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	<title>Feministisches Institut Hamburg &#187; Feministische Theorien</title>
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		<title>Geschlechtertheoretische Diskurse in den USA. Eine subjektive Situierung</title>
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		<pubDate>Tue, 11 May 2010 12:09:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Paulus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feministische Theorien]]></category>

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		<description><![CDATA[Zurzeit bin ich Gastwissenschaftler an der Universit&#228;t Berkeley, USA, Department Gender and Women Studies. Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch darauf, die US-amerikanischen Debatten im Ganzen darzustellen. Er soll vielmehr einen subjektiven &#220;berblick geben. Um dieses Vorhaben zu realisieren f&#252;hrte ich Gespr&#228;che, E-Mail- und Videointerviews mit Feministinnen &#252;ber geschlechtertheoretische Diskurse.(1) In den Interviews stellte ich folgende Fragen: Welche geschlechterrelevanten Debatten sind in den USA virulent? Wie wird die Kategorie "Klasse" im Zusammenhang mit der Kategorie "Geschlecht" besprochen? Wie artikuliert sich die Theorie der Intersektionalit&#228;t im allt&#228;glichen Leben im Zusammenhang von Klasse, „Rasse“ und Geschlecht? ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Zurzeit bin ich Gastwissenschaftler an der Universit&#228;t Berkeley, USA, Department Gender and Women Studies. Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch darauf, die US-amerikanischen Debatten im Ganzen darzustellen. Er soll vielmehr einen subjektiven &#220;berblick geben. Um dieses Vorhaben zu realisieren f&#252;hrte ich Gespr&#228;che, E-Mail- und Videointerviews mit Feministinnen &#252;ber geschlechtertheoretische Diskurse.(1) In den Interviews stellte ich folgende Fragen: Welche geschlechterrelevanten Debatten sind in den USA virulent? Wie wird die Kategorie &#8220;Klasse&#8221; im Zusammenhang mit der Kategorie &#8220;Geschlecht&#8221; besprochen? Wie artikuliert sich die Theorie der Intersektionalit&#228;t im allt&#228;glichen Leben im Zusammenhang von Klasse, „Rasse“ und Geschlecht?</strong></p>
<p>Die Debatte &#252;ber die Repr&#228;sentation von Geschlechterrollen scheint besonders wichtig zu sein. Feministische Aktivistinnen treten hier f&#252;r gesetzliche Frauenrechte, wie das Recht auf die k&#246;rperliche Integrit&#228;t und Autonomie sowie Abtreibungs- und Fortpflanzungsrechte ein. Laut Nancy Tripathi gibt es ein Defizit im Dialog zwischen der holistischen Natur der weiblichen Sexualit&#228;t und dem in den USA vorherrschenden hypersexualisierten, moralisierten und patriarchalen Modell einer Gesellschaft. Dementsprechend existieren kontroverse Diskurse in Bezug auf Sch&#246;nheitsideale, K&#246;rperbilder und Repr&#228;sentationen von Frauen sowie Abtreibungsdiskurse oder Richtungsstreits &#252;ber die sexuelle Aufkl&#228;rung von Jugendlichen. Ganz zu schweigen von den Materialisierungen von Fett- und Altersphobien, welche letztlich Brennstoff f&#252;r den kapitalistischen Selbstverwertungsmechanismus liefern, so Nancy Tripathi.</p>
<p>Ein weiteres wichtiges Diskursfragment sind die inhaltlichen &#220;berschneidungen und Verbindungen der amerikanisch-feministischen Bewegung mit LGBT-Rechten. BNOW (Berkeley National Organization for Woman) unterst&#252;tzt mit Kampagnen, wie “I Heart Consensual Sex”, die Selbstbestimmungsrechte von Frauen und zeigt mit Kampagnen wie „Wir nehmen uns die Nacht zur&#252;ck“ Solidarit&#228;t mit Opfern von sexueller und h&#228;uslicher Gewalt.</p>
<p>Diskurse &#252;ber die Geographie von Rasse und Geschlecht sind, im Gegensatz zum deutschsprachigen Raum, durchaus verbreitete Themen. In diesem Zusammenhang werden Forschungsfragen nach der historischen und kulturellen Geographie von „Rasse“ und Geschlecht in den USA und in Bezug auf andere Teile der Welt gestellt. Aber auch allgemeine Fragen zu den Alltagspraktiken insbesondere in r&#228;umlichen Kontexten oder der Untersuchungen von Architektur, k&#246;nnen das Verst&#228;ndnis von Geschlechterbeziehungen verdeutlichen und dazu beitragen die soziale und strukturelle Ungleichheit und Rassendiskriminierung in einer globalisierten Welt zu verstehen.</p>
<p>Der Diskurs um den Zusammenhang bzw. die Intersektion von Klasse, „Rasse“ und Geschlecht wird in den Debatten wesentlich kontroverser ausgetragen, als ich vermutet hatte. Vor allem ein deutliches Gef&#228;lle zwischen materialistischen und poststrukturalistischen Ans&#228;tzen ist hier festzustellen. Der marxistische Ansatz von Amiko teilt die Gesellschaft in zwei Klassen (Proletariat/B&#252;rgertum) ein. Diese Analyse bezieht sich darauf, dass der amerikanische Kapitalismus auf der Sklaverei und der Festsetzung von Frauen in der „Kernfamilie“ aufgebaut ist, sowie durch moralische Gesetze und Regulierungen (Gesetze bez&#252;glich M&#252;ndigkeit, sexueller Orientierung, Abtreibung usw.) konzipiert wird. Folgerichtig m&#252;sste diese marxistische Ansicht zu dem Schluss kommen, dass der Kapitalismus durch die Reproduktion seiner Produktionsbedingungen aufrecht erhalten wird. Amikos Perspektive beschreibt aber die Existenz von sozialen Problemen, einschlie&#223;lich ungleicher Geschlechterverh&#228;ltnisse, als ein „notwendiges Nebenprodukt des Kapitalismus“. Mit dieser Haupt- und Nebenwiderspruchsargumentation ist der Kampf um die Emanzipation der Menschheit und die Errichtung einer egalit&#228;ren Gesellschaft meines Erachtens nicht zu erreichen. Bei den anderen Interviews wird die Klassenfrage nur implizit bzw. als „Add on“ behandelt. Das Addieren von Klassenverh&#228;ltnissen ohne explizite Bestimmung der Verwobenheit von Klasse, „Rasse“ und Geschlecht habe ich auch bei verschiedenen anderen geschlechtertheoretischen Vorlesungen und Vortr&#228;gen festgestellt. Das fehlende Verst&#228;ndnis materialistischer Ans&#228;tze und das Fehlen einer fundierten geschlechtertheoretischen und diskurs&#252;bergreifenden &#214;konomiekritik scheint also nicht nur ein „deutsches“ Problem zu sein.</p>
<p>F&#252;r Lorin K. Jackson ist der Ansatz der Intersektionalit&#228;t mehr als eine Theorie. F&#252;r sie als Schwarze|Queere|Frau mit einem „lower class“ Hintergrund sind diese Intersektionen st&#228;ndig pr&#228;sent und stellen gro&#223;e Hindernisse bzw. Unterdr&#252;ckungsmechanismen im Alltag, besonders im Umgang mit Institutionen, dar. Lorin empfindet h&#228;ufig das Bed&#252;rfnis, sich von den anscheinend un&#252;berwindlichen und gegen sie errichteten Hindernissen (seemingly insurmountable obstacles) zu trennen, wenn sie zum Beispiel bei ihrer Arbeit als Lehrerin aufgrund ihrer Selbstverh&#228;ltnisse getriggert wird. F&#252;r Lorin bedeutet die Erfahrung, dass sie keine Kontrolle &#252;ber die Diskriminierungslabels Schwarz|Queer|Frau|low class besitzt und dass sie diesen Diskriminierungslabels nur mit Stolz begegnen kann: „You cannot survive if you ascribe to lies that seek to maintain power structures or hierarchies of oppression“. Die Theorie der Intersektionalit&#228;t dient folglich auch dazu, Definitionsmacht zu schaffen und Unterdr&#252;ckungsmechanismen zu erkennen. F&#252;r Lorin bedeutet das auch, anderen Leuten, die an der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchien leben, nicht zu erlauben, die Aspekte ihrer Pers&#246;nlichkeit zu definieren.</p>
<p>Auch f&#252;r Emma Shaw Crane ist die Theorie der Intersektionalit&#228;t eine ganz allt&#228;glicher Praxis. Emma hat die Theorie der Intersektionalit&#228;t geholfen, die „gegenderte“ Gewalt und die Klassenprivilegien zu verstehen, die sie als junge Mittelstandsuniversit&#228;tsstudentin an einer Eliteuniversit&#228;t erfahren hat. Die Theorie der Intersektionalit&#228;t hat ihr auch geholfen, die Beschimpfung „girly men“ zu verstehen, die zwei amerikanisch-asiatische Br&#252;der, auf dem selben Spielplatz auf dem Emma schikaniert worden ist, &#252;ber sich ergehen lassen mussten. Diese Erfahrungen der strukturellen und allt&#228;glichen Gewalt gegen Arme oder „People of Colour“ brachte sie dazu, die Widerspr&#252;che und M&#246;glichkeiten ihres eigenen Geschlechtes, Klassenhintergrunds, ihrer „mixed racial history“ und nonkonformistischer Sexualit&#228;t zu reflektieren. Wenn auch die Wege, so schreibt Emma, wie wir diese Gewalt erfahren, verschieden sind, erm&#246;glicht uns die Theorie der Intersektionalit&#228;t rassistische Kolonialpropaganda mit diskriminierenden Konstruktionen von Geschlecht zu sehen. F&#252;r Emma tr&#228;gt diese Beobachtung dazu bei, Unterdr&#252;ckungsmechanismen gemeinsam zu analysieren und gemeinsam Widerstand zu leisten.</p>
<p>Ihr Lieblingsdichter June Jordan schreibt: “It is against such sorrow, and against such suicide, and it is against such deliberated strangulation of the possible lives of women, of my sisters, and of powerless peoples – men and children – everywhere, that I work and live, now, as a feminist…” Diese Sichtweise hat auch Gayatri Chakravorty Spivak in ihrem Gastvortrag zu “Situating Feminism“ an der UC Berkeley betont.(2) Es geht darum, dass Feminismus nicht ausschlie&#223;lich f&#252;r Frauen gemacht wird, sondern dass Feminismus auch f&#252;r M&#228;nner gemacht werden muss.</p>
<p>Diese kleine subjektive Darstellung und keinesfalls repr&#228;sentative Darstellung US-amerikanischer Debatten zeigt ansatzweise, wie die geschlechtertheoretischen Ans&#228;tze im US-amerikanischen Alltag pr&#228;sent sind. Im abschlie&#223;enden Videointerview mit Aina Aasland werden die geschlechtertheoretischen Diskurse, welche an der Universit&#228;t Berkeley gelehrt werden, reflektiert.<br />
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<p><strong>Fu&#223;noten</strong></p>
<p>(1) Hierf&#252;r danke ich ganz herzlich:</p>
<p>Emma Shaw Crane (24), Mitglied des “June Jordan&#8217;s Poetry for the People” des African American Studies Department der UC Berkeley. Emma arbeitet f&#252;r ein Gef&#228;ngnisradio, welches politischen Gefangenen eine Stimme nach drau&#223;en gibt.</p>
<p>Nancy Tripathi, (23), Mitglied  des BNOW – (Berkeley National Organization for Woman), siehe www.now.berkeley.edu</p>
<p>Amiko, Mitglied der International Communist League<strong> </strong></p>
<p>Lorin K. Jackson (24), African American woman, queer sexuality orientation (Selbstbeschreibung)</p>
<p>Aina Aasland (22), Austauschstudentin der Soziologie aus Norwegen, welche sich freundlicherweise bereiterkl&#228;rt hat das unten Angef&#252;hrte Videointerview zu machen.</p>
<p>(2) Gayatri Chakravorty Spivak on Situating Feminism, online verf&#252;gbar:</p>
<p><a href="http://webcast.berkeley.edu/event_details.php?seriesid=d0133b8e-1de2-4adc-8072-6dac5ffe016e&amp;p=1&amp;ipp=15&amp;category=" target="_blank">http://webcast.berkeley.edu/event_details.php?seriesid=d0133b8e-1de2-4adc-8072-6dac5ffe016e&amp;p=1&amp;ipp=15&amp;category=</a></p>
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		<title>&#8216;Hottentot Venus&#8217; oder: Fetischismus als Wissenschaftspraxis</title>
		<link>http://www.feministisches-institut.de/hottentot-venus/</link>
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		<pubDate>Wed, 23 Sep 2009 07:18:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sabine Ritter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feministische Theorien]]></category>

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		<description><![CDATA[Emanzipatorische Wissenschaft hat die Aufgabe, soziale Verh&#228;ltnisse zu analysieren und zu dekonstruieren. Aber auch Gesellschaftskritik ist in historischen und aktuellen Diskursen verankert und bedarf, will sie ihr Potential aussch&#246;pfen, kontinuierlicher Reflexivit&#228;t. Deren Fehlen hat sich im Fall der postkolonialen Rekonstruktionen einer zum anthropologischen Forschungsobjekt des 19. Jahrhunderts diskriminierten Frau als Ausl&#246;ser eines veritablen 'race-and-gender-bias' erwiesen: im Bem&#252;hen, die Geschichte der sogenannten 'Hottentot Venus'  als Beispiel kolonialen Unrechts und Missbrauchs zu thematisieren, werden sexistische und rassistische Stereotype reproduziert. Dar&#252;ber hinaus erschafft die reduktionistische Sicht auf das Ph&#228;nomen 'Hottentottenvenus' eine neuartig fetischisierende Eindimensionalit&#228;t...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Emanzipatorische Wissenschaft hat die Aufgabe, soziale Verh&#228;ltnisse zu analysieren und zu dekonstruieren. Aber auch Gesellschaftskritik ist in historischen und aktuellen Diskursen verankert und bedarf, will sie ihr Potential aussch&#246;pfen, kontinuierlicher Reflexivit&#228;t. Deren Fehlen hat sich im Fall der postkolonialen Rekonstruktionen einer zum anthropologischen Forschungsobjekt des 19. Jahrhunderts diskriminierten Frau als Ausl&#246;ser eines veritablen &#8216;race-and-gender-bias&#8217; erwiesen: im Bem&#252;hen, die Geschichte der sogenannten &#8216;Hottentot Venus&#8217;  als Beispiel kolonialen Unrechts und Missbrauchs zu thematisieren, werden sexistische und rassistische Stereotype reproduziert. Dar&#252;ber hinaus erschafft die reduktionistische Sicht auf das Ph&#228;nomen &#8216;Hottentottenvenus&#8217; eine neuartig fetischisierende Eindimensionalit&#228;t.</strong></p>
<p>Im Zentrum der stilbildenden »Steampunk Trilogy« des US-amerikanischen Science Fiction Autors Paul di Filippo aus dem Jahr 1995 steht eine Novelle, die mit »Hottentots« &#252;berschrieben ist. Die Erz&#228;hlung vermischt Historie und Fiktion, Rassismusgeschichte und Wissenschaftskritik, Abenteuerroman und Satire. Sie spielt im viktorianischen Zeitalter und beschreibt die abstrus-spektakul&#228;re Jagd nach einem Fetisch, n&#228;mlich den sezierten und eingelegten Genitalien der sogenannten &#8216;Hottentottenvenus&#8217;. Jener Figur liegt die Geschichte der realen Person Sarah Baartman zugrunde.</p>
<p>1810 reiste sie aus Kapstadt nach London und wurde dort ethnopornographisch zur Schau gestellt. Dabei stand ihr Hintern im Fokus der Werbeplakate, der Shows und der &#246;ffentlichen Aufmerksamkeit. Ein ausladendes Ges&#228;&#223;, diffamiert als &#8216;Fettstei&#223;&#8217;, geh&#246;rte wie auch &#8216;h&#228;ngende Br&#252;ste&#8217; und &#8216;&#252;bergro&#223;e Schamlippen&#8217; zu den stereotypisierenden Zuschreibungen, die die europ&#228;ische Welt seit vielen Jahrzehnten f&#252;r indigene S&#252;dafrikanerinnen bereithielt und mit deren Hilfe diese sowohl als monstr&#246;se Ungestalten wie auch als sexualisierte Attraktionen dargestellt wurden. Entsprechend zeigte man Sarah Baartman als dressiertes wildes Tier in einem K&#228;fig. Zugleich gab es aber auch die hocherotisierte, begehrende Sicht auf sie, wof&#252;r das Ges&#228;&#223; und die ihre Genitalien bedeckende Sch&#252;rze standen.</p>
<p>1814 kam Sarah Baartman nach Paris. Dort wurde sie nicht nur von zahlendem Publikum als &#8216;Vénus hottentote&#8217; bestaunt, sondern auch von den f&#252;hrenden Anthropologen begutachtet: Georges Cuvier, Begr&#252;nder der vergleichenden Anatomie, verma&#223; ihren lebendigen Leib als den einer &#8216;typischen Hottentottin&#8217;. Nach ihrem Tod 1815 wurde ihr Leichnam von ihm zum exemplarischen weiblichen Rassenk&#246;rper seziert. Bei dieser Gelegenheit entnahm Cuvier nicht nur ihr Gehirn, sondern auch ihr Geschlechtsteil, das seiner Meinung nach bewies, dass es die mysteri&#246;se &#8216;Hottentottensch&#252;rze&#8217;, eine &#252;berm&#228;&#223;ige Vergr&#246;&#223;erung der inneren Schamlippen, als Zeichen minderwertiger Wildheit gebe. Nach der Sektion, die Cuvier in einem Bericht des Jahres 1817 minuti&#246;s dokumentiert hat, wurden ein kolorierter Gipsabdruck des toten K&#246;rpers sowie Sarah Baartmans Skelett bis 1982 im Pariser Musée de l&#8217;Homme ausgestellt und ihr Gehirn und ihre Genitalien im Magazin verwahrt. Diese k&#246;rperlichen &#220;berreste wurden am 9. August 2002 nach jahrelangem diplomatischem Tauziehen zwischen Frankreich und S&#252;dafrika in der N&#228;he von Kapstadt in einem Staatsakt beigesetzt.</p>
<p>Di Filippo hat aus dieser in Wissenschaft, Politik und Kunst stark ventilierten Geschichte eine R&#228;uberpistole gemacht, in der Cuvier als Schwarzmagier aus der &#8216;Hottentottensch&#252;rze&#8217; einen Fetisch zaubert. Zauberk&#252;nste aber sind keineswegs n&#246;tig, um eine Person auf ihren K&#246;rper oder gar einen Teil davon zur&#252;ckzuschneiden; vielmehr handelt es sich bei solchen Operationen um sozial antrainierte Handlungen, die &#8216;die Anderen&#8217; zum Objekt degradieren: »Dieses Ersetzen des <em>Ganzen</em> durch ein <em>Teil</em>, eines <em>Subjekts</em> durch ein <em>Ding</em> &#8211; ein Objekt, ein Organ, ein K&#246;rperteil &#8211; ist der Effekt einer sehr wichtigen Repr&#228;sentationspraxis &#8211; <em>Fetischismus</em>«, schreibt Stuart Hall in »Das Spektakel des &#8216;Anderen&#8217;«. Die Zerst&#252;ckelung Sarah Baartmans durch Cuvier, die Pr&#228;sentation ihres Sch&#228;dels und ihrer Knochen im Musée de l&#8217;Homme und die Pr&#228;paration ihres Hirns und ihrer Vulva, war ein entmenschlichender Sch&#228;ndungsakt, in dessen Mittelpunkt die Verifikation alter Zuschreibungen an weiblich-&#8217;hottentottische&#8217; Genitalien stand.</p>
<p>Initiiert durch Beitr&#228;ge des kritischen Biologen Stephen J. Gould und des Kulturwissenschaftlers Sander L. Gilman wurde &#8216;die Hottentottenvenus&#8217; seit den 1980er Jahren zum Standardbeispiel postkolonialer Theoriebildung. Auch Stuart Hall schilderte den Fall in seinen &#220;berlegungen zu Ideologie, Identit&#228;t und Repr&#228;sentation. Was ihm wie seinem Stichwortgeber Gilman nicht bewusst gewesen zu scheint ist, dass die Kritik selbst durch ihre Darstellungsweise der &#8216;Hottentottenvenus&#8217; nicht nur Gefahr l&#228;uft, die Zurschaustellung Sarah Baartmans zu reproduzieren. Vielmehr beschr&#228;nkt sie sich in ihrem analytischen Bem&#252;hen auf die Explikation ihrer angeblich abnormen Geschlechtlichkeit. Gould, Gilman und Hall ignorieren, was den von ihnen herangezogenen Quellen m&#252;helos zu entnehmen ist: dass Cuvier durchaus auch Sarah Baartmans Gehirn seziert und eingelegt hat, dass ihr Sch&#228;del im anthropologischen Museum zu besichtigen war, dass beides f&#252;r die Anthropologie des 19. Jahrhundert bedeutsam gewesen ist und dass es zur Rede von abnorm-pathologisch-hypersexualisierten &#8216;Schwarzen&#8217; immer Gegendiskurse gab. Stattdessen schreibt Stuart Hall, dass Sarah Baartman auf ihren K&#246;rper »und ihr K&#246;rper wiederum [...] auf ihre Geschlechtsorgane reduziert« wurde. Eine Tafel aus einem Grundlagenwerk der Kriminalanthropologie, die sechs als deviant markierte Vulven zeigt, dient dieser Behauptung als  Illustration &#8211; ohne dass diese Abbildungen analytischen Surplus b&#246;ten oder mit der &#8216;Hottentottenvenus&#8217; in direktem Zusammenhang st&#252;nden. Im von ihm selbst so definierten Sinne erscheint Fetischismus als ein wesentliches  Element seiner Vorstellung von Sarah Baartman, denn auch er repr&#228;sentiert sie in Text und Bild dezidiert durch ein Fragment, das obendrein  noch pornographisch ist.</p>
<p>Nach Hall bedeutet Fetischismus, »die Ersetzung einer [...] verbotenen Kraft durch ein &#8216;Objekt&#8217;«. Im Falle Sarah Baartmans wurde angeblich »der Blick des Betrachters von ihren Genitalien, dem Objekt seiner wirklichen sexuellen Obsession, auf ihr Hinterteil <em>verschoben.</em>« Diese Verschiebung aber ist das Werk derer, die sich eindimensional auf den Umgang mit den sezierten Genitalien kapriziert und s&#228;mtliche weiteren anthropologischen und allgemein kulturalistischen Operationen Cuviers und seiner Nachfolger ausgeblendet haben. Nur so konnte aus dem &#252;ppigen Hintern, der, wie viele zeitgen&#246;ssische Beispiele zeigen, dem herrschendem Begehren entsprochen hatte und zum »zeitgeist of the late Georgian Britain« wie zum modischen Cul de Paris geh&#246;rte, ein fetischisierter Signifikant f&#252;r abnorme weibliche Geschlechtsteile werden. Indem sie die Ergebnisse sozialer Zurichtung des K&#246;rpers unreflektiert gelassen hat und die kulturellen Dimensionen von K&#246;rperlichkeit ausgeklammert lie&#223;, hat die antirassistische Wissenschaft ungewollt rassistische Stereotype fortgeschrieben und einen neuen Fetisch kreiert, der f&#252;r eine Figur steht, die das 19. Jahrhundert so monochrom und eindimensional nie vor Augen hatte: die hypersexualisierte Hottentottin.</p>
<p><strong>Weiterf&#252;hrende Literatur:</strong></p>
<ul>
<li>Gilman, Sander L.: Hottentottin und Prostituierte. Zu einer Ikonographie der sexualisierten Frau. In: Ders.: Rasse, Sexualit&#228;t und Seuche. Reinbek 1992: Rowohlt, S. 119-154.</li>
<li>Hall, Stuart: Das Spektakel des &#8216;Anderen&#8217;. In: Ders.: Ideologie &#8211; Identit&#228;t &#8211; Repr&#228;sentation. Ausgew&#228;hlte Schriften 4. Hamburg 2004: Argument, S. 108-166.</li>
<li>Magubane, Zine: Which Bodies Matter? Feminism, Poststructuralism, Race, and the Curious Theoretical Odyssey of the &#8216;Hottentot Venus&#8217;. In: Gender &amp; Society, 15, 2001, 6, S. 816-834.</li>
<li>Ritter, Sabine: &#8216;Présenter les organes génitaux&#8217;. Sarah Baartman und die Konstruktion der Hottentottenvenus. In: Wulf D. Hund (Hg.): Entfremdete K&#246;rper. Rassismus und Leichensch&#228;ndung. Bielefeld 2009: transcript, S. 117-163.</li>
</ul>
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		</item>
		<item>
		<title>Prozessual-strategische Subjektivit&#228;t: Handlungsf&#228;higkeit, politische B&#252;ndnisse und Widerstand aus queer-feministischer Sicht</title>
		<link>http://www.feministisches-institut.de/prozessual-strategisch/</link>
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		<pubDate>Tue, 01 Sep 2009 12:33:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Do. Gerbig</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feministische Theorien]]></category>

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		<description><![CDATA[Feminismus nach Butler, wie ist das noch m&#246;glich?

Meines Erachtens brachte gerade die, durch Judith Butler (1990) ausgel&#246;ste Infragestellung einer vermeintlich angeborenen Weiblichkeit und die Dekonstruktion von k&#246;rperlichem Geschlecht neue und politisch wichtige Denkans&#228;tze f&#252;r Feminismen hervor. Um Subjekte dennoch und auch jenseits der Figur der „Unternehmerin ihrer Selbst“ handlungsf&#228;hig und widerst&#228;ndig erscheinen lassen zu k&#246;nnen, habe ich in meiner Diplomarbeit den Begriff „prozessual-strategische Subjektivit&#228;t“ entwickelt. Dabei war f&#252;r meine Konzeption von Subjektivit&#228;t und Politik zentral, Widerstand sowohl auf theoretischer als auch auf praktischer Ebene zu formulieren und dabei weder auf subjektive Autonomie zu referieren, noch Herrschaftsverh&#228;ltnisse unbeachtet zu lassen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Feminismus nach Butler, wie ist das noch m&#246;glich? Meines Erachtens brachte gerade die, durch Judith Butler (1990) ausgel&#246;ste Infragestellung einer vermeintlich angeborenen Weiblichkeit und die Dekonstruktion von k&#246;rperlichem Geschlecht neue und politisch wichtige Denkans&#228;tze f&#252;r Feminismen hervor. Um Subjekte dennoch und auch jenseits der Figur der „Unternehmerin ihrer Selbst“ handlungsf&#228;hig und widerst&#228;ndig erscheinen lassen zu k&#246;nnen, habe ich in meiner Diplomarbeit den Begriff „prozessual-strategische Subjektivit&#228;t“ entwickelt. Dabei war f&#252;r meine Konzeption von Subjektivit&#228;t und Politik zentral, Widerstand sowohl auf theoretischer als auch auf praktischer Ebene zu formulieren und dabei weder auf subjektive Autonomie zu referieren, noch Herrschaftsverh&#228;ltnisse unbeachtet zu lassen.</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Was das Subjekt ist und wie es handlungsm&#228;chtig wird, war und bleibt Kristallationspunkt verschiedener wissenschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen. Gerade vor dem Hintergrund einer neoliberalen Gouvernementalisierung der Gesellschaft muss m. E. angezweifelt werden, dass die M&#246;glichkeit Widerstand zu leisten, haupts&#228;chlich eine Frage der Ausbildung eines „freien Willens“ ist. Durch die Auseinandersetzung mit poststrukturalistischer, feministischer und queerer Theoriebildung wurden mir die Werkzeuge in die Hand gelegt, um Subjektivit&#228;t und <em>agency</em> (Handlungsf&#228;higkeit) nicht l&#228;nger als angeborene anthropologische Eigenschaften (Engel 2002: 61) zu entpolitisieren, sondern sie in ihrer historischen Kontingenz und Verankerung in sozio-diskursiven Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnissen wahrzunehmen. Aus dem Zusammendenken der Arbeiten von Jacques Derrida, Michel Foucault und Judith Butler ergibt sich eine bestimmte M&#246;glichkeit, subjektive und politische Handlungsf&#228;higkeit zu denken, die ich<em> prozessual-strategisch</em> bezeichne.</p>
<p><strong>Subjektpositionen: prozessual und strategisch</strong></p>
<p><em>Prozessual</em> zun&#228;chst schon deshalb, weil Subjekte mit Derrida gedacht, ebenso wie Bedeutungen, abh&#228;ngig von Differenzen und dem identifikatorischem Au&#223;en, st&#228;ndig in Bewegung sind und viele Kontexte durchlaufen und aufnehmen m&#252;ssen. Subjekte befinden sich unabl&#228;ssig im Werden und k&#246;nnen nicht als abgeschlossen gedacht werden (vgl.: Bennington/Derrida 1994 u. Derrida 1996, 2004). Zentral ist f&#252;r mich au&#223;erdem Foucaults Begriff der produktiven Macht, die neben Diskursen und Machtverh&#228;ltnissen (Disziplinartechnologien) auch Subjektpositionen (Selbsttechnologien) hervorbringt. Was seine Arbeit anbietet, ist die Verschiebung einer koh&#228;rent gedachten Subjektivit&#228;t hin zu einem Denken verschiedener, variabler Subjektpositionen, die sich entlang diskursiver Vorgaben und Machttechniken formieren (Foucault 1983, 1993, 1994). Prozessual schlie&#223;lich auch in Anlehnung an Butlers Begriff der ‚performativen Materialisierung’ von kulturell intelligiblen k&#246;rperlichen Subjekten entlang diskursiver Vorgaben. Dieser Prozess der Herstellung ist abh&#228;ngig von der Wiederholbarkeit und Zitatf&#246;rmigkeit regulativer Normen. Gleichzeitig sind durch dieses st&#228;ndige Wiederholen gewisse Instabilit&#228;ten in Form von Rissen oder Br&#252;chen bereits ‚vorprogrammiert‘ oder sogar konstitutiv f&#252;r die Subjektivierung (vgl.: Butler 1990, 1993).</p>
<p><em>Strategisch</em> handlungsf&#228;hig wird eine so verstandene Subjektivit&#228;t, indem sie sich diese prozessuelle Materialisierung in ihrer Offenheit sowie die immer vorhandene Verwobenheit in Machtverh&#228;ltnisse klar macht und die Herstellung eigener Identit&#228;t und Praxen gegen diskursive und regulative Normen wendet. Die konstitutive Beschr&#228;nkung der Subjektivierung verhindert Handlungsf&#228;higkeit also nicht, aber verortet sie als eine wiederholende, reartikulierende Praxis, welche nie au&#223;erhalb von Machtverh&#228;ltnissen stattfinden kann (vgl.: Butler 1998). Auch mit Foucault ergeben sich strategische M&#246;glichkeiten der Intervention im Spannungsfeld von Unterwerfung und Autonomie durch und bei der Subjektwerdung. Deshalb gilt es, auch nach ihm, neue Formen der Subjektivit&#228;t hervorzubringen, in denen „wir die Art von Individualit&#228;t, die man uns jahrhundertelang auferlegt hat, zur&#252;ck[zu]weisen“ (Foucault 1994: 250). Mit Derridas bejahender Hinwendung zum absolut Anderen (vgl.: Derrida 2005) kann schlie&#223;lich ein ethischer Rahmen gezogen werden, der vor allem verlangt, jede subversive Strategie oder Politikform best&#228;ndig und immer wieder daraufhin zu fragen, was oder wer gerade ausgeschlossen wird.</p>
<p>Subjektivit&#228;t in dieser Weise als <em>prozessual</em> und in Machtverh&#228;ltnissen eingelassen zu konzipieren, kann M&#246;glichkeiten er&#246;ffnen, sie <em>strategisch</em> f&#252;r widerst&#228;ndige Praxen gegen diese einzusetzen. Damit soll aber nicht gesagt werden, dass es keine – unter so manchen Bedingungen sozialer Ungleichheit sogar &#252;berlebenswichtige – Strategie sein kann, sich den herrschenden Diskursen anzupassen. Au&#223;erdem m&#246;chte ich auch nicht behaupten, dass <em>queer-femistische</em> Theorie und Praxis nur von Menschen betrieben werden kann, die sich immer und ausschlie&#223;lich subversiv verhalten. Innerhalb der vorliegenden gesellschaftlichen Strukturen ist permanenter Widerstand ohnehin nur schwer denkbar, zumindest ohne den Partizipationsanspruch v&#246;llig aufs Spiel zu setzen. Vielmehr ist es mein Eindruck, dass Subjekte zwischen den beiden Polen Anpassung und Subversion pendeln und so manches Mal auch scheitern m&#252;ssen, um sich erfolgreich zu konstituieren, &#252;berleben und widerst&#228;ndig sein zu k&#246;nnen.</p>
<p><strong>Politik: Bewegung und B&#252;ndnisse </strong></p>
<p>Was bedeutet dieses Konzept von Subjektivit&#228;t und Handlungsf&#228;higkeit f&#252;r gegenw&#228;rtige und queere oder feministische Bewegungen und Politikformen? Wie wird nach Ablehnung von politischen Strategien, die auf einer geteilten – vermeintlich koh&#228;renten, angeborenen und damit auf nationalistischen Prinzipien beruhenden – Identit&#228;t fu&#223;en, gemeinsames politisches Handeln denkbar, vor allem aber umsetzbar?<strong> </strong></p>
<p>Aus der Fragmentierung und dem Br&#252;chig-Werden von Identit&#228;t, welche „sich als widerspr&#252;chlich, partiell und strategisch“ (Haraway 1995: 40) erweist, kann ein neues Verst&#228;ndnis von Verbindung und eine „andere m&#246;gliche Strategie der Koalitionsbildung“ (ebd: 41) entstehen: „Affinit&#228;t statt Identit&#228;t“ (ebd.). Damit geht es auch bei feministischer Politik darum, einen Raum zu konstruieren, „der nicht mit Handlungen auf der Grundlage nat&#252;rlicher Identifikation gef&#252;llt werden kann, sondern nur aufgrund bewusster Koalition, Affinit&#228;t und politischer Verwandtschaft“ (ebd.: 42). Innerhalb dieser R&#228;ume kann durch das Zusammentreffen von „virgin, whore, mother, etc.“ die Freiheit einer kollektiven Unsicherheit, „a groundless solidarity“ (Elam 1994: 84) entstehen. Differenzen sind immer da und vermehren sich st&#228;ndig, deshalb ist ein respektvoller Umgang mit ihnen notwendig, der aber nicht impliziert, dass das „Andere“ durch den richtigen Umgang zum Identischen gemacht werden kann. Politik sollte jedoch nicht in der Kl&#228;rung dessen, was oder wer die „Anderen“ sind, zum Erliegen kommen oder versuchen zu (er)kl&#228;ren, was deren Andersheit hei&#223;t.</p>
<p>Aus einer <em>queer-</em>feministischen Perspektive auf widerst&#228;ndige Praxen und im Hinblick auf die zentrale Frage nach Gestaltungsmacht ist es notwendig, nicht nur Diskriminierungen und Gewalt, sondern auch gesellschaftliche Systeme und Institutionen zu bek&#228;mpfen, welche die ungleiche Verteilung &#246;konomischer, sozialer und symbolischer Ressourcen sicherstellen. Politiken, die Rechte einfordern, sollten dementsprechend nicht verworfen werden, aber auch nicht l&#228;nger darauf abzielen, „sexuellen Minderheiten einen Platz im Recht zu sichern und sie vor Diskriminierung zu sch&#252;tzen“ (quaestio 2000: 24), sondern vielmehr darauf, die „Bedingungen gesellschaftspolitischer Auseinandersetzung und Praxis zu ver&#228;ndern“ (ebd.: 25). Vor jeder Frage nach den passenden politischen Strategien steht damit unbedingt die &#220;berlegung, wie die heteronormative, androzentristische und rassistische Verfasstheit gesellschaftlicher Institutionen immer zugleich die Bedingungen f&#252;r politische Praxis und Gestaltungsmacht definiert (Engel 2002: 59).</p>
<p><strong>Praxen: Widerstand und Scheitern</strong></p>
<p>In meiner bisherigen Arbeit zu Subjektivit&#228;t, <em>agency</em> und Widerstand schien ein wenig geliebtes und theoretisch kaum bearbeitetes Ph&#228;nomen, n&#228;mlich das Scheitern, immer wieder auf. Entgegen der beinahe durchgehend negativen Konnotation, gehe ich davon aus, dass dem Scheitern, sowohl in Verbindung mit Subjektkonstituierung als auch mit <em>agency </em>und Entw&#252;rfen widerst&#228;ndigen Handelns eine produktive Kraft innewohnt – und dies auf vielerlei Weise. Zun&#228;chst, Judith Butler folgend, schon in der Subjektwerdung, denn wir alle m&#252;ssen uns zwar dem regulativen Ideal verk&#246;rperter und vergeschlechtlichter Subjektivit&#228;t ann&#228;hern, ohne dies aber jemals erreichen zu k&#246;nnen. Dar&#252;berhinaus k&#246;nnen Exklusionserfahrungen oder das Nicht-Erf&#252;llen-K&#246;nnen oder Wollen normativer Vorgaben uns dazu antreiben, alternative Subjektpositionen, Handlungsm&#246;glichkeiten oder politische Strategien zu entwickeln und anzustreben. Au&#223;erdem nicht zu vernachl&#228;ssigen ist die Tatsache, dass das Scheitern gewisser Protest- und Widerstandsformen Alternativen hervorgebracht hat und somit auch als bewegendes Moment f&#252;r neue widerst&#228;ndige Handlungskonzepte lesbar wird. Dies kann gut am Beispiel des Feminismus nachvollzogen werden. Die berechtigten Aufschreie schwarzer Frauen, die sich durch einen nach innen geschlossenen wei&#223;en Mittelstands-Feminismus (der nicht auf seine Wei&#223;heits-Privilegien reflektierte) nicht repr&#228;sentiert f&#252;hlten und nicht repr&#228;sentieren lassen wollten, f&#252;hrte zur Entstehung des <em>Black Feminism</em>. Durch die aufkommende Queer Theory und queeren Aktivismus, wurden noch weitere Ausschl&#252;sse durch Identit&#228;tspolitiken in Frage gestellt und neue Formen widerst&#228;ndiger Praxen und B&#252;ndnisse ins Leben gerufen.</p>
<p>Widerstand verstehe ich dabei nicht, als einzig in Revolutionen und radikalen Umst&#252;rzen sichtbar oder denkbar. Subversion kann sich oft nur in kleinen Unterscheidungen zum Hegemonialen ausdr&#252;cken und sollte deshalb in ihrer Vielfalt anerkannt werden. Auch zu stark vereinfachend w&#228;re, Widerstand in der Opposition oder Verweigerung der Anpassung zu begreifen, denn h&#228;ufig scheint im Hinblick auf Teilhabem&#246;glichkeiten eine Menge Anpassung n&#246;tig, um &#252;berhaupt subversiv handlungsf&#228;hig werden zu k&#246;nnen.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Literatur:</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<ul>
<li>Bennington, Geoffrey /Derrida, Jacques (1994): Jacques Derrida. Ein Portr&#228;t, Frankfurt am Main.</li>
<li>Butler, Judith (1990): Gender Trouble, New York, London.</li>
<li>Butler, Judith (1993): Bodies that matter: on the discursive limits of &#8220;sex&#8221;, New York.</li>
<li>Butler, Judith (1998): Hass spricht. Zur Politik des Performativen, Berlin.</li>
<li>Derrida, Jacques (1996): Grammatologie, Frankfurt am Main.</li>
<li>Derrida, Jacques (2004): Die Différance, in: <em>Engelmann, Peter</em> 2004,76-113.</li>
<li>Derrida, Jacques (2005): Gesetzeskraft. Der &#8220;mystische Grund der Autorit&#228;t&#8221;, in: <em>Wetzel, Stefan Moebius; Dietmar</em><strong> </strong>140-153.</li>
<li>Elam, Diane (1994): Towards a Groundless Solidarity, in: <em>(dies.)</em> 1994,<strong> </strong>64-88.</li>
<li>Engel, Antke (2002): Wider die Eindeutigkeit. Sexualit&#228;t und Geschlecht im Fokus queerer Politik der Repr&#228;sentation Frankfurt am Main.</li>
<li>Foucault, Michel (1983): Der Wille zum Wissen. Sexualit&#228;t und Wahrheit 1, Frankfurt am Main.</li>
<li>Foucault, Michel (1993): „Leben machen und Sterben lassen“, <em>Lettre international </em> (63), 62-67.</li>
<li>Foucault, Michel (1994): Warum ich Macht untersuche: Die Frage nach dem Subjekt, in: <em>Dreyfus, Hubert L. and Rabinow, Paul</em> 1994,<strong> </strong>243-261.</li>
<li>Haraway, Donna (1995): Ein Manifest f&#252;r Cyborgs. Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften, in: <em>dies.</em> 1995,33-72.</li>
<li>quaestio (Hrsg): Nico J. Berger, Sabine Hark, Antke Engel, Corinna Genschel, Eva Sch&#228;fer (2000): Queering Demokratie. Sexuelle Politiken, Berlin.</li>
</ul>
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		<title>Feminismus, Geschlechterforschung und die Neurowissenschaft</title>
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		<pubDate>Fri, 15 May 2009 19:09:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anelis Kaiser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feministische Theorien]]></category>

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		<description><![CDATA[Wir leben gegenw&#228;rtig in einer Neurozeit; manche setzen die Erforschung des Gehirns mit der Erforschung des Menschen gleich. Wie positionieren sich FeministInnen und GeschlechterforscherInnen zur immer wichtiger werdenden Rolle des Gehirns und der Neurowissenschaft in der Gesellschaft? Wie wollen wir, theoretisch und praktisch, Geschlechter&#228;hnlichkeit und -differenz im Gehirn handhaben? Gerade weil eine ganze Generation von feministischen NeurowissenschaftlerInnen fehlt, lautet das Pl&#228;doyer hier f&#252;r mehr neurowissenschaftliche Forschung - und zwar f&#252;r eine kritisch-feministische, die auf die neurobiologische Ver&#228;nderbarkeit von Differenzen und &#196;hnlichkeiten zielt...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Wir leben gegenw&#228;rtig in einer Neurozeit; manche setzen die Erforschung des Gehirns mit der Erforschung des Menschen gleich. Wie positionieren sich FeministInnen und GeschlechterforscherInnen zur immer wichtiger werdenden Rolle des Gehirns und der Neurowissenschaft in der Gesellschaft? Wie wollen wir, theoretisch und praktisch, Geschlechter&#228;hnlichkeit und -differenz im Gehirn handhaben? Gerade weil eine ganze Generation von feministischen NeurowissenschaftlerInnen fehlt, lautet das Pl&#228;doyer hier f&#252;r mehr neurowissenschaftliche Forschung &#8211; und zwar f&#252;r eine kritisch-feministische, die auf die neurobiologische Ver&#228;nderbarkeit von Differenzen und &#196;hnlichkeiten zielt.</strong></p>
<p>Die zwischen 1990-2000 unter anderem vom US-Bundesministerium f&#252;r Gesundheit ausgerufene &#8220;Dekade des Gehirns&#8221; sowie die unz&#228;hligen privat und staatlich unterst&#252;tzten Ma&#223;nahmen zur F&#246;rderung neurowissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung und -verbreitung haben zweifelsohne ihr Ziel erreicht. Heute ist die Hirnforschung aus der Gesellschaft und Wissenschaft fast nicht mehr wegzudenken. <a href="http://www.gehirn-und-geist.de/artikel/852357&amp;_z=798884">Ein Manifest</a>,  herausgegeben von leitenden Figuren aus den Neurowissenschaften, kursierte im deutschen Sprachraum, mehrere regelm&#228;&#223;ig erscheinende <a href="http://www.gehirn-und-geist.de/">popul&#228;rwissenschaftliche Zeitschriften</a> machen das Thema allzeit gegenw&#228;rtig und zeitgen&#246;ssische Denkerinnen aus den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften belassen den von manchen Neurowissenschaftlerinnen unternommenen Versuch, den Menschen als biologisch determiniertes Hirnwesen zu betrachten, berechtigterweise nicht ohne Kritik.</p>
<p>Und wir? Was machen wir Feministinnen und Geschlechterforscherinnen mit dem neurowissenschaftlichen Diskurs? So lautet eine meiner Fragen. Zu diesem Thema haben bereits einige aus geistes- sowie kulturwissenschaftlicher (Purtschert 2008), wissenschaftskritischer (Schmitz 2006, Fausto-Sterling 2000) oder historischer Sicht (Imboden u.a. 2007) geforscht. Diese Arbeiten untersuchen unter anderem die Vorstellungen von K&#246;rper und Geschlecht in den Neurowissenschaften (Purtschert), die Verwobenheit zwischen neurowissenschaftlicher Theorie, Methode und geschlechterrelevanten Ergebnissen (Schmitz, Fausto-Sterling) oder die historische Reise des Geschlechts durch den K&#246;rper und wie diese im Gehirn ihr Ende nahm (Imboden u.a.).</p>
<p>Ein andere Frage betrifft den neurowissenschaftlichen Diskurs auf eine direktere Art und lautet: Wie kann eine feministische Sicht direkt in den neurowissenschaftlich-empirischen Diskurs integriert werden? Meines Erachtens sollten wir hierbei an die in Vergessenheit geratenen feministischen Empirikerinnen der 1970er und 1980er Jahre, wie Ruth Bleier oder Susan Leih Star, ankn&#252;pfen. Es gab sie also auch in den Neurowissenschaften. Die feministische Deutlichkeit, mit der sie sich damals durchaus auch in ihren neurowissenschaftlichen Publikationen &#228;u&#223;erten, haben wir nicht mehr &#8211; oder: wir nehmen sie uns nicht. 1979 scheute sich Star nicht, in ihrem Artikel &#8220;Sex Differences and the Dichotomization of the Brain &#8230;&#8221;, von &#8220;pro-patriarchalen politics&#8221; gerade auch im Zusammenhang mit geschlechtlichen Morphologien des Gehirns zu sprechen. Heute hingegen fehlen mir die Bezeichnungen, wenn ich bei renommierten interdisziplin&#228;ren Veranstaltungen, wie zum Beispiel den <a title="PDF-Datei: Flyer Neurocultures" href="http://www.mpiwg-berlin.mpg.de/PDF/NeuroculturesFlyer.pdf">Neurocultures</a>,                   auch nur auf das fehlende Thema Geschlecht hinweisen m&#246;chte.</p>
<p>Sicherlich muss in diesem Zusammenhang ein allgemeines Interdisziplinarit&#228;tsproblem ins Feld gef&#252;hrt werden: Die Neurowissenschaften und die Geschlechterforschung haben keine gemeinsame Sprache. Intuitiv stehen wir den Naturwissenschaften mit gro&#223;er Skepsis gegen&#252;ber. Seit sp&#228;testens Anfang der neunziger Jahre haben wir in der Geschlechterforschung gelernt, den biologischen Neurowissenschaften mit einer per se abwehrenden Grundhaltung gegen&#252;ber zu treten, zu sehr sitzen uns noch deterministische Aussagen dar&#252;ber, wie Frauen- und M&#228;nnergehirne funktionieren und wie sich daraus weibliches und m&#228;nnliches Verhalten ableiten l&#228;sst, in den Knochen. Und weil nach wie vor essentialistische Deklarationen in diesen Forschungsfeldern aufgestellt werden, sollten wir uns eine gesunde Portion dieser Skepsis bewahren. Und dennoch &#8230;</p>
<h3>Zwei neue Fragestellungen</h3>
<p>Was heute in demjenigen Bereich der Geschlechter- und der feministischen Forschung, der sich mit den Neurowissenschaften besch&#228;ftigt, dringlich ansteht, ist meiner Ansicht nach die Bearbeitung von zwei Aspekten. Der erste betrifft eine exakte Untersuchung dessen, was im neurowissenschaftlichen Experimentallabor vor sich geht. Diese Ebene ist n&#228;mlich diejenige, in der die das Gehirn abbildende Methode samt der Statistik, die biologischen Grunds&#228;tze des Gehirns und die gesellschaftlichen Vorstellungen aufeinander treffen und materialisierte Faktizit&#228;ten mit geschlechtlichen Auspr&#228;gungen (re-)produzieren. Der zweite Aspekt zielt auf einen neuen Umgang mit geschlechtsbezogenen Resultaten aus den Neurowissenschaften ab. Die Frage hierbei ist: Wie k&#246;nnen wir, ausgehend von dem durch unsere Vorg&#228;ngerinnen in den 1970er und 1980er Jahren aufgestellten geschlechtsrelevanten Wissen, die heutzutage hervorgebrachten Ergebnisse deuten und vor allem feministisch nutzen?</p>
<p><em>Warum wir das neurowissenschaftliche Experiment ins Auge fassen sollten </em></p>
<p>Die gezielte Analyse des neurowissenschaftlichen Experimentes erlaubt neue Sichtweisen auf das Gehirn. Neue Fragen resultieren daraus, wie diejenige, die untersucht, warum bestimmte Hirnregionen, zum Beispiel solche auf der kortikalen Rinde, sich als flexibler hinsichtlich von Geschlechterunterschieden zeigen, w&#228;hrend subkortikale Areale standfesten geschlechtlichen Dichotomien unterliegen. Somit wird auch die grunds&#228;tzliche Notwendigkeit deutlich, um zu verstehen, was im Gehirn &#252;berhaupt eine &#8220;Geschlechterdifferenz&#8221; ist, wie diese gemessen wird, wie diese mit statistischen Methoden variieren kann und ob diese &#252;berhaupt im Stande ist, etwas Endg&#252;ltiges &#252;ber das &#8220;Geschlecht des Gehirns&#8221; auszusagen. Ferner m&#252;ssen wir in diesem Zusammenhang die Bedingtheiten eines neurowissenschaftlichen Experiments samt den Operationalisierungseinschr&#228;nkungen eines jeden empirischen Aktes anerkennen, damit wir auch tats&#228;chlich nachvollziehen k&#246;nnen, was denn gemeint ist, wenn ein Geschlechtsunterschied oder eine Geschlechter&#228;hnlichkeit im Gehirn gefunden wird.</p>
<p>Es ist aus feministischer Sicht relevant zu verstehen, warum die statistisch-methodische Bedingung besteht, die zu folgendem Beispiel f&#252;hrt: Eine Forscherin, die sich mit funktioneller Magnetresonanztomographie besch&#228;ftigt, geht in einem <a href="https://www.jiscmail.ac.uk/cgi-bin/webadmin?A2=ind02&amp;L=SPM&amp;T=0&amp;F=&amp;S=&amp;P=1371995">online Datenanalyse-Forum</a> der bilateralen (beidseitigen) weiblichen Aktivierung im weiblichen Gehirn und deren statistisch korrekter Auswertung nach. In diesem Zusammenhang schl&#228;gt sie vor, ob die Tatsache des bilateralen Musters &#8211; M&#228;nner weisen meist ein laterales Muster auf &#8211; nicht etwa ein valider Grund w&#228;re, die Frauenkohorte aus ihrer Studie g&#228;nzlich auszuschlie&#223;en, was wiederum bedeuten w&#252;rde, anschlie&#223;end eine rein m&#228;nnliche Gruppe als Untersuchungsobjekt vor sich zu haben. Es reicht nicht, dieses Beispiel als solches anzuf&#252;hren, wir m&#252;ssen die statistischen Bedingungen und die neurobiologischen Grunds&#228;tze des Gehirns erkl&#228;ren k&#246;nnen, damit wir solchen und &#228;hnlichen Ausschlussgedanken, die Frauen betreffen, mit neuen statistischen und methodischen Logiken entgegen treten k&#246;nnen.</p>
<p>Dar&#252;ber hinaus m&#252;ssen wir auch wieder anfangen, feministisch-neurowissenschaftlich zu experimentieren. Das dekonstruierte Geschlecht dominiert gro&#223;e Teile der Geschlechterforschung. Bez&#252;glich der Neurowissenschaften hat das dekonstruierte Geschlecht es, salopp formuliert, bis an die empirische Grenze des neurowissenschaftlichen Labors geschafft, das hei&#223;t, es gibt Forschung &#252;ber den Konstruktionsgehalt des Geschlechts in den Neurowissenschaften aber keine Forschung mit dem dekonstruierten Geschlecht im neurowissenschaftlichen Experiment. Was machen wir also mit diesem Ansatz jenseits der Grenze? Scheuen wir diese bestimmte empirische Transgression? Hat das dekonstruierte Geschlecht einen Platz im neurowissenschaftlichen Experiment? Im Jahre 2009, fast schon 20 Jahre nach dem ersten Unbehagen mit der zwingenden Trennung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht, gilt es die These zu pr&#252;fen, ob sich das Verst&#228;ndnis, sex sei gender auch neurowissenschaftlich experimentell beweisen l&#228;sst. Eine simple Formulierung von enormem feministischem Gewicht.</p>
<p><em>Neuer Umgang mit geschlechtsbezogenen Resultaten aus den Neurowissenschaften </em></p>
<p>Was machen wir aus feministischer Sicht mit der Unmenge an Resultaten &#252;ber Geschlechtsdifferenzen, &#252;ber &#8220;abweichende&#8221; Gehirnaktivit&#228;ten bei Homosexuellen, &#252;ber &#8220;weibliche&#8221; und &#8220;m&#228;nnliche&#8221; Muster im Gehirn bei Experimenten zur menschlichen Sexualit&#228;t? Kurz: was machen wir ganz konkret mit der Unmenge an einzelnen &#8220;neuen&#8221; und tradierten Bausteinen der Geschlechterdifferenz im Gehirn? Ein Umgang ist es, sie zu dekonstruieren, wie bisher &#8211; und das ist schon einmal ganz gut. Ein weiterer besteht jedoch auch gemeinhin darin, darauf hinzuweisen, dass viel weniger neurowissenschaftliche Arbeiten als man denkt eindeutige deterministische Aussagen treffen. Die Perspektive, Differenzen im Gehirn eher als Resultate einer geschlechtlichen Sozialisation als Ursache von geschlechtertypischem Verhalten zu begreifen, wird n&#228;mlich auch innerhalb der Neurowissenschaften durchaus vertreten. Des Weiteren w&#228;re es interessant, einen Unterschied auch einmal als &#8220;biologische&#8221; Geschlechterdifferenz im Gehirn stehen zu lassen, um anschlie&#223;end neurowissenschaftlich-experimentell zu zeigen, wie sich dieser Unterschied aufgrund der neuronalen Plastizit&#228;t, also der F&#228;higkeit des Gehirns zur Ver&#228;nderbarkeit, im Gehirn umformen l&#228;sst. So betrachtet wurde Plastizit&#228;t n&#228;mlich bereits in den 1970er Jahren von feministischen Neurobiologinnen angedacht:</p>
<p>&#8220;Do we somatize our oppression? Rather than assuming that our bodies necessarily determine our social state, as patriarchal scientists have tried to prove, we must understand that social states can give rise to and shape many facets of our physical being. Biology is no less, and perhaps in some areas, far more, mutable than socialization &#8230; (Star, 1979, S. 116)</p>
<h3>Literatur</h3>
<ul>
<li>Imboden, Gabriela, Kaiser, Anelis, Ratmoko, Christina (2007). Das &#8220;bewegte&#8221; Geschlecht. In: Grisard, Dominique / H&#228;berlein, Jana / Kaiser, Anelis / Saxer, Sibylle (Hg.): Gender in Motion. Die Konstruktion von Geschlecht in Raum und Erz&#228;hlung, Frankfurt: Campus, S. 104-127.</li>
<li>Purtschert, Patricia (2008). Naturalisierung: Dekonstruktive Anmerkungen zu einem streitbaren Begriff. In: Aus der Au, Christina (Hg.): K&#246;rper-Leib-Seele-Geist. Schl&#252;sselbegriffe einer aktuellen Debatte. Z&#252;rich: TVZ 2008, S. 51-66.</li>
<li>Schmitz, Sigrid (2006). Frauen- und M&#228;nnergehirne. Mythos oder Wirklichkeit? In: Ebeling, Smilla / Schmitz, Sigrid (Hg.): Geschlechterforschung und Naturwissenschaften. Einf&#252;hrung in ein komplexes Wechselspiel. Wiesbaden: VS-Verlag, S. 211-234.</li>
<li>Star, Susan Leigh, (1979). Sex Differences and the Dichotomization of the Brain: Methods, Limits and Problems in Research on Consciousness. In: Hubbard, Ruth / Marian Lowe, Editors, Genes and Gender II, Gordian Press, New York.</li>
</ul>
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		<title>Feministische P&#228;dagogik in 3-D – Feministische Umgangsweisen mit der Geschlechterdifferenz</title>
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		<pubDate>Wed, 18 Feb 2009 10:20:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Melanie Plößer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feministische Theorien]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Suche nach den praktischen Konsequenzen gendertheoretischer Einsichten markiert eine zentrale Aufgabenstellung feministischer P&#228;dagogik. Allerdings wird die Frage, wie in p&#228;dagogischen Kontexten mit der Geschlechterdifferenz umzugehen ist, nach wie vor sehr unterschiedlich beantwortet. Wurde in den 1970er und 1980er Jahren vor allem ein anerkennender Umgang mit der Kategorie Geschlecht gefordert, ist der feministische Diskurs seit Mitte der 1990er Jahre von Ans&#228;tzen bestimmt, die sich kritisch mit der Differenz auseinandersetzen und die problematischen Effekte eines anerkennenden Umgangs mit der Geschlechterdifferenz hervorheben. Beide p&#228;dagogischen Umgangsweisen, Differenzanerkennung und Differenzkritik sollen im folgenden Beitrag nicht als sich gegenseitig ausschlie&#223;ende, sondern als sich notwendig erg&#228;nzende Perspektiven herausgestellt werden...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Die Suche nach den praktischen Konsequenzen gendertheoretischer Einsichten markiert eine zentrale Aufgabenstellung feministischer P&#228;dagogik. Allerdings wird die Frage, wie in p&#228;dagogischen Kontexten mit der Geschlechterdifferenz umzugehen ist, nach wie vor sehr unterschiedlich beantwortet. Wurde in den 1970er und 1980er Jahren vor allem ein anerkennender Umgang mit der Kategorie Geschlecht gefordert, ist der feministische Diskurs seit Mitte der 1990er Jahre von Ans&#228;tzen bestimmt, die sich kritisch mit der Differenz auseinandersetzen und die problematischen Effekte eines anerkennenden Umgangs mit der Geschlechterdifferenz hervorheben. Beide p&#228;dagogischen Umgangsweisen, Differenzanerkennung und Differenzkritik sollen im folgenden Beitrag nicht als sich gegenseitig ausschlie&#223;ende, sondern als sich notwendig erg&#228;nzende Perspektiven herausgestellt werden.</strong></p>
<h3>Differenzanerkennung</h3>
<p>Die Vernachl&#228;ssigung geschlechtsspezifischer Unterschiede und die Ausblendung der Lebenswelten von M&#228;dchen und Frauen bilden den Ansatzpunkt differenzbezogener Handlungsans&#228;tze in der P&#228;dagogik. Werden Differenzen zwischen den Geschlechtern und die damit einhergehenden Ungleichheiten nicht (an-)erkannt &#8211; so das Credo differenzbezogener Konzepte &#8211; werden p&#228;dagogische Angebote den spezifischen Interessen, Bed&#252;rfnissen und Problemlagen ihrer Adressat_innen nicht gerecht und werden bestehende Macht- und Ungleichheitsverh&#228;ltnisse fortgeschrieben. So helfe erst die Ber&#252;cksichtigung von Differenzen solche Bedingungen und Verh&#228;ltnisse zu f&#246;rdern, in denen Diskriminierungen und Benachteiligungen abgebaut und Subjekte Anerkennung erfahren k&#246;nnen. F&#252;r die feministische P&#228;dagogik &#228;u&#223;erte sich die Forderung der Anerkennung beispielsweise in der Skandalisierung patriarchaler Strukturen, in der Einrichtung von Frauenh&#228;usern, M&#228;dchentreffs und feministischen Beratungsstellen, in der Entwicklung geschlechtsbezogener Bildungskonzepte sowie in der Formulierung von feministischen Handlungsmaximen wie &#8220;Parteilichkeit&#8221; oder &#8220;gemeinsame Betroffenheit&#8221;.</p>
<h3>Differenzkritik</h3>
<p>Dass die Perspektive der Differenzanerkennung nicht unproblematisch ist, ist von so genannten differenzkritischen Ans&#228;tzen der Geschlechterforschung deutlich gemacht worden. Diese werfen den differenzbezogenen Ans&#228;tzen vor, durch die Praxis der Anerkennung (und durch daraus hervorgehende p&#228;dagogische Maximen wie Parteilichkeit oder geschlechtshomogene Angebote) eine ebenso festschreibende wie verk&#252;rzende Sichtweise auf ihre Adressat_innen einzunehmen. Durch die Brille der Anerkennung betrachtet &#8211; so der Vorwurf der differenzkritischen Ans&#228;tze &#8211; w&#252;rden Differenzen in der Differenz ausgeblendet und Stereotype &#252;ber die M&#228;dchen und Frauen (re-)produziert. Die Perspektive, die demgegen&#252;ber von differenzkritischen &#8211; so etwa von queeren oder dekonstruktiven &#8211; Differenzkonzepten profiliert wird, zeichnet sich dementsprechend durch die Infragestellung bin&#228;rer Differenzordnungen und vor allem auch durch die kritische Hinterfragung p&#228;dagogischer Umgangsweisen mit diesen Ordnungen aus. Differenzkritische Ans&#228;tze wollen die Dilemmata, die mit der Anerkennung der Geschlechterdifferenz einhergehen, offen legen und eine Irritation der oppositionell und hierarchisch strukturierten Differenzschemata anregen. Weiterhin fordern differenzkritische Ans&#228;tze dazu auf, die eigene p&#228;dagogische Praxis danach zu untersuchen, wie hier z.B. durch Anreden, Zuordnungen oder Diagnosen Geschlechterdifferenzen (re-)produziert aber auch verschoben werden.</p>
<p>Geht es also bei der Strategie des Differenzbezugs um die Suche nach geschlechtsspezifischen Unterschieden und die Anerkennung derselben, zeigen differenzkritische Ans&#228;tze auf, welche Effekte aus dem Engagement f&#252;r die Anerkennung von Frauen und M&#228;dchen resultieren und welche Ordnungen und Normen im Zuge dieser differenzbezogenen Ans&#228;tze ungewollt gest&#252;tzt bzw. produziert werden. Praktische Beispiele f&#252;r die Umsetzung differenzkritischer Ans&#228;tze in der feministischen P&#228;dagogik finden sich in der zunehmenden Ber&#252;cksichtigung der Verwobenheit der Kategorie Geschlecht mit anderen Differenzkategorien, der selbstkritischen Auseinandersetzung mit normativen M&#228;dchen- und Frauenbildern, der Entwicklung von Methoden, durch die die Konstruktion der Geschlechterdifferenz aufgezeigt und eine Vervielf&#228;ltigung von Identit&#228;ten angeregt werden k&#246;nnen sowie einer kritischen Auseinandersetzung mit heteronormativen Mustern.</p>
<h3>3-D Perspektive</h3>
<p>Obwohl differenzkritische Ans&#228;tze die M&#246;glichkeit er&#246;ffnen, die Probleme differenzbest&#228;tigender Umgangsweisen aufzuzeigen, k&#246;nnen sie diese nicht abl&#246;sen. W&#228;hrend differenzbezogene Ans&#228;tze eine Festschreibung von Differenz und damit auch eine Fortschreibung ungleicher Differenzverh&#228;ltnisse bef&#246;rdern k&#246;nnen, drohen durch differenzkritische Ans&#228;tze die Notwendigkeiten differenzbezogener Positionierungen f&#252;r die Subjekte wie auch die Potentiale differenzanerkennender Praxen verkannt zu werden (vgl. Mecheril/Pl&#246;&#223;er 2009, Tatschmurat 1996). So problematisch differenzbezogene P&#228;dagogiken aus differenzkritischer Sicht deshalb einerseits auch sein m&#246;gen, so unverzichtbar erweisen sich diese auf der anderen Seite.</p>
<p>Ausgehend von Differenzverh&#228;ltnissen braucht die feministische P&#228;dagogik deshalb eine 3-D Perspektive im Umgang mit der Geschlechterdifferenz. Das hei&#223;t, sie braucht den Fokus der Differenz(an-)erkennung, mit dem unterschiedliche Lebenslagen und Lebenswelten von Subjekten in den Blick genommen werden k&#246;nnen. Um die Gefahren der Stigmatisierung und Normierung von Andersheit zu minimieren, und um die vielf&#228;ltigen Verkn&#252;pfungen von Differenzkategorien wahrzunehmen, bedarf es hingegen einer differenzkritischen Perspektive. Diese zeigt auf, dass jeder Bezug auf Differenz und Andersheit unweigerlich festschreibend und produktiv ist und sie er&#246;ffnet einen kritischen Blick auf die eigenen p&#228;dagogischen Normen und Ausschl&#252;sse. Gerahmt bzw. gehalten werden diese beiden Perspektiven, von dem dritten &#8220;D&#8221;, der Haltung der Dominanzsensibilit&#228;t (vgl. Mecheril 2002). Dominanzsensibilit&#228;t bedeutet eine Sichtweise, die Differenzen im Hinblick auf die Machtverh&#228;ltnisse, in die diese eingebunden sind, wie auch im Hinblick auf ihre Machtwirkungen fokussiert. Eine solche Dominanzsensibilit&#228;t &#228;u&#223;ert sich auf der differenzkritischen Seite in einer besonderen Achtsamkeit gegen&#252;ber Hierarchisierungen und Abwertungen auf einer symbolischen Ebene. Dominanzsensible Differenzkritik hei&#223;t hier vor allem die bin&#228;r organsierte sprachliche Differenzordnung (Mann-Frau, heterosexuell-homosexuell, gesund-behindert, usw.) aber auch die damit produzierten Normen und Ausschl&#252;sse in den Blick nehmen und ver&#228;ndern zu wollen. F&#252;r die differenzanerkennenden Ans&#228;tze &#228;u&#223;ert sich die Haltung der Dominanzsensibilit&#228;t hingegen vor allem in einer kritischen Achtsamkeit gegen&#252;ber strukturellen Ungleichheiten, ungleichen Partizipationsm&#246;glichkeiten sowie ungleichen Rechten und Ressourcen (zur Notwendigkeit der Erg&#228;nzung unterschiedlicher politischer Strategien im Feminismus vgl. Gro&#223; 2008).</p>
<p>Erst die Zusammenf&#252;hrung der beiden unterschiedlichen Umgangsweisen Differenzkritik und Differenzanerkennung durch die Haltung der Dominanzsensibilit&#228;t er&#246;ffnet einen 3D-Blick, das hei&#223;t einen vielschichtigeren und tieferen Blick auf die Geschlechterdifferenz und die mit ihr einhergehenden Dilemmata und Probleme.</p>
<h3>Literatur:</h3>
<ul>
<li> Gro&#223;, Melanie (2008): Geschlecht und Widerstand. Post..| queer.. | linksradikal… K&#246;nigstein</li>
<li>Mecheril, Paul (2002): Weder differenzblind noch differenzfixiert. F&#252;r einen reflexiven und kontextspezifischen Gebrauch von Begriffen. In: IDA-NRW. &#220;berblick 4/2002, Jg. 8, S. 10-16, <a title="Artikel als PDF" href="http://www.ida-nrw.de/html/Ueberblick_4_02.pdf">http://www.ida-nrw.de/html/Ueberblick_4_02.pdf</a></li>
<li>Mecheril, Paul/ Pl&#246;&#223;er, Melanie (2009): Differenz und P&#228;dagogik. In: Oelkers, J&#252;rgen/Andresen, Sabine/Casale, Rita/ Gabriel, Thomas/ Horlacher, Rebekka/ Larcher, Sabina (Hrsg): Handw&#246;rterbuch der P&#228;dagogik der Gegenwart. Weinheim</li>
<li>Tatschmurat, Carmen (1996): Feministisch orientierte soziale Arbeit: Parteilich handeln, dekonstruktivistisch denken? In: Miller, Tilly / Tatschmurat, Carmen (Hrsg.): Soziale Arbeit mit Frauen und M&#228;dchen. Positionsbestimmungen und Handlungsperspektiven. Stuttgart, S. 9-28</li>
</ul>
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		<title>Intersektionalit&#228;t als Mehrebenenanalyse</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 11:26:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gabriele Winker</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feministische Theorien]]></category>
		<category><![CDATA[Intersektionalität]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Konzept der Intersektionalit&#228;t ist auf dem besten Weg, zu einem neuen Paradigma in der Geschlechterforschung zu avancieren. Intersektionalit&#228;t bezeichnet die Analyse der Verwobenheit und des Zusammenwirkens verschiedener Differenzkategorien sowie unterschiedlicher Dimensionen sozialer Ungleichheit und Herrschaft. Auch wenn dabei vor allem Wechselwirkungen zwischen Ungleichheit generierenden Kategorien wie Geschlecht, Rasse und Klasse im Vordergund stehen, sind Kategorien wie Sexualit&#228;t, Nationalit&#228;t oder Alter grunds&#228;tzlich integrierbar. Offen ist dagegen, auf welcher Ebene die Wechselwirkungen ansetzen: Sind gesellschaftliche Strukturen gemeint, interaktive Identit&#228;tskonstruktionen (doing difference) oder symbolische Repr&#228;sentationen? Wir pl&#228;dieren in unserer intersektionalen Mehrebenenanalyse f&#252;r eine theoretische und empirische Verkn&#252;pfung der Struktur-, Symbol- und Identit&#228;tsebene...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Das Konzept der Intersektionalit&#228;t ist auf dem besten Weg, zu einem neuen Paradigma in der Geschlechterforschung zu avancieren. Intersektionalit&#228;t bezeichnet die Analyse der Verwobenheit und des Zusammenwirkens verschiedener Differenzkategorien sowie unterschiedlicher Dimensionen sozialer Ungleichheit und Herrschaft. Auch wenn dabei vor allem Wechselwirkungen zwischen Ungleichheit generierenden Kategorien wie Geschlecht, Rasse und Klasse im Vordergund stehen, sind Kategorien wie Sexualit&#228;t, Nationalit&#228;t oder Alter grunds&#228;tzlich integrierbar. Offen ist dagegen, auf welcher Ebene die Wechselwirkungen ansetzen: Sind gesellschaftliche Strukturen gemeint, interaktive Identit&#228;tskonstruktionen (doing difference) oder symbolische Repr&#228;sentationen? Wir pl&#228;dieren in unserer intersektionalen Mehrebenenanalyse f&#252;r eine theoretische und empirische Verkn&#252;pfung der Struktur-, Symbol- und Identit&#228;tsebene.</strong></p>
<p>In den 1990er Jahren tauchte f&#252;r die Benennung der Verwobenheit der Triade von race, class und gender in der englischsprachigen Diskussion der Begriff intersectionality (oder auch intersectional analysis) auf, den die amerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw (1989) ins Spiel gebracht hatte. Dazu benutzte Crenshaw die Metapher einer Verkehrskreuzung, an der sich Machtwege kreuzen, &#252;berlagern und &#252;berschneiden. Die Analyse von Ungleichheits- und Unterdr&#252;ckungsverh&#228;ltnissen l&#228;sst sich allerdings nicht auf die isolierte Untersuchung von Kategorien wie etwa Geschlecht, Klasse oder Rasse* reduzieren. Auch lassen sich Ungleichheit generierende Faktoren nicht im Sinne einer Mehrfachunterdr&#252;ckungsthese einfach addieren. Denn sie treten in verwobener Weise auf, k&#246;nnen sich wechselseitig verst&#228;rken oder auch abschw&#228;chen. So sind schwarze Frauen in den USA und Gro&#223;britannien beispielsweise h&#228;ufiger in h&#246;heren Positionen zu finden als schwarze M&#228;nner, befinden sich aber insgesamt am untersten Ende der Verdienstskala.</p>
<p>Warum aber gerade und nur diese drei Kategorien? Die einen fordern die Ber&#252;cksichtigung von Sexualit&#228;t als vierte Kategorie (Verloo 2006), andere halten mehr als drei Kategorien f&#252;r nicht mehr zu bew&#228;ltigen (Klinger 2003) und m&#246;chten die Intersektionalit&#228;tsanalyse auf Klasse, Rasse und Geschlecht begrenzt wissen (Knapp 2005). Leslie McCall (2001) ber&#252;cksichtigt f&#252;r ihre Untersuchung zu Einkommensungleichheiten neben Klasse, Rasse und Geschlecht in den USA auch noch Region, und Helma Lutz / Norbert Wenning (2001) kommen zu einer Liste von 13 Differenzkategorien, weisen aber darauf hin, dass diese Liste dennoch nicht vollst&#228;ndig sein kann.</p>
<p>Was also fehlt, ist eine Theorie der Unterscheidung: Wann sind welche Differenzkategorien relevant. Das Konzept der Intersektionalit&#228;t liefert keine theoretische Begr&#252;ndung, warum gerade die Faktoren Rasse, Klasse und Geschlecht die zentralen Linien der Differenz markieren. Was ist mit den Kategorien Alter, Generativit&#228;t, Sexualit&#228;t, Religion, Nationalit&#228;t oder Behinderung? Ebenso ist offen, wie eine Vielzahl von Faktoren &#252;berhaupt ad&#228;quat ber&#252;cksichtigt werden kann.</p>
<p>Wir schlagen deshalb eine intersektionale Mehrebenenanalyse vor, die bei der Analyse sozialer Praxen sowohl unterschiedliche Differenzkategorien in ihren Wechselwirkungen ber&#252;cksichtigt, als auch aus der Identit&#228;ts-, Struktur- und Symbol-Perspektive die Bedeutung der Kategorien f&#252;r soziale Praxen konkretisiert (ausf&#252;hrlicher vgl. Degele/Winker i.E.):</p>
<p>Die meisten intersektionalen Studien sind bislang auf der Mikroebene angesiedelt, wo es um die Erfahrungen von Subjekten und damit verbundene Identit&#228;tskonstruktionen geht. W&#228;hrend sozialstrukturell orientierte Untersuchungen darauf angewiesen sind, Einzelf&#228;lle in Kategorien zusammenzufassen, um sie bew&#228;ltigen zu k&#246;nnen, sind auf der Ebene von Identit&#228;tskonstruktionen Beschreibungen m&#246;glich, die eine Vielzahl von Kategorien ber&#252;cksichtigen. Gerade in Zeiten, in denen die eigene Lebensabsicherung mit vielf&#228;ltigen Unsicherheiten verbunden ist &#8211; hohe Erwerbslosenquoten, prek&#228;re Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse sowie Lohnk&#252;rzungen und die Reduktion wohlfahrtsstaatlicher Ausgleichzahlungen &#8211; kommt es bei vielen Menschen zu erh&#246;hter Verunsicherung. In dieser Situation grenzen sich Individuen mit verst&#228;rkten R&#252;ckgriffen auf traditionelle und/oder neuartigen Differenzierungskategorien von Anderen ab, um Unsicherheiten in der eigenen sozialen Positionierung zu vermindern.</p>
<p>Zwar kann und muss man heute von einer Flexibilisierung sozialer Ungleichheiten ausgehen, diese sind aber nach wie vor sozialstrukturell verankert. Deswegen gilt es auf der Strukturebene, Klassen-, Geschlechter-, Rassen-, aber auch K&#246;rperverh&#228;ltnisse zu analysieren. Damit erweitern wir die in den Sozialwissenschaften g&#228;ngige Dreierkette von Rasse, Klasse und Geschlecht um die Kategorie K&#246;rper, worunter wir die Merkmale Alter, Leistungsf&#228;higkeit/Gesundheit und Attraktivit&#228;t fassen. Diese K&#246;rpermerkmale sind in den letzten Jahrzehnten bezogen auf die Stellung der Individuen zum Arbeitsmarkt, Ressourcenverteilung sowie Verantwortlichkeiten f&#252;r Reproduktionsarbeit immer bedeutsamer geworden. Gleichzeitig gibt es keine durchg&#228;ngig diskriminierten Gruppen mehr, alle Strukturkategorien treten in Kombination auf und m&#252;ssen zueinander in Beziehung gesetzt werden.</p>
<p>Schlie&#223;lich ist auch noch die Ebene symbolischer Repr&#228;sentationen zu ber&#252;cksichtigen. Symbole und Normen haben den Status hegemonial abgesicherter Begr&#252;ndungen, und diese wiederum beruhen auf naturalisierenden und/oder hierarchisierenden Bewertungen auf der Grundlage vielf&#228;ltiger Differenzkategorien. Wir gehen davon aus, dass wir mit Hilfe der Strukturkategorien &#8211; Klasse, Geschlecht, Rasse, K&#246;rper &#8211; die hegemonialen Normen und Stereotype herausarbeiten k&#246;nnen, die Individuen tagt&#228;glich performativ hervorbringen, die zur eigenen Subjektivierung beitragen und gleichzeitig Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnisse st&#252;tzen. Diskurse und symbolische Repr&#228;sentationen wirken sowohl als Ideologien und Normen der Rechtfertigung f&#252;r Ungleichheiten als auch als Sicherheitsfiktion struktur- wie auch identit&#228;tsbildend.</p>
<p>Diese drei genannten Ebenen sind durch soziale Praxen miteinander verbunden. Mit Bourdieus Theorie der Praxis gehen wir davon aus, dass der Ausgangspunkt und Gegenstand der Soziologie die sozialen Praxen sein sollten, die einer empirischen Untersuchung zug&#228;nglich sind. Wir nehmen soziale Praxen, d.h. Prozesse in Form von Interaktionen und Handlungen in den Blick und untersuchen die dort vorfindbaren Differenzierungskategorien vor allem in ihren Wechselwirkungen. Ausgehend vom empirischen Handeln und Sprechen von Personen fragen wir nach den Identit&#228;ten, die sie herstellen sowie Strukturen und Normen, auf die sie rekurrieren. Wir beginnen also mit der Perspektive der AkteurInnen. Methodisch hei&#223;t das, bei Praxen anzufangen und dann zu relationieren: Auf welche Kategorien beziehen sich die AkteurInnen bei ihren Subjektivierungsprozessen? Welche Normen, Leitbilder und Deutungsmuster sind bei ihnen (unbewusst) wirksam? In welche strukturellen Zusammenh&#228;nge ist ihr Handeln eingebettet? Mit solchen Fragen gilt es, die drei Untersuchungsebenen zueinander in Beziehung zu setzen und dabei die Wechselwirkungen verschiedener Differenzkategorien nicht aus den Augen zu verlieren.</p>
<div>
<hr /></div>
<p>*Im deutschsprachigen Kontext erscheint in der gender- und queertheoretischen Literatur der Begriff Rasse mit R&#252;cksicht auf die nationalsozialistische Vergangenheit zumeist in Anf&#252;hrungszeichen oder alternativ findet der englische Begriff race statt Rasse Verwendung. Da jedoch in diesem Zusammenhang mit der Kategorie Rasse ihre gewaltf&#246;rmige Naturalisierung und Hierarchisierung und damit Prozesse der Ausgrenzung und Unterdr&#252;ckung beschrieben werden, wird hier auf die Anf&#252;hrungszeichen bewusst verzichtet.</p>
<h3>Quellen</h3>
<ul>
<li>Crenshaw, Kimberlé (1989): Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine. in: The University of Chicago Legal Forum, 139-167</li>
<li>Degele, Nina; Winker, Gabriele (i.E.): Intersektionalit&#228;t als Mehrebenenanalyse (kann &#252;ber winker@tu-harburg.de bezogen werden)</li>
<li>Degele, Nina; Winker, Gabriele (i.E.): Praxeologisch differenzieren. Ein Beitrag zur intersektionalen Gesellschaftsanalyse. In: Klinger, Cornelia; Knapp, Axeli (Hg.): &#220;ber Kreuzungen. Ungleichheit, Fremdheit, Differenz</li>
<li>Klinger, Cornelia (2003): Ungleichheit in den Verh&#228;ltnissen von Klasse, Rasse und Geschlecht. in: Gudrun-Axeli Knapp/ Angelika Wetterer (Hg.): Achsen der Differenz. Gesellschaftstheorie und feministische Kritik II. M&#252;nster, 14-48</li>
<li>Knapp, Gudrun-Axeli (2005): &#8220;Intersectionality&#8221; &#8211; ein neues Paradigma feministischer Theorie? Zur transatlantischen Reise von &#8220;Race, Class, Gender&#8221;. in: Feministische Studien 23, 68-81</li>
<li>Lutz, Helma/Norbert Wenning (2001): Differenzen &#252;ber Differenz &#8211; Einf&#252;hrung in die Debatten. in: dies. (Hg.): Unterschiedlich verschieden. Differenz in der Erziehungswissenschaft. Opladen, 11-24</li>
<li>McCall, Leslie (2005): The Complexity of Intersectionality. in: Signs. Journal of Women in Culture and Society 30, 1771-1800</li>
<li>Verloo, Mieke (2006): Multiple Inequalities, Intersectionality and the European Union. in: European Journal of Women´s Studies 13, 211-228</li>
</ul>
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		<title>Feministische postkoloniale Positionen</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Jul 2007 18:54:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Melanie Groß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feministische Theorien]]></category>

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		<description><![CDATA[Feministische postkoloniale Ans&#228;tze beziehen sich auf die Arbeiten des US-amerikanischen Black Feminism (u.a. Combahee River Collective 1982; hooks 1996) und verbinden diese verst&#228;rkt mit poststrukturalistischen Philosophieans&#228;tzen und marxistischen Theorien. Zentrale Gemeinsamkeit dieser verschiedenen kritischen Reflexionen ist die Problematisierung der Kategorie Frau und die Betonung der sozialen Konstruktion der Kategorie race. Beide Kategorien werden als Konstruktionen und dis-kursive Produktionen verstanden. Konstruktionen und diskursive Produktionen generieren jedoch nicht nur Bedeutungen, sondern sie werden als Prozesse gefasst, die mit strukurellen und identit&#228;ren Effekten einhergehen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Feministische postkoloniale Ans&#228;tze beziehen sich auf die Arbeiten des US-amerikanischen Black Feminism (u.a. Combahee River Collective 1982; hooks 1996) und verbinden diese verst&#228;rkt mit poststrukturalistischen Philosophieans&#228;tzen und marxistischen Theorien. Zentrale Gemeinsamkeit dieser verschiedenen kritischen Reflexionen ist die Problematisierung der Kategorie Frau und die Betonung der sozialen Konstruktion der Kategorie race. Beide Kategorien werden als Konstruktionen und dis-kursive Produktionen verstanden. Konstruktionen und diskursive Produktionen generieren jedoch nicht nur Bedeutungen, sondern sie werden als Prozesse gefasst, die mit strukurellen und identit&#228;ren Effekten einhergehen.</strong></p>
<h3>Race &#8211; soziale Konstruktion und Herrschaftssystem</h3>
<p>Stuart Hall (1994) verweist in dem Aufsatz-Band Rassismus und kulturelle Identit&#228;t auf die soziale Konstruktion der Kategorie Schwarz. Mit Einblicken in seine Biographie erl&#228;utert er, wie er erst durch die Einreise nach England zu einem als Schwarz markierten Menschen wurde. In den 1950er Jahren migrierte er zum Studium von Jamaika nach England und wurde dort mit einer Kategorisierung konfrontiert, die in seinem vorherigen Leben in Jamaika nicht relevant war:</p>
<p>&#8220;Bis zu meiner Abreise h&#246;rte ich niemals, da&#223; jemand sich selbst oder die anderen als Schwarz bezeichnet h&#228;tte, obwohl vermutlich 98 Prozent der Bev&#246;lkerung Jamaikas schwarz oder auf andere Weise farbig sind. Niemals h&#246;rte ich das Wort schwarz, daf&#252;r aber mehr als tausend andere Bezeichnungen&#8221; (ebd.: 79).</p>
<p>In dieser kurzen Sequenz macht Hall eindr&#252;cklich deutlich, wie heterogen und diversifiziert die soziale Realit&#228;t ist, die durch die Kategorie Schwarz vereinheitlicht wird. Neben der machtvollen Hervorbringung von identit&#228;ren Wirkungen hat die Konstruktion von Kategorien wie race und Schwarz auch materialisierte und verfestigte strukturelle Konsequenzen zur Folge (Frankenberg 1996). Schwarz bezeichnet also nicht etwa eine real existierende Gruppe, die erst durch die Identifikationen, die dieser Gruppe zugeschrieben werden, zu einer konstruierten und rassistischen Kategorie wird. Die diskursive Erzeugung der Kategorie und damit der Gruppe selbst ist bereits ein gewaltf&#246;rmiger Akt, durch den Unterschiede unsichtbar gemacht werden und Bedeutungen produziert werden. Als Schwarz bezeichnete Menschen gibt es nur deshalb, weil sie diskursiv erzeugt wurden. Den Kategorien Schwarz und race liegen keine vordiskursiven Realit&#228;ten zugrunde. Hiermit ist nicht gemeint, dass es keine unterschiedlichen Abstufungen von Hautfarben g&#228;be. Entscheidend ist hingegen, dass in der Bildung der Kategorie Schwarz Homogenisierungen und Zuschreibungen greifen und dadurch &#8220;das Andere&#8221; erzeugt wird. Die Kategorie Schwarz fungiert also als politische Kategorie und ist keine unschuldige Beschreibung.</p>
<p>Die Artikulation der Kategorie Schwarz wurde im kolonialen und rassistischen Diskurs mit visuellen Bildern und literarischen Erz&#228;hlungen (wie beispielsweise durch literarische Reiseberichte Steyerl 2002), mit naturwissenschaftlichen, medizinischen Techniken des Unterscheidens und mit ethnisierenden und exotisierenden Abwertungen und Zuschreibungen verbunden. Rassismus ist also durch die Konstruktion der Kategorie race und die damit einhergehende ideologische Bedeutungszuschreibung gepr&#228;gt. Die Artikulation von Schwarz war in diesem Kontext stets eine Repr&#228;sentation durch hegemoniale Positionen, die das Andere geschaffen haben. Im anglo-amerikanischen Sprachraum wird die Kategorie Black ebenso wie die Kategorie race durch einen Kampf der Selbstartikulation zur&#252;ckerobert: &#8220;In diesem Kampf vollzieht sich eine Ver&#228;nderung im Bewu&#223;tsein, in der Selbstwahrnehmung, ein neuer Proze&#223; der Identifikation, das Hervortreten eines neuen Subjekts ins Sichtbare&#8221; (Hall 1994: 80).</p>
<h3>Ausschluss und &#8220;paternalistische Mission&#8221;</h3>
<p>Im deutschsprachigen Diskurs gab es ebenfalls bereits in den 1980er Jahren kritische Positionen Schwarzer Feministinnen; sie gelangten jedoch nicht in den feministischen Mainstream und wurden folglich weder breit diskutiert noch hinterlie&#223;en sie Spuren in den hegemonialen feministischen Konzepten. Erst die Perspektiven postkolonialer Positionen wurden verst&#228;rkt in den 1990er Jahren diskutiert und schlie&#223;lich vom feministischen Mainstream aufgenommen. Der Vorsprung der USA in der Debatte um race und postkoloniale Positionen erkl&#228;rt sich vor allem daraus, dass diese sich aufgrund der Erfolge der B&#252;rgerrechtsbewegung und als klassisches Einwanderungsland zu einem fr&#252;heren Zeitpunkt f&#252;r postkoloniale Diskurse interessieren mussten. Dass dieser Prozess erst mit einer Verz&#246;gerung im deutschsprachigen Raum einsetzte, wird als ein Merkmal der zugrunde liegenden Problematik angesehen: dem Ausblenden der Kontinuit&#228;t rassistischen und v&#246;lkischen Denkens auch innerhalb emanzipatorischer Theorieans&#228;tze (siehe auch: <a title="Artikel: Wei&#223;-Sein - unmarkiertes Merkmal feministischer Theoriebildung" href="http://www.feministisches-institut.de/whiteness.html">Critical Whiteness</a>).</p>
<p>Bereits im Jahre 1988 hat Chandra Talpade Mohanty deutlich herausgearbeitet, dass die Produktion der unterdr&#252;ckten Frau der so genannten Dritten Welt konstitutiv ist f&#252;r die Produktion der emanzipierten westlichen Feministin. &#196;hnlich argumentiert auch Gayatri Chakravorty Spivak (1990), die das Engagement der Feministinnen des Nordens f&#252;r die Frauen des S&#252;dens als &#8220;paternalistische Mission&#8221; kritisiert. Spivak stellt eine schwesterliche Verbundenheit zwischen westlichen Feministinnen und Frauen der kolonisierten L&#228;nder in Frage und setzt sich mit der Frage nach dem Zusammenhang von Imperialismus und Feminismus auseinander. Das Sprechen im Namen ‚der Frau&#8217; ist in Anbetracht der verschiedenen Positionierungen nach Klasse, Religion, Nationalit&#228;t oder Kultur zentraler Gegenstand der Kritik am westlichen Feminismus.</p>
<p>Mit Bezug auf Spivak wird in den Arbeiten postkolonialer feministischer Positionen betont, dass die Sicht auf die Welt stets im Kontext des Kolonialismus analysiert werden muss und dass dies auch f&#252;r feministische Perspektiven auf die Welt gilt. Die mit dem Kolonialismus einhergehende Sicht von der Welt und damit gleichzeitig auch von der Aneignung der Welt ist stets durch hegemoniale Diskurse, Sprache und Schrift gepr&#228;gt. Das bedeutet, dass Sichtweisen und Deutungsmuster der Welt nicht jenseits des Kolonialismus angesiedelt werden k&#246;nnen, sondern dass vielmehr anerkannt werden muss, dass durch den Kolonialismus und die Produktion des ‚Westens und dem Rest&#8217; (Hall 1994: 137ff.) spezifische machtvolle Wissenssysteme hervorgebracht wurden.</p>
<p>Ziel einer postkolonialen Theorieposition ist es, einerseits eurozentristischen (bzw. US-amerikanischen, imperialistischen) und Wei&#223;en wissenschaftlichen und politischen Blicken differente Subjektivit&#228;ten und komplexe Heterogenit&#228;ten von Gesellschaften entgegenzustellen. Dar&#252;ber hinaus geht es um die Rekonstruktion des ‚So-Geworden-Seins&#8217; von Wahrheitssystemen. Dieses Wahrheitssystem ist gepr&#228;gt von Ausschluss, Homogenisierung und Alterit&#228;t. Durch die Analyse des So-Geworden-Seins wird versucht, derart machtvolle Prozesse zu durchbrechen.</p>
<p>Diese Verbindung von Erkenntniskritik mit Gesellschaftskritik, die in der feministischen postkolonialen Theorie vorgelegt wird, ist eine dringend notwendige Erweiterung feministischer Theorien. Sie kann auch als eine konsequente Weiterf&#252;hrung feministischer Wissenschaftskritik verstanden werden, die wie Sand im Getriebe feministische Positionen mit ihren eigenen Ausschl&#252;ssen und ihrer Beteiligung an der Stabilisierung der Dominanzkultur konfrontiert. Insofern ist es notwendig, dass die Kritik postkolonialer Ans&#228;tze systematisch in feministische Theoriepositionen einflie&#223;t, um rassistische Kontinuit&#228;ten zu durchbrechen.</p>
<h3>Weiterf&#252;hrende Literatur</h3>
<ul>
<li>Collins, Patricia Hill (1996): Ist das Pers&#246;nliche politisch genug? Afrikanisch-amerikanische Frauen und feministische Praxis. In: Fuchs, Brigitte; Habinger, Gabriele (Hg): Rassismen und Feminismen. Differenzen, Machtverh&#228;ltnisse und Solidarit&#228;t zwischen Frauen. Wien, 67-91.</li>
<li>Combahee River Collective (1982): A Black Feminist Statement. In: Hull, Gloria T.; Scott, Patricia Bell; Smith, Barbara (eds): But Some of Us Are Brave. Black Women&#8217;s Studies. Old Westbury, 13-22.</li>
<li>Frankenberg, Ruth (1996): Wei&#223;e Frauen, Feminismus und die Herausforderung des Antirassismus. In: Fuchs, Brigitte; Habinger, Gabriele (Hg): Rassismen und Feminismen. Differenzen, Machtverh&#228;ltnisse und Solidarit&#228;t zwischen Frauen. Wien, 51-66.</li>
<li>Hall, Stuart (1994): Rassismus und kulturelle Identit&#228;t. Ausgew&#228;hlte Schriften II. Hamburg.</li>
<li>hooks, bell (1996): Sehnsucht und Widerstand. Kultur, Ethnie, Geschlecht. Berlin.</li>
<li>Mohanty, Chandra Talpade (1988): Aus westlicher Sicht: feministische Theorie und koloniale Diskurse. In: beitr&#228;ge zur feministischen theorie und praxis: Modernisierung der Ungleichheit &#8211; weltweit, Heft 23, 149-162.</li>
<li>Spivak, Gayatri Chakravorty (1990): The Post-Colonial Critic. Interviews, Strategies, Dialogues (Edited by Sarah Harasym). New York, London.</li>
<li>Steyerl, Hito (2002): Reise und Rasse. Tourismus als Motor globaler Klassenbildung. In: Backes, Martina; Goethe, Tina; G&#252;nther, Stefan; Magg, Rosaly (Hg): Im Handgep&#228;ck Rassismus. Beitr&#228;ge zu Tourismus und Kultur. Freiburg im Breisgau, 29-42.</li>
</ul>
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		<title>Wei&#223;-Sein &#8211; unmarkiertes Merkmal feministischer Theoriebildung</title>
		<link>http://www.feministisches-institut.de/whiteness/</link>
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		<pubDate>Sun, 24 Jun 2007 09:55:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Melanie Groß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feministische Theorien]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Gruppe derer, die die Macht haben zu sprechen und geh&#246;rt zu werden, ist zwar klein, ihre Diskurse sind durch ihre Verwurzelung innerhalb der Wei&#223;en Dominanzkultur jedoch wirkm&#228;chtig und folgenreich. Das hat auch innerhalb der hegemonialen feministischen Theorie Folgen, die sich in der Unsichtbarkeit des Wei&#223;-Seins der Forschenden und in rassistischen Kategorisierungen und Ausschl&#252;ssen ausdr&#252;ckt...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Die Gruppe derer, die die Macht haben zu sprechen und geh&#246;rt zu werden, ist zwar klein, ihre Diskurse sind durch ihre Verwurzelung innerhalb der Wei&#223;en Dominanzkultur jedoch wirkm&#228;chtig und folgenreich. Das hat auch innerhalb der hegemonialen feministischen Theorie Folgen, die sich in der Unsichtbarkeit des Wei&#223;-Seins der Forschenden und in rassistischen Kategorisierungen und Ausschl&#252;ssen ausdr&#252;ckt</strong></p>
<p>In den Studien aus dem Kontext der Critical Whiteness wird mit Bezug auf feministische postkoloniale Theorieans&#228;tze, Black Feminism und Schwarzer Feminismus die Beschr&#228;nkung des forschenden Blicks durch die eigene Situierung deutlich gemacht und problematisiert. Hier wird gezeigt, dass westliche feministische Theorien vor dem Hintergrund der eigenen Wei&#223;en Hautfarbe und der Zugeh&#246;rigkeit zu europ&#228;ischen und US-amerikanischen Gesellschaften produziert werden, dieser Zusammenhang und seine Folgen f&#252;r die Produktion von Erkenntnissen jedoch ausgeblendet wird.</p>
<p>Diese Problematik wird u.a. dadurch deutlich, dass Fragen nach der Kategorie Geschlecht im feministischen Mainstream vorrangig vor der Thematisierung der Kategorie race behandelt wurden und werden. Dadurch wird eine bestimmte Form des Wissens generiert, die nicht zu trennen ist von der sozialen Ordnung und der Zugeh&#246;rigkeit zur Wei&#223;en Dominanzkultur. Inzwischen wird zwar versucht, race als Kategorie zumindest mit zu denken und mit weiteren Achsen der Differenz wie Klasse zu thematisieren; eine systematische Auseinandersetzung mit dem Verh&#228;ltnis von Rassismus und Feminismus, das &#252;berhaupt erst die Perspektive eines Mit-Denkens und damit ein Au&#223;erhalb des Feminismus produziert, bleibt jedoch von Seiten Wei&#223;er Feministinnen bislang zumeist aus. H&#228;ufig wird statt der Analyse der gegenseitigen Wechselwirkungen von Kategorien wie gender und race versucht, die Diskriminierungen als additive Verkn&#252;pfungen zu analysieren. Dagmar Schultz hat jedoch bereits 1990 im Kontext der Frage, wie multiple Diskriminierungsmechanismen theoretisch gefasst werden k&#246;nnen, darauf hingewiesen, dass eine rein additive Verbindung von Differenzkategorien ausgesprochen kontraproduktiv ist, weil sie zum einen die Zweigeschlechtlichkeit fortschreibt und zum anderen wiederum gender als Hauptdifferenz zugrunde legt. Gegen ein solches Konzept der Addition von Unterdr&#252;ckung wird von Black Feminists das Konzept intersections verwendet. Dieser Begriff wurde 1989 von der Juristin Kimberlé Crenshaw gepr&#228;gt. Er umfasst Verbindungen und &#220;berschneidungen von Ungleichheit erzeugenden Kategorien wie race, Klasse, Sexualit&#228;t und Geschlecht und betont die Unaufl&#246;sbarkeit der gegenseitigen Verschr&#228;nkungen und Wechselwirkungen solcher Kategorien. Es geht dabei also nicht darum, zus&#228;tzlich zur Diskriminierungserfahrung als Frau auch noch von Rassismus betroffen zu sein, sondern vielmehr darum, dass die Verschr&#228;nkung eine andere und spezifische Form der Unterdr&#252;ckung hervorbringt. So ist beispielsweise f&#252;r Wei&#223;e westliche Frauen die Losung &#8220;Das Private ist politisch&#8221; eine zentrale Figur zur Kritik der Trennung von &#214;ffentlichkeit und Privatheit gewesen. Sie hatte insbesondere f&#252;r die Solidarisierung zwischen Wei&#223;en Frauen eine hohe Bedeutung, da sie zur Entlarvung und Enttabuisierung sexualisierter Gewalt beigetragen, diese vom Charakter des Einzelschicksals befreit und ihre strukturelle Verwobenheit mit patriarchalen Verh&#228;ltnissen betont hat. Die daraus erwachsende Solidarit&#228;t wurde jedoch von Black Feminists nicht geteilt, da sie gerade den privaten Raum als Schutzraum vor Rassismus verstehen. Insofern ist er eher ein Ort des Empowerments innerhalb der Black Community. Eine Solidarisierung mit Wei&#223;en Frauen gegen die eigene Community wird hier abgelehnt (Collins 1996).</p>
<p>Trotz solcher kritischen Einw&#228;nde wird in deutschsprachigen Wei&#223;en feministischen Theoriediskursen auf die Frage nach der Verbindung von Feminismus mit Rassismus eher z&#246;gerlich geantwortet. Zudem wird Rassismus zumeist als ein dem Feminismus &#228;u&#223;erliches Ph&#228;nomen eingeordnet. Wie wenig das Verh&#228;ltnis von Feminismus und rassistischem Ausschluss im deutschsprachigen Diskurs pr&#228;sent ist, hat Sedef G&#252;men (1998) in ihrer Dekonstruktion des Einleitungsartikels f&#252;r den Tagungsband Differenz und Gleichheit &#8211; Menschenrechte haben (k)ein Geschlecht (Gerhard u. a. 1990) eindrucksvoll aufgezeigt. Trotz einer vordergr&#252;ndigen Rhetorik, sich mit Fragen wie Interkulturalit&#228;t und Rassismus auseinander setzen zu wollen, wird in dem Aufsatz deutlich gemacht, dass eine solche thematische Ausrichtung eher ein Sonderthema des Feminismus sei. Die Rede ist von der &#8220;hiesigen Frauenbewegung&#8221;, die zwar &#8220;Ausl&#228;nderinnenprobleme kennt&#8221;, der es aber &#8220;sehr viel grunds&#228;tzlicher um eine Analyse und Er&#246;rterung der strukturellen Gr&#252;nde der gesellschaftlichen und rechtlichen Diskriminierung der Frau&#8221; gegangen sei (ebd.: 10). Migrantinnen werden hier als homogene externe Gruppe behandelt, die dem &#8220;hiesigen&#8221; Feminismus nicht genuin zugeh&#246;rig sind. Feminismus wird damit genauso wie die Gruppe der Migrantinnen homogenisiert, und diese werden zugleich als Subjekte des Feminismus ausgeschlossen und als die Anderen markiert. Damit bleiben sie de facto ausgeschlossen aus der feministischen Community.</p>
<p>Solche Ausschl&#252;sse haben gravierende Folgen auch f&#252;r wissenschaftliche Diskurse. Denn sie f&#252;hren dazu, dass marginalisierte Positionen keine wissenschaftliche Repr&#228;sentation erlangen konnten und k&#246;nnen. <a title="Artikel: Feministische postkoloniale Positionen" href="http://www.feministisches-institut.de/postkolonial.html">Feministische postkoloniale Positionen</a> haben deshalb immer auch die Verschr&#228;nkung von Wissen und Macht in der Produktion von (politischen wie theoretischen) Diskursen und deren Effekte auf Subjekte im Blick: Von welchem Standpunkt aus wird welche Politik gemacht? Was erscheint wem warum als Hauptkategorie, entlang derer Diskriminierungserfahrungen gemacht werden? Diese Frage ist jedoch je nach individueller Erfahrung und sozialer Situierung anders zu beantworten. Nicht von Rassismus, Exotisierung und Ethnisierung betroffen zu sein, bleibt auch in der Theoriebildung ein unmarkierter Standpunkt, der zugleich als ein universeller artikuliert wird. So wie M&#228;nner im wissenschaftlichen Mainstream das unmarkierte Geschlecht zu sein scheinen, scheint der hegemoniale Feminismus keine Hautfarbe zu haben. So wird nicht nur eine spezifische Erfahrung, sondern gleichzeitig die rassistische Struktur unsichtbar gemacht. Die systematische Einbeziehung und kritische Reflexion der sozialen Situierung und des Verh&#228;ltnisses von Rassismus und Feminismus ist dringend notwendig, um Macht- und Herrschaftsformen verstehen und angreifen zu k&#246;nnen.</p>
<p>An diesem Punkt setzen die Studien zur Kritischen Wei&#223;seinsforschung an und versuchen somit, nicht mehr in paternalistischer Mission &#252;ber &#8220;die Anderen&#8221; zu reden, sondern vielmehr die l&#228;ngst &#252;berf&#228;llige Reflexion der eigenen Verstrickungen mit solchen Machtverh&#228;ltnissen zu reflektieren, die einer solchen Sichtweise zu Grunde liegen.</p>
<h3>Verwendete Literatur</h3>
<ul>
<li>Collins, Patricia Hill (1996): Ist das Pers&#246;nliche politisch genug? Afrikanisch-amerikanische Frauen und feministische Praxis. In: Fuchs, Brigitte; Habinger, Gabriele (Hg): Rassismen und Feminismen. Differenzen, Machtverh&#228;ltnisse und Solidarit&#228;t zwischen Frauen. Wien, 67-91.</li>
<li>Gerhard, Ute; Jansen, Mechtild; Maihofer, Andrea; Schmid, Pia; Schulz, Irmgard (Hg) (1990): Differenz und Gleichheit. Menschenrechte haben (k)ein Geschlecht. Frankfurt am Main.</li>
<li>G&#252;men, Sedef (1998): Das Soziale des Geschlechts. Frauenforschung und die Kategorie ‚Ethnizit&#228;t&#8217;. In: Das Argument. Zeitschrift f&#252;r Philosophie und Sozialwissenschaften: Grenzen, Jg. 40, Heft 224, 187-202.</li>
<li>Schultz, Dagmar (1990): Unterschiede zwischen Frauen &#8211; ein kritischer Blick auf den Umgang mit ‚den Anderen&#8217; in der feministischen Forschung wei&#223;er Frauen. In: beitr&#228;ge zur feministischen theorie und praxis: Geteilter Feminismus: Rassismus &#8211; Antisemitismus &#8211; Fremdenha&#223;, Heft 27, 45-58.</li>
</ul>
<h3>Weiterf&#252;hrende Literatur</h3>
<ul>
<li>Eggers, Maureen Maisha; Kilomba, Grada; Piesche, Peggy; Arndt, Susan (Hg) (2007): Mythen, Masken &amp; Subjekte. Kritische Wei&#223;seinsforschung in Deutschland. M&#252;nster.</li>
<li>Ti&#223;berger, Martina; Dietze, Gabriele; Hrzán, Daniela; Husmann-Kastein, Jana (Hg) (2006): Wei&#223; &#8211; Wei&#223;sein &#8211; Whiteness. Kritische Studien zu Gender und Rassismus. Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles u.a</li>
</ul>
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		<title>Queer Theory</title>
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		<pubDate>Sun, 24 Jun 2007 09:30:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Melanie Groß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feministische Theorien]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit der Queer Theory hat die feministische Kritik an Heteronormativit&#228;t seit den 1990er Jahren einen Namen erhalten. Ein zentrales Merkmal dieser Forschungsrichtung ist es aufzuzeigen, wie feministische Theorien selbst dazu beitragen, die Forschungsgegenst&#228;nde zu schaffen, die sie vermeintlich nur untersuchen. Dabei werden vor allem Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualit&#228;t als das scheinbar Normale produziert und andere Existenzweisen als 'das Andere' ausgegrenzt...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Mit der Queer Theory hat die feministische Kritik an Heteronormativit&#228;t seit den 1990er Jahren einen Namen erhalten. Ein zentrales Merkmal dieser Forschungsrichtung ist es aufzuzeigen, wie feministische Theorien selbst dazu beitragen, die Forschungsgegenst&#228;nde zu schaffen, die sie vermeintlich nur untersuchen. Dabei werden vor allem Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualit&#228;t als das scheinbar Normale produziert und andere Existenzweisen als &#8216;das Andere&#8217; ausgegrenzt.</strong></p>
<p>Politischer und theoretischer Anfang einer Bewegung, die als Queer bezeichnet wird, liegt in den USA der 1990er Jahre. Drei zentrale Gr&#252;nde f&#252;r diese Neu- und Reformulierung insbesondere homosexueller Politiken sind die Institutionalisierung und Kommerzialisierung homosexueller und feministischer Bewegungen, das Erstarken der Neuen Rechten und die Auswirkungen der Aids-Epidemie (Woltersdorff 2003). Mit der Institutionalisierung und Kommerzialisierung ging auch eine verst&#228;rkte Form der vereinheitlichenden Identit&#228;tspolitik einher, durch die versucht wurde, Schwule und Lesben als ethnische Minderheit zu konstruieren, die eigene Anspr&#252;che auf B&#252;rgerrechte artikulierten. Dabei wurden innerhalb der LesbischSchwulen Bewegung Vorstellung von lesbischschwulem Lebensweisen geschaffen, die als Norm fungieren und nicht unumstritten geblieben sind. Als &#8217;sex wars&#8217; werden die Auseinandersetzungen innerhalb der lesbisch-feministischen Szene bezeichnet, die sich um Themen wie Bisexualit&#228;t, Promiskuit&#228;t, SM und Pornografie drehten und dazu f&#252;hrten, dass viele sich nicht mehr eindeutig der Community zugeh&#246;rig f&#252;hlten (ebd.). Queere Politik versucht in Folge dessen nun einerseits randst&#228;ndige und dissidente Positionen innerhalb der Lesbian and Gay Community sichtbar zu machen, sich gegen die kommerzielle Verwertbarkeit der eigenen Lebensstile zu wehren und die offizielle schwul-lesbische Identit&#228;tspolitik aufzudecken und anzugreifen. Andererseits setzt sie das Projekt der Lesbian and Gay Community weiter fort, Heterosexualit&#228;t als Normalit&#228;tsregime zu kritisieren. Diese doppelte Geste der queeren Strategie zeichnet sich also durch kritische Selbstreflexivit&#228;t und produktive Weiterf&#252;hrung zugleich aus. Mit Queer wird es nun m&#246;glich, neue und andere B&#252;ndnisse einzugehen und zugleich die eigene Differenz zu betonen. Dar&#252;ber hinaus werden verst&#228;rkt Bewegungen in den Blick genommen, die sich gegen die Grenzen des als Normal markierten zur Wehr setzen. Vor allem die Transgender, Transsexuellen und Intersexuellen Bewegungen weisen darauf hin, dass auch lesbisch schwule Politik Zweigeschlechtlichkeit reproduziere. In diesen Bewegungen wird nicht nur die normative Heterosexualit&#228;t angegriffen sondern dar&#252;ber deutlich gemacht, wie gewaltf&#246;rmig die Norm der Zweigeschlechtlichkeit ist.</p>
<h3>Was hei&#223;t &#8220;Queer&#8221;?</h3>
<p>Queer war lange Zeit eine abwertende Bezeichnung f&#252;r Lesben und Schwule. &#220;bersetzt bedeutet der Begriff &#8217;seltsam, sonderbar, schwul, Falschgeld&#8217;. Mit der Selbstbezeichnung queer wurde dieser Begriff zur&#252;ckerobert und zu einer Strategie der Verst&#246;rung und Irritation derjenigen, die diese zuvor abwertende Bezeichnungen einsetzten. Die Selbstbezeichnung entzieht den Diffamierenden die Macht &#252;ber die Repr&#228;sentation von Schwulen und Lesben. Die erfahrene Verletzung bleibt dadurch sichtbar. Dar&#252;ber hinaus war und ist die neue Bezeichnungspraxis eine Abgrenzung von Begriffen wie Homosexualit&#228;t und Gay. &#8216;Homosexualit&#228;t&#8217; ist stark in sexualwissenschaftlichen Diskursen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts verwurzelt und zitiert ein medizinisch biologistisches Bild von der oder dem Homosexuellen, das in den 1960er Jahren, als Gay (schwul/lesbisch) sich zunehmend durchsetzte, politisch verworfen wurde. Zwar war die Annahme, es gebe eine biologisch begr&#252;ndete Homosexualit&#228;t, urspr&#252;nglich zu Anfang des 20. Jahrhunderts auch als politischer Versuch unternommen worden, Homosexualit&#228;t theoretisch als etwas zu fassen, wof&#252;r niemand etwas &#8216;kann&#8217;. Jedoch wurde sich in den sp&#228;ten 1960ern immer mehr diesem Begriff verabschiedet. Diese Ablehnung beruht darauf, dass mit der Verwendung einer Bezeichnung auch ein ganz bestimmter Bedeutungshorizont zitiert wird und dieser zunehmend verschoben wurde:</p>
<p>&#8220;[D]er Weg von &#8216;homosexuell&#8217; &#252;ber &#8217;schwul&#8217; oder &#8216;lesbisch&#8217; zu &#8216;queer&#8217; (stellt) genau die Begriffe und Identifikationskategorien dar, mit denen gleichgeschlechtliches Begehren in der Regel gefa&#223;t wurde&#8221; (Jagose 2001: 97).</p>
<p>Jedoch meint er eben nicht das immer gleiche. In der Verschiebung der Bezeichnungen vollzieht sich auch eine Verschiebung dessen, was bezeichnet wird. Teresa de Lauretis formulierte 1991 als erste queer als Begriff f&#252;r eine kritische theoretische Auseinandersetzung mit nicht normgerechten Sexualit&#228;ten.</p>
<h3>Queer Theory &#8211; theoretische Positionen</h3>
<p>Queer Theory bildete sich also zum einen aus politischen K&#228;mpfen und zum anderen aus einer kritischen (Selbst-)Reflexion feministischer Theorien mit Methoden poststrukturalistischer Theorieans&#228;tze. Feministische Theorien hatten die Thematisierung von Begehrensformen und sexuellen Existenzweisen vernachl&#228;ssigt &#8211; die Anerkennung der Differenzen innerhalb der Gruppe der Frauen wird nun u.a. durch queere Positionen eingefordert.</p>
<p>Zentrale Elemente der Queer Theory sind die Betonung der Differenzen zwischen Frauen und die Problematisierung normativer Heterosexualit&#228;t. Judith Butler, die prominenteste Vertreterin queerer Theoriebildung, setzt sich 1991 in ihrem Werk Das Unbehagen der Geschlechter mit der Frage nach dem So-Geworden-Sein von gender auseinander. &#196;hnlich wie in <a href="file:///D:/html/institut/google/postkolonial.html">postkolonialen Theorien</a> die Hervorbringung einer sozialen Gruppe durch die Bezeichnung &#8216;Schwarz&#8217; betont wird, fasst Butler &#8216;gender&#8217; als Kategorie, deren Verwendungsweise erst das erzeugt, was sie scheinbar nur beschreibt. So geht Butler davon aus, dass diskursive Prozesse Geschlecht &#252;berhaupt erst als relevante Unterscheidungskategorie hervorbringen und dadurch &#8216;Geschlecht&#8217; erzeugen statt nur zu beschreiben. An dieser Produktion von Geschlecht sind auch &#8211; so ihre Kritik &#8211; feministische Theorien beteiligt, in dem sie Menschen in nur zwei Gruppen von M&#228;nnern und Frauen einteilen und deren Unterschiede zum Gegenstand ihrer Analysen machen. Dadurch wird das System der Zweigeschlechtlichkeit permanent erzeugt und hervorgebracht und gleichzeitig festgeschrieben und materialisiert. Zweigeschlechtlichkeit wird im Kontext queerer Theorieans&#228;tze als gewaltf&#246;rmiger Prozess verstanden, der ‚Andere&#8217; als konstitutives Au&#223;en, also als notwendige Bedingung f&#252;r die Herstellung eigener innerer Einheit produziert: Homosexualit&#228;t wird zum Anderen der Heterosexualit&#228;t, zur Abgrenzungsfolie und zur Vergewisserung der eigenen Normalit&#228;t und Nat&#252;rlichkeit.</p>
<p>Feministische Theorien m&#252;ssen sich der Herausforderung stellen, ihre eigenen Wissensproduktionen kritisch zu reflektieren und daf&#252;r auch die Positionen queerer Theoretiker_innen systematisch einbinden. So m&#252;ssen feministische Positionen sich stets die Frage gefallen lassen, ob und auf welche Weise sie (wenn auch ungewollt) das System heterosexueller Zweigeschlechtlichkeit mit produzieren.</p>
<h3>Weiterf&#252;hrende Literatur</h3>
<ul>
<li>Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main.</li>
<li>Jagose, Annemarie (2001): Queer theory &#8211; Eine Einf&#252;hrung. Berlin.</li>
<li>Lauretis, Teresa de (1991): Queer Theory: Lesbian and Gay Sexualities. An Introduction. In: differences: A Journal of Feminist Cultural Studies: Queer Theory. Lesbian and Gay Sexualities, Vol. 3, No. 2, iii-xviii.</li>
<li><a title="Artikel von Volker Woltersdorff als PDF" href="http://www.rosalux.de/cms/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Utopie_kreativ/156/156_woltersdorff.pdf">Woltersdorff, Volker (2003): Queer Theory und Queer Politics. In: UTOPIE kreativ, Heft 156, 914-923.</a></li>
</ul>
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