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Interventionen

Intersexualität

09.12.2017, Nina Degele

Die Aufnahme eines dritten Geschlechts durch das Bundesverfassungsgericht im November 2017 in das Geburtenregister ist die größte Revolution im ganzen Umfeld zu Geschlechterpolitik und Personenstand in den letzten Jahrzehnten. Denn nichts verunsichert mehr als nicht zu wissen, ob wir es mit einem Mann oder mit einer Frau zu tun haben. Etwas Drittes ist bislang paradoxerweise etwas nicht Existierendes, etwas nicht Vorhandenes. Nun wird es möglich und gesetzlich verbindlich, dem nicht Bezeichneten einen Namen zu geben, ihm gesellschaftliche Existenz zu verleihen. Das ist nicht hoch genug einzuschätzen.

Die größte Revolution

Die Aufnahme eines dritten Geschlechts durch das Bundesverfassungsgericht im November 2017 in das Geburtenregister ist die größte Revolution im ganzen Umfeld zu Geschlechterpolitik und Personenstand in den letzten Jahrzehnten. Einerseits kam diese Entscheidung nicht ganz überraschend, weil die Ehe für alle in der letzten Juniwoche 2017 schlussendlich ziemlich schnell beschlossen wurde. Andererseits ist die Entscheidung für das Dritte Geschlecht viel grundlegender. Warum? Die Zuordnung von Menschen zu einem Geschlecht ist die am tiefsten greifende und wichtigste Zuordnung, die Menschen jeden Tag widerfährt und die unser alltägliches Handeln bestimmt. Die erste Information, die Eltern nach der Geburt ihres Kindes zu liefern haben, ist zumeist die nach dessen Geschlecht. Die Zuordnung von Menschen in zwei Geschlechter ist eine der letzten Sicherheitsbastionen, die es gesellschaftlich gibt bei all der Verunsicherung, mit der wir umgehen müssen. Es gibt kaum eine Gewissheit, über die wir im Alltag vermeintlich sicherer verfügen. Dass es bei aller Unsicherheit wenigstens noch Männer und Frauen gibt, das ist für die Mehrheit immer noch ein letzter Hort von Sicherheit. Nach wie vor verunsichert, wenn wir eine Stimme am Telefon oder eine Person bei der ersten Begegnung nicht eindeutig als Mann oder Frau zuordnen können.

Mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts wird eine solche Verunsicherung nicht nur legitim, sondern auch legal: Es gibt Menschen, die nicht Mann oder Frau sind und die auch eine entsprechende Bezeichnung einfordern können. Es geht um Anerkennung. Es macht einen Unterschied, etwas zu sein anstatt kein Geschlecht zu haben, wie es in einem Gutachten des Deutschen Instituts für Menschenrechte zitiert wird (Schabram 2017). Denn so war es bislang: Es wird „keine Zuordnung“, eingetragen, also Anerkennung verweigert und Nicht-Beachtung bzw. Unsichtbarkeit festgeschrieben. Die Betroffenen können sich nicht positiv in der Gesellschaft verorten. Das Urteil geht also an die Fundamente von Alltagswissen in unserer Gesellschaft; das ist revolutionär.

Dass es jetzt so fix ging, ist nicht zuletzt der Fortschrittlichkeit des Bundesverfassungsgerichts zu verdanken, wo sich in den letzten Jahren einiges getan hat. Normalerweise sind Institutionen viel träger als gesellschaftliche Entwicklungen. In diesem Fall ist das Bundesverfassungsgericht noch ein Stück schneller als die gesellschaftliche Entwicklung, die diesem Urteil noch hinterher hinkt, auch wenn in den letzten Jahren natürlich eine gesellschaftliche Liberalisierung stattgefunden hat – siehe die Institution der Ehe für homosexuelle Partnerschaften in diesem Jahr.

Für intersexuelle Menschen soll ein Begriff wie Inter, divers oder „eine andere positive Bezeichnung des Geschlechts“ fortan im Geburtenregister stehen. Das wird gesellschaftliche Debatten geben, angefangen von der korrekten Bezeichnung von Toiletten, zu Umkleiden im Sport, zu richtigen Bezeichnungen in Schulbüchern bis hin zur passenden Ansprache und Verwendung von Pronomen. Das wird vehementen Widerstand von konservativen bis rechten Gruppierungen zur Folge haben. Rechtspopulistische Parteien liefern mit der Einschätzung, Karlsruhe solle mit „abstrusen genderpolitischen Empfehlungen“ nicht die Gewaltenteilung untergraben und Intersexualität sei mit Schizophrenie gleichzusetzen, hier bereits einen Vorgeschmack. Es ist zu hoffen, dass die von dem Urteil betroffenen Akteur_innen selbst die Definitionsmacht über ihre Bezeichnung innehaben werden. Schließlich gibt es bei intersexuellen Menschen auch unterschiedliche Auffassungen und Bedürfnisse im Hinblick auf Anerkennung. Manche wünschen sich einen eindeutigen Begriff, mit dem sie sich identifizieren, andere möchten nicht zwangsgeoutet werden.

Intersexualität ist nicht immer gleich von Geburt an zu erkennen. Es gibt viele verschiedene Formen, oft ist von bis zu 20 Formen die Rede. Beim häufig beobachteten AIS (Androgen Insensitivity Syndrome) etwa reagieren die körpereigenen Rezeptoren nicht auf die ausgeschütteten männlichen Sexualhormone, weshalb sich der Körper äußerlich weiblich entwickelt. Das wird im Spitzensport ein Thema, wenn jemand wie die südafrikanische 800 m-Läuferin Caster Semenya etwa 2009 in Berlin bei der Leichtathletik-WM gewinnt und dann für fast ein Jahr gesperrt ist, weil sie keine ‚richtige‘ Frau sein soll. Sie fühlt sich als Frau, aber hat im Vergleich zu der Durchschnittsfrau einen hohen Testosteron-Status.

Das Sichtbare ist das eine, wie sich die Menschen fühlen, das andere. Es ist wahrscheinlich, dass es viele im medizinischen Sinne intersexuelle Menschen gibt, die sich angesichts von Unwissenheit, Ressentiments und Diskriminierung ganz gewiss nicht als intersexuell outen. Viele wissen es vielleicht auch gar nicht. Bis jetzt ist ja die Praxis, dass Ärzte an den Kliniken den Eltern nach der Geburt nahelegen, sofort zu operieren, um eine geschlechtliche Eindeutigkeit herzustellen. Das solle dem Kind das Leben leichter machen. Für Eltern war und ist das meist der Hintergrund für die Entscheidung, das Kind operieren oder mit Hormonen behandeln zu lassen. Auf den ersten Blick mag das plausibel sein: Eindeutigkeit ist gesellschaftlich leichter zu handhaben. Auf der anderen Seite hat das aber weit häufiger traumatische Folgen für die Kinder, wenn sie älter werden. Viele können oder wollen sich nicht mit dem medizinisch hergestellten Geschlecht identifizieren. Ihnen wurde in der Vergangenheit ihre Selbstbestimmung verwehrt. Das ist nicht revidierbar. Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes liefert aber die rechtliche Grundlage für die Anerkennung beschnittener Persönlichkeitsrechte und selbstbestimmter Geschlechtlichkeit, und das ist nicht hoch genug zu veranschlagen.

Der Einwand, die Bedeutung von Geschlecht nehme gesellschaftlich ohnehin ab, mag langfristig richtig sein. Das ist kein Argument gegen das Gerichtsurteil. Kurz- und mittelfristig ist nach wie vor Vorsicht geboten: Nicht-Nennung von Geschlecht und gesellschaftliche Irrelevanz sind etwas Verschiedenes. Ein gutes Beispiel dafür bietet die vor einem halben Jahrzehnt in den Medien und der politischen Landschaft recht populäre Piratenpartei, die eine Postgender-Position vertritt: Sie sah sich trotz eines geringen weiblichen Mitgliederanteils genderpolitisch an der Spitze der gesellschaftlichen Entwicklung und lehnte deshalb geschlechtergerechte Sprache und Frauenquote bei Ämterbesetzungen ab. Geschlechtergerechtigkeit lässt sich aber nicht durch Wunschdenken oder Deklarationen herbeiführen. Werden keine gesellschaftlichen Bedingungen berücksichtigt, ist das nicht post-, sondern prä-gender, vergleichbar mit politischen Praktiken der CSU oder auch der FDP. Nicht nennen und trotzdem meinen passt nicht zusammen, darauf haben die Gender Studies hinreichend hingewiesen. Und dass Geschlecht mehr ist als männlich und weiblich, gehört zu ihrem Einmaleins.

Auch wenn es nicht danach aussehen mag: In Sachen Personenstand und Geschlecht ist das Urteil des BVG die größte Revolution nach dem Gleichstellungsartikel 1949, der durch die damalige SPD-Politikerin und Juristin Elisabeth Selbert initiiert wurde (Faerber-Husemann 2004). Ein Jahrzehnt später war es wieder eine Frau, nämlich die damals einzige Richterin des BVG Erna Scheffler, die darauf pochte, dass daraus eine rechtlich verbindliche Grundlage wurde: Das oberste Gericht ließ den Gesetzgeber immer wieder nachbessern, Erna Scheffler und ihre männlichen Kollegen zwangen die Politiker beharrlich dazu, Gesetze zu korrigieren, bis der Artikel 3 Grundgesetz und die Gesetzesrealität nicht mehr im Widerspruch zueinander standen. Das zog sich bis ins Jahr 1959. Beispielsweise konnte der Ehemann das Arbeitsverhältnis seiner Frau jeder Zeit kündigen, sie aber umgekehrt zu einer außerhäuslichen Arbeit zwingen. Nach und nach wurde ein Gesetz nach dem anderen gekippt, weil es nicht zum Gleichberechtigungs-Artikel oder zum ebenfalls im Grundgesetz verankerten Schutz der Familie passte. Wie auch beim jüngsten Urteil zu Intersexualität war und ist dies nichts anderes als eine Einladung und Aufforderung zur Verunsicherung. Auch heute geht es wieder darum, dicke Bretter zu bohren.

 

Literatur

Faerber-Husemann, Renate (2004) Die Frauen, das Grundgesetz und die Gleichstellung. in: Deutschlandfunk, 14.1.2004

Schabram, Greta (2017) „Kein Geschlecht bin ich ja auch nicht.“ Sichtweisen intergeschlechtlicher Menschen und ihrer Eltern zur Neuregelung des Geschlechtseintrags. Deutsches Institut für Menschenrechte.


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