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	<title>Feministisches Institut Hamburg &#187; Interventionen</title>
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		<title>Recht auf Stra&#223;e(-nstrich)! Stadtentwicklungspolitik als Spiegel gesellschaftlicher Ausschl&#252;sse Ein Workshop erkundet st&#228;dtische Vertreibungspolitiken und Widersetzungspraxen</title>
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		<pubDate>Tue, 17 Jan 2012 14:40:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stella Gaertner</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interventionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Die akteuellen Verdr&#228;ngungspolitiken gegen&#252;ber Sexarbeiter_innen, aber auch das Schweigen vieler linker stadtpolitischer Bewegungen zu diesem Thema nahm Ragazza, das Hamburger Projekt f&#252;r drogengebrauchende Sexarbeiterinnen, zum Anlass, in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung einen internationalen Workshop zu organisieren. Unter dem Titel „Stadt, Prostitution, Vertreibung“ wurden Handlungsstrategien gegen repressive staatliche Politiken und medientr&#228;chtige Skandalisierungen diskutiert...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Die aktuellen Verdr&#228;ngungspolitiken gegen&#252;ber Sexarbeiter_innen, aber auch das Schweigen vieler linker stadtpolitischer Bewegungen zu diesem Thema nahm <a href="http://www.ragazza-hamburg.de">Ragazza</a>, das Hamburger Projekt f&#252;r drogengebrauchende Sexarbeiterinnen, zum Anlass, in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung einen internationalen Workshop zu organisieren. Unter dem Titel „Stadt, Prostitution, Vertreibung“ wurden Handlungsstrategien gegen repressive staatliche Politiken und medientr&#228;chtige Skandalisierungen diskutiert.</strong></p>
<p>Der Verkauf sexueller Dienste war stets begleitet von einem Ringen um &#246;konomische, rassifizierende Verh&#228;ltnisse und Geschlechterverh&#228;ltnisse, um Vorstellungen von Ordnung und Moral. Diese Konflikte fanden ihren Ausdruck in gesellschaftlichen Regulierungen und in stadtr&#228;umlichen Ordnungen. Nach den selbstorganisierten K&#228;mpfen der Hurenbewegung in den 1980ern l&#228;sst sich heute f&#252;r eine – potentiell solidarische – Linke in Deutschland ein weitgehendes Schweigen zu dem Thema Sexarbeit feststellen, in feministischen Kontexten sind regressive Positionen besonders lautstark. Aktuell organisieren sich verschiedene Bewegungen um Konflikte zum Thema Stadt herum, gleichwohl sind die Verdr&#228;ngungspolitiken gegen&#252;ber Sexarbeiter_innen darin selten Thema. Dies nahm Ragazza , das Hamburger Projekt f&#252;r drogengebrauchende Sexarbeiterinnen, zum Anlass, in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung einen internationalen Workshop zu organisieren. Unter dem Titel „Stadt, Prostitution, Vertreibung“  (1) wurden Handlungsstrategien gegen die repressiven staatlichen Politiken und medientr&#228;chtige Skandalisierungen diskutiert. Ein weiterer Anlass war das 20j&#228;hrige Bestehen von Ragazza.<br />
Wie anderswo auch kommt es im Kontext einer &#246;konomisierten und rassifizierenden Stadtentwicklungspolitik in Hamburg St. Georg zu gesellschaftlichen Ausschl&#252;ssen. Sexarbeit soll aus dem aufzuschickenden Viertel verdr&#228;ngt werden, um einen Ort zu hinterlassen, der f&#252;r b&#252;rgerlich-<em>wei&#223;e </em>(2) Vorstellungen hergerichtet werden kann. Das Prostitutionsgesetz besteht seit 2002, bietet aber nur f&#252;r wenige Sexarbeiter_innen (3) eine Absicherung und hat kaum Auswirkungen auf eine gesellschaftliche Anerkennung der Arbeit. Diese Regulierung f&#252;hrt zudem zu neuen Differenzierungen innerhalb der Gruppe der Sexarbeiter_innen.<br />
Sexarbeit wird in St. Georg seit 1980 &#252;ber eine Sperrgebietsverordnung reguliert, welche Prostitution untersagt. Seit Anfang des Jahres 2011 wird diese in Kombination mit der Gefahrengebietsverordnung (4) &#252;ber Aufenthaltsverbote und Bu&#223;gelder &#252;ber mehrere hundert Euro versch&#228;rft umgesetzt. Effekt dieser Politik ist eine Potenzierung der Prekarit&#228;t von Sexarbeit in mehrerer Hinsicht: Durch den Druck, klandestiner zu arbeiten, werden weniger Kunden erreicht und somit weniger Einkommen erzielt. Gleichzeitig m&#252;ssen die durch Aufwertung und Repression gestiegenen Ausgaben ausgeglichen werden. Auf diese Weise verschwindet nicht die Sexarbeit, aber die M&#246;glichkeit, selbstbestimmt &#252;ber Arbeitsorte und -zeiten, Kunden und Praktiken zu entscheiden. Auf dem R&#252;cken einer prek&#228;ren Arbeiter_innenschaft wird eine Stadtpolitik durchgesetzt, die Gewerbe, Tourismus und Wohnen nach b&#252;rgerlichen Anspr&#252;chen bereitstellen will.<br />
Auf dem Workshop verdeutlichte Jenny K&#252;nkel, dass Sexarbeit in einem Feld der globalen St&#228;dtekonkurrenz, in der die Metropolen um die Ansiedlung von Mittelklasse und Unternehmen werben, durchaus widerspr&#252;chlich eingelassen sein kann. Ein Teil dieser Politik bestehe in einem „Aufr&#228;umen“ der St&#228;dte; eine andere Strategie sei die der Umarmung, der Einbettung in Form eines Zelebrierens von verwertbarer Vielfalt. W&#228;hrend Sexindustrie in St. Pauli als touristischer Magnet und Mythos vermarktet wird, gilt der Stra&#223;enstrich in St. Georg als „Schmuddel-Ecke“ und St&#246;rfaktor f&#252;r st&#228;dtische Aufwertungs- und Gentrifizierungsprozessen.<br />
Differente soziale Positionen und Lebensalltage der Sexarbeiterinnen f&#252;hren zu unterschiedlichen Formen der Prekarisierung. Wie Kathrin Schrader am Beispiel St. Georg erl&#228;uterte, setzt die Regulierung von Sexarbeit auf diese Differenzierungen. Die Position der Sexarbeiterinnen wird erneut geschw&#228;cht; die Disziplinierungsanforderungen zwischen Hilfesystem und Kriminalisierung stellen sich widerspr&#252;chlich dar. Schrader zeigte dabei auf, dass die – oft verneinte – Handlungsmacht von Sexarbeiterinnen als Moment von Konflikten ber&#252;cksichtigt werden muss. Diese besteht beispielsweise in Widersetzungen gegen Regulierungen und Zuschreibungen, der Inanspruchnahme juristischer Mittel und in der Suche von Schlupfl&#246;chern sowie gemeinschaftlichen Ans&#228;tzen der Arbeitsorganisierung. Um den Spaltungsversuchen entgegenzuwirken, ist f&#252;r Schrader eine Zur&#252;ckweisung von rassistischen Zuschreibungen, wie Anwohner_innen und Presse, aber auch einige Sexarbeiter_innen sie bedienen, notwendig. Soziale Einrichtungen verm&#246;gen ihr zufolge innerhalb rassistischer Verh&#228;ltnisse wenig Unterst&#252;tzung zu leisten, solange sich wei&#223;e Hegemonien in der Zusammensetzung der Mitarbeiter_innen, aber auch in Praxen und Positionen widerspiegeln.<br />
Egal, ob sie aus Amsterdam, Linz oder Berlin kamen, neben den st&#228;dtischen Aufwertungsprozessen ist die Verkn&#252;pfung der Themen Migration, Sexarbeit und Rassismus f&#252;r fast alle Teilnehmenden des Workshops zentrales Thema ihrer lokalen Arbeit. Gergana Schrenk vom Linzer Projekt <a href="http://www.maiz.at">Maiz </a>legte dar, dass eine Auseinandersetzung mit Zusammenh&#228;ngen von globaler Migration und unterschiedlichen prek&#228;ren Arbeitsfeldern Sexarbeit aus ihrer diskursiven Sonderrolle zu holen verm&#246;ge. Bislang verbleibe der Diskurs um Sexarbeit und Migration oft in der Rede &#252;ber „fremde Opfer“. Ein Beispiel hierf&#252;r ist die nach wie vor h&#228;ufige selbstverst&#228;ndliche Gleichsetzung von Sexarbeit und Frauenhandel. Die Folge sei dann nicht eine Erm&#228;chtigung der Position der migrierten Sexarbeiterinnen, sondern eine (west-)europ&#228;ische Abschottungspolitik und die Entm&#252;ndigung der arbeitenden und bisweilen subversiven Subjekte. Die Erkenntnis struktureller &#196;hnlichkeiten all der prek&#228;ren Arbeiten, die vor allem von migrierten Menschen / Frauen ausge&#252;bt werden, r&#252;cke dagegen globale Arbeitsverh&#228;ltnisse und -strukturen in den Fokus der Kritik.</p>
<p>In K&#228;mpfen f&#252;r gute Arbeits- und Lebensbedingungen f&#252;r Sexarbeiter_innen muss es als erstes, da waren sich alle Anwesenden einig, um die Anerkennung von Sexarbeit als einer Arbeit gehen, die anderen Formen von Erwerbst&#228;tigkeit gleichwertig ist. Eine solidarische Haltung und Handlungsstrategien, die auf Selbsterm&#228;chtigung von Sexarbeiter_innen abzielen, setzen in vielfacher Hinsicht eine Reflexion und Selbstpositionierung aller Beteiligten voraus. Grunds&#228;tzlich stellt sich bei dem Engagement sozialer Projekte immer die Frage, wer f&#252;r wen spricht. Jenny K&#252;nkel mahnte dar&#252;ber hinaus an zu hinterfragen, welche Diskurse mit dem Sprechen angerufen werden. So d&#252;rfe es beispielsweise nicht einfach um eine R&#252;ckeroberung des &#246;ffentlichen Raums gehen, ohne dabei zu betrachten, dass diese Politik an konservative Verst&#228;ndnisse anzuschlie&#223;en vermag. Ein Sprechen f&#252;r Sexarbeit m&#252;sse sich daher immer &#252;ber einen Abwehrkampf hinaus positionieren.<br />
Diese Reflexionen zu Handlungsstrategien stellen Ankn&#252;pfungspunkte f&#252;r das Hamburger B&#252;ndnis<a href="http://rechtaufstrasse.blogsport.de"> „Recht auf Stra&#223;e“ </a>dar. Aus feministisch-linker Perspektive begegnete das B&#252;ndnis den Konflikten um Sexarbeit bisher mit einer Kundgebung auf dem Hansaplatz in St. Georg – als Symbolort der Verdr&#228;ngung – sowie Diskussionsveranstaltungen und Aktionen. Eine feministische Perspektive bedeutet f&#252;r das B&#252;ndnis zu verdeutlichen, dass nicht die Sexarbeiter_innen das &#220;bel sind, sondern die gesellschaftlichen Umst&#228;nde, die zu Sexarbeit und ihrer prek&#228;ren Situation f&#252;hren. Die gegens&#228;tzliche Politik um Sexarbeit, die die Stadt Hamburg in St.Pauli einerseits, in St. Georg andererseits verfolgt, kritisiert das B&#252;ndnis entsprechend auch aus antikapitalistischer und migrationspolitischer Sicht. Die Verdr&#228;ngung der Sexarbeit in St. Georg stelle sich demnach explizit als eine Verdr&#228;ngung der besonders Prekarisierten (unsicherer Arbeits-/Aufenthaltsstatus, Drogengebrauch) dar.</p>
<p>Die Notwendigkeit, unterschiedlich wirkende Herrschaftsverh&#228;ltnisse zusammenzudenken, wurde innerhalb des Workshops &#252;berdeutlich. Eine solche Perspektive stellt eine wichtige Strategie gegen Vereinnahmungs-, Spaltungs- und Verwertungspolitiken dar. Die diskursive Legitimierung der Verdr&#228;ngungsbestrebungen basiert neben gesellschaftlichen Dominanzpositionen auf dem Bild, das &#252;ber Sexarbeit vorherrscht. Sexarbeit wird in hegemonialen Diskursen nicht als – wenn auch prek&#228;re, vulnerable – Arbeit im Kontext globaler Migration und Arbeitsteilung repr&#228;sentiert, sondern als kriminell, als moralisch deviant. Hier wirken Bilder von Sexualit&#228;t, Geschlechterverh&#228;ltnissen, Intimit&#228;t, Privatheit und &#214;ffentlichkeit. Gerade die um das Thema Sexarbeit oft gef&#252;hrte Diskussion um Freiwilligkeit und Selbstbestimmung kann nur dann emanzipatorisch sein und erneuten (Fehl- und Fremd-)Repr&#228;sentationen begegnen, wenn sie aufzeigt, dass die Frage nach der Freiwilligkeit und der Einbeziehung des gesamten K&#246;rpers innerhalb der Kontexte von Lohnarbeit und rassifizierenden wie vergeschlechtlichten Arbeitsverh&#228;ltnissen f&#252;r alle Arbeitenden widerspr&#252;chlich zu beantworten ist.</p>
<p><strong>Fu&#223;noten<br />
</strong><br />
(1) Ein ausf&#252;hrlicher Bericht zum Workshop „Stadt, Prostitution, Vertreibung“, der am 2.12.2011 stattfand, steht demn&#228;chst unter <a href="http://www.rosalux.de ">www.rosalux.de </a>.<br />
(2) Mit der Benennung von <em>wei&#223; </em>soll seine Selbstverst&#228;ndlichkeit als unsichtbare gesetzte Norm demaskiert werden. <em>Wei&#223;e </em>Privilegien sollen so sichtbar gemacht und die damit zusammenh&#228;ngenden Geschichten von Kolonialismus und Rassismus aufgedeckt werden. Werden <em>wei&#223;e </em>Positionen nicht bezeichnet, bleibt ihre Erlangung durch einen privilegierten Status in einem rassistischen und klassifizierenden Gesellschaftszusammenhang verdeckt. Zudem wird mit der Kursivschreibung der Konstruktions-Charakter von <em>wei&#223; </em>hervorgehoben.<br />
(3) In diesem Text sprechen wir von Sexarbeiter_innen, wenn nicht explizit nur Frauen gemeint sind. Der Unterstrich soll aufzeigen, dass auch vielf&#228;ltige weitere sexuelle Identit&#228;ten (kindlich, m&#228;nnlich, trans, poly&#8230;) nachgefragt und angeboten werden.<br />
(4) Das Hamburger Polizeigesetz erm&#246;glicht damit verdachtsunabh&#228;ngige Personenkontrollen, Durchsuchungen, Aufenthaltsverbote oder Ingewahrsamnahmen. F&#252;r St. Georg liegt der Fokus auf Drogenkonsument_innen.</p>
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		<title>Die Spendenaktion zur Rettung des Frauenhaus Wedel</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Sep 2011 18:20:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kathrin Nordmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interventionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Die ersten Frauenh&#228;user in der BRD wurden in den 1970er Jahren im Kontext der Autonomen Frauenbewegung gegr&#252;ndet. Bis heute sind sie zentraler Bestandteil des Schutz- und Beratungsangebots f&#252;r von Gewalt betroffene Frauen. In Schleswig-Holstein wurde jedoch die Streichung der Finanzierung des „Autonomen Frauenhaus Wedel“ und des “AWO Frauenhaus L&#252;beck“ beschlossen und dies trotz hoher Auslastung. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Die ersten Frauenh&#228;user in der BRD wurden in den 1970er Jahren im Kontext der Autonomen Frauenbewegung gegr&#252;ndet. Bis heute sind sie zentraler Bestandteil des Schutz- und Beratungsangebots f&#252;r von Gewalt betroffene Frauen. In Schleswig-Holstein wurde jedoch die Streichung der Finanzierung des „Autonomen Frauenhaus Wedel“ und des “AWO Frauenhaus L&#252;beck“ beschlossen und dies trotz hoher Auslastung. Die Begr&#252;ndung ist, dass dort Frauen aus anderen Bundesl&#228;ndern Schutz suchen. Die Sparma&#223;nahmen sind vor dem Hintergrund einer fehlenden bundesweiten Finanzierungssicherheit der Frauenh&#228;user zu sehen und folgen einer Politik, die zu Lasten der Opfer von Gewalt geht. Zur Rettung des Frauenhauses Wedel wurde deshalb eine Spendenaktion gestartet.</strong></p>
<p>Insgesamt hat die CDU/FDP Landesregierung Schleswig-Holstein die Einsparung von 48 Frauenhauspl&#228;tzen beschlossen. Ab Ende 2011 soll die F&#246;rderung wegfallen. Die Streichung geschieht ungeachtet der Tatsache, dass Frauenh&#228;user die einzigen Schutzeinrichtungen f&#252;r von Gewalt betroffene Frauen und deren Kinder sind. J&#228;hrlich suchen in den ca. 380 Frauenh&#228;usern bundesweit etwa 45.000 Frauen Schutz. Das von den Einsparungen betroffene Frauenhaus Wedel hat 15 Pl&#228;tze. Pro Jahr werden dort etwa 100 Frauen und deren Kinder aufgenommen, durchschnittlich ist das Haus zu 85% belegt. Die Begr&#252;ndung f&#252;r die Streichung der Finanzierung ist auch nicht, dass das Frauenhaus zu wenig ausgelastet sei. Die Landesregierung sagt vielmehr, dass in dem an der Grenze zu Hamburg gelegenen Frauenhaus zu viele Frauen aus anderen Bundesl&#228;ndern Schutz suchen und weigert sich, die Kosten f&#252;r deren Unterbringung zu tragen. Dar&#252;ber hinaus wird eine Zugangsbeschr&#228;nkung f&#252;r Frauen aus anderen Bundesl&#228;ndern in Schleswig-Holstein f&#252;r die &#252;brig bleibenden Frauenh&#228;user geplant.</p>
<p>Die Sparma&#223;nahmen der Landesregierung l&#228;sst die Situation der von Gewalt betroffenen Frauen v&#246;llig au&#223;er Acht. Oft k&#246;nnen Frauen aufgrund der Bedrohung nicht in der N&#228;he ihres bisherigen Wohnortes ein Frauenhaus aufsuchen. Sie fl&#252;chten deshalb aus Sicherheitsgr&#252;nden in Frauenh&#228;user, die z.T. sehr weit entfernt liegen. Mit der Streichung der Frauenhauspl&#228;tze verbindet die Landesregierung die Hoffnung, dass mit weniger Pl&#228;tzen auch weniger Frauen kommen. Doch nur weil Pl&#228;tze gestrichen werden, wird die Gewalt nicht weniger und der Bedarf an Schutz und Unterst&#252;tzung nicht geringer.</p>
<h3>Fehlende bundesweite Finanzierung der Frauenh&#228;user</h3>
<p>Die Diskussion um „zu viele“ Frauen aus anderen Bundesl&#228;ndern ist nicht nur zynisch, sondern auch vor dem Hintergrund einer fehlenden bundesweit einheitlichen, unb&#252;rokratischen Finanzierung der Frauenh&#228;user zu betrachten. In Schleswig-Holstein erhalten die Frauenh&#228;user &#252;ber das Finanzausgleichsgesetz (FAG) ihre Zuwendungen aus dem Kommunalen Finanzausgleich. Dieses Modell gilt im Vergleich zu anderen Finanzierungsmodellen als vorbildlich, da es den Frauenh&#228;usern durch eine pauschale Finanzierung Planungssicherheit garantiert und eine unb&#252;rokratische, anonyme und schnelle Aufnahme betroffener Frauen erm&#246;glicht. Die Hilfe der Frauenh&#228;user kann unabh&#228;ngig von der finanziellen Situation der betroffenen Frauen in Anspruch genommen werden; die ohnehin hohe H&#252;rde ein Frauenhaus aufzusuchen wird niedrig gehalten und dadurch dieser Schritt vielen Frauen erleichtert und erm&#246;glicht. Dies hat auch zur Folge, dass Schleswig-Holstein ein relativ gutes Netzwerk an Frauenh&#228;usern im Vergleich zu reicheren Bundesl&#228;ndern wie etwa Bayern oder Baden W&#252;rttemberg hat. In anderen Bundesl&#228;ndern basiert die Finanzierung von Frauenh&#228;usern auf einzelfallabh&#228;ngigen Tagess&#228;tzen. Die sogenannte Pro-Kopf-Finanzierung ist mit hohem b&#252;rokratischem Aufwand verbunden. Die Opfer von Gewalt m&#252;ssen individuell f&#252;r die Kosten des Frauenhausaufenthalts aufkommen. Ist dies den Betroffenen nicht m&#246;glich, muss die Kosten&#252;bernahme beantragt und genehmigt werden und das bevor eine Frau ein Frauenhaus aufsucht. Dieser b&#252;rokratische Umgang bringt Frauen in lebensbedrohliche Situationen. Viele Frauen wie z.B. Studentinnen sind au&#223;erdem von der Beantragung der Gelder ausgeschlossen. Einige Frauenh&#228;user mussten auf Basis dieser Finanzierung trotz des hohen Bedarfes schlie&#223;en, da sie &#252;ber l&#228;ngere Zeit nicht voll belegt waren, denn die betroffenen Frauen sind in ihrer bedrohlichen Situation i.d.R. nicht in der Lage ein Antragsverfahren durchzustehen.</p>
<h3>Gewalt gegen Frauen &#8211; die Gr&#252;ndung der ersten Autonomen Frauenh&#228;user</h3>
<p>Gewalt gegen Frauen war lange ein Tabuthema und wurde als Privatsache angesehen. Erst in den 1970er Jahren hat die Autonome Frauenbewegung das Ausma&#223; der Gewalt gegen Frauen &#246;ffentlich gemacht und sich f&#252;r gesellschaftliche Ver&#228;nderungen eingesetzt. Als politische Antwort darauf gr&#252;ndeten Frauengruppen nach dem Vorbild der Frauenh&#228;user in England 1976 die ersten Autonomen Frauenh&#228;user in Berlin und K&#246;ln. In deren Folge sind weitere Frauenh&#228;user als autonome feministische Projekte entstanden.</p>
<p>Nach wie vor ist der Bedarf an Frauenh&#228;usern gro&#223;: In seinem Staatenbericht (2009) hat das CEDAW (Convention on the Elimination of all Forms of Diskrimination against Women) Komitee der Vereinten Nationen (UN) die Bundesregierung aufgefordert die Finanzierung der Frauenh&#228;user in Deutschland angemessen sicherzustellen. Die derzeitige Politik verst&#246;&#223;t gegen die Menschenrechte und die Frauenrechtskonvention (CEDAW), die Deutschland selbst ratifiziert hat. Hinzu kommt, dass Schleswig-Holstein durch die Streichung der Pl&#228;tze noch weiter hinter den vom Europarat empfohlenen Standard von einem Frauenhausplatz pro 7.500 Einwohner zur&#252;ckf&#228;llt. Die Notwendigkeit von Frauenh&#228;usern als Schutz- und Unterst&#252;tzungseinrichtungen belegt eine Studie des Bundesministeriums f&#252;r Familie, Frauen, Senioren und Jugend von 2004, nach der jede vierte Frau mindestens ein- oder auch mehrmals in ihrer Beziehung k&#246;rperliche und sexuelle Gewalt erlebt. H&#228;usliche Gewalt betrifft Frauen aus allen Schichten, jeden Alters und ist unabh&#228;ngig von kulturellen Hintergrund, Religion oder Nationalit&#228;t. Vor dem Hintergrund dieser Zahlen erweist sich allein schon der vom Europarat empfohlene Standard von Frauenhauspl&#228;tzen als verschwindend gering.</p>
<h3>Frauenhausarbeit</h3>
<p>Frauenh&#228;user verstehen sich nicht als betreuende soziale Einrichtungen, sondern als Hilfe zur Selbsthilfe und als politische Projekte, da sie Gewalt gegen Frauen skandalisieren und gesellschaftliche Ver&#228;nderungen anstreben. Teile dieses Selbstverst&#228;ndnisses zeigen sich auch heute in der Struktur und der allt&#228;glichen Arbeit der Autonomen Frauenh&#228;user. Hierzu geh&#246;rt z.B. der Anspruch von Hierarchiefreiheit, ein antirassistisches und feministisches Selbstverst&#228;ndnis und ein Verst&#228;ndnis von Frauenhausarbeit als politische Arbeit, in der &#214;ffentlichkeits- und Pr&#228;ventionsarbeit zu h&#228;uslicher Gewalt einen hohen Stellenwert haben. Dar&#252;ber hinaus bieten Frauenh&#228;user Beratung Schutz und Unterst&#252;tzung f&#252;r Frauen und deren Kinder, die vor k&#246;rperlicher, sexueller und/oder seelischer Gewalt fliehen. Die Adresse der Frauenh&#228;user ist aus Sicherheitsgr&#252;nden geheim. Aufnahmen sind 24 Stunden am Tag m&#246;glich. Einige Frauen wenden sich selbst telefonisch an ein Frauenhaus. Andere kommen &#252;ber eine Beratungsstelle oder die Polizei. Ist das Frauenhaus belegt, erfolgt eine Weitervermittlung. Frauenh&#228;user sind untereinander bundesweit vernetzt.</p>
<p>Die Mitarbeiterinnen arbeiten nach dem Bezugsfrauensystem, aufgeteilt in einen Frauen- und einen Kinderbereich, d.h. jede Frau und jedes Kind hat eine Mitarbeiterin, die haupts&#228;chliche Ansprechpartnerin ist. Die Frauen bleiben aber f&#252;r sich und ihre Kinder eigenverantwortlich. Die Mitarbeiterinnen begleiten und unterst&#252;tzen bei psychischer Stabilisierung, Verarbeitung der erfahrenen Gewalt und Entwicklung neuer Perspektiven f&#252;r ein gewaltfreies Leben. Viele Frauen kommen aufgrund einer &#252;berst&#252;rzten Flucht v&#246;llig ohne eigene Sachen und Unterlagen. Oft waren sie aufgrund der gewaltt&#228;tigen Beziehung sozial isoliert. Im Frauenhaus erfahren sie Sicherheit und Selbstbestimmung. Die Frauen bleiben so lange, wie sie brauchen, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer ist drei Monate &#8211; eine sehr kurze Zeit, um sich ein neues Leben aufzubauen.</p>
<h3>Spendenaktion 2012</h3>
<p>Das Autonome Frauenhaus Wedel ist aus einem Frauentreff heraus entstanden und existiert seit 25 Jahren. Es hat 15 Pl&#228;tze und bietet externe Beratung f&#252;r von Gewalt betroffene Frauen. F&#252;nf qualifizierte Mitarbeiterinnen arbeiten dort in Teilzeit.</p>
<p>Das Frauenhaus hat einen Tr&#228;gerverein mit &#252;ber 60 Mitfrauen, sowie einen F&#246;rderverein. Das Frauenhaus Wedel ist Teil der sozialen Einrichtungen vor Ort und einzige Ansprechstelle zu h&#228;uslicher Gewalt in Wedel. Als bekannt wurde, dass das Frauenhaus ab Ende 2011 keine Gelder mehr bekommen soll, war die Unterst&#252;tzung sehr gro&#223;. Es wurden &#252;ber 5000 Unterschriften gesammelt, um die anstehenden Sparma&#223;nahmen zu verhindern. Ungeachtet dessen wurde mit nur einer Stimme Mehrheit das Sparpaket und somit auch die Streichung der Finanzierung des Frauenhauses beschlossen.</p>
<p>Daraufhin starteten die Vereinsfrauen und Mitarbeiterinnen eine Spendenaktion zur Rettung des Frauenhauses. Ziel ist mit Hilfe von Spenden das Jahr 2012 zu &#252;berbr&#252;cken und &#252;ber Verhandlungen auf allen politischen Ebenen wieder in die institutionelle F&#246;rderung zu kommen.</p>
<p>In nur vier Monaten wurden &#252;ber 100.000 Euro gespendet. Der aktuelle Stand der Spendenaktion liegt bei einer gesicherten Finanzierung von zehn Pl&#228;tzen. Ein Platz wird derzeit gef&#246;rdert mit 10.500 Euro pro Jahr. Das hei&#223;t, das Frauenhaus setzt seine Arbeit im n&#228;chsten Jahr fort, in welcher Form ist noch unklar. Offen bleibt auch die Frage, wie es nach dem Jahr 2012 weiter geht. Alle Parteien haben ihre Unterst&#252;tzung zugesagt, ob diesen Worten auch nach der Wahl im Jahr 2012 in Schleswig-Holstein Taten folgen? Die Vereinsfrauen und Mitarbeiterinnen sind skeptisch, da bisher politische Entscheidungen getroffen wurden, die nicht die Schutzbed&#252;rfnisse der Opfer von Gewalt in den Vordergrund stellen, sondern eine &#246;konomische Perspektive, die auf sehr kurzfristige Spareffekte zielt und deren langfristige Auswirkungen ignoriert.</p>
<h3>Finanzierungssicherheit f&#252;r Frauenh&#228;user</h3>
<p>Im November feiert das Autonome Frauenhaus Wedel sein 25j&#228;hriges Bestehen. Seine weitere Zukunft bleibt ungeachtet der offensichtlichen Notwendigkeit ungewiss. Trotz einer Enttabuisierung der Thematisierung von Gewalt gegen Frauen durch feministische queere Bewegungen, gibt es kein Anzeichen f&#252;r ihre Abnahme. Frauenh&#228;user leisten &#252;berlebenswichtige Unterst&#252;tzungsarbeit f&#252;r von Gewalt betroffene Frauen und deren Kinder, sowie unverzichtbare Aufkl&#228;rungs- und &#214;ffentlichkeitsarbeit. Finanzierungssicherheit ist die Basis f&#252;r diese Arbeit und zeigt die Anerkennung des politischen Konsenses, dass Gewalt gegen Frauen ein gesellschaftliches Problem ist.</p>
<p>Frauenh&#228;user folgen dem Prinzip, dass Frauen, die von Gewalt betroffen sind, aufgenommen werden &#8211; egal woher sie kommen. Die Finanzierungsfrage von Frauenhauspl&#228;tzen kann nicht zu Lasten der Opfer von Gewalt gehen, deren Entscheidungsfreiheit beschr&#228;nken und finanzielle und b&#252;rokratische Barrieren aufbauen. Es m&#252;ssen politische Antworten und Ma&#223;nahmen folgen, die grundlegende Menschenrechte anerkennen.</p>
<p>Die Spendenaktion zur Rettung des Frauenhauses Wedel l&#228;uft weiter, in der Hoffnung im Jahr 2012 alle Pl&#228;tze und die Arbeitsstellen aller Mitarbeiterinnen erhalten zu k&#246;nnen.</p>
<p>Zur Unterst&#252;tzung der Spendenaktion zur Rettung des Frauenhaus Wedel:</p>
<p>F&#246;rderverein Frauenhaus Wedel<br />
Konto: 95303<br />
Stadtsparkasse Wedel<br />
BLZ 2211730</p>
<p><a href="http://www.frauenhaus-wedel.de">http://www.frauenhaus-wedel.de</a><br />
<a href="info@frauenhaus-wedel.de">info[at]frauenhaus-wedel[dot]de</a></p>
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		<title>Gender Gap? –  eine Auseinandersetzung am Einzelfall</title>
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		<pubDate>Wed, 19 Jan 2011 19:49:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jana Ballenthien</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interventionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Sexistische Situationen begegnen uns in unserem Alltag immer wieder und stellen uns vor die Aufgabe, einen ad&#228;quaten Umgang damit zu finden. Dieser Artikel pl&#228;diert daf&#252;r, jede Situation in ihrem jeweiligen Kontext als spezifischen Einzelfall zu betrachten, und demnach auf offenes, „nicht-b&#246;se-gemeintes“, platt traditionell und sozialpolitisch verankertes sexistisches Verhalten und die diversen Schnittmengen spezifisch zu reagieren. Im Fokus des Artikels steht eine Situation, in der es um eine sprachliche Auseinandersetzung &#252;ber die in einem TV Werbespot dargestellten Geschlechterrollen geht. Darin wird eine M&#246;glichkeit feministischer Handlungsf&#228;higkeit vorgeschlagen, die die differenzierten Deutungshorizonte sexistischen Handelns versucht zu verstehen und ernst zu nehmen, um auf dieser Grundlage Diskurse zu verhandeln und zu ver&#228;ndern...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Sexistische Situationen begegnen uns in unserem Alltag immer wieder und stellen uns vor die Aufgabe, einen ad&#228;quaten Umgang damit zu finden. Dieser Artikel pl&#228;diert daf&#252;r, jede Situation in ihrem jeweiligen Kontext als spezifischen Einzelfall zu betrachten, und demnach auf offenes, „nicht-b&#246;se-gemeintes“, platt traditionell und sozialpolitisch verankertes sexistisches Verhalten und die diversen Schnittmengen spezifisch zu reagieren. Im Fokus des Artikels steht eine Situation, in der es um eine sprachliche Auseinandersetzung &#252;ber die in einem TV Werbespot dargestellten Geschlechterrollen geht. Darin wird eine M&#246;glichkeit feministischer Handlungsf&#228;higkeit vorgeschlagen, die die differenzierten Deutungshorizonte sexistischen Handelns versucht zu verstehen und ernst zu nehmen, um auf dieser Grundlage Diskurse zu verhandeln und zu ver&#228;ndern.</strong></p>
<p>Ich wurde durch mein Umfeld in einen gendergerechten Umgang, in eine gendergerechte Sprache, in ein feministisch-politisches Bewusstsein einsozialisiert. Mein Umfeld, das ist ein Freundes- und Bekanntenkreis innerhalb einer politischen Szene, in dem gesellschaftliche Missst&#228;nde &#252;ber Genderaspekte hinaus skandalisiert und aktiv bek&#228;mpft werden. Unser Umgang beruht dabei auf gegenseitigen Respekt und versucht, im Rahmen der eigenen Fehlbarkeit, fernab von Sexismus, Rassismus und anderen Diskriminierungsfaktoren zu sein. Dieses Bewusstsein macht potentiell verletzlicher innerhalb des gesellschaftlichen Normalzustandes, denn ich erkenne weitaus h&#228;ufiger offenes, „nicht-b&#246;se-gemeintes“, platt traditionell und sozialpolitisch verankertes sexistisches Verhalten und die diversen Schnittmengen.</p>
<p>Bin ich damit Betroffene, Verantwortungstr&#228;gerin oder beides? Und vor allem, welches Diskussionsverhalten zwischen mir und meinen Mitmenschen sollte daraus resultieren? Wie sollte ich mit ihnen kommunizieren, wenn sie sich „traditionell“-sexistisch verhalten, zum Beispiel schon ein einziges Binnen-I zu Irritationen oder sogar Anfeindungen f&#252;hrt? Wie sollte ich reagieren, wenn ich mit Machismen konfrontiert werde? Wie sollte ich reagieren, wenn Menschen in meiner Gegenwart aktiv Genderstereotype reproduzieren?</p>
<p>Mit meinem Bewusstsein f&#252;r die genderspezifischen Aspekte und vor allem Problemstellungen der Gesellschaft versuche ich – davon abgesehen, dass wir alle nicht unfehlbar sind – dementsprechend zu agieren. Uns allen ist bewusst, dass dies nicht immer einfach ist. Wie oft werden wir am Arbeitsplatz, im Supermarkt, auf Tagungen, auf Partys, in Blogs oder an jedem beliebigen anderen Ort mit Sexismen konfrontiert? Wie oft haben wir diskutiert, wie oft f&#252;hlten wir uns vor den Kopf gesto&#223;en und l&#228;cherlich gemacht und wie oft haben wir uns resigniert und kopfsch&#252;ttelnd abgewendet. In den Situationen, in denen eine verbale Auseinandersetzung m&#246;glich schien, haben wir sie oft nicht mehr ergriffen, weil wir dessen m&#252;de geworden sind. Das &#8216;nicht-reagieren&#8217; oder &#8216;nicht-reagieren-k&#246;nnen&#8217; kennen wir. Das Erlangen von sinnvoller aktiver Handlungsf&#228;higkeit bringt uns an unsere Grenzen. Das hat meiner Meinung nach zwei Gr&#252;nde. Zum einen haben wir das Gef&#252;hl, dass sich die gleichen Szenen st&#228;ndig wiederholen, wir uns immer wieder den gleichen Vorurteilen und Anfeindungen stellen m&#252;ssen und immer wieder den gleichen Text abspulen  m&#252;ssen. Zum anderen sind die Situationen gleichzeitig zu divers. Sie entziehen sich unserer Reaktion, weil sie uns &#252;berrumpeln, weil wir sie nicht in ihrer G&#228;nze durchschauen k&#246;nnen und weil wir somit nicht in jeder Situation den richtigen Spruch auf den Lippen haben.</p>
<p>Adrian Lang, ein Berliner Blogger hat dieses Dilemma sehr geschickt gel&#246;st, indem er mit der F&#252;lle an Situationen in einem Blogeintrag gemeinsam „abrechnete“. In seinem Blogeintrag <a href="http://blog.adrianlang.de/?p=848">„Sprache und Geschlecht“</a> setzt sich Adrian in klarer Sprache, ernsthaft aber humorvoll mit den Inhalten aus Kommentaren auseinander, die irritierten oder anfeindenden Bezug auf seine gendergerechte Schriftsprache nehmen. Die Spiegelung der gesellschaftlichen Machtverh&#228;ltnisse durch Handeln und Sprechen spricht er dabei ebenso an, wie seine eigenen kleinen Inkonsequenzen, sich den Machtverh&#228;ltnissen zu widersetzen. Und doch &#252;berl&#228;sst er es den (Netz-)Subjekten selbst, sich f&#252;r oder gegen eine gendergerechte Sprache zu entscheiden, indem er ihnen einen ironiegeladenen Schlussabsatz an die Hand gibt: „Immer noch nicht &#252;berzeugt? Kein Problem. Habt eine mehr oder weniger begr&#252;ndete Position, warum ihr sch&#246;n weiter generisches Maskulinum schreibt – es werden keine Horden von Feminist_innen bei euch einfallen und unter jeden eurer Blogposts Kommentarhaufen setzen. Sofern ihr euch nicht gerade in linksradikalen, tendenziell profeministischen Kreisen herumtreibt, werdet ihr wohl nie in die Verlegenheit kommen, euch zu rechtfertigen.“ (ebd.). Diese Ansprache an die verallgemeinerten Anderen ist in diesem Fall m&#246;glich, da Schriftsprache geduldig ist, und es sich zudem anbietet, den aus feministischer Perspektive fragw&#252;rdigen Umgang mit Sprache als gemeinsames Bezugsmerkmal der Angesprochenen zu nehmen.</p>
<p>Offline lassen sich Situationen leider nicht so leicht „clustern“, und der/die Andere wartet sicher nicht, bis wir der Situation eine Gesamtanalyse unterzogen haben, um anschlie&#223;end angemessen zu reagieren. Und doch ist dies genau der Weg, f&#252;r den ich mich entschieden habe. Ich reagiere (oder reagiere eben nicht) weiterhin im Rahmen der sich aus der Situation ergebenden Spontaneit&#228;t, doch gleichzeitig bin ich der Meinung, dass jede einzelne von mir erlebte Situation die Berechtigung hat, im Nachhinein kritisch reflektiert zu werden. Selten ist die Ursprungssituation dann fortsetzbar. Mein Fundus an Reaktionsm&#246;glichkeiten in sp&#228;teren Situationen w&#228;chst aber damit stetig [1].</p>
<p>Die folgende Situation stellt keinen offenen sexistischen Angriff dar. Dennoch ist sie emotional aufgeladen, handelt es sich doch bei meinem Gegen&#252;ber um einen nahen Verwandten. Die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit dem Einzelfall wird aufgrund der spezifischen verwandtschaftlichen Ebenen der Situation besonders deutlich.</p>
<p>Vor kurzem sah ich einen TV Webespot, in dem ein bundesweit sehr erfolgreicher Comedian f&#252;r elektronische Haushaltsprodukte warb. Er benutzte daf&#252;r unter anderem die Darstellung landl&#228;ufiger Stereotype unterschiedlichen Kaufverhaltens von M&#228;nnern und Frauen und gr&#246;&#223;erer Technikversiertheit von M&#228;nnern gegen&#252;ber Frauen. Die Auseinandersetzung &#252;ber in diesem Spot dargestellten Genderrollen w&#228;re sicher einen eigenen Artikel wert. Den Inhalt eines solchen schreibenswerten Artikels erz&#228;hlte ich meinem Verwandten, dem ich bis dato immer eine gewisse Gender-Kompetenz zugesprochen hatte. Ich musste ern&#252;chternd feststellen, dass eine Jahrzehnte lange gerechte Aufteilung der Hausarbeit in seiner ehelichen Beziehung und  Geburtstagsgeschenke wie ein Elektronikbaukasten und ein Mikroskop statt einer Puppe noch lange keine Indizien daf&#252;r sind, dass mein Verwandter nicht positiv von sexistischen, die Heteronormativit&#228;t reproduzierenden Werbespots angesprochen wird. Ihn befiel tats&#228;chlich die Bef&#252;rchtung, ich k&#246;nne „eine M&#228;nnerhasserin, so wie Alice Schwarzer“ [2] sein. Dieser Bef&#252;rchtung wollte er sogleich entgegenwirken mit bekannten Argumenten wie: „Das ist doch witzig, dein Freund geht doch auch total ungern einkaufen und ist dann ganz zielstrebig, weil er schnell wieder ausm Laden raus will. Und du eben nicht!“ und „Dass Frauen als Schnatterg&#228;nse dargestellt werden, die keine Ahnung von Technik haben, hat doch nichts mit dem Frauenbild in der Gesellschaft zu tun!“ und „Wenn du jetzt schreibst, dass das frauenfeindlich ist, dann fassen sich die Frauen an den Kopf und sagen, was isn das f&#252;r ne bl&#246;de Emanze!“ und „Es gibt doch auch Blondinenwitze, warum ist dann dieser Webespot so schlimm?“ etc. </p>
<p>Nach anf&#228;nglichen Schock und eskalierendem Aufbegehren ruderte ich zur&#252;ck und analysierte die Situation: Mein Verwandter liebt Comedysketche und nimmt keine Differenz zwischen Comedy und politischem Kabarett wahr, solange nur die Pointe gut ist. Und mein Verwandter hatte wie ein Gro&#223;teil der Menschen in der eurozentristischen Welt durchaus schon etwas von Feminismus geh&#246;rt. Allerdings leider von der Art Feminismus, gegen den wir FeministInnen der dritten Welle (Baumgardner/Richards 2000), des Popfeminismus (Eismann 2007), des Feminismus 2.0 (M&#228;dchenmannschaft, Missy Magazine u.a.) oder des Queerfeminismus (Gro&#223; 2007; Hausotter 2010), so divers wir in unserer konkreten Ausrichtung auch sind, eine Gegenbewegung darstellen und kritisch Stellung beziehen [3]. Auch haben wir einen unterschiedlichen Deutungshorizont, was die gesellschaftliche Reproduktion und Verfestigung von stereotypen Genderrollen durch dessen (hier kom&#246;diantische) Darstellung betrifft. Paradoxerweise war ihm also vermutlich auch nicht bewusst, dass er durch seine Geburtstagsgeschenke bei mir einen Grundstein daf&#252;r gelegt hatte, stereotype Genderrollen zu hinterfragen. Ich lie&#223; etwas Zeit verstreichen und &#252;berlegte mir Handlungsoptionen. Ein einfaches Ausschweigen der Diskussion w&#228;re die einfachste L&#246;sung gewesen. Aber der Umstand, dass in diesem Fall ein geliebter Teil meiner Familie meine Werte und Ideale nicht verstand, nagte zu sehr an mir. Ich entschied mich in den Konflikt zu begeben. So entwickelte ich eine Strategie, die nicht darauf beruhte, ihn als Gewohntheits-Sexisten anzuklagen, sondern gemeinsam mit ihm &#252;ber die unab&#228;nderliche gesellschaftliche Realit&#228;t zu reflektieren, in der wir uns beide gleichberechtigt – oder eben gerade nicht gleichberechtigt – befinden. Ich leitete unser Gespr&#228;ch mit statistischen Informationen bez&#252;glich der sozialpolitischen Geschlechterungleichheiten ein, f&#252;r die ich meinen Verwandten versuchte zu sensibilisieren. Von dort aus zeichnete ich langsam verbal eine gro&#223;e Kurve, um schlussendlich und ohne Fachtermini den Zusammenhang zwischen sozialpolitischer Realit&#228;t und genderrelevantem Handeln herzuleiten. Mein Verwandter und ich waren danach beide sehr ersch&#246;pft. Seine „heile Welt“ hatte Risse bekommen, und mir wurde mal wieder in voller G&#228;nze meine Unzul&#228;nglichkeit, oder gar die Unzul&#228;nglichkeit des Feminismus, bewusst, unsere Perspektive auf die Gesellschaft mit all ihrem Basis- und ExpertInnenwissen an der aktuellen Gender-Kompetenz unserer Gespr&#228;chspartnerInnen orientiert zu vermitteln. Mein Verwandter und ich konnten uns nur auf einen fragilen Konsens einigen. Er gestand mir ein, Recht zu haben, allerdings nicht ohne den Hinweis, bitte nicht mehr &#252;ber den umstrittenen Comedian zu sprechen. „Ich m&#246;chte das bitte weiter ohne Analyse und lachend anschauen k&#246;nnen.“ Ich willigte ein.</p>
<p>Diese Reaktion w&#228;re leicht pessimistisch auszulegen. Ich m&#246;chte sie allerdings positiv bewerten. Ein Grundstein f&#252;r zuk&#252;nftige Diskussionen wurde von uns beiden dadurch gelegt, dass wir die Grenzen des aktuellen Bewusstseins von genderrelevanten Themen gegenseitig akzeptierten. Entgegen paternalistischer Ambitionen m&#246;chte ich also einen beidseitigen Lernprozess voranbringen. Wie es weitergeht? Wir beide besuchen demn&#228;chst ein feministisches Kabarett. </p>
<p>Dieser Einzelfall zeigt exemplarisch wie wichtig es ist, die differenzierten Deutungshorizonte (sexistischen) Handelns zu verstehen und ernst zu nehmen, um auf dieser Grundlage Diskurse zu verhandeln. Nur mit unseren Gegen&#252;bern gemeinsam sind wir inner- und au&#223;erakademische FeministInnen in der Lage, die im gesellschaftlichen Diskurs vorherrschenden Genderdebatten zu ver&#228;ndern. Das Bewusstsein f&#252;r genderspezifische Problemstellungen der Gesellschaft ist meiner Meinung nach eine Verantwortung, die wir &#252;bernehmen m&#252;ssen, obgleich wir uns durch unsere Sensibilisierung gegen&#252;ber diesen Themen, gleichzeitig als Betroffene wahrnehmen k&#246;nnen.</p>
<p>Neben aller Betroffenheit und bei all den Ungleichheitsdimensionen, in die wir gesellschaftlich, ganz pers&#246;nlich und als Gruppierung verwoben sind, sind wir inner- und au&#223;erakademischen in eine Genderkompetenz einsozialisierten FeministInnen doch auch privilegiert. Mit diesem Privileg verschanzen wir uns aus Angst vor Verletzung, aus gesunkener Frustrationstoleranz und/oder aus &#220;berheblichkeit allzu oft in einem Elfenbeinturm, einer Festung, die nur durchl&#228;ssiger werden kann, wenn wir unsere Gegen&#252;ber weder vorverurteilen noch ignorieren oder gar missionieren sondern Perspektiven&#252;bernahmen versuchen und mit ihnen gemeinsam Konzepte entwickeln, die die Genderkompetenz der Gesellschaft erh&#246;hen. Um dies zu erreichen pl&#228;diere ich f&#252;r eine sensible Auseinandersetzung mit dem Einzelfall. Da die Anzahl der Einzelf&#228;lle mir bislang als unz&#228;hlbar erscheint, bleibt mir an dieser Stelle nur zu sagen: Fortsetzung folgt. Vielleicht auch durch euch?</p>
<p>[1] Dabei m&#246;chte ich nicht unterschlagen, dass es selbstverst&#228;ndlich Situationen gibt, in denen auch ich an den Grenzen meiner Toleranz ankomme. Mit manchen SexistInnen m&#246;chte ich auch nicht im Traum erneut an einem Tisch sitzen und Perspektiven ernst nehmen. Diese Situationen bleiben, vermutlich aufgrund meines eher politischen Umfeldes, in der Minderzahl. Meine solidarischen Gedanken gehen an dieser Stelle an die Menschen, die es weitaus schwerer haben, sich einem sexistischen, rassistischen oder wie auch immer verwobenen diskriminierenden Umfeld zu entziehen.</p>
<p>[2] Alice Schwarzer ist eine der bekanntesten VertreterInnen des Feminismus der zweiten Welle (Gerhard 2009).</p>
<p>[3] Ich bin mir der teils harten Differenzen der unterschiedlichen feministischen Str&#246;mungen bewusst. Wenn ich an dieser Stelle von „Wir“ spreche, meine ich nicht mehr und nicht weniger, als dass wir alle geistige Kinder der ersten und zweiten Welle des Feminismus sind. Ob und in welchem Ausma&#223; daraus ein Wir-Gef&#252;hl resultiert, sei dahingestellt. Mir pers&#246;nlich tut es emotional gut, ab und an von einem politischen „Wir“ auszugehen, auch wenn ich damit, unsere kleine politische Schnittmenge zugrunde legend, einer Utopie anh&#228;nge.</p>
<p><strong>Literatur</strong></p>
<p>Baumgardner, Jennifer/Richards Amy (2000): Manifesta: Young Women, Feminism, and the Future. Straus and Giroux: Farrar</p>
<p>Eismann, Sonja (2007): Hot Topic: Popfeminismus heute. Ventil Verlag</p>
<p>Eismann, Sonja/Lohaus, Stefanie/K&#246;ver, Chris/Tsomou, Margarita (Hrsg.): Missy Magazine. Magazin &#252;ber Popkultur, Politik und Style f&#252;r Frauen, <a href="http://missy-magazine.de">http://missy-magazine.de</a></p>
<p>Gerhard, Ute (2009): Frauenbewegung und Feminismus. Eine Geschichte seit 1789. Beck Verlag</p>
<p>Gro&#223;, Melanie (2007): Queer Theory, <a href="http://www.feministisches-institut.de/queertheory">http://www.feministisches-institut.de/queertheory</a></p>
<p>Hausotter, Jette (2010): Zwischen Emanzipation und Einpassung. Postfeministische Verwicklung in Politik und Popkultur, <a href="http://www.feministisches-institut.de/postfeministische-verwicklungen">http://www.feministisches-institut.de/postfeministische-verwicklungen</a></p>
<p>Lang, Adrian (2010): Sprache und Geschlecht. Auf: Adrians Blog, <a href="http://blog.adrianlang.de/?p=848">http://blog.adrianlang.de/?p=848</a></p>
<p>M&#228;dchenmannschaft, Feministischer Blog, <a href="http://maedchenmannschaft.net">http://maedchenmannschaft.net</a></p>
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		<title>Zwischen Emanzipation und Einpassung: postfeministische Verwicklungen in Politik und Popkultur</title>
		<link>http://www.feministisches-institut.de/postfeministische-verwicklungen/</link>
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		<pubDate>Tue, 19 Oct 2010 18:28:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jette Hausotter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interventionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein neuer deutscher Postfeminismus feiert Emanzipation und unterst&#252;tzt dabei die neoliberale Umgestaltung der Gesellschaft. Gleichzeitig bietet Popkultur, die das Alltagsverst&#228;ndnis pr&#228;gt, jungen Frauen Teilhabe an der Konsumkultur um den Preis politischer Kritik. Queerfeministische kapitalismuskritische Interventionen m&#252;ssen diese Entwicklungen ernst nehmen als Interessenartikulation in ver&#228;nderten Produktionsverh&#228;ltnissen. Manches erfordert Widerstreit, anderes er&#246;ffnet R&#228;ume f&#252;r queerfeministische Praxis...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Ein neuer deutscher Postfeminismus feiert Emanzipation und unterst&#252;tzt dabei die neoliberale Umgestaltung der Gesellschaft. Gleichzeitig bietet Popkultur, die das Alltagsverst&#228;ndnis pr&#228;gt, jungen Frauen Teilhabe an der Konsumkultur um den Preis politischer Kritik. Queerfeministische kapitalismuskritische Interventionen m&#252;ssen diese Entwicklungen ernst nehmen als Interessenartikulation in ver&#228;nderten Produktionsverh&#228;ltnissen. Manches erfordert Widerstreit, anderes er&#246;ffnet R&#228;ume f&#252;r queerfeministische Praxis.</strong></p>
<p><strong>Postfeminismus: Abwicklung statt Entwicklung von Emanzipation</strong><br />
Zeitdiagnosen der Geschlechterpolitik greifen heute gerne auf den Begriff des Postfeminismus zur&#252;ck. ‚Post-’ kann f&#252;r &#252;berwinden stehen und f&#252;r ankn&#252;pfen. Aber was wird zur&#252;ckgelassen und was soll folgen? Daf&#252;r ist die historische Gemengelage interessant, in der dieser Begriff auftaucht: ein konservativer geschlechterpolitischer Backlash, eine neoliberale Neuordnung des Geschlechterregimes und ein wahlweise akademischer oder popkultureller dekonstruktivistischer Queerfeminismus treffen aufeinander.</p>
<p>Es gibt den Antifeminismus, der im modernisierten Gewand daherkommt. In konservativer Abgrenzung von emanzipatorischen sozialen Prozessen verweist dieser antifeministische Postfeminismus darauf, dass die Frauenbewegung das Geschlechterverh&#228;ltnis zur Gen&#252;ge modernisiert habe und nun &#252;berfl&#252;ssig sei – bis hin zu der These, dass der Feminismus die Schuld trage am Leiden von Frauen, w&#252;rden sie doch durch dessen gesellschaftliche Macht heute daran gehindert, unbeschwert ihrer Bestimmung zum Mutter- und Hausfrau-Sein nachzukommen. Derzeit prominentes deutsches Beispiel: Eva Herman.</p>
<p>In Abgrenzung dazu hat sich (auch) in Deutschland ein neuer Feminismus als Medienliebling etabliert (<a href="http://www.feministisches-institut.de/feminismus_riegraf">Riegraf 2007</a>). Seine Vertreterinnen sind sich einig in der Ablehnung von Eva Hermans Propaganda f&#252;r „Heim und Herd“. Die mittlerweile vielf&#228;ltigen Repliken auf Hermans antifeministische Eva-Prinzipien feiern Emanzipation, Erfolg und Berufst&#228;tigkeit als endlich erreichte bzw. erreichbare Normalit&#228;t weiblicher Lebensf&#252;hrung. Diesen neuen Postfeminismus verstehe ich als Anzeichen einer Diskursverschiebung in der gesellschaftlichen Debatte um Geschlechterverh&#228;ltnisse, in der Emanzipation pl&#246;tzlich keine Gefahr mehr ist, sondern erw&#252;nscht. Aber was hei&#223;t hier Emanzipation? Denn das erfolgreich von Heim-und-Herd emanzipierte Subjekt Frau, das derzeit einen Hype erf&#228;hrt, ist zugleich das „Subjekt par Excellance des Neoliberalismus“ (McRobbie 2010). Das individualisierte Erfolgskonzept (mein Job, meine Partnerschaft, meine Kinder, meine Vereinbarkeit), das hier propagiert wird, stimmt in auff&#228;llig vielen Punkten mit der neoliberalen Hegemonie der Individualisierung &#252;berein.</p>
<p>Kritische Interventionen in diesen Postfeminismus sind n&#246;tig. Denn viele der hierunter fallenden Stimmen feiern Emanzipation und sind sich dabei einig in der Abgrenzung von der politischen Frauenbewegung bzw. von Feminismen, die um eine kollektive, solidarische Kritik und Politik ringen. In diesem Sinne streben auch die „Alpham&#228;dchen“ nach Gleichberechtigung und nennen ihr Projekt Feminismus: „Alle jungen Frauen wollen heute das Gleiche, n&#228;mlich: genauso viel verdienen wie M&#228;nner, die gleichen Aufstiegschancen, einen gleich gro&#223;en Anteil an der Macht in unserem Land und nicht vor die Entscheidung ´Kind oder Karriere´ gestellt werden (&#8230;.) Feministinnen sind nicht die m&#228;nnerhassenden, schlecht gekleideten alten Frauen aus dem Klischee. (&#8230;) Feminismus ist nicht alt oder &#252;berholt – er ist jung und cool.“ (Haaf/Klinger/Streidl 2008)</p>
<p>Dieses Ph&#228;nomen ist bereits aus feministischer Perspektive analysiert und kritisiert worden. Zu Recht fallen dabei Begriffe wie „Spartenfeminismus“ (Hark/Kerner 2007) oder „Elitenfeminismus“ (Klaus 2008) und es wird die fehlende antirassistische Positionierung benannt: „Der wei&#223;e christliche Mittelschichtseintopf kocht und l&#246;ffelt sich selbst. (&#8230;) Wie w&#228;re es mit ein bisschen Solidarit&#228;t, Kampfgef&#228;hrtinnen?“ (Kiyak 2008).<br />
Was ist passiert? Wurden die damals wie heute richtigen Anliegen des Feminismus einfach „umgedeutet“, „resignifiziert“ wie Nancy Fraser meint? So eindeutig sicher nicht, denn die Abwicklung politischer Kritik geht ja gerade mit realen Zugest&#228;ndnissen an feministische und queere Bewegungen einher. An diesen Widerspr&#252;chen m&#252;ssen Interventionen ansetzen. Es geht dann nicht blo&#223; darum, ein „unheimliches neoliberales Double zur&#252;ckzuerobern“, indem es wieder antikapitalistisch „breit gedacht“ wird? (Fraser 2009) Frigga Haug bezieht dagegen die Position, dass eine feministisch-sozialistische Perspektive neu zu formulieren hei&#223;t, den „neuen Feminismus“ ernst zu nehmen als Interessenartikulation in ver&#228;nderten Produktionsverh&#228;ltnissen – das entsprechende linke feministische ‚Wir’ sei darin „erst zu erringen“ (Haug 2009). Eine Strategie f&#252;r politische Debatten in diesem Sinne kann es sein, popul&#228;re Lesarten des Feminismus als Chance f&#252;r gesellschaftskritische Debatten zu nutzen, wie Gabriele Winker vorschl&#228;gt (<a href="http://www.feministisches-institut.de/feminismus_winker">Winker 2007</a>). Das hei&#223;t „leidenschaftliche Analysen“ vorzubringen, die soziale Ausschl&#252;sse und Ungleichheiten im neoliberalen Geschlechterregime in ihrer Verwobenheit entlang unterschiedlicher Kategorien wie Klasse, Geschlecht, Rasse und auch K&#246;rper betonen (ebd.). Da Neoliberalismus ja gerade keine emanzipatorischen Perspektiven einer gerechten Organisierung sozialer Reproduktion bietet, hei&#223;t dies auch, dass solche Analysen in Widerstreit mit den individualisierten postfeministischen Erfolgsgeschichten und deren rassistischen und klassistischen Bias gehen m&#252;ssen.</p>
<p><strong>Popkultur als Schauplatz postfeministischer Subjektivierung<br />
</strong>Postfeminismus ist aber nicht blo&#223; eine Frage politischer Haltung. Gerade in der Popul&#228;rkultur finden subtile Prozesse der Abwicklung von Feminismus statt. Angela McRobbie (2010) hat in ihrem aktuellen Buch analysiert, wie der neoliberale &#220;berwachungsmodus dort seine Wirkung entfaltet.<br />
Der aufschlussreiche Fokus ihrer Analyse ist die “diskursive Abwicklung“ (ebd.) der Frauenbewegung, mit der in der Popul&#228;r- und Konsumkultur das Entstehen feministischer Kritiken am neoliberalen Geschlechterregime im Alltagsbewusstsein junger Frauen verhindert wird. Hauptschauplatz der entpolitisierenden Einbindung vor allem von jungen Frauen ist laut McRobbie die Popul&#228;rkultur: die Konsumkultur des Mode- und Sch&#246;nheitskomplex, Make-Over-TV oder Filme wie Bridget Jones. Denn eben hier werde der postfeministische „gesunde Menschenverstand“ hergestellt, der nicht nur f&#252;r dessen augenscheinliche Gewinnerinnen attraktiv ist, sondern es dar&#252;ber hinaus schafft, breite soziale Gruppen auf das neoliberale Teilhabeversprechen einzuschw&#246;ren. Das wirft Fragen nach queerfeministischer Handlungsf&#228;higkeit auf. Wie muss sich Queerfeminismus in dieser postfeministischen Situation positionieren?</p>
<p><strong>Widerst&#228;ndige Weiblichkeiten: In a post-patriarchy i´ll be a post-feminist!</strong><br />
McRobbie setzt an dem genannten Widerspruch zwischen Zugest&#228;ndnis und Einbindung an und betont in diesem Prozess die Unterwerfung. Sie grenzt sich ab von queerfeministischen Kulturtheorien, die im Aufbrechen alter Geschlechter- und Sexualit&#228;tsnormen quasi als Selbstl&#228;ufer die M&#246;glichkeit des Entstehens nicht-heteronormativer Subjekte sehen. Dabei gehe ich mit. Aber sie betont die enorme Macht der neuen hegemonialen Identit&#228;tsentw&#252;rfe und begr&#252;ndet damit ihren Pessimismus gegen&#252;ber den emanzipatorischen Potenzialen postfeministischer Popkultur. Dabei zeichnet sie ein teilweise sehr vereindeutigtes Bild sozialer und kultureller Formen, das auff&#228;llige Leerstellen hat. Hier gilt es genauer hinzuschauen.</p>
<p>Denn der Mainstream steht im Austausch mit Subkultur, verwendet diese als kreative Ressource. Auch in der Subkultur gibt es, so unpassend ich den Begriff hief&#252;r finde, postfeministische Positionierungen. Dies kann die selbstbewusste Erm&#228;chtigung entlang sexueller und kultureller Differenzen sein, die sich hegemonialen Repr&#228;sentationen von Geschlecht und Sexualit&#228;t subversiv entzieht bzw. diese aneignet (etwa riot grrrls) – Postfeminismus als radikale Nichtidentifikation mit Bildern von Weiblichkeit, die in feministischen Bewegungen durchaus immer wieder affirmiert werden (Sabisch). Oder die auch in Deutschland in den queeren Szenen immer pr&#228;senteren Femininit&#228;ten, in denen Weiblichkeit nicht in heteronormative Begehrensformen eingebunden ist (Einen deutschsprachigen &#220;berblick dazu bietet die aktuelle Ausgabe von <a href="http://www.hugsandkissesonline.de/?p=1131">Hugs and Kisses</a>.)<br />
Dies ist anschlussf&#228;hig an die Subjekt- und Identit&#228;tskritik des akademischen Feminismus und queerer Theorie, an die Reflexion und das &#220;berwinden der eigenen Verwobenheit in die heteronormative, rassistische Geschlechterordnung, an eine notwendige intersektionale Neupositionierung von Geschlechtertheorien im Feld komplexer Herrschaftsformationen. In beiden Feldern geht es um die Etablierung emanzipatorischer Geschlechterpolitiken bzw. Analysen in neuen B&#252;ndnissen oder von neuen Standpunkten aus.</p>
<p>Es ist sicher kein Zufall, dass der Mainstream des Pop heute voll ist von widerstreitenden Entw&#252;rfen von Weiblichkeit und Sexualit&#228;t. Nicht zuletzt Queers und Feminist_innen in den Subkulturen waren daf&#252;r Inspiration. Und trotz der dominierenden Erz&#228;hlung von Konsum als Gestaltungsm&#246;glichkeit des Selbst, entstehen darin Situationen, in denen das postfeministische weibliche Subjektideal reale Erm&#228;chtigungsr&#228;ume f&#252;r junge Frauen aufmacht. In der zum Teil queeren, stark sexualisierten, Bildsprache ist naturalisierte M&#228;nnlichkeit oft genug abwesend. Sie er&#246;ffnet den Rezipient_innen vielf&#228;ltige M&#246;glichkeiten Weiblichkeit – und zwar immer wieder neu und anders – selbstbewusst zu inszenieren.</p>
<p>Queerfeministische Politik muss also in politischen Auseinandersetzungen der Zufriedenheit mit dem Neoliberalismus widersprechen – Postfeminismus ist in diesem Sinne die Zukunft, in der Sexismus und Heteronormativismus &#252;berwunden sind. Aber auf dem Weg dahin m&#252;ssen wir die Einbindung junger Frauen ins neoliberale Vermarktlichungsgeschehen, die dem Entstehen eines starken solidarischen Feminismus entgegen stehen kann, in seiner Widerspr&#252;chlichkeit ernst nehmen. Wir d&#252;rfen sie nicht als ‚falsches Bewusstsein’ abtun. Queerfeministische Praxis hei&#223;t, widerst&#228;ndige, sich patriarchalen Repr&#228;sentationen entziehende Weiblichkeiten im Alltag und in der Popkultur zu st&#228;rken.</p>
<p><strong>Literatur</strong></p>
<p>Fraser, Nancy (2009): Feminismus, Kapitalismus und die List der Geschichte. In: Bl&#228;tter f&#252;r deutsche und internationale Politik 8/2009, S.43-57.<br />
Haaf, Meredith/ Klinger, Susanne/ Streidl, Barbara (2008): Wir Alpham&#228;dchen. Warum Feminismus das Leben sch&#246;ner macht. Hamburg.<br />
Hark, Sabine/ Kerner, Ina (2007): Der Feminismus ist tot? Es lebe der Feminismus! Das “False Feminist Death-Syndrome”, in: querelles-net 21, <a href="http://www.querelles-net.de/forum/forum21/harkkerner.shtml">www.querelles-net.de/forum/forum21/harkkerner.shtml</a><br />
Haug, Frigga (2009): Feministische Initiative zur&#252;ckgewinnen – eine Diskussion mit Nancy Fraser. In: Das Argument 281/2009, S.393-408.<br />
Kiyak, Mely (2008): Und was ist mit uns?, in: DIE ZEIT 28/2008, www.zeit.de/2008/28/Feminismus<br />
Klaus, Elisabeth (2008): Antifeminismus und Elitefeminismus. Eine Intervention, in: Feministische Studien 26, <a href="http://www.feministische-studien.de/fileadmin/download/pdf/Fem08_02_Klaus.pdf">www.feministische-studien.de/fileadmin/download/pdf/Fem08_02_Klaus.pdf</a><br />
McRobbie, Angela (2010): Top Girls &#8211; Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes. Wiesbaden.<br />
Riegraf, Brigit (2007): Feminismus ist en vogue! Aber welcher Feminismus?, <a href="http://www.feministisches-institut.de/feminismus_riegraf">www.feministisches-institut.de/feminismus_riegraf</a><br />
Sabisch, Katja: Spielarten des Postfeminismus: Die ‘riot grrrl’-Bewegung, <a href="http://www.ladyshake.de/spielartenpostfeminismusrrriot.pdf">www.ladyshake.de/spielartenpostfeminismusrrriot.pdf</a><br />
Winker, Gabriele (2007): Popul&#228;re Lesarten des Feminismus als Chance f&#252;r gesellschaftskritische Debatten nutzen!, <a href="http://www.feministisches-institut.de/feminismus_winker">www.feministisches-institut.de/feminismus_winker</a></p>
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		<title>Missy. Popkultur von und f&#252;r Frauen</title>
		<link>http://www.feministisches-institut.de/missymagazine/</link>
		<comments>http://www.feministisches-institut.de/missymagazine/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 21 Jul 2010 20:53:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefanie Lohaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interventionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Missy Magazine ist ein Popkulturmagazin für Frauen. Es m&#246;chte informieren und gleichzeitig unterhalten. Dabei zeichnet es sich durch eine dezidiert feministische Haltung aus. Anders als Publikationen wie die Emma oder die an.schl&#228;ge aus &#214;sterreich berichtet das Missy Magazine nicht nur über Feminismus. Es betreibt auch keine feministische Theoriebildung wie es in akademischen Publikationen &#252;blich ist. Stattdessen betreibt Missy „angewandten Feminismus“. Das bedeutet: Die Herausgeberinnen versuchen im Rahmen eines Frauen- und Popmagazines, eine feministische Haltung im Umgang mit Themen, Bildern und Sprache zu zeigen. Im Spektrum Zeitschriften sieht Missy sich zwischen Musik/Popkulturzeitschriften, klassischem Frauenmagazin und feministischen Zeitschriften ein. Salopp gesagt: zwischen Intro, Maxi und Emma. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Das <a title="Missy Magazine Homepage" href="http://www.missy-magazine.de">Missy Magazine</a> ist ein Popkulturmagazin für Frauen. Es m&#246;chte informieren und gleichzeitig unterhalten. Dabei zeichnet es sich durch eine dezidiert feministische Haltung aus. Anders als Publikationen wie die Emma oder die an.schl&#228;ge aus &#214;sterreich berichtet das Missy Magazine nicht nur über Feminismus. Es betreibt auch keine feministische Theoriebildung wie es in akademischen Publikationen &#252;blich ist. Stattdessen betreibt Missy „angewandten Feminismus“. Das bedeutet: Die Herausgeberinnen versuchen im Rahmen eines Frauen- und Popmagazines, eine feministische Haltung im Umgang mit Themen, Bildern und Sprache zu zeigen. Im Spektrum Zeitschriften sieht Missy sich zwischen Musik/Popkulturzeitschriften, klassischem Frauenmagazin und feministischen Zeitschriften ein. Salopp gesagt: zwischen Intro, Maxi und Emma. </strong></p>
<p class="bild-links"><img src="/wp-content/uploads/2010/07/missy_cover.jpg" alt="Cover Missy Magazine" /></p>
<p>Gegr&#252;ndet wurde das Missy Magazine Anfang 2008, als wir, das hei&#223;t Stefanie Lohaus, Chris K&#246;ver und Sonja Eismann uns entschlossen, den deutschsprachigen Zeitschriftenmarkt um ein Heft zu erweitern, das gleichzeitig feministisch sein und junge Frauen ansprechen sollte, um sie eben nicht, wie sonst auf dem Frauenzeitschriftenmarkt &#252;blich, auf Schmink-, Di&#228;t- und Modetipps zu reduzieren.<br />
Nach einer halbj&#228;hrigen Planungsphase erschien die erste Ausgabe im Oktober 2008. Sie wurde mit den Geldern eines Kulturwettbewerbes finanziert. Gut anderthalb Jahre sp&#228;ter steht Missy auf eigenen Beinen und erscheint regelm&#228;&#223;ig: Viertelj&#228;hrlich im Eigenverlag und mit einer Druckauflage von ca. 20.000 Exemplaren. Die Finanzierung erfolgt aus einem Mix von Verkaufs- und Aboeinnahmen, sowie Anzeigen. W&#228;hrend Missy als Hochglanzmagazin erscheint, versteht sich das Magazin nach innen als Grassroots-Projekt. Die Redaktion und der Verlag werden in Eigenregie organisiert. Der Grund: Anders als ein Fanzine, das auch nach au&#223;en kosteng&#252;nstig kopiert und in kleinem Ma&#223;stab produziert wird, will Missy zug&#228;nglich sein f&#252;r LeserInnen, die nicht nur in feministischen Szenen zu Hause sind.</p>
<p>Das Herausgeberinnen- und Redaktionsteam besteht aus den drei Gr&#252;nderinnen. Ebenfalls im Team ist Margarita Tsomou, die auch Herausgeberin und Missy-Autorin ist und die Anzeigen- und Marketingabteilung leitet. Sie ist ebenfalls seit 2008 dabei. Die Art Direktion des Missy Magazines besteht aus zwei Frauen: Seit Mai 2010 sind das Daniela Burger und Hedi Lusser. Zus&#228;tzlich gibt es einen gro&#223;en Stamm freie AutorInnen, IllustratorInnen und FotografInnen. Der innere Kreis besteht zwar nur aus Frauen, im erweiterten Team sind aber auch M&#228;nner zu finden. Bei der Vergabe vor allem der gro&#223;en Themen schauen wir allerdings immer, ob wir zuerst eine Frau finden, die sich im Thema auskennt und erst im zweiten Schritt, ob es auch ein Mann machen kann. Mit dieser Vergabepraxis m&#246;chten wir einen Gegenpol zu den bekannten „Old Boys Netzwerken“ schaffen, denn auch der Journalismus, insbesondere der Musikjournalismus ist nach wie vor stark m&#228;nnlich gepr&#228;gt.</p>
<h2>Die Inhalte: Kultur, Musik, Politik, DIY, Mode und Sex</h2>
<p>Kultur spielt eine gro&#223;e Rolle in Missy: Vor allem Popkultur wie Musik, Film, TV, Fotografie, aber auch Kunst und Theater. Der Grund: Wir alle haben zuvor im Kulturbereich gearbeitet und dort den Eindruck gewonnen, dass über Frauen nicht genügend berichtet wird. In den Popcharts sind zwar immer mehr S&#228;ngerinnen vertreten, doch der Eindruck t&#228;uscht. Im Popbereich ist der Frauenanteil nach wie vor sehr niedrig, wie zum Beispiel eine Studie des Frauenmusikzentrums aus dem Jahr 2002 (<a href="http://archiv.hamburger-illustrierte.de/arc2002/hamburg/kultur/podiumsdiskussionfrauenindermusik.html">http://archiv.hamburger-illustrierte.de</a>) zeigt. Die vorgestellten MusikerInnen m&#252;ssen in erster Linie k&#252;nstlerisch &#252;berzeugen – besonders begr&#252;&#223;en wir es wenn sie sich au&#223;erdem mit Feminismus und Geschlechterrollen auseinandersetzen.</p>
<p class="bild-links"><img title="Young, Fat and Fabulous" src="/wp-content/uploads/2010/07/missy_youngfatfabulous.jpg" alt="Missy Beispielartikel" width="150" height="194" /></p>
<p>Bei der Berichterstattung gelten in Missy Genderbewusstsein und Sexismusfreiheit. Anders als in vielen Mainstream-Medien ist in Missy das Aussehen der K&#252;nstlerin kein ausuferndes Thema: S&#228;tze wie „die elfengleiche S&#228;ngerin mit den Rehaugen“ oder ein Erstaunen darüber, dass eine Musikerin ihr Instrument oder gar ein Mischpult beherrscht, kommen bei uns nicht vor. Im Sinne einer feministischen Wissenspolitik benutzen wir keinen insiderhaften Jargon und kein Namedropping. Bei der optischen Inszenierung freuen wir uns &#252;ber Frauenbilder, die etwas derangiert sind, d.h. mit g&#228;ngigen weiblichen Rollenkonventionen brechen oder sich über diese lustig machen. Die Frauen im Heft werden nicht digital aufgehübscht oder auf eine Weise nachbearbeitet, die unrealistisch ist. Und generell machen wir nichts, was die KünstlerInnen nicht wollen. Wir setzen uns kritisch mit Geschlechternormen und Produktionsbedingungen der Popindustrie auseinander, z.B. in Beitr&#228;gen wie „Frauen im Metal“ oder „Altern im Pop“ oder aber in unserem Dossier aus dem letzten Heft: Feminismus und TV, in dem wir schauen, ob, wo und wie im Fernsehen spannende feministische Rollen zu finden sind, und was Frauen auf und hinter dem Bildschirm über die Frauenrollen denken.</p>
<h2>Politik</h2>
<p>In Missy werden Reportagen und Nachrichten zu aktuellen frauenpolitischen Themen gedruckt, und wir setzten uns auf verschiedene Weisen mit Politik und historischen Figuren auseinander. Der Politikteil in Missy muss nicht immer „Pop“ sein, bewegt sich aber h&#228;ufig dort, wo Pop politisch wird. Zum Beispiel wenn historische FeministInnen zu Sammelkarten werden, oder im Finanzkrisen-Dossier eine kritisch-feminstische Prespektive&#252;ber die entkleidete entlassene Businessfrauen im Playboy“ zu lesen ist Wir besch&#228;ftigen uns mit aktuellen gender- und frauenpolitischen Themen, beobachten die momentane Gesetzeslage z.B. das Abtreibungsrecht oder Rechte f&#252;r Homosexuelle oder Transgender. Dabei geht es immer darum, Probleme als strukturelle Probleme zu begreifen. Wir sehen das gr&#246;&#223;te Problem der gesellschaftlichen Ungleichberechtigung in den gesellschaftliche Strukturen und Ansichten, die es nach wie vor zu bek&#228;mpfen gilt. In Rubriken wie „Vor uns“ bei der wir gro&#223;artige Frauen, die in der Geschichtsschreibung zu kurz gekommen vorstellen, betreiben wir alternative Geschichtsschreibung, stellen Bezug zu feministischen Traditionen her und arbeiten so auch gegen die Diffamierung des Feminismus vor unserer Zeit.</p>
<h2>Selbsterm&#228;chtigung durch selbst machen</h2>
<p>Der Teil „Mach es selbst“ umfasst Rubriken wie „1,2,3“ (Expertinnen erkl&#228;ren) und die „Mach es selbst &#8211; Bastelanleitungen“. Dabei haben wir sowohl klassisch „weiblich“ konnotierte T&#228;tigkeiten (Stricken, Handarbeit, Kochen) im Programm, als auch klassisch „m&#228;nnlich“ (M&#246;bel bauen, Platten auflegen, Skateboard fahren). W&#228;hrend es bei den „m&#228;nnlichen“ F&#228;higkeiten darum geht, Frauen und M&#228;dchen zu ermutigen, Bereiche zu erobern, von denen sie sich bisher aufgrund der geschlechtlichen Zuschreibung eher abgewendet haben, geht es bei den Anleitungen zum Stricken oder Kochen um die Strategie der Wiederaneignung. Diese weiblichen F&#228;higkeiten, die traditionellerweise unbezahlte Arbeit darstellen und somit nicht entlohnt, also nichts „wert“ sind, sollen im Zusammenhang mit Popkultur eine Aufwertung erfahren. Deswegen binden wir diese Rubriken in andere Zusammenh&#228;nge ein: In der Kochrubrik TV Dinner, werden Rezepte aus Fernsehserien nachgekocht oder wir zeigen wie man mit der eigentlich spie&#223;igen Stick-Technik einen schicken Graffiti-Wandbehang erstellt.</p>
<h2>Mode</h2>
<p class="bild-links"><img src="/wp-content/uploads/2010/07/missy_style.jpg" alt="Missy Magazine Style"></p>
<p>Mode bietet die M&#246;glichkeit Frauentypen abzubilden und zu inszenieren und mit dieser Art der Inszenierung vom Mainstream abzuweichen. Style und Mode ist eben identit&#228;tsstiftend. Uns ist es wichtig, nicht nur neue Trends vorzustellen, sondern mit Mode und Styling eine Geschichte zu erz&#228;hlen. Wir zeigen verschiedene K&#246;rperbilder/Formen/Altersstufen: Frauen sind keine genormten Wesen in Gr&#246;&#223;e 34. Deswegen ist in Missy Vielfalt die Norm.</p>
<h2>Sex</h2>
<p>Die generelle Haltung des Sexteils ist eine lustvolle und positive Auseinandersetzung mit K&#246;rper und Sexualit&#228;t. Im Gegensatz zu herk&#246;mmlichen Frauenmagazinen geht es nicht darum, „ihm die Nacht seines Lebens“,  sondern sich selbst eine gute Zeit im Bett zu bereiten. Die Rubrik soll zum Experimentieren anregen, beinhaltet Produkttests, Berichte über feministische „Sex Positive“ oder queere Themen. Wie im gesamten Heft bem&#252;hen wir uns darum, mit Heteronormativit&#228;t zu brechen.<br />
Neben diesen gro&#223;en Rubriken hat Missy nat&#252;rlich noch einiges mehr zu bieten. Ab dem n&#228;chsten Heft haben wir mit Claire Lenkova eine regelm&#228;&#223;ige Comiczeichnerin im Heft. Eine regelm&#228;&#223;ige Bildstrecke stellt eine  junge, talentierte Fotografin und ihre Arbeiten vor.</p>
<p>Allgemein versuchen wir uns in Missy an der Gestaltung einer feministischen Popkulturwelt, sowohl nach innen, in dem neue feministische Strukturen schaffen, als auch nach au&#223;en, in dem wir feministische Popkultur sichtbarmachen. Dar&#252;ber hinaus kritisieren wir aktuelle Popkultur mit feministischen Instrumentarien. Diese Auseinandersetzung ist wichtig, weil Pop Teil der Alltagskultur und Sozialisation eines jeden Menschen ist. Deswegen muss Popmusik, Fernsehen, Netzkultur oder Werbung genauso mit feministischen Mitteln kritisiert werden, wie bspw. Gesetze. Wir hoffen es gelingt uns, denn: Es gibt noch viel zu tun.</p>
<p>Das Heft ist in Deutschland, &#214;sterreich und der Schweiz am Kiosk und im Bahnhofsbuchhandel erh&#228;ltlich sowie im Abonnement und über Bestellung im Internet natürlich auch überall sonst auf der Welt.</p>
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		<title>Die Tomate weiter werfen… Feministische Gesellschaftskritik jenseits von Alpham&#228;dchen und F-Klasse</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Mar 2010 09:43:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Feministischer Arbeitskreis ‚Schöner leben‘</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interventionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Feminismus soll gerade f&#252;r junge Frauen wieder attraktiv gemacht werden. Cool und l&#228;ssig soll Feminismus sein und das Leben f&#252;r Frauen sch&#246;ner machen, so das Credo vieler B&#252;cher. Ist damit Feminismus schon so salonf&#228;hig, dass man/Frau dar&#252;ber gar nicht mehr in gesellschaftskritischer Form sprechen m&#252;sste? Dass sich dieser „neue Feminismus“ nicht auf alle Frauen bezieht und sich oftmals nicht als feministische Kritik an der gesamten Gesellschaft versteht, ist scharf zu kritisieren. Deshalb pl&#228;diert der „Feministische Arbeitskreis ‚Sch&#246;ner Leben‘“ aus M&#252;nster f&#252;r eine lokale feministisch gesellschaftskritische Bewusstseinsbildung. Leerstellen wie Rassismus, soziale Spaltungen und &#246;konomische Ausbeutung, die insbesondere Frauen treffen, zeigen, dass es notwendig ist feministische Widerstandspraxen innerhalb breiter sozialer Bewegungen zu etablieren!...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Feminismus soll gerade f&#252;r junge Frauen wieder attraktiv gemacht werden. Cool und l&#228;ssig soll Feminismus sein und das Leben f&#252;r Frauen sch&#246;ner machen, so das Credo vieler B&#252;cher. Ist damit Feminismus schon so salonf&#228;hig, dass man/Frau dar&#252;ber gar nicht mehr in gesellschaftskritischer Form sprechen m&#252;sste? Dass sich dieser „neue Feminismus“ nicht auf </strong><strong>alle Frauen bezieht und sich oftmals nicht als feministische Kritik an der gesamten Gesellschaft versteht, ist scharf zu kritisieren. Deshalb pl&#228;diert der „Feministische Arbeitskreis ‚Sch&#246;ner Leben‘“ aus M&#252;nster f&#252;r eine lokale feministisch gesellschaftskritische Bewusstseinsbildung. Leerstellen wie Rassismus, soziale Spaltungen und &#246;konomische Ausbeutung, die insbesondere Frauen treffen, zeigen, dass es notwendig ist feministische Widerstandspraxen innerhalb breiter sozialer Bewegungen zu etablieren!</strong></p>
<p>Debatten um Familienpolitik, Kinderbetreuung, Elterngeld und V&#228;terzeit ebenso wie der seit einiger Zeit in den Medien kursierende sogenannte „neue Feminismus“ scheinen auf den ersten Blick Diskussionen um Geschlechtergerechtigkeit wieder auf die politische Tagesordnung gebracht zu haben. So scheint der Feminismus in staatlichen Institutionen und in der b&#252;rgerlichen Mitte angekommen zu sein. Haben sich emanzipatorische Forderungen damit also erledigt?</p>
<p>Hervorgeholt aus der vermeintlichen Mottenkiste und befreit vom Mief der 70er Jahre soll Feminismus gerade f&#252;r junge Frauen wieder attraktiv gemacht werden. Feminismus kann cool und l&#228;ssig sein und soll das Leben sch&#246;ner machen, so Meredith Haaf, Susanne Klinger und Barbara Streidl in ihrem Buch „Wir Alpha-M&#228;dchen“. Thea Dorn propagiert in Abgrenzung vom Feminismus der 70er Jahre die neue F-Klasse, erfolgreiche Individualistinnen, die es geschafft haben, „ihre Projekte trotz Anfechtungen durchzusetzen und dennoch keine schmallippigen Karrieremaschinen geworden sind.“ Ebenso verabschieden sich die „neuen deutschen M&#228;dchen“ Jana Hensel und Elisabeth Raether von einem Popul&#228;r-Feminismus à la Alice Schwarzer und konzentrieren sich stattdessen in autobiografischer Weise auf das, was ihrer Auffassung nach der Feminismus au&#223;en vor gelassen hat: die Probleme, W&#252;nsche und Sehns&#252;chte des privaten Lebens von Frauen.</p>
<p>So ist auf den ersten Blick zu meinen, dass im Namen des sogenannten „neuen Feminismus“ in Form von Literatur wie Wir Alpha-M&#228;dchen oder die Neue F-Klasse, aber auch der Familienpolitik der gro&#223;en Koalition doch eigentlich Feminismus schon zum Mainstream und so salonf&#228;hig geworden ist, dass man/Frau dar&#252;ber doch gar nicht mehr in gesellschaftskritischer Form sprechen m&#252;sste.</p>
<p>Zu fragen ist aber, ob sich dieser sogenannte „neue Feminismus“ auf <strong>alle</strong> Frauen bezieht und inwiefern sich dieser tats&#228;chlich als feministische Kritik an der gesamten Gesellschaft versteht?</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Feministische Leerstellen</strong></p>
<p>Bei genauerem Hinsehen f&#228;llt n&#228;mlich auf, dass diese Art Post-Feminismus nichts gemeinsam hat mit einem gesellschaftskritischen Feminismus der sogenannten zweiten Frauenbewegung, die im Kontext der StudentInnenbewegung 1968 entstand. Ein Tomatenwurf w&#228;hrend der Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes war 1968 einer der Startsch&#252;sse f&#252;r diese zweite deutsche Frauenbewegung. Damals kritisierten die Studentinnen, der SDS ignoriere die Diskriminierung von Frauen. Als Teil sozialer Bewegungen und K&#228;mpfe formulierte sie eine fundamentale Kritik an bestehenden kapitalistischen Verh&#228;ltnissen. Die Perspektive der Generation der Alpha-Feministinnen ist jedoch eine andere. Ihnen geht es vor allem um sich selbst: Um mittelst&#228;ndische, intellektuelle Frauen auf der Karriereleiter steil nach oben. Ihr „feministischer“ Anspruch ist begrenzt auf individuelle Selbstverwirklichung und beruflichen Erfolg.</p>
<p>Die Lebenssituation von Migrantinnen, Hartz IV-Empf&#228;ngerinnen, Alleinerziehenden, um nur einige zu nennen, kommen hingegen nicht vor, geschweige denn, dass ein Blick &#252;ber den eigenen bundesrepublikanischen Tellerrand hinaus gemacht wird. So scheint es der neuen feministischen Avantgarde noch nicht aufgefallen zu sein, dass globale (patriarchale) Unrechtsstrukturen besonders auch Frauen betreffen und unter den Frauen selbst gro&#223;e Ungleichheitsverh&#228;ltnisse existieren.</p>
<p>Mag der Anspruch dieses sogenannten „neuen Feminismus“ das Lebensgef&#252;hl einer bestimmten Gruppe von Frauen aufgreifen, angesichts der aktuellen sozialen und politischen Entwicklungen greift er jedenfalls viel zu kurz. Leerstellen wie Rassismus, soziale Spaltungen, &#246;konomische Ausbeutung, Elitenf&#246;rderung und Klassenverh&#228;ltnisse zeigen, dass es sich im Gegenteil lohnt die „Tomate weiterzuwerfen…“</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Lokale feministische Bewusstseinsbildung</strong></p>
<p>Um eine feministische gesellschaftskritische Diskussion gerade unter Einbeziehung dieser Leerstellen anzusto&#223;en, konstituierte sich unter dem Namen „Feministischer Arbeitskreis ‚Sch&#246;ner leben‘“ Ende 2007 eine Gruppe von sechs Frauen im Umfeld des Institut f&#252;r Theologie und Politik und der attac-Regionalgruppe in M&#252;nster. Im Gegensatz zum entsolidarisierten B&#252;cherfeminismus bestand das Hauptanliegen der Gruppe darin, sich an lokaler feministischer Bewusstseinsbildung zu beteiligen.</p>
<p>Zum einen sollte die Frage danach gestellt werden, wie sich Formen feministischer Politik ver&#228;ndert haben? Wo gibt es heute Protest und Widerstand gegen Frauendiskriminierung und Geschlechterhierarchie, ohne die kapitalistische Gesellschaft nicht funktionieren w&#252;rde? Wie kann es gelingen, gleichzeitig die Geschlechterrollen und ganz grunds&#228;tzlich die Einteilung in zwei Geschlechter selbst als hierarchisch und &#252;berholt zu entlarven und zu bek&#228;mpfen? Wie k&#246;nnen wir Ans&#228;tze grunds&#228;tzlicher feministischer Kritik sichtbarer machen, miteinander ins Gespr&#228;ch bringen und &#246;ffentliche Debatten ansto&#223;en?</p>
<p>Dar&#252;ber hinaus ging es darum, die derzeit zum gr&#246;&#223;ten Teil fragmentierten lokalen feministischen Gruppen und Institutionen (z.B. die autonomen Frauenh&#228;user oder Frauenrechtsgruppen oder autonome Gruppen, die z.B. Ladyfeste organisieren, feministische Politik und Diskussionen an den Hochschulen oder in linken Gruppen organisieren) nicht nur sichtbarer werden zu lassen, sondern M&#246;glichkeiten st&#228;rkerer Vernetzung zu erschlie&#223;en.</p>
<p>Einige Monate traf sich die Gruppe, um sich &#252;ber aktuelle Debatten und Publikationen im Bereich ‚Feminismus‘ zu informieren. So diskutierten wir die oben genannten B&#252;cher und die Debatten um den daran anschlie&#223;enden ‚neuen Feminismus‘ in den Medien. Auf der anderen Seite diskutierten wir aber auch Publikationen z.B. des Feministischen Institut Hamburg (G. Winker, Melanie Gro&#223;: „Queer-/feministische Kritiken neoliberaler Verh&#228;ltnisse“, M&#252;nster 2007) oder von Frigga Haug (Die Vier-in-Einem-Perspektive, Hamburg 2008). Daraus entstand die Idee, eine Veranstaltungsreihe zum Thema „neuer Feminismus“ und m&#246;glicher Kritik daran zu initiieren. Klingt diese Vorstellung auch akademisch, ging es uns um sehr reale Alltagssituationen, die politisch eingesch&#228;tzt werden und in politische feministische Praxis umgesetzt sein wollen. Um die Fragestellungen in eine breitere &#214;ffentlichkeit zu tragen, haben wir im Fr&#252;hjahr 2009 eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Die Tomate weiterwerfen….Feministische Gesellschaftskritik jenseits von Alpha-M&#228;dchen und F-Klasse“ dazu durchgef&#252;hrt.</p>
<p><strong>„Die Tomate weiter werfen“ – Die Veranstaltungsreihe</strong></p>
<p>Mit dem Film „Bread and Roses“ von Ken Loach wurde die dreiteilige Veranstaltungsreihe er&#246;ffnet. Der im Jahr 2000 entstandene Film zeigt das Schicksal der illegalisierten mexikanischen Migrantin Maya, die in Los Angeles in einer Putzkolonne arbeitet und sich nach und nach politisiert und gewerkschaftlich organisiert, gleichzeitig aber dadurch auch in massiven Konflikt mit ihrer Schwester ger&#228;t. Der Film basiert auf den Erfahrungen der Gewerkschafts-Kampagne „Justice for Janitors“ in den USA und zeigt deutlich die Verquickung von sexistischer, rassistischer und sozialer Diskriminierung auf. Dies war uns ein besonderes Anliegen angesichts des neuen „Eliten-Feminismus“. Au&#223;erdem machte er die internationale Dimension des Themas deutlich.</p>
<p>Auf die Entstehung und Entwicklung der Frauenbewegung in Deutschland seit 1968 konzentrierte sich die Politologin Stefanie Ehmsen (Berlin) mit ihrem Vortrag unter dem Titel „Ausverkauf des Feminismus? Von der Revolution&#228;rin 1968 zur Gleichstellungsbeauftragten“. Im Anschluss daran entstand eine rege Diskussion unter den Teilnehmenden und mit der Referentin &#252;ber Chancen und Grenzen von aktueller Gleichstellungspolitik, &#252;ber Geschlechterverh&#228;ltnisse und – rechtm&#228;&#223;ig oder unrechtm&#228;&#223;ig – verloren gegangene Anspr&#252;che von Gesellschaftskritik aus feministischer Perspektive. Ganz grunds&#228;tzlich wurde &#252;ber die Definition von „Feminismus“ oder „Frauenbewegung“ und ihre Aktualit&#228;t diskutiert. Dabei wurden sehr kontroverse Positionen deutlich, die aber gut nebeneinander stehen gelassen werden konnten. Trotzdem konnte insgesamt unter den Beteiligten Konsens dar&#252;ber festgestellt werden, dass es notwendig ist, Diskriminierung und immer noch verfestigte Rollenbilder sowohl &#246;ffentlich als auch innerhalb von Beziehungen zu thematisieren.</p>
<p>Vor welche Herausforderungen feministische Gesellschaftskritik in Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise gestellt ist, analysierte die Soziologin Gabriele Winker (Hamburg). Ihr Vortrag nahm die Wirtschaftskrise als Ausgangspunkt, um den Ansatz der Intersektionalit&#228;t, der von Gabriele Winker und ihren Kolleginnen zurzeit entwickelt wird, vorzustellen. Dieser ber&#252;cksichtigt vier Kategorien – Geschlecht, K&#246;rper, ‚Rasse‘ und Klasse, um Unterdr&#252;ckung und Herrschaft auf drei Ebenen, n&#228;mlich Struktur, Repr&#228;sentation und Identit&#228;t, zu beschreiben. An der TU Hamburg, an der die Referentin lehrt, wird dieses Modell anhand einer Studie zu Erwerbslosigkeit von einem Forscherinnenteam zur Zeit getestet.</p>
<p>Die anschlie&#223;ende Diskussion drehte sich viel um die Verbindung des theoretischen Anspruchs des Modells ‚Intersektionalit&#228;t‘ mit konkreten politischen Notwendigkeiten, z.B. der Organisierung von feministischen Anliegen in Gruppen, B&#252;ndnisbildung und politischer Wirksamkeit. Angesichts der dominanten Interpretationen der Wirtschaftskrise und entsprechend konservativen Handlungsstrategien scheint zurzeit wenig Spielraum f&#252;r emanzipatorische Gesellschaftsver&#228;nderung zu existieren. Die Frage, wie konkret ein Aufbrechen dieser Dominanzen zurzeit m&#246;glich ist, musste offen bleiben. Die Betrachtungsweise des intersektionalen Ansatzes, unterschiedliche Herrschaftsformen zusammen zu denken und doch als eigenst&#228;ndige zu verstehen, wurde jedoch von der Mehrheit als sehr n&#252;tzlich f&#252;r Perspektiven von Ver&#228;nderung und neuen Strategien angesehen.</p>
<p><strong>Perspektiven und Potenziale feministischer Widerstandspraxen vor Ort</strong></p>
<p>Von mehreren Seiten bekamen wir Anerkennung daf&#252;r, das Thema aufgegriffen und in M&#252;nster &#246;ffentlich diskutierbar gemacht zu haben, da es kaum kritische Veranstaltungen dazu gibt. Durch die Suche nach Mitveranstaltenden ergaben oder vertieften sich Kontakte und es besteht das Interesse, weitere Veranstaltungen gemeinsam zu organisieren. Leider sind wir in M&#252;nster weit davon entfernt, (wieder!?) ein handlungsf&#228;higes feministisch-politisches B&#252;ndnis auf die Beine zu stellen &#8211; die letzte spektren&#252;bergreifende Vorbereitung des Internationalen Frauentags mit aussagekr&#228;ftigen Protest-Aktionen fand 2005 statt. Von daher muss es im Moment bei solchen kleinen Projekten und Anst&#246;&#223;en bleiben. Dennoch k&#246;nnen die verschiedenen feministischen Widerstandspraxen innerhalb breiter sozialer Bewegungen dazu beitragen, dass eine andere Welt denkbar wird, in der ein menschenw&#252;rdiges Leben f&#252;r alle selbstverst&#228;ndlich ist. So wollen wir weiterhin Ans&#228;tze feministischer Gesellschaftskritik sichtbar machen, Impulse und Ideen anzusto&#223;en und nach Handlungsm&#246;glichkeiten feministischen Widerstands f&#252;r eine gerechtere und solidarischere Welt zu suchen.</p>
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		<title>Mehr queere Kunst!</title>
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		<pubDate>Wed, 21 Oct 2009 09:16:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christiane Wehr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interventionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Gibt es &#252;berhaupt queere Kunst? Meine Antwort ist: „ja“. Damit werfe ich eine Reihe weiterer Fragen auf – unter anderem die sehr gro&#223;e Frage „Was ist &#252;berhaupt Kunst?“, die f&#252;r meinen Geschmack zu umfassend ist. Statt einer Antwort wird sich Leser_in mit einer Behauptung arrangieren m&#252;ssen: Kunst ist das, was zwischen dem Werk und den Betrachtenden entstehen kann. Mich interessieren an dieser Aussage die vielseitigen Formen des Dazwischen und nicht etwa, ob eine derart erweiterte Sichtweise auf Kunst akzeptabel ist oder nicht...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/e8bc2e7966084abab20d54bb0a896a9e" width="1" height="1" alt=""><br />
Gibt es &#252;berhaupt queere Kunst? Meine Antwort ist: <em>„ja“</em>. Damit werfe ich eine Reihe weiterer Fragen auf – unter anderem die sehr gro&#223;e Frage <em>„Was ist &#252;berhaupt Kunst?“,</em> die f&#252;r meinen Geschmack zu umfassend ist. Statt einer Antwort wird sich Leser_in mit einer Behauptung arrangieren m&#252;ssen: Kunst ist das, was <em>zwischen</em> dem Werk und den Betrachtenden entstehen kann. Mich interessieren an dieser Aussage die vielseitigen Formen des Dazwischen und nicht etwa, ob eine derart erweiterte Sichtweise auf Kunst akzeptabel ist oder nicht.</p>
<p>In queeren Zusammenh&#228;ngen hat das Dazwischen sein Heimspiel. Denn die St&#228;rken von queer liegen in einem &#220;berschuss, einem nicht eindeutigen <em>„Mehr, als das, was gemeint und benannt ist“</em>. Es ist ein kluger Versuch, das Mehr, was zwischen den etablierten Zuschreibungen und Sinnzusammenh&#228;ngen liegt, zu denken und es darzustellen. Sp&#228;testens hier wird f&#252;r manche die zweite, nicht weniger ausufernde Frage wichtig:<em> „Was verstehst du unter queer?“</em>. Das werde ich hier ebenfalls nicht direkt beantworten. Nur soviel: Eine Eigenschaft von queer scheint darin zu bestehen, gleichzeitig die unterschiedlichsten Bedeutungen zu erm&#246;glichen und mit einzubeziehen. Queeres Denken und Leben wird deshalb mit Vielfalt, Gerechtigkeit und mit der &#220;berschreitung und Aufl&#246;sung von Grenzen in Verbindung gebracht. Ich will zeigen, dass viele Ans&#228;tze dazu f&#252;hren, etwas als queere Kunst aufzufassen. Oder, als Frage formuliert: Was macht denn Kunst queer?</p>
<p><strong>Anspr&#252;che</strong></p>
<p><em>„Wir haben einen aktivistischen Ansatz, keinen kunsthistorischen.“</em></p>
<p><em>Gran Fury</em></p>
<p><em> </em>Queere Autor_innenschaft und queere Denk- und Lebensweise f&#252;hren nicht zwangsl&#228;ufig zu einer queeren Kunstproduktion. Kunst wird nicht allein dadurch queer, dass queere Leute sie gemacht haben. Bedauerlich ist in diesem Zusammenhang, dass Queersein f&#252;r viele, die sich dieses Label inzwischen angeeignet haben, nicht automatisch Politischsein bedeutet. Queer kann auch kein Ersatzbegriff f&#252;r lesbisch und schwul sein, denn sonst w&#228;re der Begriff wieder auf dem Weg, etwas zu vereindeutigen. Mein Bedauern verweist auf einen Anspruch an queer: Die Geschichte des Begriffs hat ihn zu einem nachweislich starken, politischen gemacht. Er transportiert daher neben Spa&#223; auch Verantwortung und kritische Handlungsweisen. Queerer Aktivismus f&#252;r Anerkennung von Differenz und Pluralit&#228;t hat sich aus eigenen Unterdr&#252;ckungserfahrungen der Aktivist_innen entwickelt. Deshalb pl&#228;diere ich daf&#252;r, dass Kunst, die das Adjektiv queer tr&#228;gt, gesellschaftskritisch, also politisch sein sollte. Ein gutes Beispiel f&#252;r queere Kunst sind die Flugbl&#228;tter, die Claude Cahun und Marcel Moore gestaltet haben. Einerseits wirken die Flugbl&#228;tter wie konkrete Poesie, andererseits wird mit ihnen gegen die Besetzung der Insel Jersey durch deutsche Soldaten im Jahre 1940 protestiert. Kunst muss nicht immer so offensichtlich zum Mittel f&#252;r Propaganda und Information werden. Sie kann ihre Kritik an Normen der Heterosexualit&#228;t, an Zweigeschlechtlichkeit, an Zuschreibungen, an Zw&#228;ngen zur Vereindeutigung und an Machtverh&#228;ltnissen auch auf subtile Weise transportieren. Ideal w&#228;re dar&#252;ber hinaus, wenn queere Kunst das, was im Allgemeinen unter Kunst verstanden wird, beeinflussen k&#246;nnte.</p>
<p><strong>Soziale Praxis &#8211; Sichtbarkeit beeinflussen</strong></p>
<p><em>„Der grundlegende Charakter sozialer Probleme ist, dass man sie teilt.“</em></p>
<p><em>Videokollektiv Testing The Limits</em></p>
<p><em> </em>Obwohl etwas zu sehen nicht hei&#223;t, zu wissen, <em>wie</em> etwas ist, wird Sichtbarkeit oft als wesentliche Absicht queerer Aktivist_innen genannt. Mehr Sichtbarkeit kann allerdings nicht nur mehr Akzeptanz hervorbringen, sondern auch bedeuten, st&#228;rker in die Normen der Gesellschaft eingebunden zu sein. Hieraus erw&#228;chst das neuere Bed&#252;rfnis doch lieber wieder unsichtbar zu werden. Es gibt zum Gegensatzpaar Sichtbarkeit &#8211; Unsichtbarkeit durchaus Alternativen. Gerade Kunst erm&#246;glicht, etwas jenseits vorhandener Kategorien – etwas das vorher nicht da war – vorstellbar zu machen. Ich denke dabei nicht an Irritation, das hei&#223;t die Abweichung von einer Norm, sondern an einen ganz neuen Sinnzusammenhang. Das erfordert jedoch von den K&#252;nstler_innen, nicht einfach die Wirklichkeit abzubilden, sondern die gesellschaftlichen Bedingungen f&#252;rs Sichtbar- beziehungsweise Unsichtbarwerden zu ber&#252;cksichtigen. Mit k&#252;nstlerischen Mitteln kann zum Beispiel vorstellbar werden, was als sch&#246;n und als &#228;sthetisch aufgefasst wird und welche Rolle dabei Geschlecht, <em>race, </em>Ability und Sexualit&#228;t spielen. Ein Kunstwerk kann &#252;ber seine eigenen Bedingungen Auskunft geben. Es kann zeigen, wer wen unter welchen Voraussetzungen anschaut beziehungsweise wer von wem angeschaut wird.  Es kann zeigen, wie Macht und Begehren des Blickens im Dazwischen funktionieren. Wird Kunst, wie oben beschrieben, als ein gemeinsames soziales T&#228;tigsein aufgefasst, das Bedingungen sichtbar macht, muss sie st&#228;ndig in Bewegung sein und sich stets aufs Neue verwirklichen. K&#252;nstler_innen – wollen sie an der Gesellschaft teilhaben und gleichzeitig Einfluss nehmen – erweitern ihr Repertoire st&#228;ndig, auch auf bisher so genannte kunstferne Bereiche. Wie weit geht die Einflussnahme der K&#252;nstler_innen? Wird ihre soziale Intervention &#252;ber die Werke deutlich?</p>
<p><strong>Queer Lesen – der Kontext als Kompliz_in</strong></p>
<p><em>„Je konservativer das Publikum, desto queerer das Bild.“</em></p>
<p><em>Bemerkung einer Teilnehmer_in auf dem Workshop „Queere Kunst“, der 2006 an der HfbK Hamburg stattfand.</em></p>
<p>Ging es bisher vor allem um die Produzent_innen, kommen nun die Konsument_innen st&#228;rker ins Spiel. Denn ein Bild, ein Film oder eine Performance sind so queer, wie sie f&#252;r das Publikum queer lesbar sind. Queere Kunst stellt sich immer im Zusammenhang – im Kontext – her. Kunst-Konsument_innen k&#246;nnen, in Form sozialer Praxis, in ein queerendes Ereignis verwickelt werden. Damit &#246;ffnet sich ein gro&#223;er Pool von Sinnzusammenh&#228;ngen und Bedeutung. Im Zusammenspiel der Bedingungen zwischen Betrachter_in und Kunstwerk h&#228;ngt die Lesart beziehungsweise die Wirkung eines Werkes vom Vorwissen, den mitgebrachten Sehgewohnheiten und Erwartungen ab. Auch Begehren und Affekte beim Betrachten sind wichtig. Nehmen sich die Betrachtenden wahr als die, die betrachten oder als die, die betrachtet werden? Bedeutsam ist dar&#252;ber hinaus das jeweilige Umfeld, in dem etwas gezeigt wird. Eine queere Absicht kann schief gehen. Ein Bild, eine Performance, ein Film, ein Projekt, k&#246;nnen queer gemeint sein, in einem anderen Kontext aber nicht als solches erkannt werden. Genauso ist es m&#246;glich, ein Kunstwerk queer zu lesen, wenn die Absicht der K&#252;nstler_in eine ganz andere war. Gibt es dennoch Kunst, die sich eher f&#252;r eine queere Lesart anbietet als andere?</p>
<p>Die Bedeutung eines Kunstwerks ist nicht abgeschlossen sondern entsteht durch bestimmte gesellschaftliche &#220;bereink&#252;nfte. Innerhalb dieses sozialen Kontexts liegen einige Bedeutungen eher nahe, andere werden in den Hintergrund gedr&#228;ngt. Je nach &#220;bereinkunft ist aber die (Um-)Deutung zum queeren Kunstwerk denkbar. Queeres Lesen ist die Suche nach L&#252;cken und Widerspr&#252;chen, also das Aufsp&#252;ren der von gesellschaftlichen &#220;bereink&#252;nften abweichenden M&#246;glichkeiten. Eine kritische Frage an ein Kunstwerk ist zum Beispiel, welche Aussagen darin gemacht und welche weggelassen werden. Nun kommt das erfreuliche Ereignis: Betrachter_innen k&#246;nnen – mindestens w&#228;hrend des Kunstkonsums – ihre gesellschaftliche Situation selbst herstellen, wenn sie die nahe gelegten Bedeutungen aber auch die L&#252;cken und Widerspr&#252;che ausnutzen und f&#252;r sich umbauen. Das Betrachten von Kunst wird so beweglich und das Festlegen von Bedeutung kurzfristig. Das (Kunst-)Werk wird zum Vexierbild: Eben noch als Werbung oder als Mainstream durchgegangen, k&#246;nnen ein Bild, ein Film, eine Performance, eine Installation, ein Projekt kurz darauf als queere Kunst genossen werden. Die Vielfalt der Lesarten verdeutlicht nochmals, dass Bedeutung nicht allein durch die Absicht der K&#252;nstler_innen in eine von ihnen gew&#252;nschte Richtung gesteuert werden kann. Es wird auch vorstellbar wie sich immer neue Lesarten entwickeln k&#246;nnen. Risiken der &#220;berinterpretation, der Austauschbarkeit und der Wirkungslosigkeit m&#252;ssen in Kauf genommen werden.</p>
<p><img title="Werbung" src="http://www.feministisches-institut.de/wp-content/uploads/2009/10/1_werbung.jpg" alt="Bild Werbung" width="400" height="300" /><img title="Plakat" src="http://www.feministisches-institut.de/wp-content/uploads/2009/10/2_plakat.jpg" alt="Bild Plakat" width="400" height="301" /><img title="Tafelbild" src="http://www.feministisches-institut.de/wp-content/uploads/2009/10/3_tafelbild.jpg" alt="Bild Tafelbild" width="400" height="261" /><img title="Zine" src="http://www.feministisches-institut.de/wp-content/uploads/2009/10/4_zine.jpg" alt="Bild Zine" width="400" height="288" /><img title="Performance" src="http://www.feministisches-institut.de/wp-content/uploads/2009/10/5_performance.jpg" alt="Bild Performance" width="400" height="527" /><img title="Film" src="http://www.feministisches-institut.de/wp-content/uploads/2009/10/6_film.jpg" alt="Bild Film" width="400" height="300" /></p>
<p><strong>Immer mehr als das, was gemeint ist</strong></p>
<p>Queere Kunst tritt in unterschiedlicher Weise in Erscheinung: als eine Ansammlung miteinander verwobener Bedingungen, Bedeutungen, Handlungsweisen und als eine an sich selbst gerichtete Fragestellung. &#220;ber das komplizierte Verh&#228;ltnis, das alle diese Sinnvarianten miteinander eingehen, habe ich die Selbstverst&#228;ndlichkeit, mit der nach dem <em>„Was ist?“</em> gefragt wird, aus dem Blickfeld ger&#252;ckt zugunsten eines breiter angelegten <em>„Wie geschieht das?“</em>. Diese Frage wird meines Erachtens eher dem Sinn queerer Kunst gerecht. Es ist demnach nicht wichtig, was queere Kunst ist, sondern es ist wichtig, sich die Wege anzusehen, die dazu f&#252;hren, sich ein Bild oder eine Vorstellung von etwas zu machen und sich dazu zu positionieren. Erst dann l&#228;sst sich normierendes Verhalten erkennen, st&#246;ren und beeinflussen. Queere Kunst ist nur in dem Ma&#223;e interessant, wie sie sich mit Bruch- und Konfliktpotenzial ihrer eigenen Kategorien, &#252;berschnitten mit weiteren gesellschaftlichen Kategorien – vor allem mit denen, die zu diskriminierenden Unterscheidungen f&#252;hren – auseinandersetzt.</p>
<p>Queere Kunst ist nichts Festes, sondern ein Mittel, um Sinnvarianten und den damit verkn&#252;pften Bedingungen nachzusp&#252;ren, ohne dabei dauerhaft in festen Kategorien haften zu bleiben. Die neuen Sinnzusammenh&#228;nge und Kategorien, die dabei entstehen, bleiben als Orientierungshilfe ma&#223;geblich und bilden mehr oder weniger hilfreiche Abh&#228;ngigkeiten. Ein wichtiger Punkt ist, &#252;ber queeres Lesen die st&#228;ndig ver&#228;nderbare Perspektive auf das, was als das jeweils Andere bezeichnet wird, zu erkennen. Queeres Lesen wirkt hier zun&#228;chst sehr befreiend, hat aber auch seine T&#252;cken. Mit der Umdeutung geschehen anstelle der alten Ausschl&#252;sse viel zu oft neue. Auch in queeren- und/oder Kunstszenen ist dies der Fall, wenn neue Abgrenzungen, wie zum Beispiel Aussehens-, Verhaltens- oder Deutungs&#252;bereink&#252;nfte Zw&#228;nge und Unwohlsein schaffen &#8211; was gerade vermieden werden soll. Das Prinzip aller Ausschl&#252;sse muss noch viel konsequenter unterlaufen, es muss noch viel mehr <em>verqueert</em> werden. Denn das Andere ist immer mehr als das, was gerade gemeint ist.</p>
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		<title>Ausverkauf oder gelungener Guerilla-Kampf? Die Massentauglichkeit von Beth Ditto, Peaches und Co.</title>
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		<pubDate>Sat, 25 Jul 2009 07:45:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Melanie Groß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interventionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Einigen K&#252;nstler_innen der riot grrrl und Ladyfest-Szene ist der Durchbruch in den Mainstream gelungen. Le Tigre sind schon l&#228;ngst zu einem Major-Label gewechselt, Peaches schafft es immer &#246;fter aufs Cover angesagter Musikzeitschriften und nun flimmert Beth Ditto &#252;ber alle Kan&#228;le – dick befreundet mit der Modeindustrie. Was ist von soviel Ruhm zu halten? Kann er als erfolgreiche Intervention in die Zeichenebene des Geschlechterdualismus interpretiert werden oder handelt es sich bei Massentauglichkeit immer gleich nur um Ausverkauf...?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Einigen K&#252;nstler_innen der riot grrrl und <a href="/ladyfest">Ladyfest</a>-Szene ist der Durchbruch in den Mainstream gelungen. Le Tigre sind schon l&#228;ngst zu einem Major-Label gewechselt, Peaches schafft es immer &#246;fter aufs Cover angesagter Musikzeitschriften und nun flimmert Beth Ditto &#252;ber alle Kan&#228;le – dick befreundet mit der Modeindustrie. Was ist von so viel Ruhm zu halten? Kann er als erfolgreiche Intervention in die Zeichenebene des Geschlechterdualismus interpretiert werden oder handelt es sich bei Massentauglichkeit immer gleich nur um Ausverkauf?</strong></p>
<p>K&#252;nstler_innen wie Peaches sind meiner Meinung nach eine gro&#223;e Bereicherung f&#252;r die Popkultur, wenngleich ihre feministischen und queer-|feministischen Grenz&#252;berschreitungen von geschlechtlichen und sexuellen Normen im Pop im Prinzip nichts Neues sind. So gab es gerade in dieser Szene immer schon etwas mehr Spielraum f&#252;r Darstellungsweisen von Geschlecht, die jenseits dessen liegen, was im Mainstream als &#8216;normal&#8217; und &#8216;nat&#252;rlich&#8217; gilt oder gegolten hat. Das Besondere an ihnen ist die explizit queer-|feministische Positionierung, die sie vornehmen. Peaches hat sich in der Kulturindustrie stets explizit f&#252;r feministische Ideen eingesetzt und mit Klischees von Frauen als Sexsymbol in erm&#228;chtigender Weise gespielt. Sichtbare Schamhaare, umgeschnallte Dildos und das provokative Fatherfuckers-Album sind hier nur kleine Beispiele, die in der Zurschaustellung zugleich sichtbar machen, was Frauen eigentlich nicht gestattet ist. Beth Ditto &#8211; ganz im Sinne der riot grrrl Szene der 1990er Jahre &#8211; &#252;berzeugt mit einer unglaublichen B&#252;hnenpr&#228;senz und mit ihrem queeren Lebensentwurf. Diese K&#252;nstler_innen artikulieren Sex, Geschlechtlichkeit, Begehren und K&#246;rper jenseits der Norm und erweitern somit Grenzen des Lebbaren und des Denkbaren. Ihre Popularit&#228;t weist meines Erachtens auf zweierlei hin: Zum einen zitieren sie (hetero-)sexistische und homophobe Elemente im Mainstream und unterlaufen sie subversiv, indem sie sie aufnehmen und umarbeiten. Mit dieser Guerilla-Strategie er&#246;ffnen sie R&#228;ume jenseits der rigiden Norm der Zweigeschlechtlichkeit mit all ihren Stereotypen und Rollenanforderungen. Sie machen Lebensweisen sichtbar und verschaffen damit auch denjenigen Sichtbarkeit, denen normalerweise der Subjektstatus in unserer Gesellschaft vorenthalten wird. In diesem Sinne ist Popularit&#228;t ein gro&#223;er Erfolg. Zum anderen funktioniert die Verwertungslogik nicht-normativer K&#246;rper und Lebensweisen aber immer auch &#252;ber die M&#246;glichkeit der Exotisierung, die einen erneuten Ausschluss bedeuten kann. Werden sie betrachtet als das Andere, das Ungew&#246;hnliche, das Bunte, mit denen &#8216;Normalos&#8217; sich hin und wieder gerne mal schm&#252;cken, um sich ihrer eigenen Normalit&#228;t und Durchschnittlichkeit zu vergewissern? Ich denke, dass es beides ist: eine nicht zu untersch&#228;tzende &#220;berschreitung von Geschlechternormen und gleichzeitig eine Disziplinierung durch Exotisierung. Letztlich kann das aber nicht am Schreibtisch entschieden werden, sondern ist eine je subjektive Betrachtungsweise in einem je subjektiven Kontext &#8211; es ist das, was Konzertbesucher_innen darin sehen und was sie daraus machen. F&#252;r die einen sind sie Ikonen, Vorbilder &#8211; die, die sich trauen, die, die laut sind und endlich queer-|feministische Positionen beziehen, so dass es bald niemand mehr &#252;berh&#246;ren kann. F&#252;r die anderen sind sie die schrillen, die &#252;berdrehten, die merkw&#252;rdigen aber ganz witzigen, die man sich hin und wieder mal ansieht und dann zufrieden &#252;ber die eigene heteronormale und -normative Kleinfamilie den Fernseher abschaltet.</p>
<p>Die Frage, warum diese K&#252;nstler_innen gerade jetzt so erfolgreich sind, scheint m&#252;&#223;ig. M&#246;glicherweise haben die letzten ca. 15 Jahre riot grrrl- und Ladyfest-Kultur es geschafft, nun endlich von der Subkultur in den Mainstream zu gelangen &#8211; auch wenn es sich hier nur um wenige Ausnahmen der unz&#228;hligen K&#252;nstler_innen handelt. F&#252;r junge Menschen sind sie sicher deshalb attraktiv, weil sie politische Inhalte in der Popkultur artikulieren und mit queer-|feministischen Statements auch das Bed&#252;rfnis vieler, die mehr Identit&#228;tsspielr&#228;ume wollen, widerspiegeln. Feminismus ist in diesem Kontext ein sehr ernstzunehmendes Spiel wider die Zweigeschlechtlichkeit und gleichzeitig eine massive Kritik an heterosexistischer und zumeist m&#228;nnlicher Macht innerhalb und au&#223;erhalb der Kulturindustrie. Das Dilemma der Popularit&#228;t liegt meines Erachtens in der Geschwindigkeit und F&#228;higkeit kapitalistischer Verh&#228;ltnisse, alles das, was anders und besonders ist, aufzusaugen und zu vermarkten. In neoliberalen Zeiten, wo Pluralit&#228;t und Individualit&#228;t zum Markenzeichen geworden sind, wo Modelabels mit Rebellion und Protest Werbung machen, w&#228;re eine weitere Lesart, dass queer-|feministische Popkultur genau dieses Segment ungewollt auch bedient. Das k&#246;nnte ein weiterer Grund sein, warum sie heute so popul&#228;r geworden sind: sie sind vermarktbar geworden. Allerdings bedeutet das nicht, dass sie aufgrund dessen kritisiert werden m&#252;ssten. Es hei&#223;t vielmehr, dass wir es mit einer Ambivalenz zu tun haben, die nicht aufl&#246;sbar ist. Es hei&#223;t allerdings auch, dass Protestartikulationen im Mainstream wandelbar bleiben m&#252;ssen, wenn sie nicht umgehend vermarktet werden wollen.</p>
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		<title>&#8220;In einem Spiel f&#252;r M&#228;nner braucht man keine Joker&#8221; &#8211; Das Sprechen &#252;ber Geschlecht bei Star Trek</title>
		<link>http://www.feministisches-institut.de/startrek/</link>
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		<pubDate>Sat, 27 Jun 2009 09:37:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Britta Hoffarth</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interventionen]]></category>
		<category><![CDATA[Star Trek]]></category>

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		<description><![CDATA[Geschlechterdarstellungen in popul&#228;ren Medien sind traditionell ein bedeutsames feministisches Thema, da sich in Medien dominante Vorstellungen von sowie ein Alltagswissen &#252;ber Geschlecht diskursiv kondensieren. Aus feministisch-informierter Perspektive wird in diesem Text eine Szene der Star Trek-Episode mit dem Titel 'Verbotene Liebe' (im Original 'The Outcast') einem Close Reading unterzogen, welches die Verhandlung von Geschlechterinszenierungen fokussiert...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Geschlechterdarstellungen in popul&#228;ren Medien sind traditionell ein bedeutsames feministisches Thema, da sich in Medien dominante Vorstellungen von sowie ein Alltagswissen &#252;ber Geschlecht diskursiv kondensieren. Aus feministisch-informierter Perspektive wird in diesem Text eine Szene der Star Trek-Episode mit dem Titel &#8216;Verbotene Liebe&#8217; (im Original &#8216;The Outcast&#8217;) einem Close Reading unterzogen, welches die Verhandlung von Geschlechterinszenierungen fokussiert. </strong></p>
<p>Zur Beschreibung der Szene: F&#252;nf, sechs Offiziere des Raumschiffs USS Enterprise sitzen gemeinsam um einen runden Tisch und spielen Karten. Der folgende Wortwechsel findet zwischen den weiblichen Offizieren Deana Troi und, Beverly Crusher sowie dem m&#228;nnlichen Sicherheitsoffizier Worf statt. Gegenstand der Unterhaltung sind &#8211; in diesem Moment nicht anwesende &#8211; Besucher der Enterprise, die J&#8217;naii. Sie unterscheiden sich von den bisher auf der Enterprise bekannten Spezies durch das signifikante Merkmal, dass sie weder als m&#228;nnlich noch als weiblich erkennbar sind, also kein eindeutig identifizierbares Geschlecht besitzen: &#8220;the J&#8217;naii are androgynous and do not identify themselves as either male or female&#8221; (<a href="http://www.startrek.com/startrek/view/series/TNG/episode/68540.html">Startrek.com</a>).               Das Erleben dieser Begegnung ist Thema im Gespr&#228;ch der Pokerrunde.</p>
<p>Troi: Also Freunde, in dieser Runde hei&#223;t das Spiel F&#246;derationstag.<br />
Worf: Und wieso?<br />
Troi: Nun, die F&#246;deration wurde 2161 gegr&#252;ndet. Das hei&#223;t, 2, 6 und Asse sind Joker.<br />
Worf: Das ist ein Spiel f&#252;r Frauen.<br />
Troi: So? Und warum bitte?<br />
Worf: So viele Joker dienen nur zur Unterst&#252;tzung eines schwachen Blattes. In einem Spiel f&#252;r M&#228;nner braucht man keine Joker.<br />
Crusher: Sie meinen also, das w&#228;re ein Spiel f&#252;r Frauen, weil wir Frauen schwach sind und Hilfe brauchen?<br />
Worf: Ja.<br />
Crusher: Erst heute Nachmittag gab ich einem der J&#8217;naii zu verstehen, dass eine solche Ansicht vollkommen antiquiert ist.<br />
Worf: Die J&#8217;naii. Sie nerven mich.<br />
Troi: Wieso, Worf?<br />
Worf: Sie tun es einfach. Weil sie alle gleich sind. Keine M&#228;nner, keine Frauen.<br />
Troi: Wir kommen ihnen sicher genauso komisch vor.<br />
Crusher: Einer der J&#8217;naii scheint bei sich einen Unterschied zu sp&#252;ren. Zumindest in Bezug zu einem von uns. Ich kann mich irren, aber ich habe den Eindruck, dass sich Soren zu Commander Riker hingezogen f&#252;hlt.<br />
Worf: Ein Mensch und ein J&#8217;naii? Ganz unm&#246;glich.<br />
Data: Wieso?<br />
Troi: Gute Frage. Worf?<br />
Worf: Bei diesen vielen Jokern ist es schwer zu sehen, was f&#252;r Karten man &#252;berhaupt hat. Wie auch immer, ich er&#246;ffne mit 50.</p>
<h3>What the hell is going on: Kontext und Thematisierungen von Geschlecht</h3>
<p>Ich m&#246;chte an dieser Szene zwei Aspekte vertiefen. Zum Ersten und recht verk&#252;rzt geht es um die Bedeutung des Raum-Arrangements, zum Zweiten und etwas ausf&#252;hrlicher um die Thematisierung von Geschlecht. Bedeutsam erscheinen mir diese Aspekte, weil sie miteinander verkn&#252;pft sind: Der erste Aspekt &#8211; der soziale Raum &#8211; stellt eine Erm&#246;glichungsbedingung des zweiten Aspekts &#8211; die Verhandlung von Verst&#228;ndnissen von Geschlecht &#8211; dar. Die r&#228;umlich-visuelle Inszenierung der Szene (das Kartenspiel, die Beleuchtung, die Anordnung der Figuren) metaphorisiert ein Stammtisch-Setting, in dem besondere Sprechregeln gelten. Damit wird funktional ein Raum geschaffen, in dem sich ein sowohl informelles wie formelles Sprechverbot umgehen l&#228;sst, das w&#228;hrend anderer Settings die Thematisierung des Privaten verhindert. In der Inszenierung dieses Bruchs artikuliert sich die Existenz sozialer Praxen der Professionalit&#228;t im System Enterprise: Thematisierungen der eigenen ideellen Disponiertheit als pers&#246;nliche Ansicht, wie in diesem Fall durch Worf, sind formal unerw&#252;nscht. Das Stammtisch-Arrangement &#246;ffnet so einen informellen Rahmen, in dem die M&#246;glichkeit besteht, ein privatisiertes Unbehagen in einer sehr spezifizierten &#214;ffentlichkeit zu &#228;u&#223;ern, ohne den eigenen Status des Professionellen zu gef&#228;hrden.</p>
<p>Das Arrangement hat also die Funktion, Sprechen &#252;ber speziell Tabuisiertes zu erm&#246;glichen. Was ist tabu? Das Sprechen &#252;ber Geschlecht, genauer, &#252;ber das Unbehagen daran, Geschlecht nicht eindeutig identifizieren zu k&#246;nnen. Mit seiner Bemerkung &#8220;Das ist ein Spiel f&#252;r Frauen.&#8221; leitet Worf &#8220;Geschlecht&#8221; als Topos ein. Er artikuliert mit seiner Aussage seine Geringsch&#228;tzigkeit erstens gegen&#252;ber den von Troi vorgeschlagenen Regeln im Speziellen sowie zweitens gegen&#252;ber &#8220;Frauen&#8221; im Allgemeinen. Worfs Konzept von Weiblichkeit wird zun&#228;chst nicht genauer spezifiziert, hier wird von ihm bei den Anwesenden ein Allgemeinwissen dar&#252;ber vorausgesetzt, was unter dem Begriff verstanden werden soll. In dieser ritualisierten, allt&#228;glichen Nicht-Thematisierung dessen, dass es sich um ein Konzept handelt, das nicht allein biologische Tatsachen beschreibt, sondern vor allem wirksame Strukturen der Ungleichverteilung von Macht transportiert, formt sich besonders das Normative heraus, das in der Voraussetzung steckt: Wenn ich &#8220;Frau&#8221; sage, wissen nicht nur alle, was ich meine, sondern sie sind auch mit dem einverstanden, was ich darunter verstehe. Crusher paraphrasiert &#8211; m&#246;glicherweise ironisierend &#8211; Worfs Pr&#228;misse, indem sie fragt: &#8220;Sie meinen also, das w&#228;re ein Spiel f&#252;r Frauen, weil wir Frauen schwach sind und Hilfe brauchen?&#8221; Sie widerspricht dieser von ihm best&#228;tigten Aussage &#252;ber Frauen im n&#228;chsten Satz, indem sie seine Ansicht als &#8220;antiquiert&#8221; bezeichnet und damit eine machtvolle Erz&#228;hlung zitiert, in der eine ehemals oder an anderem Ort g&#252;ltige Wahrheit &#252;ber Geschlecht (etwa &#8220;Frauen sind schw&#228;cher als M&#228;nner&#8221;) durch eine andere, neuere Wahrheit (ja, welche denn nun?) ersetzt und damit delegitimiert werden: Crusher bezeichnet Worfs Ansicht als &#8220;antiquiert&#8221;. In dieser kurzen Sequenz findet eine Verhandlung von Geschlecht (&#8220;weil wir Frauen schwach sind und Hilfe brauchen&#8221;) sowie eine Verhandlung von Regeln des Sprechens &#252;ber Geschlecht (&#8220;dass eine solche Ansicht vollkommen antiquiert ist&#8221;) statt.</p>
<p>Worfs affektiv kodierte Aussage &#8220;Die J&#8217;naii, sie nerven mich&#8221;, zitiert zum einen eine Praxis der Unterscheidung nach Ethnie, zum anderen eine Praxis, in der solcherart konstruierte Unterscheidungen als emotional relevant dargestellt werden, wodurch ihre kulturelle Konstruiertheit durch die Konstruktion individueller Relevanzstrukturen verdeckt wird.</p>
<p>Neben anderen Aussagen, die auf Praxen der Wahrheitskonstruktion hin analysierbar w&#228;ren, f&#228;llt vor allem Worfs Forderung nach heteronormativen Unterscheidungsmerkmalen ins Auge. Sein Vorwurf lautet: &#8220;Sie sind alle gleich. Keine M&#228;nner, keine Frauen.&#8221; Die von ihm konstatierte &#8220;Gleichheit&#8221; bezieht sich auf visuell erkennbare Geschlechtsmerkmale. Die Geschlechtslosigkeit der J&#8217;naii wird hier als Versto&#223; gegen bekannte kulturelle (K&#246;rper-Inszenierungs-)Praxen markiert. Die J&#8217;naii besitzen in der heteronormativ strukturierten Kultur der Enterprise, welche &#8211; darauf weist Worf hin &#8211; den legitimen Handlungs- und Sprechrahmen setzt, keinen Status der Fraglosigkeit, sie werden als Abweichler markiert. Worf stellt somit ein Moment des Ausschlusses her, indem er auf die Kategorien &#8220;M&#228;nner&#8221; und &#8220;Frauen&#8221; zur&#252;ckgreift. Mit der Wiederholung dieser Kategorien und ihrer Setzung als absolute Wahrheit reproduziert Worf eine Matrix der Zweigeschlechtlichkeit als normativ, fraglos und gut.</p>
<p>Der Protest gegen diese Reproduktion heteronormativer Strukturen, den in dieser Szene Troi und Crusher &#252;bernehmen, gilt nicht der Problematik der performativen Wiederherstellung bin&#228;rer Geschlechternormen, sondern vielmehr der Problematik, dass diese Wiederherstellung eine &#8220;antiquierte Ansicht&#8221; darstellt. Diese Kritik ist zweifach problematisch. Zum Ersten ist der Verweis &#8220;antiquiert&#8221; lesbar als ‚unhip&#8217;, hier wird also gegen ein Gebot des Chic versto&#223;en. Dieser Verweis thematisiert jedoch nicht die Verwobenheit von Geschlecht und Machtverh&#228;ltnissen und erlebten sozialen Ungleichheiten. Zum Zweiten markiert sich Worfs Aussage als Artikulation einer individuellen Ansicht, nicht als Artikulation einer diskursiven Wahrheit, die jahrhundertlang f&#252;r eben diese Ungleichheit gesorgt hat. Diese Markierung als individuell entsch&#228;rft das Performative und Machtaffirmierende seiner Aussage. Das hinter dieser Aussage zu rekonstruierene Argument k&#246;nnte lauten: Eine Ansicht ist etwas Pers&#246;nliches, kann frei ge&#228;u&#223;ert werden, ist etwas Harmloses, muss nicht geteilt werden. Allerdings stellt sie das Performativ eines geteilten historischen Common Sense dar und besitzt damit eine ganz andere Wirkmacht.</p>
<h3>Weiterdenken und Science Fiction</h3>
<p>Dieses kleine und unvollendete Close Reading des noch viel kleineren Ausschnitts aus Star Trek kann allenfalls eine heuristische &#220;bung darstellen, deren Ziel nicht sein kann, wahre Aussagen &#252;ber Geschlechterdarstellungen bei Star Trek zu formulieren, sondern deren Ziel es vielmehr ist, eine Diskussion zu er&#246;ffnen, die sich beispielsweise mit den Bedingungen besch&#228;ftigt, unter welchen Wahrheiten &#252;ber Geschlecht in einer Gesellschaft formuliert werden und zirkulieren, die wesentlich durch Medien mitgepr&#228;gt wird.</p>
<p>Im Zusammenhang mit dieser Diskussion ist es sicher spannend, nach der textuellen Beschaffenheit von Science Fiction (etwa Zipfel 2001) zu fragen, speziell unter der Pr&#228;misse, Geschlecht selbst im Alltag, au&#223;erhalb von Medien, als fiktionalen Text zu verstehen, der allerdings nicht theoretisch, sondern individuell erlebbar und k&#246;rperlich relevant wird.</p>
<p>Science Fiction spielen mit den Grenzen des m&#246;glichen Unm&#246;glichen und verhandeln, was wir als wirklich verstehen ebenso wie das, was wir als wirklich erleben. &#8220;Star Trek promises so much to so many. Its textual credos include Infinite Diversity in Infinite Combinations (IDIC) and the Prime Directive (…). Star Trek&#8217;s visible attempts to ethnic and gender diversity (…) superficially validate liberal perspectives on multiculturalism and feminism&#8221; (Harrison et al. 1996:1). Science Fiction als Genre stellt kulturelle Mittel zur Verf&#252;gung, die die M&#246;glichkeiten der Verhandlung von Geschlechterdispositiven erweitern. Dennoch sind neue Verst&#228;ndnisse von Medien vonn&#246;ten, die sich vom Diktum der Medienwirkung l&#246;sen und Medien vielmehr als diskursive Agenten konzipieren denn als Wahrheitsmaschinen.</p>
<h3>Literatur</h3>
<ul>
<li>Bernardi, Daniel Leonard (1998): Star Trek And History, New Jersey</li>
<li>Harrison, Taylor; Projansky, Sarah; Ono, Kent A.; Helford, Elyce Rae (1996): Enterprise Zones, Boulder</li>
<li>Pounds, Michael (1999): Race in Space, Kent</li>
<li>Rauscher, Andreas (2003): Das Ph&#228;nomen Star Trek, Mainz</li>
<li>Scheer, Uta (2002): Neue Geschlechterwelten?, M&#252;nster</li>
<li>Zipfel, Frank (2001): Fiktion, Fiktivit&#228;t, Fiktionalit&#228;t, Berlin</li>
</ul>
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		<title>Queer goes Pop? Zur Ambivalenz von Sichtbarkeit und Disziplinierung im Mainstream</title>
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		<pubDate>Sat, 18 Apr 2009 10:12:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Melanie Groß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interventionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Queer ist inzwischen ein fester Bestandteil der uns umgebenden Popkulturen. Doch wie ist das Verh&#228;ltnis von Queer und Pop? Um welchen Preis wird Queer Pop? Das Spannungsfeld von Sichtbarkeit und Disziplinierung er&#246;ffnet einerseits neue R&#228;ume f&#252;r Identifikationen und &#252;berschreitet Grenzen ‚des Normalen', andererseits begrenzt es diese R&#228;ume zugleich.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Queer ist inzwischen ein fester Bestandteil der uns umgebenden Popkulturen. Doch wie ist das Verh&#228;ltnis von Queer und Pop? Um welchen Preis wird Queer Pop? Das Spannungsfeld von Sichtbarkeit und Disziplinierung er&#246;ffnet einerseits neue R&#228;ume f&#252;r Identifikationen und &#252;berschreitet Grenzen ‚des Normalen&#8217;, andererseits begrenzt es diese R&#228;ume zugleich.</strong></p>
<p>Ein Blick ins Fernsehen f&#246;rdert heute erstaunliche Mengen an queeren Lebensweisen zutage. Seien es Daily Soaps wie             <a href="http://www.daserste.de/verboteneliebe">Verbotene Liebe</a> (ARD), aufw&#228;ndig produzierte US-amerikanische Prime             Time Serials wie <a href="http://www.hbo.com/sixfeetunder/about/index.shtml">Six Feet Under</a> (HBO/VOX) oder deutsche             Doku-Soaps wie <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Frauentausch_%28Fernsehsendung%29">Frauentausch</a> (RTL 2) &#8211; ohne Schwule, Lesben, trans- oder bisexuelle Charaktere scheinen sie alle nicht mehr auszukommen. In der Verbotenen Liebe sehen wir Lesben heiraten und einen Schwulen gegen die Homophobie im Amateur- und Profi-Boxen k&#228;mpfen. In Six Feet Under sind wir beeindruckt von einem sehr religi&#246;sen Beerdigungsinstitutsleiter, der mit einem Ex-Polizisten zusammenlebt und Kinder adoptiert. &#220;ber f&#252;nf Staffeln der Serie hinweg ist ihre Beziehung die einzige, die Bestand hat. Bei Frauentausch tauchen statt der sonst ihre Qualit&#228;ten als Hausfrauen und M&#252;tter demonstrierenden Frauen Drag-Queens wie <a href="http://www.youtube.com/watch?v=HxzU2ambYFY">Nina</a> auf, die die Gastfamilie in der tristen Platte mit ausgedr&#252;ckten Kippen im Blumentopf und demonstrativ zur Schau gestelltem Desinteresse an h&#228;uslichen T&#228;tigkeiten zur Verzweiflung bringt.</p>
<p>Neben solchen Highlights sind in den letzten Jahren auch komplette Serien entstanden und erfolgreich gewesen, die explizit             nicht-heterosexuelle Geschichten erz&#228;hlen: <a href="http://www.sho.com/site/queer/home.do">Queer as Folk</a> (Showtime/Pro7)             oder <a href="http://www.sho.com/site/lword/home.do%20und%20http://www.l-word.org/">The L-Word</a> (Showtime/Pro7) haben             gro&#223;e Zuschauer_innenzahlen erreicht. Gerade r&#228;umt mit <a href="http://www.imdb.com/media/rm3813709568/tt0496328">Itty-Bitty-Titty-Committee</a> ein Indie-Kino-Film haufenweise Preise ab mit der Geschichte einer radikal-postmodern-queer-trans-feministischen             Aktivist_innen-Gruppe, die mit Witz, Sex und Radikalit&#228;t politische Aktionen ungemein attraktiv erscheinen l&#228;sst.</p>
<p>Auch wenn sich der Eindruck nicht von der Hand weisen l&#228;sst, dass in Zeiten von &#246;konomistisch verstandenem Diversity Management das Augenmerk der Werbeindustrie auf der Erschlie&#223;ung neuer Marktsegmente liegen d&#252;rfte: Diese Pr&#228;senz und Sichtbarkeit von sexuell verd&#228;chtigen Lebensweisen im Mainstream ist in dieser Breite neu und hoch erfreulich. Noch bis in die 1980er Jahre hinein war Homosexualit&#228;t auf der Leinwand und im Fernsehen entweder verschl&#252;sselt zu sehen, oder die Darstellungen bewegten sich meist in sehr engen Klischees, Abwertungen oder exzentrischen Exotisierungen. Bis in die 1960er Jahre war die Darstellung von Homosexualit&#228;t im US-amerikanischen Kino durch den von 1934 bis 1967 geltenden Hays-Code g&#228;nzlich verboten und l&#228;sst sich in vielen Produktionen nur ‚zwischen den Zeilen&#8217; erkennen (vgl. <a href="http://www.kultur-online.net/?q=node/2120">Gasperi 2008</a>).             Der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hays_Code">Hays Code</a> war nie gesetzlich verankert, umso m&#228;chtiger aber fungierte er als Freiwillige Selbstkontrolle der Hollywood-Produktionsfirmen: Eine eigens zur Kontrolle eingesetzte Production Code Administration nahm jedes Drehbuch unter die Lupe und konnte hohe Geldstrafen verh&#228;ngen. Erst ein Gerichtsbeschluss aus den 1960er Jahren setze dem Hays Code schlie&#223;lich ein Ende.</p>
<h2>Sichtbarkeit er&#246;ffnet R&#228;ume f&#252;r Identifikation</h2>
<p>Die heute deutlich breitere Sichtbarkeit und Normalit&#228;t f&#252;r verschiedene sexuelle Orientierungen und Identit&#228;ten er&#246;ffnet neue R&#228;ume f&#252;r vielf&#228;ltigere Identifikationen. Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender oder Transsexuelle werden durchaus differenziert und individuell dargestellt. Diese Sichtbarkeit tr&#228;gt auch ins letzte provinzielle Wohnzimmer, dass es auf dieser Welt auch etwas anderes als die heteronormative Klein- und Kleinstfamilie gibt. Die gezeigten Zweier-Liebesverh&#228;ltnisse sind zwar nicht g&#228;nzlich entstandardisiert und die Figuren sind auch nicht polymorph pervers &#8211; aber zumindest scheinen sie nur noch seriell monogam zu sein.</p>
<p>Die Repr&#228;sentationen der Charaktere sind vielf&#228;ltig: Gerade die Logik der Serie bietet mehr Spielr&#228;ume als ein m&#252;hsam formuliertes Flugblatt sie je aufzeigen k&#246;nnte: Nicht eine einzige Familie in der Verbotenen Liebe ist ‚klassisch&#8217;: Es sind hochkomplexe Patchwork-Familien, mehrfach wechseln M&#252;tter und V&#228;ter, Kinder kommen dazu, verschwinden wieder. Gerade die Daily Soaps pr&#228;sentieren uns das umk&#228;mpfte Feld der Identit&#228;t auf verbl&#252;ffend postmoderne Weise: Figuren wechseln ihre Identit&#228;ten und sexuellen Orientierungen, wie es gerade ins nie enden d&#252;rfende Drehbuch passt &#8211; sogar die Schauspieler_innen werden hin und wieder einfach ausgetauscht, ohne dass die Handlung unterbrochen w&#252;rde.</p>
<h2>Was ist der Preis der Sichtbarkeit?</h2>
<p>Und dennoch &#8211; bei aller Begeisterung: Sichtbarkeit von Queers im Pop gibt es nur f&#252;r den Preis der Disziplinierung. So             d&#252;rfen Schwule in der <a href="http://www.lindenstrasse.de/">Lindenstra&#223;e</a> (ARD) immer noch keinen Sex haben &#8211; Frauen in The L-Word daf&#252;r umso mehr. Die heteronormative Schaulust begrenzt die Sichtbarkeit auf ein scheinbar ertr&#228;gliches Mittelma&#223;, das nicht &#252;berfordert und dennoch die Lust auf das Exotische, das Andere bedient und n&#228;hrt. Zweigeschlechtlichkeit wird nur ausgesprochen selten grunds&#228;tzlich in Frage gestellt. Heteronormativit&#228;t als Matrix der Gesellschaft bleibt in der Regel unhinterfragt. Auch wenn Familien beispielsweise immer br&#252;chiger werden, suchen die meisten Figuren auf der Leinwand immer noch ihr Gl&#252;ck in der romantischen Zweierbeziehung. So bleibt Sichtbarkeit in einem Spannungsverh&#228;ltnis von Normalisierung auf der einen Seite und Disziplinierung auf der anderen Seite, um anschlussf&#228;hig an heterosexuell verfasste Gesellschaften zu bleiben &#8211; das eine ist ohne das andere nicht zu haben.</p>
<p>Es w&#228;re allerdings ein Fehler ‚abweichende&#8217; Sexualit&#228;ten im Mainstream nur dann anzuerkennen, wenn sie politisch korrekt und progressiv daher kommen w&#252;rden &#8211; damit werden Lebensweisen und Identit&#228;ten auch aus kritischer Perspektive markiert und zum Anderen gemacht. Warum sollte eine Lesbe in einer Daily Soap nicht stinklangweilig und spie&#223;ig sein d&#252;rfen? Das sind alle anderen Figuren ja auch.</p>
<p>Das Salz in der popkulturellen Suppe sind aber nat&#252;rlich genau die Figuren und Geschichten, die mit Hegemonialem             brechen &#8211; es entweder &#252;berspitzen oder unterlaufen, die Geschichten re-artikulieren, umschreiben, neu und anders             zitieren. Sie sind immer noch radikaler, lauter und progressiver und eher im Independent-Bereich zu finden als im             Mainstream, aber immer &#246;fter &#252;berschreiten sie die Grenzen.</p>
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