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	<title>Feministisches Institut Hamburg &#187; Gewalt</title>
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		<title>Zum Konzept der &#8220;T&#228;uschung&#8221; &#8211; Einladung zu queer-feministischen Veranstaltungen in Bremen:  „Queer-feministische Debatten, Reflexionen und Interventionen“</title>
		<link>http://www.feministisches-institut.de/taeuschung/</link>
		<comments>http://www.feministisches-institut.de/taeuschung/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 19 May 2011 09:14:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ines Pohlkamp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gewalt]]></category>

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		<description><![CDATA[Queer-feministische Perspektiven setzen an alltagsweltlichen Erz&#228;hlungen an und positionieren sich herrschafts- und identit&#228;tskritisch. Sie stellen Normalit&#228;ten in Frage, fokussieren Br&#252;che und gehen davon aus, dass die Suche nach der einen "Wahrheit" vergeblich ist. Die "T&#228;uschung" ist ein Gegenst&#252;ck der "Wahrheit". Das Konzept der "T&#228;uschung" zu dekonstruieren ist wesentlicher Bestandteil queer-feministischer Betrachtungen. Um dies nachvollziehbarer zu machen, m&#246;chte ich zu einem gedanklichen Vergleich zweier recht unterschiedlicher alltagsweltlicher Beispiele mit den Elementen "T&#228;uschung", "Betrug" und "Wahrheit" einladen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Queer-feministische Perspektiven setzen an alltagsweltlichen Erz&#228;hlungen an und positionieren sich herrschafts- und identit&#228;tskritisch. Sie stellen Normalit&#228;ten in Frage, fokussieren Br&#252;che und gehen davon aus, dass die Suche nach der einen &#8220;Wahrheit&#8221; vergeblich ist. Die &#8220;T&#228;uschung&#8221; ist ein Gegenst&#252;ck der &#8220;Wahrheit&#8221;. Das Konzept der &#8220;T&#228;uschung&#8221; zu dekonstruieren ist wesentlicher Bestandteil queer-feministischer Betrachtungen. Um dies nachvollziehbarer zu machen, m&#246;chte ich zu einem gedanklichen Vergleich zweier recht unterschiedlicher alltagsweltlicher Beispiele mit den Elementen &#8220;T&#228;uschung&#8221;, &#8220;Betrug&#8221; und &#8220;Wahrheit&#8221; einladen.</strong></p>
<p>(1) Karl-Theodor zu Guttenberg habe &#8220;vors&#228;tzlich get&#228;uscht&#8221;, hei&#223;t es in der Stellungnahme der Universit&#228;t Bayreuth (vgl. <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/plagiatsaffaere-bundeswehrreform-kundus-affaere-das-elend-des-talentierten-herrn-guttenberg-1.1094287">Heribert Prantl 2011</a>). Guttenberg ist damit in drei zentralen M&#228;nnlichkeiten-produzierenden Normierungsinstanzen gescheitert: in der Wissenschaft, in der Politik und als Verteidigungsminister im Feld des Milit&#228;rischen. Seine &#8220;T&#228;uschung&#8221; der Wissenschaft versuchte er zu entschuldigen, indem er erkl&#228;rte, diese sei auch eine Folge von Mehrfachbelastungen als junger Familienvater (vgl. <a href="http://derstandard.at/1297818756254/Guttenberg-erklaert-sich-War-hochmuetig-und-ueberlastet">Birgit Baumann 2011</a>).</p>
<p>(2) Eine Pflegekraft berichtete mir von folgendem &#220;bergriff im Krankenhaus, der keinen Einzelfall darstelle. Wenn Trans*Patient_innen zu betreuen seien, k&#228;me es mitunter zu &#8220;Aufruhr im Personal&#8221;. Nicht zust&#228;ndige &#196;rzt_innen und Pflegepersonal w&#252;rden in die An&#228;sthesie kommen, um sich sogar w&#228;hrend der Narkose ein Bild davon machen zu k&#246;nnen, &#8220;wie die aussehen&#8221;. Sie berichtete davon, die Kolleg_innen in solchen F&#228;llen f&#246;rmlich rauswerfen zu m&#252;ssen, um deren &#8220;Neugierde zu stoppen“.</p>
<p><strong>Gemeinsamkeiten &amp; Unterschiede</strong></p>
<p>Die Gemeinsamkeiten beider Ereignisse sind schnell skizziert: In beiden F&#228;llen sind Normierungsinstanzen wie Medizin bzw. Wissenschaft beteiligt. In beiden F&#228;llen geht es um normative Wahrheitsproduktionen: Auf der einen Seite handelt es sich um &#8220;T&#228;uschung&#8221; und Entlarvung in Wissenschaft und Politik und auf der anderen Seite um medizinische Ethik und Eindeutigkeit in Geschlechterfragen. Gemeinsam ist beiden F&#228;llen zudem die Entdeckung einer (vermeintlich) verwerflichen Devianz. Ansonsten &#252;berwiegen die Unterschiede:</p>
<p>Der Pressewirbel um Karl-Theodor zu Guttenberg ist/war enorm. Sein Ruf ist ruiniert, seine weitere politische Karriere ist – zumindest vorerst – gescheitert. Auch wenn er selbst keine Gewalt erfahren hat, ist die H&#228;rte der H&#228;me gegen ihn m&#246;glicherweise schmerzhaft. Zudem hat der Vorfall eine breite mediale Diskussion um &#8220;Wahrheit&#8221; und Ehrlichkeit in der Wissenschaft ausgel&#246;st.</p>
<p>Demgegen&#252;ber steht ein Ereignis im Krankenhaus, das keinen medialen Wirbel ausl&#246;st. Transphobe Gewalt ist kein &#246;ffentliches Thema. Die betroffene Person und das beteiligte Personal besitzen keinerlei Prominenz. Der voyeuristische &#220;bergriff im Krankenhaus geht im Alltagsgeschehen unter. Transphobie als vermutete Aufdeckung einer &#8220;geschlechtlichen T&#228;uschung&#8221; bleibt unbeachtet und die normative Kraft der Zweigeschlechtlichkeit unhinterfragt.</p>
<p>Die Normierungsinstanzen konstruieren das Andere, indem sie es als &#8220;T&#228;uschung&#8221; oder Betrug in den Blick nehmen. Das Personal im Krankenhaus sieht sein gewaltsames Handeln durch ein Alltagsverst&#228;ndnis von Geschlecht legitimiert, dass besagt, dass in erster Linie Frauen und M&#228;nner existieren. Alle Anderen sind in heteronormativen Augen &#8220;exotisch&#8221; geschlechtliche Ausnahmen. In einem bin&#228;ren Denk- und Geschlechtersystem ist Zweigeschlechtlichkeit das Gegenst&#252;ck zur Konstruktion anderer Geschlechter. Es existieren demnach &#8220;wahre&#8221; Geschlechter und &#8220;weniger wahre&#8221; Geschlechter, wie Personen, die sich transsexuell, transgender, intersexuell oder anders nennen (m&#252;ssen).</p>
<p>Die Wissenschaftler der Universit&#228;t Bayreuth mussten Karl-Theodor zu Guttenberg bescheinigen, dass er nicht aufrichtig, ehrlich und wahrheitsgem&#228;&#223; gehandelt hat, dass er get&#228;uscht, betrogen oder gelogen hat. Legitimierend wirkt eine wissenschaftliche Ethik, die das &#8220;Abschreiben&#8221; nicht erlaubt. Guttenberg wird durch sein Handeln zum Plagiator, zum &#8220;scientific outlaw&#8221;. Die_der Patient_in wird ebenfalls – aber von au&#223;en – falsch zitiert und zum geschlechtliche Anderen konstruiert.</p>
<p>Der Plagiator wurde enttarnt. Das Outing kam nachgelagert. Die &#214;ffentlichkeit wurde darauf aufmerksam gemacht, dass er abgeschrieben hat. Der Doktortitel wurde aberkannt. Das Coming-Out der_des Patient_in als Trans* Person war vermutlich der Versuch, dem Vorwurf einer &#8220;geschlechtlichen T&#228;uschung&#8221; entgegenzuwirken und m&#246;gliche gewaltsame Konsequenzen auszuhebeln. Denkbar w&#228;re aber auch, dass ihre_seine geschlechtliche Orientierung aufgrund der Behandlung oder der Krankenakte im medizinischen Personal &#8220;durchsickerte&#8221;. In jedem Fall war die vermeintliche &#8220;T&#228;uschung&#8221; bekannt und f&#252;hrte dazu, dass die Person ohne ihr Wissen gedem&#252;tigt und der Gewalt ausgesetzt wurde. Diese Abgrenzungsleistung des Personals reproduziert im gleichen Atemzug die heteronormative Zweigeschlechtlichkeit durch die Konstruktion eines Anderen.</p>
<p><strong>„T&#228;uschung“-“Wahrheit“-Eindeutigkeit</strong></p>
<p>Wo eine &#8220;T&#228;uschung&#8221; ist, da ist das Feld des Aufruhrs nicht weit. Eine &#8220;T&#228;uschung&#8221; zu entlarven ist machtvoll: Sie diskreditiert die betroffenen Personen: Im harmloseren Fall ist der Ruf gesch&#228;digt, eine Karriere vorbei, im schlimmsten Fall erfolgt ein (gewaltsamer) &#220;bergriff. Das Pendant der &#8220;T&#228;uschung&#8221; ist die &#8220;Wahrheit&#8221; als Eindeutigkeit. Mehr noch, schon die &#8220;Wahrheit&#8221; ist die erste &#8220;T&#228;uschung&#8221;. Die des ehrlichen und akademisch korrekten Politikers. Oder die eines_r Patient_in mit eindeutigem Geschlecht.</p>
<p>Doch zur&#252;ck zu Guttenberg und der_dem Patient_in: Das eigene Wissen um eine vermeintliche &#8220;T&#228;uschung&#8221;, derer man bezichtigt werden k&#246;nnte, bedeutet, dass Angst vorhanden ist. Eine Angst davor, dass eine Entlarvung zum Ausschluss oder zur Gewalt f&#252;hren k&#246;nnte. Guttenberg musste das sp&#252;ren, die_der Patient_in ebenfalls. Mit anderen Worten: Im Alltag existiert eine gewaltsame &#220;berlegenheit der Eindeutigkeit. Das gro&#223;e Verbot der &#8220;T&#228;uschung&#8221; impliziert ein best&#228;ndiges Auffordern zur &#8220;T&#228;uschung&#8221;, denn in der &#8220;Wahrheit&#8221;“ liegt bereits eine erste &#8220;T&#228;uschung&#8221;. Scheitert eine Person an ihren &#8220;T&#228;uschungen“, ist dies kein individuelles Versagen, sondern eine – auch in Guttenbergs Fall – gesellschaftliche Position, die sie_er markiert. Guttenbergs sexistische Legitimierungsstrategie der &#220;berforderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist dabei nur eine Komponente, die zeigt, wie sehr es sich hierbei neben (s)einer wissenschaftlichen &#8220;T&#228;uschung&#8221; auch um eine m&#246;glicherweise eigene geschlechtliche &#8220;T&#228;uschung&#8221; in Bezug auf die eigene M&#228;nnlichkeit handeln k&#246;nnte. Die Entt&#228;uschung einer M&#228;nnlichkeit, die alles richtig machen wollte, um in seiner Eindeutigkeit nach Erfolg in Beruf und Familie zu streben. Es bleibt dabei: Es existiert eine Wirkm&#228;chtigkeit der (geschlechtlichen) Eindeutigkeit oder anders formuliert: der Sehnsucht nach Authentizit&#228;t und Ehrlichkeit, die sich in beiden Beispielen abzeichnet.</p>
<p><strong>Einladung</strong></p>
<p>In Bremen finden in diesem Fr&#252;hjahr initiiert von der <a href="http://www.rosa-luxemburg.info/">Rosa Luxemburg Initiative Bremen</a> verschiedene queer-feministische Veranstaltungen statt. Akteur_innen wollen zu Diskussionen anregen und aktuelle Transformationen und Verschiebungen der Geschlechtertheorien und Interventionen im Neoliberalismus beleuchten. Diskurse um &#8220;T&#228;uschung&#8221;, &#8220;Wahrheit&#8221; und Eindeutigkeit, Biologie, Medizin und Intersektionalit&#228;t spielen dabei ebenso eine Rolle wie die M&#246;glichkeiten und Grenzen queer-feministischer Interventionen in der feministischen M&#228;dchenarbeit.</p>
<p>In der n&#228;chsten Veranstaltung „Warum es biologisch Frau und Mann nicht gibt“ am 20. Mai 2011 um 20 Uhr im Infoladen in Bremen (St.Pauli Stra&#223;e 10-12, 28203 Bremen) reflektiert Heinz-J&#252;rgen Voss das System der Zweigeschlechtlichkeit aus konstruktivistischer Perspektive. Am 28. Mai 2011 um 20 Uhr werden im Infoladen Bremen die Debatten um Queer-Theory und Queer Politics in Deutschland von Franziska Rauchut zur Diskussion gestellt. Am 13. Juni 2011 um 19.30 Uhr stelle ich das Buch „Feministische M&#228;dchenarbeit weiterdenken. Zur Aktualit&#228;t eines bildungspolitischen Ansatzes“ in der Villa Ichon (Goetheplatz 4, 28203 Bremen) vor.</p>
<p>Wir Veranstalter_innen freuen uns &#252;ber Interessierte, die Lust haben, sich der Kritik der Geschlechterverh&#228;ltnisse zu stellen. Sie sind aufs Herzlichste eingeladen.</p>
<p><strong>Quellen:</strong></p>
<p>Baumann, Birgit (2011) (Der Standard online ): Guttenberg erkl&#228;rt sich. „War hochm&#252;tig und &#252;berlastet“.<br />
<a href="http://derstandard.at/1297818756254/Guttenberg-erklaert-sich-War-hochmuetig-und-ueberlastet">http://derstandard.at/1297818756254/Guttenberg-erklaert-sich-War-hochmuetig-und-ueberlastet</a> [letzter Abruf 16. Mai 2011].</p>
<p>Prantl, Heribert (2011) Die S&#252;ddeutsche online: „Das Elend des talentierten Herrn Guttenberg“.<br />
<a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/plagiatsaffaere-bundeswehrreform-kundus-affaere-das-elend-des-talentierten-herrn-guttenberg-1.1094287">http://www.sueddeutsche.de/politik/plagiatsaffaere-bundeswehrreform-kundus-affaere-das-elend-des-talentierten-herrn-guttenberg-1.1094287</a> [letzter Abruf 16. Mai 2011].</p>
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		</item>
		<item>
		<title>„Homosexualit&#228;t ist heilbar!“ – eine queere Perspektive auf Naturalisierungsstrategien in der Ex-Gay-Bewegung</title>
		<link>http://www.feministisches-institut.de/ex-gay-bewegung/</link>
		<comments>http://www.feministisches-institut.de/ex-gay-bewegung/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 29 Mar 2011 08:43:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hannah Mietke</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gewalt]]></category>

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		<description><![CDATA[Ausgehend von den USA haben sich mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum verschiedene Vereine, Institutionen und Selbsthilfegruppen etabliert, die annehmen, Homosexualit&#228;t sei eine psychische Krankheit, die „geheilt“ werden kann und sollte. Sie bieten Therapien, Beratungen und Fortbildungen zu dem Thema an, es wird geforscht, publiziert und dieses spezifische Wissen wird u.a. auf Tagungen und Kongressen verbreitet. Hier sollen die Thesen der Bewegung kurz skizziert und anschlie&#223;end kritisiert werden, indem aus einer queer-theoretisch inspirierten Perspektive heraus die Naturalisierungstechniken aufgezeigt werden, mit denen Heteronormativit&#228;t stabilisiert wird...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Ausgehend von den USA haben sich mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum verschiedene Vereine, Institutionen und Selbsthilfegruppen etabliert, die annehmen, Homosexualit&#228;t sei eine psychische Krankheit, die „geheilt“ werden kann und sollte. Sie bieten Therapien, Beratungen und Fortbildungen zu dem Thema an, es wird geforscht, publiziert und dieses spezifische Wissen wird u.a. auf Tagungen und Kongressen verbreitet. Hier sollen die Thesen der Bewegung kurz skizziert und anschlie&#223;end kritisiert werden, indem aus einer queer-theoretisch inspirierten Perspektive heraus die Naturalisierungstechniken aufgezeigt werden, mit denen Heteronormativit&#228;t stabilisiert wird.</strong></p>
<p><strong><span class="einleitung"> </span></strong>Viele der Gruppen, die der Ex-Gay-Bewegung zuzuordnen sind, haben einen religi&#246;sen Hintergrund – dass der Diskurs um die Heilbarkeit von Homosexualit&#228;t jedoch nicht nur in christlich-konservativen Kreisen zirkuliert, unterstreicht eine Studie aus dem Jahr 2009, in der 17% der 1328 befragten britischen Psychotherapeut_innen angaben, dass sie bereits mindestens ein Mal versucht haben, die Homosexualit&#228;t ihrer Klient_innen zu vermindern oder zu &#228;ndern (vgl. Bartlett/Smith/King 2009). Deshalb weisen Wissenschaftler_innen in den USA bereits deutlich darauf hin, dass der Einfluss der Ex-Gay-Bewegung auf den Diskurs um die Problematisierung von Homosexualit&#228;t nicht zu untersch&#228;tzen sei. So Robinson und Spivey: „[...] we [...] suggest that the movement´s potential to affect the social order through public policy and influencing the global culture should not be underestimated“ (2007: 665).</p>
<p>Queere Perspektiven erm&#246;glichen eine Kritik an den Thesen der Ex-Gay-Bewegung, indem mit ihnen die Strukturen aufgedeckt werden k&#246;nnen, die der Reproduktion von Heterosexualit&#228;t als Normalit&#228;t dienen.</p>
<p><strong>Thesen der Bewegung: Definition und Ursachen von Homosexualit&#228;t</strong></p>
<p>Vertreter_innen der Bewegung zufolge ist Homosexualit&#228;t ein unnat&#252;rliches und unnormales Ph&#228;nomen, was oft mit der Fortpflanzung begr&#252;ndet wird – Homosexualit&#228;t k&#246;nne schlie&#223;lich keine Kultur oder Gesellschaft am Leben erhalten. M&#228;nner und Frauen seien au&#223;erdem psychisch und physisch verschieden, was schon auf ihre gegenseitige Verwiesenheit hindeute. Eine Therapie sei aber auch f&#252;r homosexuelle Personen selbst gewinnbringend, da Homosexualit&#228;t mit bestimmten negativen Eigenschaften verbunden sei, wie z.B. einer &#252;berm&#228;&#223;igen Egozentrik, kaum Selbstdisziplin und Arroganz (vgl. Haley 2006).</p>
<p>Von Natur aus sei also jeder Mensch heterosexuell, eine bestimmte Konstellation von Faktoren k&#246;nne aber dazu f&#252;hren, dass manche Menschen mit einem homosexuellen „Problem“ zu k&#228;mpfen haben. Einige dieser Faktoren, so wird pauschalisierend argumentiert, seien sexueller Missbrauch, Kontakt mit Pornographie, der Einfluss der Medien, ein negatives K&#246;rperbild und als „geschlechtsuntypisch“ konstruiertes Verhalten in der Kindheit. Als wesentlicher Faktor gilt jedoch die nicht gelungene Identifikation mit der eigenen M&#228;nnlichkeit bzw. Weiblichkeit, die auf eine misslungene Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil zur&#252;ckgef&#252;hrt wird (vgl. Vonholdt 2006). Dies k&#246;nne z.B. durch Zur&#252;ckweisungserfahrungen geschehen, durch die die Heranwachsenden einen Geschlechtsminderwertigkeitskomplex ausbilden, sich also weniger weiblich bzw. m&#228;nnlich f&#252;hlen als „normal entwickelte“ Gleichaltrige. Hierdurch sollen dann „geschlechtsungem&#228;&#223;e“ Gewohnheiten und Pers&#246;nlichkeitsmerkmale entstehen. Der homosexuelle Akt stelle dann in der Konsequenz die nachtr&#228;gliche Identifikation mit der eigenen M&#228;nnlichkeit bzw. Weiblichkeit dar.</p>
<p><strong>„Therapie“ von Homosexualit&#228;t</strong></p>
<p>Neben Ratschl&#228;gen f&#252;r Eltern, wie sie einer „homosexuellen Karriere“ ihrer Kinder vorbeugen k&#246;nnen, wurde eine F&#252;lle an Therapieformen erarbeitet, die der Umwandlung von Homo- in Heterosexualit&#228;t (oder „notfalls“ in Asexualit&#228;t) dienen soll. Eine der Gruppen in Deutschland, die solche Therapien bzw. Beratungen anbietet, ist <a href="http://www.wuestenstrom.de">wuestenstrom e.V.</a> mit Sitz in Tamm nahe Stuttgart. Wuestenstrom besch&#228;ftigt nach eigenen Angaben heute 15 haupt- und &#252;ber 400 ehrenamtliche Mitarbeiter_innen.</p>
<p>Neben seiner therapeutischen bzw. beratenden Arbeit f&#252;hrt der Verein regelm&#228;&#223;ig Seminare und Fortbildungen f&#252;r Seelsorger_innen und Berater_innen zum Thema Homosexualit&#228;t durch und benennt „&#214;ffentlichkeitsarbeit“ – also die Verbreitung von Informationen und die Teilnahme am &#246;ffentlichen Diskurs &#252;ber Homosexualit&#228;t – als ein wichtiges Ziel ihrer Arbeit.</p>
<p>In den Therapien bzw. Beratungsangeboten von wuestenstrom soll, wie der Leiter des Vereins Markus Hoffmann auf dem 5. internationalen Kongress f&#252;r Psychotherapie und Seelsorge 2006 in Marburg erkl&#228;rte, zun&#228;chst nach den pers&#246;nlichen Gr&#252;nden f&#252;r die Homosexualit&#228;t gesucht werden, da davon ausgegangen wird, dass Homosexualit&#228;t immer auf tiefer liegende Bed&#252;rfnisse hindeute (vgl. Hoffmann 2006).</p>
<p>Da Homosexualit&#228;t aber auch als ein Problem der Geschlechtsidentifikation gesehen wird, sollen in vielen solcher „Konversionstherapien“ nicht nur die Folgen der Traumatisierung (z.B. durch die Zur&#252;ckweisung durch das gleichgeschlechtliche Elternteil) verarbeitet, sondern ebenso die „geschlechtsuntypischen“ Verhaltensweisen (wieder) abgelegt werden, um somit nachtr&#228;glich f&#252;r eine Identifikation mit der „nat&#252;rlichen“ Geschlechtsidentit&#228;t zu sorgen (vgl. Aardweg 1999: 185 ff.). Dies soll durch die Imitation „traditioneller“ Geschlechterrollen geschehen, indem auf entsprechende Stereotype zur&#252;ckgegriffen wird: Homosexuelle Frauen sollen sich schminken, sich eine „feminine“ Frisur zulegen und ihre Ablehnung gegen T&#228;tigkeiten, die ihrem Geschlecht entsprechen (wie z.B. sich um G&#228;ste zu k&#252;mmern oder auf M&#228;nner zu h&#246;ren) ablegen. F&#252;r M&#228;nner gilt: Sie sollen besonders auf ihre Stimme, ihre Handbewegungen und ihren Gang achten, au&#223;erdem k&#246;nnen sie durch Erlebnisse wie Holz hacken oder Fu&#223;ball spielen ihre M&#228;nnlichkeit erfahren. Wichtig sei auch, dass sich der angehende heterosexuelle Mann dar&#252;ber bewusst werde, dass er (s)einer Frau gegen&#252;ber Verantwortung zu &#252;bernehmen habe und auch f&#252;r sie Entscheidungen treffen m&#252;sse.</p>
<p><strong>Zwei Ebenen von Naturalisierung</strong></p>
<p>Die Argumentation der Ex-Gay-Bewegung kann als machtvoll beschrieben werden, da sie Heterosexualit&#228;t und Zweigeschlechtlichkeit naturalisiert und somit alles Nicht-heterosexuelle als krankhaft und untersuchenswert markiert. Diese Naturalisierungen funktionieren hier auf zwei Ebenen:</p>
<p>Auf einer Makroebene wird das „Ph&#228;nomen“ Homosexualit&#228;t untersucht, das unnat&#252;rlich sein muss, da Heterosexualit&#228;t nat&#252;rlich ist.</p>
<p>Da Homo- und Heterosexualit&#228;t als sich diametral gegen&#252;berstehend konstruiert werden, verweist die Nat&#252;rlichkeit von Heterosexualit&#228;t immer schon auf die Unnat&#252;rlichkeit von Homosexualit&#228;t. Diese Nat&#252;rlichkeit von Heterosexualit&#228;t muss jedoch immer wieder hergestellt werden – dies geschieht durch die st&#228;ndige Bezugnahme auf die Abweichung, die aber sofort wieder abgewertet wird, indem sie als psychische Krankheit, die es zu heilen gilt, konstruiert wird.</p>
<p>Die Ex-Gay-Bewegung versucht durch ihre „Umpolungsversuche“ scheinbar Homosexualit&#228;t auszul&#246;schen, jedoch wird deutlich, dass Homosexualit&#228;t als Abweichung bestehen muss, um die Norm zu stabilisieren (vgl. Butler 1996). So versichert sich die Norm ihrer eigenen (h&#246;herwertigen) Identit&#228;t. Das Verh&#228;ltnis von Homo- zu Heterosexualit&#228;t wird somit als Machtverh&#228;ltnis reproduziert, da von heterosexueller Seite aus bestimmt wird, was und wie Homosexuelle sind und dass „sie“ &#252;berhaupt eine homogene Gruppe darstellen.</p>
<p>Die Nat&#252;rlichkeit von Heterosexualit&#228;t wird mit der Nat&#252;rlichkeit der Zweigeschlechtlichkeit begr&#252;ndet, indem M&#228;nner und Frauen in eine Opposition zueinander gesetzt und als einzige nat&#252;rliche Geschlechter konstruiert werden, die sich so zwangsl&#228;ufig sexuell aufeinander beziehen m&#252;ssen.</p>
<p>Auf einer Mikroebene der Naturalisierung wird nicht Homosexualit&#228;t, sondern werden homosexuelle Menschen selbst pathologisiert, weil sie pers&#246;nlich mit der vermeintlich nat&#252;rlichen Koh&#228;renz zwischen sex, gender und Begehren brechen. Dies geschieht durch die Konstruktion geschlechtsungem&#228;&#223;en Verhaltens, indem davon ausgegangen wird, es gebe „von Natur aus“ spezifisch „m&#228;nnliche“ und spezifisch „weibliche“ Verhaltensweisen und jede Abweichung hiervon m&#252;sse psychologische Ursachen haben. Folglich soll nicht nur das Begehren durch die genannten Therapien heterosexualisiert werden, sondern auch die Koh&#228;renz zwischen dem biologischen Geschlecht, der Geschlechtsidentit&#228;t und dem Begehren hergestellt werden, um „traditionelle“ Geschlechterrollen und ein entsprechendes Geschlechterverh&#228;ltnis zu reproduzieren (vgl. Hark 2008).</p>
<p><strong>Naturalisierungen aufdecken und angreifen</strong></p>
<p>Die n&#228;here Betrachtung der Thesen der Ex-Gay-Bewegung zeigt, wie hier Naturalisierungen gezielt eingesetzt werden, um nicht-heterosexuelle Lebensweisen zu pathologisieren. Diese Naturalisierungen sind zugleich Grundlage und Ergebnis der Argumentation, die durch die Kombination einer Mikro- und einer Makroebene besonders wirkungsvoll wird.</p>
<p>Queere Perspektiven erm&#246;glichen eine heteronormativit&#228;tskritische Betrachtung der Ex-Gay-Bewegung, indem eine dezidiert gegenteilige Position zu der der Bewegung eingenommen wird: Nicht die Abweichung Homosexualit&#228;t wird untersucht, sondern die diskursive Herstellung bzw. Aufrechterhaltung der Norm durch die Bewegung selbst. Durch diesen Blickwechsel wird deutlich, dass die Pathologisierungen vornehmlich der Reproduktion von Heteronormativit&#228;t dienen und nicht etwa der Unterst&#252;tzung der „Betroffenen“. Erst das Aufdecken bzw. Sichtbarmachen dieser genannten Ebenen macht sie angreifbar.</p>
<p><strong>Literatur:</strong></p>
<p>Aardweg, Gerard J. M. van den (1999): Selbsttherapie von Homosexualit&#228;t. Leitfaden f&#252;r Betroffene und Berater. 2. Aufl. Neuhausen-Stuttgart: H&#228;nssler</p>
<p>Butler, Judith (1996): Imitation und die Aufs&#228;ssigkeit der Geschlechtsidentit&#228;t. In: Hark, Sabine (Hrsg.): Grenzen lesbischer Identit&#228;ten. Berlin: Quer</p>
<p>Bartlett, Annie/Smith, Glenn/King, Michael (2009): The response of mental health professionals to clients seeking help to change or redirect same-sex sexual orientation. <a href="http://www.biomedcentral.com/1471-244X/9/11">http://www.biomedcentral.com/1471-244X/9/11</a></p>
<p>Haley, Mike (2006): Homosexualit&#228;t. Fragen und Antworten. Bielefeld: CLV</p>
<p>Hark, Sabine (2008): Lesbenforschung und Queer Theorie: Theoretische Konzepte, Entwicklungen und Korrespondenzen. In: Becker, Ruth/Kortendiek, Beate (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. 2. Aufl. Wiesbaden: VS</p>
<p>Hoffmann, Markus (2006): Konzept und Begleitung homosexueller Menschen. <a href="http://akademieps.de/download/8429-Hoffmann-Konzept%20und%20Begleitung%20homosexueller%20Menschen.doc">http://akademieps.de/download/8429-Hoffmann-Konzept%20und%20Begleitung%20homosexueller%20Menschen.doc</a></p>
<p>Robinson, Christine/Spivey, Sue (2007): The politics of masculinity and the ex-gay movement. In: Gender and Society 2007, 21, 650-675</p>
<p>Vonholdt, Christl Ruth (2006): Homosexualit&#228;t verstehen. In: Bulletin. Nachrichten aus dem Deutschen Institut f&#252;r Jugend und Gesellschaft, Sonderdruck 2006, 1-12</p>
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		<title>&#8216;Hottentot Venus&#8217; oder: Fetischismus als Wissenschaftspraxis</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Sep 2009 07:47:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sabine Ritter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gewalt]]></category>

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		<description><![CDATA[Emanzipatorische Wissenschaft hat die Aufgabe, soziale Verh&#228;ltnisse zu analysieren und zu dekonstruieren. Aber auch Gesellschaftskritik ist in historischen und aktuellen Diskursen verankert und bedarf, will sie ihr Potential aussch&#246;pfen, kontinuierlicher Reflexivit&#228;t. Deren Fehlen hat sich im Fall der postkolonialen Rekonstruktionen einer zum anthropologischen Forschungsobjekt des 19. Jahrhunderts diskriminierten Frau als Ausl&#246;ser eines veritablen 'race-and-gender-bias' erwiesen: im Bem&#252;hen, die Geschichte der sogenannten 'Hottentot Venus'  als Beispiel kolonialen Unrechts und Missbrauchs zu thematisieren, werden sexistische und rassistische Stereotype reproduziert. Dar&#252;ber hinaus erschafft die reduktionistische Sicht auf das Ph&#228;nomen 'Hottentottenvenus' eine neuartig fetischisierende Eindimensionalit&#228;t...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Emanzipatorische Wissenschaft hat die Aufgabe, soziale Verh&#228;ltnisse zu analysieren und zu dekonstruieren. Aber auch Gesellschaftskritik ist in historischen und aktuellen Diskursen verankert und bedarf, will sie ihr Potential aussch&#246;pfen, kontinuierlicher Reflexivit&#228;t. Deren Fehlen hat sich im Fall der postkolonialen Rekonstruktionen einer zum anthropologischen Forschungsobjekt des 19. Jahrhunderts diskriminierten Frau als Ausl&#246;ser eines veritablen &#8216;race-and-gender-bias&#8217; erwiesen: im Bem&#252;hen, die Geschichte der sogenannten &#8216;Hottentot Venus&#8217;  als Beispiel kolonialen Unrechts und Missbrauchs zu thematisieren, werden sexistische und rassistische Stereotype reproduziert. Dar&#252;ber hinaus erschafft die reduktionistische Sicht auf das Ph&#228;nomen &#8216;Hottentottenvenus&#8217; eine neuartig fetischisierende Eindimensionalit&#228;t.</strong></p>
<p>Im Zentrum der stilbildenden »Steampunk Trilogy« des US-amerikanischen Science Fiction Autors Paul di Filippo aus dem Jahr 1995 steht eine Novelle, die mit »Hottentots« &#252;berschrieben ist. Die Erz&#228;hlung vermischt Historie und Fiktion, Rassismusgeschichte und Wissenschaftskritik, Abenteuerroman und Satire. Sie spielt im viktorianischen Zeitalter und beschreibt die abstrus-spektakul&#228;re Jagd nach einem Fetisch, n&#228;mlich den sezierten und eingelegten Genitalien der sogenannten &#8216;Hottentottenvenus&#8217;. Jener Figur liegt die Geschichte der realen Person Sarah Baartman zugrunde.</p>
<p>1810 reiste sie aus Kapstadt nach London und wurde dort ethnopornographisch zur Schau gestellt. Dabei stand ihr Hintern im Fokus der Werbeplakate, der Shows und der &#246;ffentlichen Aufmerksamkeit. Ein ausladendes Ges&#228;&#223;, diffamiert als &#8216;Fettstei&#223;&#8217;, geh&#246;rte wie auch &#8216;h&#228;ngende Br&#252;ste&#8217; und &#8216;&#252;bergro&#223;e Schamlippen&#8217; zu den stereotypisierenden Zuschreibungen, die die europ&#228;ische Welt seit vielen Jahrzehnten f&#252;r indigene S&#252;dafrikanerinnen bereithielt und mit deren Hilfe diese sowohl als monstr&#246;se Ungestalten wie auch als sexualisierte Attraktionen dargestellt wurden. Entsprechend zeigte man Sarah Baartman als dressiertes wildes Tier in einem K&#228;fig. Zugleich gab es aber auch die hocherotisierte, begehrende Sicht auf sie, wof&#252;r das Ges&#228;&#223; und die ihre Genitalien bedeckende Sch&#252;rze standen.</p>
<p>1814 kam Sarah Baartman nach Paris. Dort wurde sie nicht nur von zahlendem Publikum als &#8216;Vénus hottentote&#8217; bestaunt, sondern auch von den f&#252;hrenden Anthropologen begutachtet: Georges Cuvier, Begr&#252;nder der vergleichenden Anatomie, verma&#223; ihren lebendigen Leib als den einer &#8216;typischen Hottentottin&#8217;. Nach ihrem Tod 1815 wurde ihr Leichnam von ihm zum exemplarischen weiblichen Rassenk&#246;rper seziert. Bei dieser Gelegenheit entnahm Cuvier nicht nur ihr Gehirn, sondern auch ihr Geschlechtsteil, das seiner Meinung nach bewies, dass es die mysteri&#246;se &#8216;Hottentottensch&#252;rze&#8217;, eine &#252;berm&#228;&#223;ige Vergr&#246;&#223;erung der inneren Schamlippen, als Zeichen minderwertiger Wildheit gebe. Nach der Sektion, die Cuvier in einem Bericht des Jahres 1817 minuti&#246;s dokumentiert hat, wurden ein kolorierter Gipsabdruck des toten K&#246;rpers sowie Sarah Baartmans Skelett bis 1982 im Pariser Musée de l&#8217;Homme ausgestellt und ihr Gehirn und ihre Genitalien im Magazin verwahrt. Diese k&#246;rperlichen &#220;berreste wurden am 9. August 2002 nach jahrelangem diplomatischem Tauziehen zwischen Frankreich und S&#252;dafrika in der N&#228;he von Kapstadt in einem Staatsakt beigesetzt.</p>
<p>Di Filippo hat aus dieser in Wissenschaft, Politik und Kunst stark ventilierten Geschichte eine R&#228;uberpistole gemacht, in der Cuvier als Schwarzmagier aus der &#8216;Hottentottensch&#252;rze&#8217; einen Fetisch zaubert. Zauberk&#252;nste aber sind keineswegs n&#246;tig, um eine Person auf ihren K&#246;rper oder gar einen Teil davon zur&#252;ckzuschneiden; vielmehr handelt es sich bei solchen Operationen um sozial antrainierte Handlungen, die &#8216;die Anderen&#8217; zum Objekt degradieren: »Dieses Ersetzen des <em>Ganzen</em> durch ein <em>Teil</em>, eines <em>Subjekts</em> durch ein <em>Ding</em> &#8211; ein Objekt, ein Organ, ein K&#246;rperteil &#8211; ist der Effekt einer sehr wichtigen Repr&#228;sentationspraxis &#8211; <em>Fetischismus</em>«, schreibt Stuart Hall in »Das Spektakel des &#8216;Anderen&#8217;«. Die Zerst&#252;ckelung Sarah Baartmans durch Cuvier, die Pr&#228;sentation ihres Sch&#228;dels und ihrer Knochen im Musée de l&#8217;Homme und die Pr&#228;paration ihres Hirns und ihrer Vulva, war ein entmenschlichender Sch&#228;ndungsakt, in dessen Mittelpunkt die Verifikation alter Zuschreibungen an weiblich-&#8217;hottentottische&#8217; Genitalien stand.</p>
<p>Initiiert durch Beitr&#228;ge des kritischen Biologen Stephen J. Gould und des Kulturwissenschaftlers Sander L. Gilman wurde &#8216;die Hottentottenvenus&#8217; seit den 1980er Jahren zum Standardbeispiel postkolonialer Theoriebildung. Auch Stuart Hall schilderte den Fall in seinen &#220;berlegungen zu Ideologie, Identit&#228;t und Repr&#228;sentation. Was ihm wie seinem Stichwortgeber Gilman nicht bewusst gewesen zu scheint ist, dass die Kritik selbst durch ihre Darstellungsweise der &#8216;Hottentottenvenus&#8217; nicht nur Gefahr l&#228;uft, die Zurschaustellung Sarah Baartmans zu reproduzieren. Vielmehr beschr&#228;nkt sie sich in ihrem analytischen Bem&#252;hen auf die Explikation ihrer angeblich abnormen Geschlechtlichkeit. Gould, Gilman und Hall ignorieren, was den von ihnen herangezogenen Quellen m&#252;helos zu entnehmen ist: dass Cuvier durchaus auch Sarah Baartmans Gehirn seziert und eingelegt hat, dass ihr Sch&#228;del im anthropologischen Museum zu besichtigen war, dass beides f&#252;r die Anthropologie des 19. Jahrhundert bedeutsam gewesen ist und dass es zur Rede von abnorm-pathologisch-hypersexualisierten &#8216;Schwarzen&#8217; immer Gegendiskurse gab. Stattdessen schreibt Stuart Hall, dass Sarah Baartman auf ihren K&#246;rper »und ihr K&#246;rper wiederum [...] auf ihre Geschlechtsorgane reduziert« wurde. Eine Tafel aus einem Grundlagenwerk der Kriminalanthropologie, die sechs als deviant markierte Vulven zeigt, dient dieser Behauptung als  Illustration &#8211; ohne dass diese Abbildungen analytischen Surplus b&#246;ten oder mit der &#8216;Hottentottenvenus&#8217; in direktem Zusammenhang st&#252;nden. Im von ihm selbst so definierten Sinne erscheint Fetischismus als ein wesentliches  Element seiner Vorstellung von Sarah Baartman, denn auch er repr&#228;sentiert sie in Text und Bild dezidiert durch ein Fragment, das obendrein  noch pornographisch ist.</p>
<p>Nach Hall bedeutet Fetischismus, »die Ersetzung einer [...] verbotenen Kraft durch ein &#8216;Objekt&#8217;«. Im Falle Sarah Baartmans wurde angeblich »der Blick des Betrachters von ihren Genitalien, dem Objekt seiner wirklichen sexuellen Obsession, auf ihr Hinterteil <em>verschoben.</em>« Diese Verschiebung aber ist das Werk derer, die sich eindimensional auf den Umgang mit den sezierten Genitalien kapriziert und s&#228;mtliche weiteren anthropologischen und allgemein kulturalistischen Operationen Cuviers und seiner Nachfolger ausgeblendet haben. Nur so konnte aus dem &#252;ppigen Hintern, der, wie viele zeitgen&#246;ssische Beispiele zeigen, dem herrschendem Begehren entsprochen hatte und zum »zeitgeist of the late Georgian Britain« wie zum modischen Cul de Paris geh&#246;rte, ein fetischisierter Signifikant f&#252;r abnorme weibliche Geschlechtsteile werden. Indem sie die Ergebnisse sozialer Zurichtung des K&#246;rpers unreflektiert gelassen hat und die kulturellen Dimensionen von K&#246;rperlichkeit ausgeklammert lie&#223;, hat die antirassistische Wissenschaft ungewollt rassistische Stereotype fortgeschrieben und einen neuen Fetisch kreiert, der f&#252;r eine Figur steht, die das 19. Jahrhundert so monochrom und eindimensional nie vor Augen hatte: die hypersexualisierte Hottentottin.</p>
<p><strong>Weiterf&#252;hrende Literatur:</strong></p>
<ul>
<li>Gilman, Sander L.: Hottentottin und Prostituierte. Zu einer Ikonographie der sexualisierten Frau. In: Ders.: Rasse, Sexualit&#228;t und Seuche. Reinbek 1992: Rowohlt, S. 119-154.</li>
<li></li>
<li>Hall, Stuart: Das Spektakel des &#8216;Anderen&#8217;. In: Ders.: Ideologie &#8211; Identit&#228;t &#8211; Repr&#228;sentation. Ausgew&#228;hlte Schriften 4. Hamburg 2004: Argument, S. 108-166.</li>
<li></li>
<li>Magubane, Zine: Which Bodies Matter? Feminism, Poststructuralism, Race, and the Curious Theoretical Odyssey of the &#8216;Hottentot Venus&#8217;. In: Gender &amp; Society, 15, 2001, 6, S. 816-834.</li>
<li></li>
<li>Ritter, Sabine: &#8216;Présenter les organes génitaux&#8217;. Sarah Baartman und die Konstruktion der Hottentottenvenus. In: Wulf D. Hund (Hg.): Entfremdete K&#246;rper. Rassismus und Leichensch&#228;ndung. Bielefeld 2009: transcript, S. 117-163.</li>
<li></li>
</ul>
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		<title>Gewalt gegen Frauen &#8211; Vom beherzten Eingreifen und seinen Folgen</title>
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		<pubDate>Wed, 09 Jul 2008 18:59:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Melanie Groß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gewalt]]></category>

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		<description><![CDATA[In der Nacht von Samstag auf Sonntag am vergangenen Wochenende griff ein Mann seine Freundin auf einer Stra&#223;e in Hamburg an, w&#252;rgte und schlug sie. Es eilten Menschen zu Hilfe und wehrten den Mann mit Reizgas ab. Dieser ging in seine Wohnung und bewaffnete sich mit zwei Messern. Als er mit diesen wieder auf der Stra&#223;e erschien, riefen PassantInnen die Polizei. Zwei Funkstreifen kamen, um einzugreifen. Diese Geschichte k&#246;nnte hier enden und das Gef&#252;hl hinterlassen, dass Menschen eingreifen, wenn Frauen von Lebensgef&#228;hrten, Ex-Freunden oder Ehem&#228;nnern angegriffen werden. Sie k&#246;nnte Mut machen. Aber leider ist sie nur zur H&#228;lfte erz&#228;hlt, denn diese Szene spielte sich vor dem Autonomen Zentrum Rote Flora ab und die Eskalation nahm ihren Lauf. Es wurde eine Geschichte von Repression gegen ein linkes Zentrum und von Bagatellisierung von Gewalt gegen Frauen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>In der Nacht von Samstag auf Sonntag am vergangenen Wochenende griff ein Mann seine Freundin auf einer Stra&#223;e in Hamburg an, w&#252;rgte und schlug sie. Es eilten Menschen zu Hilfe und wehrten den Mann mit Reizgas ab. Dieser ging in seine Wohnung und bewaffnete sich mit zwei Messern. Als er mit diesen wieder auf der Stra&#223;e erschien, riefen PassantInnen die Polizei. Zwei Funkstreifen kamen, um einzugreifen. Diese Geschichte k&#246;nnte hier enden und das Gef&#252;hl hinterlassen, dass Menschen eingreifen, wenn Frauen von Lebensgef&#228;hrten, Ex-Freunden oder Ehem&#228;nnern angegriffen werden. Sie k&#246;nnte Mut machen. Aber leider ist sie nur zur H&#228;lfte erz&#228;hlt, denn diese Szene spielte sich vor dem Autonomen Zentrum Rote Flora ab und die Eskalation nahm ihren Lauf. Es wurde eine Geschichte von Repression gegen ein linkes Zentrum und von Bagatellisierung von Gewalt gegen Frauen.</strong></p>
<p>Die PolizeibeamtInnen wollten n&#228;mlich nicht nur den Angreifer mitnehmen, sondern auch einen derjenigen aus der Roten Flora, die der jungen Frau zu Hilfe geeilt waren. Da Reizgas verwendet wurde, wurde pl&#246;tzlich einer der Helfenden als T&#228;ter eingesch&#228;tzt, der daraufhin festgenommen werden sollte. Dies wurde von den Umstehenden mit Unmut aufgenommen und es kam zu Auseinandersetzungen mit den PolizeibeamtInnen. Was genau geschah, ist schwer zu sagen, jedenfalls wurde der Helfer wohl befreit und das Polizeiauto besch&#228;digt. Hierauf folgte eine massive Eskalation der Ereignisse: Mit der Begr&#252;ndung, diejenigen, die den Gefangenen befreit hatten, h&#228;tten sich in der Roten Flora verschanzt, wurde diese schlie&#223;lich von Bereitschaftspolizei umstellt, ein Polizeihubschrauber kreiste &#252;ber dem Geb&#228;ude und mehrere Wasserwerfer wurden aufgefahren &#8211; insgesamt waren 370 PolizeibeamtInnen im Einsatz. Gegen 11.30 Uhr am Sonntag wurde die Rote Flora schlie&#223;lich gest&#252;rmt. Alle sich noch darin befindlichen Personen wurden u.a. mit den Vorw&#252;rfen des Landfriedenbruchs, Gefangenenbefreiung und Sachbesch&#228;digung in Gewahrsam genommen.</p>
<p>Kurz darauf erschienen die ersten (Re)Konstruktionen in der Presse: Radio 90,3 beispielsweise spricht in einem kurzen Beitrag als Ausl&#246;ser des Polizeieinsatzes schlicht von einem &#8220;Beziehungsstreit&#8221; (<a href="http://www1.ndr.de/nachrichten/hamburg/flora102.html">Radio 90,3 Beitrag vom 6.07.08</a> rechts im Kasten &#8220;Audio&#8221;). Der gewaltt&#228;tige Angriff wird durch solche Berichterstattung v&#246;llig bagatellisiert &#8211; die Hamburger Morgenpost schreibt sogar von P&#228;rchen-Zoff und meint dazu: &#8220;Ein P&#228;rchen zankt sich lautstark. Nichts besonders in der Schanze.&#8221; (<a href="http://archiv.mopo.de/archiv/2008/20080707/hamburg/politik/grosseinsatz_weil_sich_ein_paerchen_zoffte.html">MoPo Artikel vom 07.07.08</a>). So wird unter der Hand ein gewaltt&#228;tiger Angriff eines Mannes auf seine Freundin normalisiert: Zum einen erscheint es als v&#246;llig normal, dass Frauen geschlagen und gew&#252;rgt werden, zum anderen wird Gewalt in Beziehungen hier als ein Privatproblem verharmlost und damit die gesellschaftlichte Bedingtheit dieser Gewalt v&#246;llig ausgeblendet.</p>
<p>Der NDR schreibt lediglich von &#8220;Personen, die in Streit geraten&#8221; seien (<a href="http://www1.ndr.de/nachrichten/hamburg/flora100.html">NDR Artikel vom 06.07.08</a>) und verzichtet in einem weiteren Artikel g&#228;nzlich auf die Vorgeschichte der Ereignisse (<a href="http://www1.ndr.de/nachrichten/hamburg/flora102.html">NDR Artikel vom 07.07.08</a>). Dies mag auch daran liegen, dass im zuerst ver&#246;ffentlichten Polizeibericht, der scheinbar einfach &#252;bernommen wurde, keine Informationen zu dem &#220;begriff des Mannes auf seine Freundin standen. Der Bericht wurde wohl inzwischen &#252;berarbeitet und um die Vorgeschichte erg&#228;nzt (<a href="http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/6337/1223638/polizei_hamburg">Pressebericht vom 06.07.08 16:42 Uhr</a>).</p>
<p>Die Ereignisse vom Wochenende verweisen m.E. auf zweierlei: Erstens ist es ein unglaubliches Vorgehen, Personen, die in Gewaltakte eingreifen &#8211; auch wenn sie dies mit Reizgas tun, allein schon um sich selbst zu sch&#252;tzen &#8211; festnehmen zu wollen. Mit solchen Eins&#228;tzen straft die Polizei ihre eigenen Werbekampagnen l&#252;gen, die vom &#8220;Hinsehen&#8221;, &#8220;Eingreifen&#8221; und von &#8220;Zivilcourage&#8221; sprechen. Die St&#252;rmung der Roten Flora, der Einsatz von 370 PolizistInnen, Wasserwerfern und einem Hubschrauber ist eine polizeiliche Eskalation der Ereignisse und nicht nachvollziehbar. Es wird sich zeigen, ob dies nun die neue Politik der Hamburger Polizei ist, auch unter Beteiligung der GAL in der Regierung regelm&#228;&#223;ig mit Repression und Durchsuchungen gegen das linke Zentrum vorzugehen. Die taz berichtet in diesem Zusammenhang von Insider-Informationen, nach denen die Hamburger Polizei jeden Vorwand nutzen will, die Rote Flora zu durchsuchen (<a href="http://www.taz.de/regional/nord/nord-aktuell/artikel/?dig=2008%2F07%2F08%2Fa0016&amp;cHash=7536a7f868">taz vom 08.07.08</a>).</p>
<p>Zweitens ist es nicht hinnehmbar, wie in den genannten Presseberichten mit Gewalt in Beziehungen umgegangen wird. Sexistische gewaltt&#228;tige Angriffe m&#252;ssen als solche benannt werden, wenn wir uns nicht damit abfinden wollen, dass Gewalt gegen Frauen als allt&#228;glich und normal eingesch&#228;tzt wird. M&#246;glicherweise w&#228;re es eine wichtige politische Strategie, die vielf&#228;ltigen interaktiven M&#246;glichkeiten, die die Presse im Internet anbietet &#8211; seien es Foren, Blogs oder email-Funktionen f&#252;r LeserInnenbriefe &#8211; massiv zu nutzen, wenn wieder einmal gewaltt&#228;tige Verh&#228;ltnisse als Normalit&#228;t dargestellt werden. Dar&#252;ber hinaus ist und bleibt es ein Skandal, dass immer &#246;fter komplette Polizeiberichte gedruckt werden, statt recherchierte Artikel zu ver&#246;ffentlichen, in denen zumindest auch die Beschuldigten zu Wort kommen &#8211; in diesem Fall lag bereits am Sonntag Nachmittag eine Erkl&#228;rung der Roten Flora zu den Ereignissen vor (<a href="http://de.indymedia.org/2008/07/221425.shtml">Rote Flora Erkl&#228;rung vom 06.07.08 15:16 Uhr</a>).</p>
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		<title>&#8220;Die Frau aus dem Folter-Gef&#228;ngnis Abu Ghraib&#8221; &#8211; Die mediale Vergeschlechtlichung des &#8220;Folterskandals&#8221;</title>
		<link>http://www.feministisches-institut.de/folter/</link>
		<comments>http://www.feministisches-institut.de/folter/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 25 Mar 2008 13:37:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Susan Banihaschemi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gewalt]]></category>

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		<description><![CDATA[Weiblichkeit pr&#228;sentiert sich heute vielf&#228;ltig und widerspr&#252;chlich. Krieg und Gewalt erscheinen gegenw&#228;rtig nicht mehr als reine M&#228;nnerdom&#228;ne. Immer mehr Frauen befinden sich als Soldatinnen in h&#246;heren milit&#228;rischen Positionen und bef&#252;rworten milit&#228;rische Interventionen. Vor knapp vier Jahren im April 2004 kam es w&#228;hrend des Irak-Kriegs in den Medien zur Ver&#246;ffentlichung von Bildern aus dem Abu-Ghraib-Gef&#228;ngnis, die US-amerikanische Soldaten und Soldatinnen beim Praktizieren von Folterhandlungen an irakischen Gefangenen zeigten. Hierbei waren deutlich mehrere Soldatinnen als Gewalt-T&#228;terinnen zu erkennen. Die &#246;ffentliche Wahrnehmung widmete insbesondere einer Frau - der Soldatin Lynndie England - als T&#228;terin gro&#223;es Interesse. Auch heute noch ist ihr Gesicht in den Medien pr&#228;sent. Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift "Stern" vom 17. M&#228;rz 2008 widmet ihr vier Jahre nach den Geschehnissen die Titelstory: "Die Frau aus dem Folter-Gef&#228;ngnis Abu Ghraib". Lynndie England scheint nicht nur gegen Normen der Rechtsordnung, sondern auch gegen Normen der Geschlechterordnung zu versto&#223;en.Im vorliegenden Artikel wird die Berichterstattung der Medien &#252;ber den "Folterskandal Abu Ghraib" als ein Ort der sozialen, diskursiven Konstruktion von Geschlecht begriffen und der Frage nachgegangen, wie Frauen als T&#228;terinnen in der Berichterstattung vorstellbar gemacht werden...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Weiblichkeit pr&#228;sentiert sich heute vielf&#228;ltig und widerspr&#252;chlich. Krieg und Gewalt erscheinen gegenw&#228;rtig nicht mehr als reine M&#228;nnerdom&#228;ne. Immer mehr Frauen befinden sich als Soldatinnen in h&#246;heren milit&#228;rischen Positionen und bef&#252;rworten milit&#228;rische Interventionen. Vor knapp vier Jahren im April 2004 kam es w&#228;hrend des Irak-Kriegs in den Medien zur Ver&#246;ffentlichung von Bildern aus dem Abu-Ghraib-Gef&#228;ngnis, die US-amerikanische Soldaten und Soldatinnen beim Praktizieren von Folterhandlungen an irakischen Gefangenen zeigten. Hierbei waren deutlich mehrere Soldatinnen als Gewalt-T&#228;terinnen zu erkennen. Die &#246;ffentliche Wahrnehmung widmete insbesondere einer Frau &#8211; der Soldatin Lynndie England &#8211; als T&#228;terin gro&#223;es Interesse. Auch heute noch ist ihr Gesicht in den Medien pr&#228;sent. Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift &#8220;Stern&#8221; vom 17. M&#228;rz 2008 widmet ihr vier Jahre nach den Geschehnissen die Titelstory: <a href="http://www.stern.de/magazin/heft/614420.html">&#8220;Die Frau aus dem Folter-Gef&#228;ngnis Abu Ghraib&#8221;</a>.  Lynndie England scheint nicht nur gegen Normen der Rechtsordnung, sondern auch gegen Normen der Geschlechterordnung zu versto&#223;en.Im vorliegenden Artikel wird die Berichterstattung der Medien &#252;ber den &#8220;Folterskandal Abu Ghraib&#8221; als ein Ort der sozialen, diskursiven Konstruktion von Geschlecht begriffen und der Frage nachgegangen, wie Frauen als T&#228;terinnen in der Berichterstattung vorstellbar gemacht werden.</strong></p>
<h3>Diskursive Strategien der Vergeschlechtlichung weiblicher T&#228;terschaft: Wie sind Frauen als T&#228;terinnen vorstellbar?</h3>
<p>In der medialen Berichterstattung &#252;ber den &#8220;Folterskandal Abu Ghraib&#8221; spielt Geschlecht, vor allem Weiblichkeit eine besondere Rolle. An der Darstellung der folternden Soldatin Lynndie England lassen sich f&#252;nf diskursive Strategien der Vergeschlechtlichung weiblicher T&#228;terschaft nachzeichnen.</p>
<p>&#8220;(…) ausgerechnet die kleine Lynndie England im Irak&#8221; (<a href="http://www.welt.de/print-welt/article312224/Eine_elende_Domina.html">Welt, 08.05.2004</a>).  Die erste in der Berichterstattung untersuchte diskursive Strategie der Vergeschlechtlichung weiblicher T&#228;terschaft ist die <strong>Infantilisierung</strong>.  Die Darstellung der Person Lynndie Englands zeigt, wie das Bild der jungen Naiven ohne eigene Willensbildung konstruiert wird. Lynndie England wird qua Alter und Geschlecht die Verantwortlichkeit f&#252;r die begangenen Taten abgesprochen. Auch die <strong>Seduktion</strong> als eine weitere diskursive Strategie der Vergeschlechtlichung weiblicher T&#228;terschaft, die sich durch das Aufzeigen des Bildes der durch Liebe verf&#252;hrten auszeichnet, spricht England individuelle Verantwortung ab. Hierbei spielt das Verh&#228;ltnis zwischen ihr und dem Soldaten Charles Graner als dem Verf&#252;hrer sowie die daraus hervorgegangene Schwangerschaft in der Berichterstattung eine besondere Rolle. &#8220;Ins Innere der Anstalt zog es die junge Frau dann, weil sie in Liebe zum Feldwebel Charles Graner, 35, entbrannt war&#8221; (<a title="Artikel des Spiegel als PDF" href="http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=30833335&amp;aref=image035/E0420/ROSP200402001040105.PDF&amp;thumb=false">Spiegel 10.05.2004, PDF</a>).  Die durch den eigentlichen Hauptt&#228;ter Charles Graner verf&#252;hrte Lynndie England erscheint hier lediglich als die passive, untergeordnete Gehilfin. Auch durch die dritte diskursive Strategie, die ich als <strong>Viktimisierung</strong> bezeichne, wird ihre individuelle Verantwortung bestritten und sie wird als passiv und von anderen benutzt dargestellt. Jedoch wird dadurch nicht das Bild der durch Liebe Verf&#252;hrten gezeichnet, sondern allgemeiner das Bild des Opfers der sozialen Umst&#228;nde. Hier werden Englands Sozialisation, ihre Erziehung, ihr soziales Herkunftsmilieus sowie &#246;konomische Hintergr&#252;nde, wie Geldnot angef&#252;hrt. Die viktimisierte T&#228;terin wird entsprechend als Opfer der Anpassung an &#8220;M&#228;nnerb&#252;ndnisse&#8221; oder sehr allgemein als Opfer des Patriarchats beschrieben (<a href="http://www.emma.de/596.html">Emma, Nr.4, 2004</a>).</p>
<p>Das Bild von einer letztlich doch unschuldigen Weiblichkeit ohne individuelle Verantwortlichkeit f&#252;r die begangenen Taten, sei es wegen kindlicher Naivit&#228;t, Verf&#252;hrung aus Liebe oder wegen des Opferstatus, findet sein Gegenst&#252;ck im Bild der devianten, grausamen Frau bzw. dem Bild der Bestie. Diese in der Berichterstattung h&#228;ufig benutzten Darstellungen habe ich als die diskursive Strategie der <strong>Pathologisierung</strong> weiblicher T&#228;terschaft benannt. Bezeichnungen wie &#8220;sadistische Foltermagd&#8221;, &#8220;Fratze des b&#246;sen Amerika&#8221;,                      &#8220;wilder Teufelsbraten&#8221; (<a href="http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/469/31438/">S&#252;deutsche Zeitung, 08.05.2008</a>) sind das Pendant einer z.B. durch kindliche Naivit&#228;t oder durch Betonung des Opferstatus unschuldigen Weiblichkeit. Durch d&#228;monisierende und insbesondere auch skandalisierende Beschreibungen der Person Englands findet zudem eine Entmenschlichung statt. Ihre Taten erscheinen als ein unnormaler Einzelfall und eine absolute Ausnahme. Weibliche Gewalt wird somit in den Bereich individueller Abnormit&#228;t verschoben. In der Berichterstattung werden die durch Pathologisierung weiblicher Gewalt begangenen Verbrechen h&#228;ufig mit Sexualit&#228;t begr&#252;ndet. Bei den sexualisierenden Beschreibungen der Ereignisse in Abu Ghraib als Exzess oder Orgien werden auch Vergleiche zur Pornographie bem&#252;ht. So wird Abu Ghraib gleichzeitig als Ort von &#8220;unkontrollierten Exzessen&#8221; und als Ort einer geplanten (Porno)-Inszenierung beschrieben. Dabei wird ein Zusammenhang von Exzessen, pornographischer Darstellung und Beteiligung von Frauen herausgestellt. Zudem wird Lynndie England h&#228;ufig ein besonderer Sadismus, eine Perversion und vor allem Lust an den Taten zugeschrieben. &#8220;Lynndie Englands Grinsen verr&#228;t Genuss, nicht Unsicherheit, keine Spur von Angst&#8221; (<a href="http://www.welt.de/print-welt/article312224/Eine_elende_Domina.html">Welt, 08.05.2004</a>). Diese Zuschreibungen sind                      typisch f&#252;r die f&#252;nfte und letzte diskursive Strategie der <strong>Sexualisierung und Pornographisierung</strong> in der Berichterstattung. Mit dem Bild einer abnormen Sexualit&#228;t wird Lynndie England als ohne moralische Urteilskraft und allein durch ihren sexuellen Trieb und ihre Lust gesteuert dargestellt.</p>
<p>Zusammenfassend wurden diese f&#252;nf diskursiven Strategien der Vergeschlechtlichung weiblicher T&#228;terschaft in der untersuchten Berichterstattung ausgemacht, die ineinander vermischt vorkommen und sich gegenseitig zu stabilisieren scheinen. Auffallend ist, dass h&#228;ufig alle Strategien bei der Berichterstattung insgesamt und auch in einzelnen Artikeln gleichzeitig in Anspruch genommen werden. Eigenm&#228;chtige Handlungen weiblicher T&#228;terschaft werden einerseits negiert und eine letztlich unschuldige Weiblichkeit dargestellt wie bei den diskursiven Strategien der Infantilisierung, der Seduktion und der Viktimisierung. Hierdurch erf&#228;hrt Lynndie England eine Entlastung von der T&#228;terschaft. Andererseits wird durch die Pathologisierung und die Sexualisierung bzw. Pornographisierung weibliche T&#228;terschaft als eine absolute Ausnahme dargestellt und die Gewalttaten erscheinen als unnormaler Einzelfall. Dabei hat das Bild von weiblicher Unschuld sein Gegenst&#252;ck im Bild der grausamen und devianten Frau. Diese dichotomen Weiblichkeitskonstruktionen sind zumindest in der westlichen Welt schon lange etablierte Konstruktionen.</p>
<p>Wie sind also weibliche T&#228;terinnen vorstellbar? Auch wenn die untersuchte Berichterstattung zeigt, dass Weiblichkeit durchaus vielf&#228;ltig dargestellt wird, zeigt die in der Berichterstattung vorzufindende besondere Schockierung dar&#252;ber, wie denn Frauen zu &#8220;T&#228;terinnen&#8221;, zu &#8220;gewaltt&#228;tigen Folterinnen&#8221; werden konnten, das zugrundeliegende Verst&#228;ndnis von einer weiblichen Friedfertigkeit. Hier offenbart sich die Unvereinbarkeit von Weiblichkeit, Gewalt und T&#228;terschaft. Die dichotomen Weiblichkeitskonstruktionen k&#246;nnen als R&#252;ckgriff auf tradiertes Wissen beschrieben werden. Das gespaltene Frauenbild findet sich bereits in der Polarisierung von Ehefrau vs. Geliebter, von Mutter vs. Hure, Heiliger vs. S&#252;nderin, eine Aufteilung in reine und d&#228;monische Bilder. Beide Seiten dieser konstruierten Weiblichkeitsbilder sind dabei stets aufeinander bezogen (vgl. Eschenbach 2003: 98). Allen diskursiven Strategien ist gemeinsam, dass sie die T&#228;terin als nicht selbstverantwortlich handelnde Person zeichnen, welche bewusst eigene Entscheidungen treffen kann. Der folternden Frau werden bei den Taten keine eigenen moralischen Entscheidungen oder Einsichten zugestanden. Trotz gesellschaftspolitischer Ver&#228;nderungen wie der &#214;ffnung des Milit&#228;rs f&#252;r Frauen und der direkten Beteiligung von Frauen an Krieg und Gewalt, besitzt die traditionelle essentialistische Vorstellung von friedfertiger Weiblichkeit nach wie vor enorme G&#252;ltigkeit.</p>
<h3>Verwendete Literatur:</h3>
<ul>
<li>Eschenbach, Insa: Gespaltene Frauenbilder: Geschlechterdramaturgien im juristischenostdeutschen Diskurs, in: Weckel, Ulrike/Wolfrum, Edgar (Hgg.): &#8220;Bestien&#8221; und &#8220;Befehlsempf&#228;nger&#8221;. Frauen und M&#228;nner in NS-Prozessen nach 1945, G&#246;ttingen 2003, S. 99-106</li>
</ul>
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<hr /></div>
<p>Diesem Artikel liegen die Ergebnisse einer diskursanalytischen Untersuchung zugrunde, welche die Autorin im Rahmen ihrer Diplomarbeit: &#8220;Foltern Frauen wie M&#228;nner?&#8221; Eine diskursanalytische Betrachtung der medialen Vergeschlechtlichung des &#8220;Folterskandals Abu Ghraib&#8221; vorgenommen habe. Den Materialkorpus der Analyse bilden 262 Printmedienartikel &#252;ber den &#8220;Folterskandal&#8221; aus sechs auflagenstarken &#252;berregionalen Printmedien verschiedener politischer Provenienz, welche sich um die so genannte politische Mitte formieren. Ein ausf&#252;hrlicher Artikel hierzu befindet sich in <a title="Artikel im IFF Info als PDF" href="http://www.uni-bielefeld.de/IFF/aktuelles/IFFInfoSS06.pdf">IFF Info</a> &#8211;                        Zeitschrift des Interdisziplin&#228;ren Zentrums f&#252;r Frauen- und Geschlechterforschung, 2006, 23 Jg., Nr. 31</p>
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