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	<title>Feministisches Institut Hamburg &#187; Ökonomie</title>
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		<title>Vorsorgendes Wirtschaften – Zukunftsf&#228;higkeit jenseits der Krisen&#246;konomie</title>
		<link>http://www.feministisches-institut.de/vorsorgendes-wirtschaften/</link>
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		<pubDate>Tue, 25 May 2010 21:01:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Adelheid Biesecker</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Ma&#223;losigkeit und Sorglosigkeit – mit diesen beiden Begriffen l&#228;sst sich die vorherrschende &#246;konomische Rationalit&#228;t, kennzeichnen. Ma&#223;losigkeit – denn aus Geld soll immer mehr Geld werden, und das m&#246;glichst ohne Bezug zur realen Produktion, ohne irgendein stoffliches oder soziales Ma&#223;. Und Sorglosigkeit – denn Menschen mit dieser Maximierungsrationalit&#228;t k&#252;mmern sich nicht um den Erhalt der lebendigen Grundlagen – sozial-weibliche Care-Arbeit und &#246;kologische Produktivit&#228;t –, sondern nutzen sie r&#252;cksichtslos aus. Das wirkt zerst&#246;rerisch auf dieses sog. Reproduktive – die Krise wird zur „Krise des „Reproduktiven““.
Dieses &#246;konomische System schafft seinen „Reichtum“ somit durch Zerst&#246;rung der Reichtumsgrundlagen. Es ist nicht zukunftsf&#228;hig. Zukunftsf&#228;hig ist nur eine &#214;konomie, die durch ihre eigene Praxis des Produzierens und Konsumierens den langfristigen Erhalt der lebendigen Grundlagen garantiert. Erhalten im Gestalten, um diese neue Rationalit&#228;t geht es – um Vorsorgendes Wirtschaften eben.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Ma&#223;losigkeit und Sorglosigkeit – mit diesen beiden Begriffen l&#228;sst sich die vorherrschende &#246;konomische Rationalit&#228;t, kennzeichnen. Ma&#223;losigkeit – denn aus Geld soll immer mehr Geld werden, und das m&#246;glichst ohne Bezug zur realen Produktion, ohne irgendein stoffliches oder soziales Ma&#223;. Und Sorglosigkeit – denn Menschen mit dieser Maximierungsrationalit&#228;t k&#252;mmern sich nicht um den Erhalt der lebendigen Grundlagen – sozial-weibliche Care-Arbeit und &#246;kologische Produktivit&#228;t –, sondern nutzen sie r&#252;cksichtslos aus. Das wirkt zerst&#246;rerisch auf dieses sog. Reproduktive – die Krise wird zur „Krise des „Reproduktiven““.<br />
Dieses &#246;konomische System schafft seinen „Reichtum“ somit durch Zerst&#246;rung der Reichtumsgrundlagen. Es ist nicht zukunftsf&#228;hig. Zukunftsf&#228;hig ist nur eine &#214;konomie, die durch ihre eigene Praxis des Produzierens und Konsumierens den langfristigen Erhalt der lebendigen Grundlagen garantiert. Erhalten im Gestalten, um diese neue Rationalit&#228;t geht es – um Vorsorgendes Wirtschaften eben.</strong></p>
<p>Das &#214;konomische muss also, wenn es als Grundlage f&#252;r ein dauerhaftes menschliches Leben auf der Erde dienen soll, neu gedacht und gestaltet werden. Und dazu m&#252;ssen keine Fantasien herhalten, sondern ein Blick in die allt&#228;gliche Praxis zeigt, dass vielf&#228;ltig schon sorgend gewirtschaftet wird: dazu geh&#246;ren z. B. die ganze Care-Arbeit in Familien und Nachbarschaften, Projekte solidarischer &#214;konomie auf lokaler oder regionaler Ebene, kooperative Stadtgartenprojekte, Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaften in Form von Kommunen, Genossenschaften, Rekultivierungsprojekte und vieles mehr. Das Problem ist jedoch, dass all diese wirtschaftlichen T&#228;tigkeiten aus dem offiziellen Bild von &#214;konomie ausgegrenzt sind – sie produzieren nicht f&#252;r den Markt, der als &#246;konomisches Zentrum gilt. &#214;konomie ist in diesem Bild ausschlie&#223;lich Markt&#246;konomie – und Arbeit ist nur solche Arbeit, die Waren und Dienstleistungen f&#252;r M&#228;rkte herstellt. Dass &#214;konomie viel mehr ist als der Markt und dass Arbeit vielmehr ist als Erwerbsarbeit, kann infolge dieser Ein&#228;ugigkeit nicht gesehen werden.</p>
<p>Hier setzt das Konzept <a title="Link zur Website Vorsorgendes Wirtschaften" href="http://www.vorsorgendeswirtschaften.de">„Vorsorgendes Wirtschaften“</a> an. Es beginnt mit einem Perspektivenwechsel, es blickt von den bisher als „reproduktiv“ aus dem &#214;konomischen ausgegrenzten Bereichen auf die Markt&#246;konomie. So kommen nicht nur „das Ganze des Wirtschaftens“ und “das Ganze der Arbeit“ in den Blick, sondern auch deren geschlechtshierarchische (M&#228;nner managen oben, Frauen sorgen unten) und naturfeindliche Konstruktionen. Diese k&#246;nnen jetzt kritisiert und ver&#228;ndert werden. Und M&#228;rkte sind, so gesehen, nicht Selbstzweck, sondern Mittel f&#252;r Lebenszwecke. Welche M&#228;rkte (auch: welche Finanzm&#228;rkte?) tun den Menschen und der Natur gut? Diese Fragen k&#246;nnen jetzt gestellt und bearbeitet, aus (spekulierenden) Herren k&#246;nnen (sorgende und vorsorgende) Diener gemacht werden.</p>
<p>Gegen&#252;ber der bisherigen Trennung von Produktion und sog. Reproduktion wird im Konzept „Vorsorgendes Wirtschaften“ deren Einheit betont. Diese Einheit wird ausgedr&#252;ckt in einer neuen Kategorie – der Kategorie (Re)Produktivit&#228;t. Sie umfasst die Produktivit&#228;ten aller Arbeitsprozesse einschlie&#223;lich der Care-Arbeit sowie die Produktivit&#228;t der &#246;kologischen Natur und damit alle produktiven Prozesse des Herstellens und Wiederherstellens. Dieses (Re)Produktive muss bewusst gestaltet werden, wenn wir zukunftsf&#228;hig wirtschaften wollen, lautet eine Kernaussage im Rahmen dieses Konzeptes. Und deutlich wird: Menschliche Produktion als Prozess zwischen Mensch und Natur ver&#228;ndert auch die Natur selbst, stellt ein „gesellschaftliches Naturprodukt“ mit her (z. B. ver&#228;ndertes Klima, vergifteten Boden, Kulturw&#228;lder), welches jetzt bewusst erhaltend gestaltet werden kann.</p>
<p>Die theoretische Ausformulierung und die praktische Ausgestaltung von Vorsorgendem Wirtschaften st&#252;tzen sich auf drei Handlungsprinzipien: Vorsorge, Kooperation und Orientierung am f&#252;r ein gutes Leben Notwendigen:</p>
<p>Vorsorge: Die Menschen werden als in sozialen Beziehungen lebend betrachtet (anders als in der vorherrschenden Wirtschaftswissenschaft, die nur den isoliert seinen Nutzen maximierenden homo oeconomicus kennt), als f&#252;r sich und andere sorgend, wobei in dieses Sorgen die nat&#252;rliche Mitwelt und zuk&#252;nftige Generationen eingeschlossen sind. Vorsicht, Voraussicht, Umsicht, &#220;bersicht und R&#252;cksicht sind Charakteristika dieses Prinzips. Sorgen nimmt die Bed&#252;rfnisse aller Beteiligten zum Ausgangspunkt, es ist ein Prinzip, das auch asymmetrische Beziehungen in die &#214;konomie integriert. Solche Asymmetrien bestehen h&#228;ufig in Sorgebeziehungen, in denen die Umsorgten abh&#228;ngig sind von den sorgenden Menschen. Aus dem Sorgen um die Zukunft entsteht die Vorsorge in der Gegenwart. Dabei sind Schonung und Nicht-Handeln M&#246;glichkeiten effizienten &#246;konomischen Handelns. Dagegen ist heute Nachsorge vorherrschend, wie wir z. B. beim Umgang mit Atomm&#252;ll sehen oder bei der CCS-Technik (Carbon Capture and Storage), der Technik, CO2 in Kohlekraftwerken abzuscheiden und in der Erde zu speichern. Anstatt von vornherein auf riskante und die Umwelt zerst&#246;rende Techniken zu verzichten, wird auf technische L&#246;sungen beim Umgang mit den „Abf&#228;llen“ gehofft. Wie das systematisch misslingt, erfahren wir gerade bei der &#214;lkatastrophe im Golf von Mexiko.</p>
<p>Kooperation: Kooperieren ist ein altes Prinzip der Care-&#214;konomie und wird im Konzept „Vorsorgendes Wirtschaften“ im Sinne einer vorsorgend-verantwortlichen Kooperation weiterentwickelt. Gemeint ist damit ein kooperatives Wirtschaften, in dem im gemeinsamen Verst&#228;ndigungsprozess nach lebensfreundlichen und naturvertr&#228;glichen wirtschaftlichen Formen gesucht wird. Weil in diesem Verst&#228;ndigungsprozess als sprachlose KooperationspartnerInnen die nat&#252;rliche Mitwelt und zuk&#252;nftige Generationen einbezogen sind, kommt der Begriff „Verantwortung“ mit herein. Verantwortung bedeutet eben, diese KooperationspartnerInnen gleicherma&#223;en einzubeziehen. Diese Kooperation ist prozess-, nicht nur zielorientiert. Dagegen wird heute vor allem auf Konkurrenz gesetzt. Konkurrenzf&#228;hig zu sein wird zum Selbstzweck, dem Soziales und &#214;kologisches untergeordnet wird. Mit dem Hinweis auf die Gef&#228;hrdung der Konkurrenzf&#228;higkeit wird z. B. der Mindestlohn bek&#228;mpft und werden &#246;kologische Sch&#228;den f&#252;r industrielle Gro&#223;projekte wie das Vertiefen von Elbe und Ems in Kauf genommen.</p>
<p>Orientierung am f&#252;r das gute Leben Notwendigen: Vorsorgendes Wirtschaften orientiert sich nicht an der Maximierung individueller Profite und nicht an maximalen Wachstumsraten, sondern an der Gestaltung eines guten Lebens f&#252;r alle Beteiligten. Was dieses gute Leben ist, muss im gemeinsamen Diskurs immer wieder neu festgestellt und durch gesellschaftliche Regelungen erm&#246;glicht werden. Gesellschaftliche Wohlfahrt ist so nicht allein monet&#228;r bestimmt, ist nicht ein-dimensional kalkulierbar, sondern kann nur viel-dimensional und vielf&#228;ltig entwickelt werden. Dagegen wird heute auf das Sozialprodukt, die Summe aller f&#252;r den Markt hergestellten und in Geld bewerteten G&#252;ter und Dienstleistungen, gestarrt – dessen Wachstum gilt als Ausdruck von Wohlfahrt. Z&#246;ge man dagegen von diesem Wachstum dessen soziale und &#246;kologische Kosten ab (z. B. Kinderarmut, Versch&#228;rfung der Ungleichheit, Verkehrsunf&#228;lle, &#246;kologische Sch&#228;den), so w&#252;rde deutlich werden: Unsere Wirtschaft w&#228;chst schon lange nicht mehr, der durch die Wachstumsrate des Sozialprodukts ausgedr&#252;ckte Wohlstand ist ein Schein-Wohlstand!</p>
<p>Das Konzept „Vorsorgendes Wirtschaften“ setzt f&#252;r die notwendige Ver&#228;nderung sowohl auf Verhaltens&#228;nderungen der einzelnen Menschen (Konsumkritik und neue Lebensstile), auf die gesellschaftliche Gestaltung neuer Institutionen (wie z. B. das bedingungslose Grundeinkommen) sowie auf den Staat. Es entwirft kein Wolkenkuckucksheim, keine Sozialutopie, sondern eine Wirtschaftsweise, die im Hier und Heute schon entsteht. Aus der Perspektive dieses Konzepts gilt es, diese Prozesse zu st&#228;rken und so eine sozial-&#246;kologische Transformation des &#214;konomischen hin zu einer zukunftsf&#228;higen Wirtschaftsweise zu st&#252;tzen und zu f&#246;rdern. Konkrete Forderungen sind z. B.:</p>
<ul>
<li>Der Ausbau der &#246;kologischen Land-, Fisch- und Forstwirtschaft</li>
<li>Die Umstellung der Energieversorgung auf erneuerbare, insbesondere auf Solarenergie</li>
<li>Die Erm&#246;glichung &#246;konomischer Projekte jenseits des Marktes</li>
<li>Die Aufwertung von Care-Arbeit, z. B. &#252;ber fl&#228;chendeckende soziale Infrastrukturen wie Kinderkrippen und – g&#228;rten</li>
<li>Die Umverteilung der Arbeit zwischen den Geschlechtern – M&#228;nner hinein in die Care-Arbeit, Frauen hinein in gute Erwerbsarbeit</li>
<li>Die radikale Verk&#252;rzung der Erwerbsarbeitszeit f&#252;r alle</li>
<li>Einkommensumverteilung von oben nach unten</li>
</ul>
<p>„Vorsorgendes Wirtschaften“ ist ein integrierendes Konzept, alle werden gebraucht, niemand ausgeschlossen. Und es ist ein geschlechtergerechtes Konzept. Niemand wei&#223; genau, wie eine zukunftsf&#228;hige Wirtschaftsweise einmal aussehen wird. F&#252;r den unbekannten Weg dorthin, f&#252;r den notwendigen Suchprozess sind gesellschaftliche Beratungen n&#246;tig. Daf&#252;r werden Gesellschaftsmitglieder ben&#246;tigt – Frauen und M&#228;nner –, die in allen Bereichen des Arbeitens und Wirtschaftens eigene Erfahrungen gesammelt haben. Wie sollen sie sich sonst verst&#228;ndigen? Nur auf der Basis gleicher Erfahrungen lassen sich gemeinsam neue Wirtschaftswege beschreiten. Geschlechtergerechtigkeit ist im Konzept des Vorsorgenden Wirtschaftens daher nicht nur ein moralisches Anliegen, sondern unmittelbar &#246;konomisches Interesse. Zugespitzt formuliert: Geschlechtergerechtigkeit wird zur Basisressource einer zukunftsf&#228;higen &#214;konomie – und damit zum Indikator des Neuen.</p>
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		<title>Care Revolution – ein Weg aus der Reproduktionskrise</title>
		<link>http://www.feministisches-institut.de/carerevolution/</link>
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		<pubDate>Wed, 16 Dec 2009 08:39:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gabriele Winker</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Sorgearbeit f&#252;r sich und Andere ist von enormer Bedeutung sowohl f&#252;r das umsorgte Individuum als auch f&#252;r eine menschenw&#252;rdige Gesellschaft – das ist allgemeiner Konsens. Auch dass die privat zu organisierende Sorgearbeit zunimmt, wenn wie derzeit die staatlich abgesicherte Versorgung aus Kostengr&#252;nden eingespart wird, ist weitgehend unumstritten. Dennoch wird die Frage, wer Sorgearbeit in Zeiten allseits geforderter Erwerbst&#228;tigkeit &#252;bernehmen soll, im politischen Raum weder aufgeworfen noch beantwortet. Dies hat zur Folge, dass viele Menschen, insbesondere Frauen mit Sorgeverpflichtungen gegen&#252;ber Kindern, Pflegebed&#252;rftigen oder anderen unterst&#252;tzungsbed&#252;rftigen Personen, gezwungen sind, Sorgearbeit oft am Rande der vollst&#228;ndigen &#220;berbeanspruchung tagt&#228;glich neben der eigenen Berufst&#228;tigkeit auszuf&#252;hren. Mit einem Aufruf zur Care Revolution m&#246;chte ich das strategische Schweigen durchbrechen und dazu auffordern, Sorgearbeit in ihrer Bedeutung und Gestaltung gesellschaftlich neu zu diskutieren. Ziel soll es sein, gerade den Sorgearbeitenden Mu&#223;e bei gleichzeitiger sozialer Sicherheit zu erm&#246;glichen, anstatt sie weiterhin einer Doppelbelastung und fehlender sozialer Absicherung auszusetzen. ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Sorgearbeit f&#252;r sich und Andere ist von enormer Bedeutung sowohl f&#252;r das umsorgte Individuum als auch f&#252;r eine menschenw&#252;rdige Gesellschaft – das ist allgemeiner Konsens. Auch dass die privat zu organisierende Sorgearbeit zunimmt, wenn wie derzeit die staatlich abgesicherte Versorgung aus Kostengr&#252;nden eingespart wird, ist weitgehend unumstritten. Dennoch wird die Frage, wer Sorgearbeit in Zeiten allseits geforderter Erwerbst&#228;tigkeit &#252;bernehmen soll, im politischen Raum weder aufgeworfen noch beantwortet. Dies hat zur Folge, dass viele Menschen, insbesondere Frauen mit Sorgeverpflichtungen gegen&#252;ber Kindern, Pflegebed&#252;rftigen oder anderen unterst&#252;tzungsbed&#252;rftigen Personen, gezwungen sind, Sorgearbeit oft am Rande der vollst&#228;ndigen &#220;berbeanspruchung tagt&#228;glich neben der eigenen Berufst&#228;tigkeit auszuf&#252;hren. Mit einem Aufruf zur Care Revolution m&#246;chte ich das strategische Schweigen durchbrechen und dazu auffordern, Sorgearbeit in ihrer Bedeutung und Gestaltung gesellschaftlich neu zu diskutieren. Ziel soll es sein, gerade den Sorgearbeitenden Mu&#223;e bei gleichzeitiger sozialer Sicherheit zu erm&#246;glichen, anstatt sie weiterhin einer Doppelbelastung und fehlender sozialer Absicherung auszusetzen.</strong></p>
<p>Die individuellen Sorgeanforderungen f&#252;r sich selbst und f&#252;r andere nahe Personen wachsen in dem Ma&#223;e, wie die gesellschaftliche Organisation von Arbeit die Wiederherstellung, sprich die Reproduktion der jeweils eigenen Arbeitskraft erschwert. Sorgearbeit ist in diesem Sinn als Reproduktionsarbeit zu verstehen, die nicht-warenf&#246;rmig, sondern am Gebrauchswert orientiert in famili&#228;ren Bereichen stattfindet und mit der die eigene oder die Arbeitskraft Anderer wiederhergestellt wird. Diese so verstandene Reproduktionsarbeit ist f&#252;r die Verwirklichung menschlicher Lebensinteressen von grundlegender Bedeutung. Ohne die umfassende Sorgearbeit von Eltern oder anderen nahen Menschen kann kein Kind &#252;berleben. Ohne die individuelle Sorge um die eigene Gesundheit, Fort- und Weiterbildung sowie die Organisation allt&#228;glicher Anforderungen im privaten Raum kann ein Erwachsener nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Ohne die Sorgearbeit von Nahestehenden bei Krankheit oder im hohen Alter gibt es kein menschenw&#252;rdiges Leben. Die t&#228;glichen Reproduktionsarbeiten f&#252;r Kinder und f&#252;r unterst&#252;tzungsbed&#252;rftige Erwachsene werden vor allem von Frauen erbracht. In ihrem Umfang &#252;berschreiten all die genannten Reproduktionsarbeiten in Deutschland die Erwerbsarbeit um mindestens ein Drittel. Allerdings gibt es im Gegensatz zur Erwerbsarbeit nach wie vor keinen politischen Diskurs dazu, wie und unter welchen Bedingungen Reproduktionsarbeit sinnvoll und Menschen angemessen ausgef&#252;hrt werden kann.</p>
<p>Das alte Familienern&#228;hrermodell, wie es in der BRD in den 1960er und Anfang der 1970er Jahre g&#228;ngig war, hat ausgedient. Damals &#252;bernahmen fast ausschlie&#223;lich Ehefrauen alle Reproduktionsarbeiten und waren im Gegenzug &#252;ber den Familienlohn und die Kranken-, Berufsunf&#228;higkeits-, Renten- und Arbeitslosenversicherung des Familienern&#228;hrers sozial abgesichert. Damit wurde allerdings gleichzeitig die patriarchale Abh&#228;ngigkeit aufrechterhalten, gegen die sich nicht zuletzt die Frauenbewegung seit den 1970er Jahren massiv gewehrt hat. Mit den strukturellen und zyklischen Wirtschaftskrisen ab Mitte der 1970er Jahre wurde das Ern&#228;hrermodell zusehends instabil. Reallohnsenkungen f&#252;hrten dazu, dass es bis weit in den Mittelstand hinein nicht mehr m&#246;glich war, mit einem Lohn eine Familie zu ern&#228;hren. Mit dem Verschwinden des Ern&#228;hrerlohns, aber auch aus emanzipatorischen Gr&#252;nden stieg die Frauenerwerbst&#228;tigkeit kontinuierlich an. Heute ist das neoliberale Konzept der Eigenverantwortung vorherrschend, wonach jeder und jede Einzelne durch Erwerbsarbeit f&#252;r die eigene Existenzabsicherung verantwortlich ist. Allerdings ist damit bisher keine Umorganisation der Reproduktionsarbeiten verbunden, obwohl gleichzeitig die Anforderungen an die eigene Gesundheit und Bildung ebenso zugenommen haben wie die entsprechenden Anforderungen an die Kindererziehung.</p>
<p><strong>Reproduktionsarbeit in der Krise</strong></p>
<p>Die Konsequenz: Viele Frauen finden sich heute in einer Art Reproduktionsfalle wieder. Zwar sind sie – wie durchaus gew&#252;nscht – erwerbst&#228;tig, werden dabei aber mit zunehmenden Flexibilit&#228;tsanspr&#252;chen der Unternehmen, kontinuierlich steigendem Leistungsdruck, Arbeitszeitverl&#228;ngerung durch &#220;berstunden und Wochenendarbeit konfrontiert. In einer Art Spagat setzen sie gleichzeitig – entsprechend des neoliberalen Credos der Eigenverantwortung – alles daran, diese beruflichen Anforderungen mit den zunehmenden Aufgaben der Selbstorganisation und den gestiegenen Leistungsanspr&#252;chen in der Reproduktionsarbeit zu vereinbaren. In aller Regel f&#252;hrt dies zu &#220;berbeanspruchung und &#220;berlastung. Nur wenige k&#246;nnen es sich leisten, diese Doppelbelastung dadurch zu vermindern, dass sie eine Hilfskraft, oft eine schlecht bezahlte Migrantin, f&#252;r Hausarbeit, Kinderbetreuung und Pfleget&#228;tigkeiten besch&#228;ftigen. Andere wiederum reduzieren ihre berufliche Arbeitszeit, was die Karrierem&#246;glichkeiten extrem einschr&#228;nkt und im Falle einer Trennung vom Ehepartner oder Ehepartnerin dazu f&#252;hrt, dass sie, zumal mit der neuen Unterhaltsreform, ihre soziale Absicherung verlieren. Da es f&#252;r viele Menschen mit hohen Sorgeverpflichtungen keine zufriedenstellenden Auswege aus dem geschilderten Dilemma gibt, spreche ich von einer Krise der Reproduktionsarbeit.</p>
<p>Im Gegensatz zur Lohnarbeit spielt die Reproduktionsarbeit im politischen Handeln bislang keine Rolle. Die derzeitige politische Regulierung ist beinahe ausschlie&#223;lich darauf ausgerichtet, mit Wachstum welcher Art auch immer die Profitmaschine wieder flott zu machen, die Lebensinteressen vieler B&#252;rgerInnen werden nicht ernst genommen. Im Sinne der Aufwertung von Reproduktionsarbeit m&#252;ssten Programme aufgelegt werden, um insbesondere Sorgearbeitende durch den Ausbau staatlicher Sozialprogramme und durch Arbeitszeitverk&#252;rzungen bei vollem Lohnausgleich zu entlasten und sie sozial abzusichern. Aber das Gegenteil ist heute Realit&#228;t: Die neue Bundesregierung reduziert weiter die soziale Absicherung, um durch die eingesparten Kosten verbesserte Rahmenbedingungen f&#252;r eine hohe Profitabilit&#228;t des Kapitals zu schaffen. Nachdem die vorletzte Rot-Gr&#252;ne Regierung mit Hartz IV das Fundament der Arbeitslosenversicherung zerschlagen hat und die letzte Schwarz-Rote Regierung mit dem Ausbau des Niedriglohnbereichs und einer Rente ab 67 die Rentenversicherung durchl&#246;chert hat, macht sich jetzt die Schwarz-Gelbe Regierung daran die Krankenversicherung auf Kosten der Versicherten zu sanieren mit dem Ergebnis, dass der schleichende Leistungsabbau beschleunigt wird.</p>
<p>All die damit verbundenen neuen Problematiken der Armut, der fehlenden sozialen Absicherungen, der Ungewissheit, der gesundheitlichen Beeintr&#228;chtigungen fallen als neue Anforderungen auf die Reproduktionsarbeitenden zur&#252;ck. Mit den seit Jahren sinkenden Reall&#246;hnen steht vielen Familien immer weniger Geld zur Verf&#252;gung. Durch die zus&#228;tzliche schrittweise Abkehr von einer grundlegenden Absicherung bei Krankheit, Erwerbslosigkeit und im Alter wird auch die Reproduktionsarbeit immer weiter prekarisiert. Unterst&#252;tzungsbed&#252;rftige m&#252;ssen nicht nur umsorgt, sondern mit den wenigen ihnen zur Verf&#252;gung stehenden finanziellen Mitteln ern&#228;hrt und gepflegt werden. Die Kranken erhalten nicht mehr die umfassende Vorsorgung im Gesundheitssystem, die L&#252;cken sollen von pflegenden Familienmitgliedern ausgef&#252;llt werden. Die Lernprozesse von Kindern sind in &#252;berf&#252;llten Klassen mit &#252;berforderten Lehrpersonen nicht mehr zu realisieren und Familien werden zu Nachhilfebetrieben. Sorgearbeitende ben&#246;tigen ein ausgekl&#252;geltes System des Zeitmanagements, um die vielf&#228;ltigen Aufgaben &#252;berhaupt realisieren zu k&#246;nnen, nicht selten bricht ein solch prek&#228;res System zusammen.</p>
<p><strong>Zeit f&#252;r Mu&#223;e und Sorgearbeit in sozialer Sicherheit</strong></p>
<p>Umso dringlicher pl&#228;diere ich f&#252;r einen Ausstieg aus Wachstumsfetischismus und Leistungswahn und fordere eine Care Revolution. Dabei geht es um nicht weniger als die Forderung, dass nicht Profitmaximierung, sondern die Erf&#252;llung menschlicher Lebensbed&#252;rfnisse wie Mu&#223;e f&#252;r sich und Zeit f&#252;r Sorgearbeit, bei gleichzeitiger sozialer Absicherung, das Ziel gesellschaftlicher Transformationen sein sollte.</p>
<p>Dazu ist erstens eine radikale Erwerbsarbeitszeitverk&#252;rzung mit Lohn- und Personalausgleich, die Realisierung eines Mindestlohns sowie ein bedingungsloses, die Existenz sicherndes Grundeinkommen notwendig. Zweitens ist der Ausbau &#246;ffentlicher Bereiche zur Unterst&#252;tzung famili&#228;rer Reproduktionsarbeit unerl&#228;sslich. Es geht um den Ausbau staatlicher oder vergesellschafteter Dienstleistungen in Bildung, Gesundheit, Soziale Dienste und Pflege bei gleichzeitiger Demokratisierung dieser Bereiche und der finanziellen und normativen Aufwertung personennaher Dienstleistungen. Denn es gibt viele T&#228;tigkeiten, die derzeit im Bereich der individuellen Sorgearbeit oder im Bereich des Ehrenamtes ausgef&#252;hrt werden, die gemeinschaftlich allerdings sinnvoller und mit h&#246;herer Qualit&#228;t organisiert werden k&#246;nnen.</p>
<p>Im Rahmen konkreter Realpolitik geht es also zum einen darum, einen Ausbau von personennahen Dienstleistungen zu realisieren, die zeitliche Reduktionen von Erwerbsarbeit durchzusetzen und damit Arbeit im ganz umfassenden Sinne umzuverteilen bei gleichzeitiger sozialer Absicherung. Eine solche Politik w&#252;rde es auch Personen mit hohen Sorgeverpflichtungen erm&#246;glichen, Mu&#223;e neu zu erleben und oft schon gar nicht mehr wahrgenommene W&#252;nsche zu realisieren. Zum anderen kann ein konsequentes politisches Argumentieren im Sinne der Care Revolution dar&#252;ber hinaus zur Verbreiterung der radikalen Erkenntnis beitragen, dass menschliche Lebensinteressen nicht &#252;ber profitorientierte Kapitalakkumulation, sondern nur durch gemeinschaftliches Handeln und demokratisch organisierte Institutionen und Angebote zu verwirklichen sind. In diesem Sinn kann ein an Reproduktionsarbeit orientiertes feministisches Denken und Handeln zu einer Unterst&#252;tzung revolution&#228;rer Realpolitik im Sinne von Rosa Luxemburg beitragen. Eine politische Auseinandersetzung mit Care Revolution k&#246;nnte eine neu gewendete Debatte um sozialistische Visionen er&#246;ffnen. W&#252;nschenswert w&#228;re dies!</p>
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		<item>
		<title>Staatliches Krisenmanagement im Fokus feministischer Kritik</title>
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		<pubDate>Fri, 20 Mar 2009 13:58:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gabriele Winker</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://wp.feministisches-institut.de/?p=395</guid>
		<description><![CDATA[In der New York Times vom 09. Dezember 2008 verweist die Journalistin Linda Hirshman (Hirshman 2009) darauf, dass das beinahe 800 Milliarden schwere US-Konjunkturprogramm mit der Schwerpunktsetzung auf Ausbau alternativer Energien sowie Unterst&#252;tzung der Bauwirtschaft M&#228;nnerarbeitspl&#228;tze sichert, w&#228;hrend die Branchen mit typischen Frauenarbeitspl&#228;tzen bei der Krisenregulierung sich selbst &#252;berlassen bleiben. Damit greift sie ein wichtiges Argument aus der Gender Budgeting Debatte auf, wonach es bei Staatsausgaben zu pr&#252;fen gilt, ob Frauen und M&#228;nner in gleicher Weise von staatlichen Ma&#223;nahmen profitieren oder inwiefern damit bestehende Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern versch&#228;rft oder aber ansatzweise entsch&#228;rft werden. In der BRD spielen geschlechterpolitische Fragen bei den Debatten um staatliches Handeln in der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise - auch in sozialen Bewegungen - &#252;berhaupt keine Rolle. Dies h&#228;ngt auch damit zusammen, dass der Ansatz des Gender Budgeting gerade bei weitreichenden staatlichen Eingriffen zu kurz greift. Wird dieser Ansatz allerdings mit einer grundlegenden Kritik an kapitalistischen Verh&#228;ltnissen verkn&#252;pft, f&#252;hrt er zu feministischen Perspektiven, die es in die aktuelle bundesdeutsche Debatte einzubringen gilt...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>In der New York Times vom 09. Dezember 2008 verweist die Journalistin Linda Hirshman (<a href="http://www.nytimes.com/2008/12/09/opinion/09hirshman.html">Hirshman 2009</a>) darauf, dass das beinahe 800 Milliarden schwere US-Konjunkturprogramm mit der Schwerpunktsetzung auf Ausbau alternativer Energien sowie Unterst&#252;tzung der Bauwirtschaft M&#228;nnerarbeitspl&#228;tze sichert, w&#228;hrend die Branchen mit typischen Frauenarbeitspl&#228;tzen bei der Krisenregulierung sich selbst &#252;berlassen bleiben. Damit greift sie ein wichtiges Argument aus der Gender Budgeting Debatte auf, wonach es bei Staatsausgaben zu pr&#252;fen gilt, ob Frauen und M&#228;nner in gleicher Weise von staatlichen Ma&#223;nahmen profitieren oder inwiefern damit bestehende Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern versch&#228;rft oder aber ansatzweise entsch&#228;rft werden. In der BRD spielen geschlechterpolitische Fragen bei den Debatten um staatliches Handeln in der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise &#8211; auch in sozialen Bewegungen &#8211; &#252;berhaupt keine Rolle. Dies h&#228;ngt auch damit zusammen, dass der Ansatz des Gender Budgeting gerade bei weitreichenden staatlichen Eingriffen zu kurz greift. Wird dieser Ansatz allerdings mit einer grundlegenden Kritik an kapitalistischen Verh&#228;ltnissen verkn&#252;pft, f&#252;hrt er zu feministischen Perspektiven, die es in die aktuelle bundesdeutsche Debatte einzubringen gilt.</strong></p>
<p>Geschlechterfragen sind in der derzeitigen Finanzkrise und Rezession in der BRD kein Thema. W&#228;hrend der fehlende Nutzen des 50 Milliarden Euro schweren Konjunkturprogramms f&#252;r Erwerbslose und Niedriglohnbeziehende zumindest von den Parteien DIE LINKE und B&#252;ndnis 90/DIE GR&#220;NEN kritisiert wird, werden Fragen nach einer m&#246;glichen unterschiedlichen Wirkung auf Frauen- und M&#228;nnerarbeit gar nicht gestellt. Absolute Priorit&#228;t hat die Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems. CDU, SPD und FDP erheben mit den Konjunkturprogrammen noch nicht einmal den Anspruch, zu einem Ausgleich ungleicher Arbeits- und Ressourcenaufteilung beizutragen. Vielmehr versucht die Bundesregierung mit hohen Subventionen und enormen Risikoabsicherungen der weiteren Entwertung von Kapital entgegenzuwirken und sozialisiert damit privatwirtschaftliche Verluste.</p>
<h3>Milliardenausgaben jenseits gesellschaftlicher Bed&#252;rfnisse</h3>
<p>In der wirtschaftlichen Krise wird besonders deutlich, dass eine breite politische Koalition im Bundestag das Geld der Steuerzahler_innen direkt zur Absicherung unternehmerischer Profitabilit&#228;t benutzt, ohne damit auch nur ein einziges der dr&#228;ngenden gesellschaftlichen Probleme zu l&#246;sen. Wider aller &#246;kologischer Vernunft wird so beispielsweise mit Abwrackpr&#228;mie und Steuerleichterungen der Kauf von Neuwagen angekurbelt, einzig und allein mit dem Ziel die Konzerne und Zulieferer in der Automobilbranche zu stabilisieren. Dabei ist ein Neuwagen ein Gut, das f&#252;r die meisten Menschen nicht zu ihren Grundbed&#252;rfnisse geh&#246;rt. &#196;hnlich wie beim breit angelegten Infrastrukturprogramm in der Baubranche werden mit dieser Politik auch in der BRD prim&#228;r m&#228;nnliche Arbeitspl&#228;tze gesichert. Doch w&#252;rde die Subventionierung des privaten Kapitals dann sinnvoller, wenn sie in der Textil- oder Kosmetikbranche prozentual mehr Frauen- als M&#228;nnerarbeitspl&#228;tze unterst&#252;tzen w&#252;rde? Ich denke nein: Denn die Forderung, dass staatliche Subventionen in gleichem Ma&#223;e Frauen- und M&#228;nnerarbeitspl&#228;tzen zugute kommen sollten, ist allein nicht ausreichend. Es besteht vielmehr die Gefahr, dass eine solche Gleichstellungspolitik das derzeitige staatliche Handeln rechtfertigt, mit dem Schulden sozialisiert werden, um privatwirtschaftliche Unternehmen zu f&#246;rdern.</p>
<h3>Eine feministische Perspektive</h3>
<p>Ich bin vielmehr der Meinung, dass feministische Kritik &#8211; und das wird gerade jetzt in der &#246;konomischen Krise des kapitalistischen Systems sehr klar &#8211; deutlich weitreichender argumentieren muss. Es reicht angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise nicht aus, prim&#228;r die Gleichberechtigung im herrschenden System zu fordern und dies &#252;ber Prozesse des Gender Mainstreaming und des Gender Budgeting voranzutreiben. Vielmehr m&#252;ssen jetzt die f&#252;r jede und jeden Einzelnen elementaren und &#252;ber die Gesellschaft vermittelten Existenz- und Reproduktionsbedingungen in den Vordergrund der politischen Auseinandersetzung gestellt werden.</p>
<h3>Arbeitspl&#228;tze im Sozial-, Gesundheits- und Bildungsbereich</h3>
<p>Die m&#228;chtigen Aufgaben der Zukunft liegen in der ausreichenden Existenzabsicherung aller B&#252;rger_innen. Das hei&#223;t konkret: umfassende Gesundheitsvorsorge, eine m&#246;glichst umfassende Bildung f&#252;r alle, Betreuung von Kranken und Pflegebed&#252;rftigen, Erziehung von Kindern. Hierf&#252;r werden gro&#223;e Zukunftsinvestitionen ben&#246;tigt. Allerdings gen&#252;gt es dabei nicht, marode Geb&#228;ude zu renovieren, wie im Konjunkturpaket vorgesehen. Wichtig ist vielmehr dar&#252;ber hinaus Lehrer_innen und Sozialarbeiter_innen, &#196;rzt_innen, Kranken- und Altenpfleger_innen einzustellen, um mit dringend notwendig gewordenen Reformen zu beginnen, anstatt aus Kostengesichtspunkten soziale Bereiche &#8220;gesund&#8221; zu schrumpfen. Hier liegen die grundlegenden und seit Jahrzehnten vernachl&#228;ssigten Aufgaben.</p>
<p>Wir erleben derzeit eine weltweite Wirtschaftskrise, und es besteht Konsens, dass es eine staatliche Aufgabe ist, antizyklisch zu wirken. Jetzt m&#252;ssten &#246;ffentliche Bildungs-, Gesundheits- und Sozialangebote sowie staatliche Infrastruktur im Bereich Wohnen, Verkehr und Energie ausgebaut werden. Damit lie&#223;en sich Arbeitspl&#228;tze schaffen. Hier k&#246;nnte Erwerbslosen mit unterschiedlichen Qualifikationen eine Berufst&#228;tigkeit er&#246;ffnet werden. Gleichzeitig lie&#223;en sich dadurch grundlegende Lebensbed&#252;rfnisse vieler Menschen befriedigen. Da Sozial-, Gesundheits- und Bildungsbereiche aufgrund ihrer nur beschr&#228;nkten Rationalisierungsm&#246;glichkeiten f&#252;r die Profitabilit&#228;t des Kapitals nur von eingeschr&#228;nktem Interesse sind und dort gemessen an den Anforderungen niedrige L&#246;hne gezahlt werden, sind hier auch die meisten Frauenarbeitspl&#228;tze zu finden. So w&#252;rde eine solche Politik, die Sozial- und Bildungsbereiche f&#246;rdert, auch &#252;berproportional Frauen zugute kommen.</p>
<h3>Vergemeinschaftung aller f&#252;r das Leben notwendiger und gemeinschaftlich zu realisierender Aufgaben</h3>
<p>Abschlie&#223;end komme ich zu dem Schluss, dass die in den USA von einzelnen Journalistinnen, aber auch von der National Organization for Women (NOW) begonnene Debatte (vgl. <a href="http://www.welt.de/wirtschaft/article2924925/Frauen-sind-die-Verlierer-der-Finanzkrise.html">Welt.de</a>) zur F&#246;rderung von Frauenarbeitspl&#228;tzen einen wichtigen Einstieg in eine feministische Kritik des staatlichen Krisenmanagements darstellt. Allerdings darf diese Diskussion nicht auf das Z&#228;hlen von Arbeitspl&#228;tzen oder Vergleichen der Transferzahlungen f&#252;r M&#228;nner und Frauen begrenzt bleiben. Vielmehr gilt es breiter zu denken und die mit Frauen stereotyp verbundene und damit abgewertete Reproduktionssph&#228;re wie die Aufgaben in der Bildung und Erziehung, Gesundheit und Pflege, die tats&#228;chlich f&#252;r das Leben aller Menschen von enormer Bedeutung sind, gesamtgesellschaftlich in das Zentrum von politischem Handeln zu bringen.</p>
<p>In diesen Bereichen d&#252;rfen &#8211; wie derzeit f&#252;r den Bankensektor angedacht &#8211; staatliche Institutionen nicht nur solange die &#8220;Amtsgesch&#228;fte&#8221; &#252;bernehmen, bis private Unternehmen mit diesen Grundaufgaben einer Gemeinschaft wieder Profite realisieren k&#246;nnen. Stattdessen ist die Verstaatlichung im Sinne von Vergemeinschaftung oder Vergenossenschaftlichung in der Bildung, im Gesundheits-, Banken-, Wohnungs-, Energie- und Verkehrswesen voranzutreiben, so dass dort eine Teilhabe aller Betroffenen realisierbar ist. Eine solche Politik f&#246;rdert in der Konsequenz dann auch die derzeit Frauen zugeordnete Erwerbsarbeit. Allerdings liegt die Begr&#252;ndung nicht prim&#228;r in der Gleichstellung der Geschlechter, sondern feministische Forderungen zielen auf die Absicherung grundlegender Lebensbed&#252;rfnisse.</p>
<p>In der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise wird in aller Sch&#228;rfe deutlich, dass Profit als Grundprinzip des Wirtschaftens der Absicherung menschlicher Grundversorgung nicht gerecht wird. Deswegen darf staatliches Krisenhandeln sich nicht weiter an der Aufrechterhaltung einzelner Konzerne ausrichten, sondern muss in Zukunft von der Befriedigung menschlicher Grundbed&#252;rfnisse ausgehen &#8211; ein durch und durch feministisches Anliegen.</p>
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		<title>Ohne Reproduktion keine Produktion. &#220;ber die Notwendigkeit die Reproduktionssph&#228;re zu bestreiken!</title>
		<link>http://www.feministisches-institut.de/reproduktion/</link>
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		<pubDate>Thu, 29 Jan 2009 11:23:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Paulus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Die kollektive Arbeitsniederlegung, der Streik, ist einerseits ein Mittel zur Durchsetzung von besseren Arbeitsbedingungen und h&#246;heren L&#246;hnen. Andererseits gilt der Streik aus einer anarchistischen bzw. anarchosyndikalistischen Perspektive als Hebel zur Einleitung der sozialen Revolution. Aus einer feministischen oder (post)strukturalistischen Perspektive stellen sich noch andere Grundlagen zur radikalen Ver&#228;nderung kapitalistischer Verh&#228;ltnisse dar. Im Folgenden m&#246;chte ich eben auf diese "anderen" Grundlagen, die sich vor allem im Reproduktionsbereich finden, eingehen. In diesem Zusammenhang soll verdeutlicht werden, was eine Bestreikung bzw. Verweigerung der zugewiesenen Rolle der Individuen f&#252;r den Fortbestand der kapitalistischen Gesellschaftsformation bedeuten kann...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Die kollektive Arbeitsniederlegung, der Streik, ist einerseits ein Mittel zur Durchsetzung von besseren Arbeitsbedingungen und h&#246;heren L&#246;hnen. Andererseits gilt der Streik aus einer anarchistischen bzw. anarchosyndikalistischen Perspektive als Hebel zur Einleitung der sozialen Revolution. Aus einer feministischen oder (post)strukturalistischen Perspektive stellen sich noch andere Grundlagen zur radikalen Ver&#228;nderung kapitalistischer Verh&#228;ltnisse dar. Im Folgenden m&#246;chte ich eben auf diese &#8220;anderen&#8221; Grundlagen, die sich vor allem im Reproduktionsbereich finden, eingehen. In diesem Zusammenhang soll verdeutlicht werden, was eine Bestreikung bzw. Verweigerung der zugewiesenen Rolle der Individuen f&#252;r den Fortbestand der kapitalistischen Gesellschaftsformation bedeuten kann.[1]</strong></p>
<h3>Ohne Reproduktion keine Produktion</h3>
<p>Die Akkumulation von Kapital &#8211; die ja darin besteht, dass Arbeitskr&#228;fte Waren immer mehr Wert zusetzen als sie selber Wert sind &#8211; ist nicht auf ein bestimmtes Geschlecht angewiesen. Der Zweck der kapitalistischen Produktionsweise, einen immer gr&#246;&#223;eren Mehrwert unter Beibehaltung des urspr&#252;nglichen Kapitals zu produzieren, wird erreicht, wenn letztlich der Prozess der Herstellung und Verkauf einer Ware und der dadurch erzielte Wert wieder zum Ausgangspunkt eines neuen Produktionszyklus wird. Wichtig ist hierbei nur, welches auch immer die gesellschaftliche Form des Produktionsprozesses ist, dass dieser Prozess kontinuierlich ist oder periodisch stets von neuem dieselben Stadien durchl&#228;uft. Dieser Mechanismus zur Selbstverwertung des Werts, um die Reproduktion des Kapitalverh&#228;ltnisses aufrechtzuerhalten, &#8220;zwingt&#8221; das Kapital lediglich dazu, sich die Produktivkraft der Arbeit nutzbar zu machen und sie zu entwickeln: &#8220;Zu seiner Erhaltung bedarf das lebendige Individuum einer gewissen Summe von Lebensmitteln&#8221;[2]. Allerdings reicht es nicht aus, nur die Lebensmittel zu produzieren oder zu ernten, sondern sie m&#252;ssen auch gekocht werden, es reicht auch nicht aus Kleidung herzustellen, sondern sie muss auch gewaschen werden. Da der Kapitalismus auch nicht in der Lage ist, ohne Arbeitskr&#228;fte auszukommen oder Arbeitskr&#228;fte massenhaft im Reagenzglas zu z&#252;chten, ist dieser auf weibliche Reproduktionst&#228;tigkeiten und staatliche Institutionen angewiesen, um neue Generationen von Arbeitskr&#228;ften herzustellen und ihnen Regeln beizubringen: Regeln des guten Anstands, Regeln der Moral, Regeln der zweigeschlechtlichten Norm, Regeln des staatsb&#252;rgerlichen und beruflichen Pflichtbewusstseins. Um bestimmte Formen der Moral und Beziehungen zu kultivieren, sind ideologische Mittel n&#246;tig, damit nicht repressive Regulationsapparate wie Gerichte, Polizei, Gef&#228;ngnis oder Milit&#228;r die Betten und Schulen kontrollieren bzw. f&#252;r die Reproduktion sozialer Beziehungen eingesetzt werden. Die ideologischen Staatsapparate (Familie, Kindergarten, Schule etc.) statten sozusagen ihre Staatsb&#252;rgerInnen mit der jeweiligen herrschenden Ideologie (heteronormativ, konservativ etc.) aus, indem die jeweiligen Apparate die ideologischen Praxisformen vorgeben. Jedes Individuum, das aus einem dieser Apparate ausscheidet bzw. eins dieser Einschlussmilieus durchlaufen hat, ist mit einer zweckm&#228;&#223;igen Ideologie ausgestattet, welche der Rolle als Arbeiter, Chef, Mutter oder Hausfrau usw. entspricht. Daraus l&#228;sst sich folgern, dass erst durch die Reproduktion &#8211; auch im w&#246;rtlichen Sinn &#8211; von Arbeitskr&#228;ften der Produktionsprozess zirkulieren kann und zu einer Kapitalakkumulation f&#252;hrt. Demnach l&#228;sst sich festhalten, dass &#8220;keine Produktion m&#246;glich ist, ohne dass die Reproduktion der Produktionsbedingungen erfolgt&#8221; [3].</p>
<p>Einfach gesagt bedarf es ausreichender Geburtenraten, kosteng&#252;nstiger Reproduktionst&#228;tigkeiten und funktionaler Identit&#228;ten um die stetige Profitmacherei zu erm&#246;glichen. Der Kapitalismus und Widerstandsformen gegen diesen k&#246;nnen gerade durch diese &#8220;au&#223;er&#246;konomischen&#8221; Faktoren nicht unmittelbar auf die Akkumulation von Kapital oder auf ein Produktionsparadigma reduziert werden. Das hei&#223;t, dass die Trennung von bezahlter Erwerbsarbeit und unbezahlter Reproduktionsarbeit die beiden Standbeine des Kapitalismus sind. Der Doppelcharakter kapitalistisch ben&#246;tigter Arbeit stellt sich somit auch als Widerspruch zwischen direkt und indirekt Lohnabh&#228;ngigen dar. Zudem ist Vollzeitlohnarbeit eindeutig m&#228;nnlich besetzt: Frauen leisten 31 Stunden unbezahlte Arbeit pro Woche, M&#228;nner hingegen nur 19,5 Stunden. Frauen bekommen 12 Stunden Erwerbsarbeit bezahlt, M&#228;nner dagegen 22,5 Stunden [4]. Die weibliche Reproduktionsarbeit wird zum erg&#228;nzenden Arbeitsverh&#228;ltnis der m&#228;nnlichen Lohnarbeit und ist letztlich indirekte Lohnarbeit.</p>
<h3>Streiks in der Reproduktionssph&#228;re</h3>
<p>Auf dieses Verh&#228;ltnis bzw. auf diese Problematik haben 1975 isl&#228;ndische Frauen hingewiesen. Ca. 90% aller Isl&#228;nderinnen traten sowohl in einen Erwerbs- als auch Haus- und Familienarbeitsstreik und legten f&#252;r einen Tag Industrie-, Dienstleistungs- und Hausarbeitsbereiche lahm. V&#228;ter mussten ihre Kinder mit zur Arbeitstelle nehmen, die dann &#252;berall herumliefen und ein produktives Arbeiten erschwerten. Andere blieben direkt zu Hause. Durch die Verweigerung der Hausarbeit sollte sichtbar gemacht werden, was Hausarbeit ist: gesellschaftliche Arbeit! [5]</p>
<p>In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, ob ein R&#252;ckgang der Geburtenrate oder eine Ver&#228;nderung oder Bestreikung funktionaler Geschlechterverh&#228;ltnisse zu einer fundamentalen Krise des Kapitalismus f&#252;hren kann. Zumindest kann die Verwerfung oder Verweigerung einer weiblichen Lebensidentit&#228;t, die damit verbundene produktive Sexualit&#228;t und die Abspaltung &#8220;des weiblichen Lebenszusammenhangs, der f&#252;r die wertf&#246;rmig nicht erfassbare Seite des menschlichen Lebens ‚zust&#228;ndig&#8217; ist&#8221; [6] zu einem Krisenmoment der kapitalistischen Produktivkraftentwicklung werden, sofern sich Frauen von der ihnen zugewiesenen Rolle distanzieren. Diesen Hintergrund hatten auch Teile der ersten Frauenbewegung. Sie wehrten sich gegen den staatlich verordneten Geb&#228;rzwang aufgrund des Paragraphen 218 und den damit verbundenen gesellschaftlichen Muttermythos in der Weimarer Zeit. Mittels des Geb&#228;rstreiks wollten die Arbeiterinnen den Nachschub an Menschenmaterial f&#252;r die deutsche Kriegsmaschinerie und Fabriken untergraben. Vor allem in anarchistisch-syndikalistischen Kreisen stie&#223; die Debatte um Geb&#228;rstreiks und Verh&#252;tungsmittel auf lebhafte Resonanz.[7] In dieser Debatte ging es nicht grunds&#228;tzlich um die Entscheidung f&#252;r oder gegen die Mutterschaft, sondern um die Selbstbestimmung des K&#246;rpers, der Reproduktionsf&#228;higkeit und der Identit&#228;t.[8] Das bedeutet, dass Widerstandsstrategien gegen kapitalistische Verh&#228;ltnisse und gegen Formen der Ausbeutung nicht nur auf der strukturellen Ebene gef&#252;hrt werden m&#252;ssen, sondern es m&#252;ssen auch K&#228;mpfe gegen funktionale Identit&#228;ten und ideologische Unterwerfung gef&#252;hrt werden.</p>
<h3>Fazit</h3>
<p>Ob Forderungen nach der Entlohnung f&#252;r alle Pflege- und Hausarbeiten &#8211; durch L&#246;hne, Renten, Land oder andere Mittel &#8211; sinnvoll ist, wie z.B. durch das &#8220;Global Woman Strike Network&#8221; [9] gefordert, sei an dieser Stelle dahingestellt. Dazu m&#252;sste erstmal ein erweiteter Arbeitsbegriff innerhalb der Gewerkschaften durchgesetzt werden, welcher Reproduktionsarbeit als gesellschaftliche Arbeit einschlie&#223;t. Vor allem m&#252;ssten auch die Ausschlie&#223;ungsmechanismen der b&#252;rgerlichen Gewerkschaften aufgehoben werden, damit HausarbeiterInnen sich kollektiv organisieren k&#246;nnen. Diese Erweiterung w&#252;rde auch folglich eine Ver&#228;nderung des bisher gebr&#228;uchlichen Streikbegriffs nach sich ziehen. Denn nicht nur eine generale Bestreikung der materiellen Bedingungen der Produktion erm&#246;glicht eine radikale Ver&#228;nderung der Gesellschaftsformation, sondern auch eine Verweigerung der Regeln der Einhaltung der gesellschaftlichen Ordnung, der Arbeitsteilung, der Qualifikation und der Reproduktion kann zu einer fundamentalen Krise von Produktionsverh&#228;ltnissen f&#252;hren. Denn ohne die hegemonialen Werteorientierungen und die &#8220;nicht&#8221; warenf&#246;rmigen sozialen Beziehungen der &#8220;au&#223;erhalb&#8221; des direkten Kapitalverh&#228;ltnisses stehenden Arbeitsformen sind weder die Herstellung von Arbeitskr&#228;ften, noch der Bestand und die Stabilit&#228;t der Gesellschaft gew&#228;hrleistet. Wenn der Streik ein Mittel ist, direkt unsere Lebensverh&#228;ltnisse zu verbessern, m&#252;ssen neue Streikformen daher vor allem auf &#8220;au&#223;er&#246;konomische&#8221; Verh&#228;ltnisse, Institutionen und Identit&#228;tszuschreibungen verweisen, denn das Leben findet nicht nur in der Fabrik statt.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<ol>
<li>Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung des Buchbeitrages: Von der Reproduktion her denken &#8211; Geschlechterverh&#228;ltnisse, Geb&#228;rstreiks, Hausarbeitsstreiks und Identit&#228;tsstreiks. F&#252;r einen erweiterten Streikbegriff. In: Thorsten Bewernitz (Hrsg.): Die neuen Streiks. M&#252;nster, 2008, S. 175-188 [<a href="http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,293,7.html">http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,293,7.html</a>]</li>
<li>MEW 23; Marx, Karl 1975: Das Kapital &#8211; Kritik der politischen &#214;konomie, Bd.1, Berlin (1867), S. 185</li>
<li>Althusser, Louis 1977: Ideologie und ideologische Staatsapparate, Hamburg/Berlin, S.109</li>
<li>Vgl. Statistisches Bundesamt 2003: Wo bleibt die Zeit. Die Zeitverwendung der Bev&#246;lkerung in Deutschland 2001/02. Bundesministerium f&#252;r Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Berlin, S. 9</li>
<li>Vgl. Notz, Gisela 1994: Den Aufstand wagen. In: Beitr&#228;ge zur feministischen Theorie und Praxis. Nr. 36, S. 23-33</li>
<li>Kurz, Robert 1992: Geschlechterfetischismus. In: Krisis Nr. 12. Beitr&#228;ge zur Warengesellschaft, Bad Honnef, S. 124</li>
<li>Vgl. Nelles, Dieter 2000: Anarchosyndikalismus und Sexualreformbewegung in der Weimarer Republik. Online verf&#252;gbar unter [<a href="http://www.iisg.nl/%7Ewomhist/nellesde.pdf">http://www.iisg.nl/~womhist/nellesde.pdf</a>]</li>
<li>Ob der R&#252;ckgang der Geburtenrate aufgrund dieser Debatte nach Ende des ersten Weltkrieges um etwa die H&#228;lfte zur&#252;ckging, l&#228;sst sich empirisch nicht schl&#252;ssig bewerten.</li>
<li>Vgl. die Streikforderungen zum weltweiten Frauenstreik 2007 unter <a href="http://www.globalwomenstrike.net/German2007/GermanStrikeCall07.htm">http://www.globalwomenstrike.net/German2007/GermanStrikeCall07.htm</a></li>
</ol>
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		<title>Wo das Meer die S&#246;hne verschlingt</title>
		<link>http://www.feministisches-institut.de/senegal/</link>
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		<pubDate>Thu, 06 Nov 2008 11:27:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Haidy Damm</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Thiaroye-sur-mer. Der Name steht f&#252;r eine Trag&#246;die. Thiaroye-sur-Mer - kein anderer Ort im Senegal hat so viele Menschen auf dem Weg nach Europa verloren: Zwei Boote mit rund 170 &#252;berwiegend jungen M&#228;nnern aus dem fr&#252;heren Fischerdorf sind nie an ihrem Ziel angekommen. Ihre Pirogen sind irgendwo in der st&#252;rmischen See gekentert...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Thiaroye-sur-mer. Der Name steht f&#252;r eine Trag&#246;die. Thiaroye-sur-Mer &#8211; kein anderer Ort im Senegal hat so viele Menschen auf dem Weg nach Europa verloren: Zwei Boote mit rund 170 &#252;berwiegend jungen M&#228;nnern aus dem fr&#252;heren Fischerdorf sind nie an ihrem Ziel angekommen. Ihre Pirogen sind irgendwo in der st&#252;rmischen See gekentert.</strong></p>
<p>Einer der Verschollenen ist der Sohn von Aram Laye. Wenn sie an die Kanaren denkt, muss sie weinen. Die Inseln im Atlantik waren das Traumziel ihres Kindes. An diesen Str&#228;nden wollte er ankommen und aufbrechen in ein neues Leben. Es war vor etwas mehr als einem Jahr, als der 19-j&#228;hrige an der westafrikanischen K&#252;ste aufbrach. Im Morgengrauen stieg er in eine der bunt bemalten Pirogen und fuhr los. Seitdem gilt das Holzboot mit rund achtzig jungen M&#228;nnern an Bord als verschollen.</p>
<p>Anfangs ging Aram Laye jeden Morgen ans Meer. Starrte dorthin, wo das Wasser ihren Sohn genommen hatte. &#8220;Ich dachte, ich werde verr&#252;ckt&#8221;, sagt die 36-J&#228;hrige. Jetzt widersteht sie diesem inneren Zwang und trifft sich mit anderen Frauen im &#8220;Collectif des Femmes contre l&#8217;immigration clandestine&#8221;, einem Verband gegen die heimliche Migration. Dort haben alle die gleichen N&#246;te. Sie alle haben einen Sohn oder den Ehemann verloren.</p>
<p>Der Verlust bedeutet f&#252;r die Familien auch &#246;konomisch eine Katastrophe. Um die Reise zu finanzieren, hatten sie ihr Land, ihr Werkzeug und ihren Schmuck verkauft. Pl&#246;tzlich stehen sie vor dem Nichts. Doch das Leben muss weiter gehen, und deshalb gibt es das Kollektiv. Die Kehrtwende verdanken die Frauen der Gr&#252;nderin des Verbands, Yaye Bayam Diouf. Die energische Frau hat beinahe jede von ihnen pers&#246;nlich aus dem Zustand ohnm&#228;chtiger Trauer herausgeholt.</p>
<h3>Der Top-Ringer hilft den Frauen</h3>
<p>Alle vertrauen Diouf, denn auch sie hat einen Sohn, ihren einzigen, bei einer der &#220;berfahrten verloren. Zun&#228;chst ging die 48-J&#228;hrige ganz pragmatisch an die Sache heran. Die Frauen brauchten Geld f&#252;r ihren Lebensunterhalt. Selbsthilfe war das Gebot der Stunde. Deshalb verkaufen sie jetzt Couscous und Saft aus Hibiskusbl&#252;ten in den Stra&#223;en. Die Zutaten wie Hirse und Fr&#252;chte kaufen sie gemeinsam, jede von ihnen legt monatlich 1250 cFA, das sind knapp zwei Euro, in den gemeinsamen Topf. Abends wird der Lohn ausgezahlt: 1000 cFA bar auf die Hand. Der Rest des Gewinns wird angespart f&#252;r Notf&#228;lle und Kleinkredite. Au&#223;erdem plant der Verband weitere Arbeitspl&#228;tze zu schaffen.</p>
<p>Auch Aram Laye wurde finanziell unterst&#252;tzt. Sie arbeitet nachmittags im Kollektiv und freut sich, die anderen Frauen zu treffen. Morgens verkauft sie Baignets, kleine Hefeb&#228;llchen, die sie sp&#228;t abends noch vorbereiten muss. &#8220;Das ist viel Arbeit, aber ich habe das Gef&#252;hl, mein Leben wieder in der Hand zu haben.&#8221; Wenn sie die Trauer &#252;berf&#228;llt, gibt es immer eine, die zuh&#246;rt, die versteht.</p>
<p>Wenn die Frauen ihre K&#246;rbe voller Essen auf dem Kopf durch die Stra&#223;en tragen, nutzen sie viele kleine Gelegenheiten, &#252;ber ihr politisches Anliegen zu sprechen. Sie wollen andere M&#228;nner von der Reise mit den kleinen Pirogen abhalten. &#8220;Wir haben ja selbst unseren S&#246;hnen die Tickets nach Europa gekauft&#8221;, sagt Aby Samb traurig: &#8220;Einige sind ja auch dort angekommen, aber die meisten sind auf der Reise gestorben. Als wir das begriffen, haben wir versucht, den anderen Frauen zu sagen, wir m&#252;ssen diese Situation &#228;ndern, wir k&#246;nnen unsere S&#246;hne nicht weiter auf dem Meer sterben lassen.&#8221;</p>
<p>Innerhalb eines Jahres hat sich die Mitgliederzahl des Frauenkollektivs auf 550 verdreifacht. Alle in dieser Stadt sind betroffen. Die M&#252;tter hatten sie schnell auf ihrer Seite. Was aber tun, um ihre S&#246;hne zu behalten? Aby Samb, Generalsekret&#228;rin des Verbands, lacht: &#8220;Es ist bei uns ja wie &#252;berall auf der Welt, Kinder gehen ihre eigenen Wege und h&#246;ren irgendwann nicht mehr auf die Alten. Also versuchen wir, die Menschen auf unsere Seite zu ziehen, auf die sie h&#246;ren.&#8221; W&#228;hrend des Ramadan organisierte das Kollektiv ein Treffen zwischen Imamen und Jugendlichen, denn fast alle haben einen Marabout, einen islamischen Heiler, dem sie Vertrauen schenken. Bevor sich einer auf die Reise macht, fragt er ihn um Rat. Nach Ansicht der Frauen, kann der Rat nur lauten: Steig nicht in das Boot.</p>
<p>F&#252;r ihre Sache &#252;berzeugen konnten sie auch Baye Mandione Fall. &#8220;Kennen sie ihn nicht?&#8221;, fragt Aby Samb. &#8220;Er ist ein ber&#252;hmter Ringer. Wir organisieren Wettk&#228;mpfe und versuchen durch Stars wie ihn, den Jugendlichen zu erkl&#228;ren, dass man auch hier im Senegal eine Arbeit finden kann.&#8221; Ringkampf ist neben Fu&#223;ball eine der ganz gro&#223;en Sportarten im Senegal. Am Rande der K&#228;mpfe diskutiert Baye Mandione mit seinen Fans. &#8220;Selbst wenn einer keine gro&#223;en Chancen hat, ist das kein Grund, sein Leben zu riskieren&#8221;, erkl&#228;rt ihnen der 120-Kilo-Mann. Einige kann er &#252;berzeugen, wie den 20-j&#228;hrigen Fischer Gorgui: &#8220;Ich hatte mein Gep&#228;ck bereits vorbereitet. Aber nach der Diskussion habe ich mich entschieden zu bleiben. Vielleicht habe ich ja auch hier eine Chance.&#8221;</p>
<h3>Ohne Arbeit keine Perspektive</h3>
<p>Aber die meisten jungen M&#228;nner, die am Strand f&#252;r einen Job anstehen, warten weiter auf einen Platz in einem der Boote. Die M&#252;tter k&#246;nnen zwar moralischen Druck aufbauen, aber die finanzielle Situation ihrer erwachsenen S&#246;hne und T&#246;chter k&#246;nnen sie kaum ver&#228;ndern. Denn die bekommen keine regelm&#228;&#223;ige Arbeit und sie wollen ihren Familien nicht auf der Tasche liegen. Die Arbeitslosenquote liegt bei 48 Prozent. In Thiaroye-sur-Mer haben viele Fabriken geschlossen, der K&#252;stenboden gibt f&#252;r Landwirte kaum etwas her und das Meer, jahrhundertealte Haupteinnahmequelle, ist von europ&#228;ischen und japanischen Fangflotten leer gefischt.</p>
<p>Um Arbeit zu finden, wollen die jungen M&#228;nner bis nach Europa. Wie Mamadou Tall. Der 22-j&#228;hrige Fischer hatte die Chance ergriffen, als ihm ein freier Platz als Fahrer auf einem Boot angeboten wurde. Noch vor Marokko entdeckte sie ein Hubschrauber des Grenzschutzes. Kurz darauf wurden sie von der bewaffneten K&#252;stenwache aufgegriffen und zur&#252;ckgeschickt. Mit einem Boot w&#252;rde er nicht nochmal fahren, auch weil seine Mutter ihm ins Gewissen geredet hat. Jetzt hofft Mamadou Tall auf ein Flugticket nach Europa. &#8220;Warum d&#252;rfen unsere Jungs nicht legal einreisen? Warum k&#246;nnen sie nicht dort Geld verdienen, wo sie wollen? Ihr kommt doch auch hierher und fischt unsere Meere leer&#8221;, ruft eine H&#228;ndlerin, die am Strand Fische verkauft.</p>
<p>Es ist der Strand, den Aram Laye meidet. K&#246;nnte ihr zweiter Sohn sicher nach Europa fliegen, wie die Urlauber zu den Kanaren, w&#228;re sie beruhigt. Stattdessen versucht sie ihn von seiner geplanten Reise abzuhalten: &#8220;Geh nicht&#8221;, habe ich ihm gesagt. &#8220;Ich &#252;berlebe das nicht, wenn du auch stirbst.&#8221;</p>
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		<title>Gender Marketing &#8211; das Revival der Differenz</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Jan 2007 14:58:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tanja Carstensen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Gender Marketing nennt sich das Konzept anhand dessen "die unterschiedlichen Bed&#252;rfnisse von weiblichen und m&#228;nnlichen Verbrauchern" bei Entwicklung, Vertrieb, Preisbildung und Kommunikation von Produkten und Dienstleistungen ber&#252;cksichtigt werden sollen. Unternehmen haben offensichtlich das Potenzial von Gender f&#252;r sich entdeckt. Dabei werden nicht nur die Differenzen zwischen M&#228;nnern und Frauen reaktiviert; auch biologistische Argumentationen kommen zum Tragen. Hiermit f&#228;llt das Konzept weit hinter feministische Debatten um den Gender-Begriff der letzten Jahre zur&#252;ck und reduziert Gender auf ein Ph&#228;nomen unterschiedlicher Bed&#252;rfnisse und Kaufinteressen, w&#228;hrend die mit Geschlecht verbundenen Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnisse ausgeblendet werden...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Gender Marketing nennt sich das Konzept anhand dessen &#8220;die unterschiedlichen Bed&#252;rfnisse von weiblichen und m&#228;nnlichen Verbrauchern&#8221; bei Entwicklung, Vertrieb, Preisbildung und Kommunikation von Produkten und Dienstleistungen ber&#252;cksichtigt werden sollen. Unternehmen haben offensichtlich das Potenzial von Gender f&#252;r sich entdeckt. Dabei werden nicht nur die Differenzen zwischen M&#228;nnern und Frauen reaktiviert; auch biologistische Argumentationen kommen zum Tragen. Hiermit f&#228;llt das Konzept weit hinter feministische Debatten um den Gender-Begriff der letzten Jahre zur&#252;ck und reduziert Gender auf ein Ph&#228;nomen unterschiedlicher Bed&#252;rfnisse und Kaufinteressen, w&#228;hrend die mit Geschlecht verbundenen Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnisse ausgeblendet werden.</strong></p>
<p>Eine neue Wortsch&#246;pfung kursiert seit einigen Monaten in der &#8220;Gender-Szene&#8221;: Gender Marketing. So nennt sich das Konzept, anhand dessen &#8220;die unterschiedlichen Bed&#252;rfnisse von weiblichen und m&#228;nnlichen Verbrauchern&#8221; (<a href="http://www.bluestone-ag.de/gender.html">bluestone AG, Gender Marketing</a>) bei Entwicklung, Vertrieb, Preisbildung und Kommunikation von Produkten und Dienstleistungen ber&#252;cksichtigt werden sollen. &#196;hnlich wie schon bei Gender Mainstreaming, das darauf abzielt, bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und M&#228;nnern von vornherein und regelm&#228;&#223;ig zu ber&#252;cksichtigen (siehe <a href="http://www.gender-mainstreaming.net/">Gender Mainstreaming</a> vom Bundesministerium f&#252;r Familie, Senioren, Frauen und Jugend), will Gender Marketing nun bei der Vermarktung von Produkten die Potenziale von Gender nutzen &#8211; diesmal aber die &#246;konomischen. Denn &#8211; so die Idee &#8211; Frauen werden als zahlungskr&#228;ftige Kundinnen bisher noch viel zu wenig ernst genommen, wodurch gro&#223;e M&#228;rkte unerschlossen blieben, so formuliert es z.B. das Fraunhofer-Institut in seinem Veranstaltungskalender (<a href="http://anmeldung.iao.fraunhofer.de/veranstaltung.php?id=148">Frauenhofer-Institut, Veranstaltungskalender</a>). Auf einmal ist es also auch f&#252;r Unternehmen interessant, sich mit Gender auseinanderzusetzen.</p>
<p>Auf dem <a href="http://www.gendermarketingkongress.de/">1. Internationalen Gender Marketing Kongress</a> am 27./28. April 2006 in Berlin wurde dementsprechend diskutiert, wie unter anderem Autos, Finanzdienstleistungen oder Altersvorsorge besser auf Frauen zugeschnitten, wie Frauen in der Werbung gezielter angesprochen und Haushaltsger&#228;te f&#252;r M&#228;nner attraktiver angeboten werden k&#246;nnen. Es wurde von Erfahrungen mit Frauenetagen in Hotels und den speziellen Bed&#252;rfnissen des ‚neuen Mannes&#8217; berichtet. Als Grundlage f&#252;r Gender Marketing dienen ‚Erkenntnisse&#8217; der Art, dass Frauen bei Werbung erst auf den Text gucken und M&#228;nner zuerst auf das Bild, weshalb gro&#223;er Handlungsbedarf bei der zielgruppengerechten Ansprache in der Werbung best&#252;nde.</p>
<p>Dass dabei dann Differenzen zwischen M&#228;nnern und Frauen wieder relevant gemacht werden, d&#252;rfte kaum &#252;berraschen. So findet sich auf den Internetseiten der <a href="http://www.bluestone-ag.de/index.html">bluestone AG</a>, einer auf Gender Marketing spezialisierten Marketingberatung, ungeachtet aller Debatten der letzten Jahre um die Problematik einer Unterscheidung in zwei (als in sich homogen konzipierte) Geschlechter folgende Formulierung:</p>
<p>&#8220;Genderspezifische Unterschiede machen sich &#252;berall bemerkbar: In den F&#228;higkeiten, W&#252;nschen, Lebensgestaltungen, im Umgang mit technischen Produkten, Alltagsg&#252;tern, im Kommunikations- und Kaufverhalten. Dies alles und noch viel mehr ber&#252;cksichtigt die gesonderte Betrachtung von Frauen und M&#228;nnern als Nutzer und K&#228;ufer.&#8221; (<a href="http://www.bluestone-ag.de/gender.html">bluestone AG, Gender Marketing</a>)</p>
<p>Und nicht nur die Differenz wird wieder reaktiviert; auch biologistische Deutungen werden herangezogen: Biologische Voraussetzungen, so hei&#223;t es dort, wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Hirnforschung und der Soziobiologie w&#252;rden beim Gender Marketing ber&#252;cksichtigt.</p>
<p>Damit f&#228;llt das Konzept weit hinter die feministischen Debatten der vergangenen Jahre zur&#252;ck. Nat&#252;rlich sind weder Emanzipation noch die Dekonstruktion von Geschlecht erkl&#228;rte Ziele der Marketing-ExpertInnen, sondern einzig und allein Profitmaximierung. Dennoch ist bemerkenswert, wie kontr&#228;r zurzeit Debatten verlaufen k&#246;nnen, die sich auf denselben Begriff beziehen. W&#228;hrend in wissenschaftlichen Debatten um den Gender-Begriff die Zweigeschlechtlichkeit in Frage steht, wird die Idee der Differenz zwischen M&#228;nnern und Frauen im Marketing anscheinend gerade erst entdeckt und flei&#223;ig (re-)produziert. Damit geht nicht nur alles verloren, was mit dem Gender-Begriff an politischem Potenzial f&#252;r Emanzipation und die Dekonstruktion von Geschlecht verbunden wird. Vielmehr wird mit dem Rekurs auf biologistische Deutungsmuster zudem deutlich, dass die Gender-Marketing-ExpertInnen den Gender-Begriff offenbar gar nicht verstanden haben, da er unreflektiert und falsch verwendet wird. Denn bei allen heterogenen Verwendungsweisen meint er doch zumindest eines unzweideutig: dass Geschlecht sozial hervorgebracht wird. Es zeigt sich also erneut, dass mit Gender zurzeit ein Begriff prominent geworden ist, der die Besch&#228;ftigung mit dem Thema Geschlecht in breiten Kreisen hoff&#228;hig gemacht hat, der dehnbar auslegbar und vor allem nicht provokant ist (ganz im Gegensatz zum Begriff Feminismus). Die angeblichen Differenzen zwischen M&#228;nnern und Frauen werden im Gender Marketing als produktive Vielfalt gedeutet; dass Geschlechterverh&#228;ltnisse auch Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnisse sind, verschwindet v&#246;llig aus dem Bedeutungshorizont des Begriffs.</p>
<p>Aber es finden sich auch einige wenige differenzierte Stimmen: So weist beispielsweise J&#246;rg Sommer, Produktmanager bei Daimler-Chrysler darauf hin, dass es nicht &#8220;die Frau&#8221; und &#8220;den Mann&#8221; (<a href="http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/05.05.2006/2510063.asp">Der Tagesspiegel online, 05.05.06</a>) g&#228;be. Auch wurde auf dem Kongress diskutiert, dass die Gefahr best&#252;nde, dass Frauen klischeehaft auf ihr Geschlecht reduziert w&#252;rden und dass weitere Identit&#228;tsmerkmale wie Herkunft/Ethnie, Alter, Nationalit&#228;t, sexuelle Orientierung oder Religion ebenfalls ber&#252;cksichtigt werden m&#252;ssten. Dieser differenziertere Blick zielt allerdings auch nur auf die bessere Vermarktbarkeit von Produkten und passt damit gut zum ebenfalls wenig gesellschaftskritischen Konzept der &#8220;Managing Diversity&#8221;.</p>
<p>Besteht damit aber Hoffnung auf eine Entdramatisierung der Differenz? Vielleicht ist Gender Marketing ja ein erforderlicher Schritt. Vielleicht m&#252;ssen wie in der feministischen Theoriebildung auch in der &#214;konomie zuerst die Unterschiede ausgiebig erforscht werden, um anschlie&#223;end zu erkennen, welche Fallstricke diese Perspektive bietet; n&#228;mlich erstens, dass sie den Blick auf die Differenzen innerhalb der Gruppen verstellt und zweitens, dass sie die Differenz, die sie untersucht, dabei erst schafft. Vielleicht kann man die Phase der Differenz nicht &#252;berspringen. Trotzdem bleibt der Ansatz des Gender Marketings problematisch, weil der Effekt eine Befestigung stereotyper Zuweisungen ist und bei all dem v&#246;llig ausgeblendet wird, dass Gender nicht nur unterschiedliche Eigenschaften, Bed&#252;rfnisse und zielgruppenspezifische Kaufinteressen beinhaltet, sondern dass es dabei auch um soziale Ungleichheiten, gesellschaftliche Arbeitsteilung, Lohndiskriminierung, Herrschaftsverh&#228;ltnisse und nicht zuletzt um Sexismus und Gewalt gegen&#252;ber Frauen geht. Daran sollte in Debatten, die sich mit dem Gender-Begriff schm&#252;cken, gelegentlich erinnert werden.</p>
<h3>Links zum Thema:</h3>
<p><a href="http://www.bluestone-ag.de/">http://www.bluestone-ag.de</a><br />
<a href="http://www.gendermarketingkongress.de/">http://www.gendermarketingkongress.de</a><br />
<a href="http://www.gendertrends.de/index.php?id=13">http://www.gendertrends.de/index.php?id=13</a></p>
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