28.05.2008, Melanie Groß
“Sie posieren mit Messern, doppelläufigen Flinten, Pistolen: Im Internet werfen die Jungs, manche wohl gerade zehn oder elf Jahre alt, sich in Posen, die sie für extrem stark und männlich halten. Es sind Jugendliche aus der Lenzsiedlung in Eimsbüttel” (Hamburger Abendblatt, 24.10.2007). So oder ähnlich lauten zahlreiche Presseberichte, die aufmerksam machen wollen auf das Phänomen der Jugendgewalt – oder genauer: der Jungengewalt, die in sozial benachteiligten Stadtteilen zu eskalieren drohe. Es geht mal wieder um das Gespenst der gefährlichen Jugend.
Die Situation erscheint verheerend: In Berlin-Neukölln patroullieren nach dem Skandal um die Rütli-Schule im März 2006 und eines medial in Szene gesetzten Angriffs auf einen Lehrer im Juni 2007 nun private Sicherheitsdienste auf dreizehn Schulhöfen. LehrerInnen und SchülerInnen sollen auf diese Weise nunmehr seit Dezember 2007 vor den gewaltbereiten Jugendlichen aus der Nachbarschaft geschützt werden. “Der Schritt ist unausweichlich” sagt Heinz Buschkowsky (SPD) “Wir können den Eltern sonst den Schutz und die Sicherheit ihrer Kinder nicht mehr garantieren.” (Quelle: RP online, 29.06.2007). Dass es sich bei den gewalttätigen Jugendlichen zumeist um solche mit Migrationshintergrund handeln solle, scheint in den Presseberichten unisono als Fakt. Der preisgekrönte Kinofilm Knallhart (2006) von Detlev Buck greift solche Skandalberichterstattung auf und setzt sie in Szene: Michael zieht mit seiner Mutter aus dem Berliner Stadtteil Zehlendorf nach Neukölln und wird dort zum Opfer “einer türkischen Gang” (OT des DVD Covers). Dieser Gewalt kann er entfliehen, indem er als Drogenkurier für den aus Afghanistan stammenden Hamal anheuert und dadurch den Schutz des Drogenkartells erhält. Der Film gilt als besonders realistisch – der rassistische Tenor wird kaum in Frage gestellt.
Neben solchen Szenarien werden mit der Begründung fiskalischer Zwänge und dem damit einhergehenden Rückbau des Sozialstaats gleichzeitig Einrichtungen der Sozialen Arbeit zusammengeschrumpft. Staatliche Interventionen erfolgen zunehmend in Form ordnungspolitischer Maßnahmen. Die wenigen und schlecht ausgestatteten Einrichtungen beispielsweise der Jugendarbeit werden zunehmend zum Risikomanagement degradiert, statt Jugendlichen Bildung und Unterstützung in erforderlichem Maße anbieten zu können: Zunehmend wird – wie etwa im hessischen Wahlkampf 2007 – gefordert, dass Soziale Arbeit die Rolle übernehmen solle als staatliches Frühwarn-, Kontroll- und Sanktionssystem die Gesellschaft vor der problematischen Jugend zu schützen.
Der Diskurs über Jugend als Problem findet vor dem – häufig wenig Aufmerksamkeit erregendem – Hintergrund statt, dass Jugend weniger ein Problem ist, sondern vielmehr ein massives Problem hat: Jedes sechste Kind wächst in Deutschland in Armut auf (Unicef-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland 2008) – das sind etwa 2,5 Mio Kinder, die in Familien leben, die höchstens über ein Haushaltseinkommen von 60% des bundesweiten Durchschnitts verfügen. Die Nationale Armutskonferenz spricht 2007 sogar von einer Dunkelziffer von insgesamt 3 Mio in Armut lebenden Kindern. Zudem entscheidet in Deutschland die soziale Herkunft von Kindern und Jugendlichen maßgeblich über ihre Zukunftschancen. Armut wird vererbt und das Bildungssystem scheint wenig in der Lage zu sein, diesen Mechanismus auszuhebeln – das ist spätestens seit den Pisa-Studien bekannt: “Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg ist in Deutschland dramatisch und höher als in jedem anderen vergleichbaren Land” (Presseerklärung BMBF 2005).
Es scheint also dringend erforderlich Diskurse über Jugend genauer unter die Lupe zu nehmen und mit Daten über strukturelle Verhältnisse in Beziehung zu setzen: Welche Bilder über Jugendliche sind im Umlauf und werden hegemonial? In was für ökonomischen Verhältnissen wachsen Kinder und Jugendliche auf? Welche Chancen haben sie? Welche Risiken tragen sie? Mit einer Perspektive, die versucht diesen Fragen auf den Grund zu gehen, kann gezeigt werden, dass wir es weniger mit einer allgemein gewalttätigen und gefährlichen Jugend zu tun haben, sondern dass Jugendliche heute vielmehr in strukturell gewalttätigen Verhältnissen aufwachsen. Gleichzeitig werden sie als Problemgruppe stigmatisiert, die es ordnungspolitisch zu kontrollieren gelte. Die Probleme, die Jugendliche haben, werden durch Kontrollmaßnahmen, Erziehungslager (sog. Bootcamps) oder ähnliche derzeit munter diskutierte Maßnahmen freilich nicht angetastet. Im Gegenteil: “Indem sie Jugend zum Sicherheitsrisiko erklärt, wertet die Erwachsenengesellschaft berechtigte Ansprüche der Jugend an die Zukunft ab” (Luedtke 2003).
Es werden nicht nur Ansprüche der Jugend an die Zukunft abgewehrt, sondern zudem wird das “Problem Jugend” externalisiert: Wenn von den “ausländischen Gewalttätern” die Rede ist, ist die Forderung nach deren Abschiebung nicht mehr weit. Des Problems könne man sich also entledigten – in diesem Fall braucht eine Gesellschaft sich dann auch nicht mehr die Frage zu stellen, warum Jugendliche wie handeln, sondern führt deren Handeln kurzerhand auf ihre Herkunft zurück. Bei einem differenzierten Blick auf Jugend wäre es also dringend erforderlich auch den zunehmend rassistischen Tenor im Beschwören des Gespenstes unter die Lupe zu nehmen.
Aus feministischer Perspektive könnte der Ansatz der Intersektionalität (Degele/Winker: Intersektionalität) hier gewinnbringend sein, um zu tragfähigeren Aussagen über Jugendliche zu kommen. Mit diesem ist es möglich jugendliche Selbstinszenierungen vor dem Hintergrund hegemonialer Bilder über Jugend einerseits und struktureller Verhältnisse andererseits zu analysieren. Dabei werden Differenzkategorien wie Geschlecht, Klasse, Herkunft/Ethnie, Bildung aber auch Körper aufgespürt und deren Relevanz aus der Perspektive der Jugendlichen selbst in die Analyse miteinbezogen. Allzu vereinfachenden Bildern über die Jugend können somit differenzierte Analysen über Jugenden entgegen gesetzt werden. Solche Analysen werden dringend benötigt, um für Jugendliche heute die erforderlichen ökonomischen und sozialen Hilfen einfordern zu können.
Luedtke, Jens (2003): Zur ‚besonderen’ Illegitimität von Jugendgewalt. In: Mansel, Jürgen; Griese, Hartmut M.; Scherr, Albert (Hg): Theoriedefizite in der Jugendforschung. Standortbestimmungen und Perspektiven. Weinheim/München, 157-173.
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