

Unser Programm war vielschichtig und richtete sich an alle Alterklassen. Es vereinte akademische mit populären Ansätzen und ermöglichte uns so auch, unseren Studierenden und allen anderen Interessierten die aktivistische Praxis der Gender und Queer Studies näher zu bringen, die im Universitätsalltag meist leider viel zu kurz kommt. Unsere Veranstaltungen, von Kurzfilmreihe und Podiumsdiskussion mit Transgender Luxembourg über Lesung von Karen-Susan Fessel und Vortrag von Sonja Eismann hin zu Workshopprogramm, Konzert und DJane Sets wurden sowohl von unseren Studierenden als auch von einem außeruniversitären Publikum angenommen und somit war das erste Ladyfest im Saarland für uns ein großer Erfolg. Es mag eine andere Form von Anstrengung erfordern, fernab der Szenen Berlins, Hamburgs, Leipzigs oder Kölns ein queer-feministisches Festival zu organisieren, aber das Gefühl von Zufriedenheit, dass man etwas bewegt hat, ist sicherlich dasselbe.


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