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Feministische Theorien

Intersektionalität als Mehrebenenanalyse

01.11.2007, Gabriele Winker und Nina Degele

Das Konzept der Intersektionalität ist auf dem besten Weg, zu einem neuen Paradigma in der Geschlechterforschung zu avancieren. Intersektionalität bezeichnet die Analyse der Verwobenheit und des Zusammenwirkens verschiedener Differenzkategorien sowie unterschiedlicher Dimensionen sozialer Ungleichheit und Herrschaft. Auch wenn dabei vor allem Wechselwirkungen zwischen Ungleichheit generierenden Kategorien wie Geschlecht, Rasse und Klasse im Vordergund stehen, sind Kategorien wie Sexualität, Nationalität oder Alter grundsätzlich integrierbar. Offen ist dagegen, auf welcher Ebene die Wechselwirkungen ansetzen: Sind gesellschaftliche Strukturen gemeint, interaktive Identitätskonstruktionen (doing difference) oder symbolische Repräsentationen? Wir plädieren in unserer intersektionalen Mehrebenenanalyse für eine theoretische und empirische Verknüpfung der Struktur-, Symbol- und Identitätsebene.

In den 1990er Jahren tauchte für die Benennung der Verwobenheit der Triade von race, class und gender in der englischsprachigen Diskussion der Begriff intersectionality (oder auch intersectional analysis) auf, den die amerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw (1989) ins Spiel gebracht hatte. Dazu benutzte Crenshaw die Metapher einer Verkehrskreuzung, an der sich Machtwege kreuzen, überlagern und überschneiden. Die Analyse von Ungleichheits- und Unterdrückungsverhältnissen lässt sich allerdings nicht auf die isolierte Untersuchung von Kategorien wie etwa Geschlecht, Klasse oder Rasse* reduzieren. Auch lassen sich Ungleichheit generierende Faktoren nicht im Sinne einer Mehrfachunterdrückungsthese einfach addieren. Denn sie treten in verwobener Weise auf, können sich wechselseitig verstärken oder auch abschwächen. So sind schwarze Frauen in den USA und Großbritannien beispielsweise häufiger in höheren Positionen zu finden als schwarze Männer, befinden sich aber insgesamt am untersten Ende der Verdienstskala.

Warum aber gerade und nur diese drei Kategorien? Die einen fordern die Berücksichtigung von Sexualität als vierte Kategorie (Verloo 2006), andere halten mehr als drei Kategorien für nicht mehr zu bewältigen (Klinger 2003) und möchten die Intersektionalitätsanalyse auf Klasse, Rasse und Geschlecht begrenzt wissen (Knapp 2005). Leslie McCall (2001) berücksichtigt für ihre Untersuchung zu Einkommensungleichheiten neben Klasse, Rasse und Geschlecht in den USA auch noch Region, und Helma Lutz / Norbert Wenning (2001) kommen zu einer Liste von 13 Differenzkategorien, weisen aber darauf hin, dass diese Liste dennoch nicht vollständig sein kann.

Was also fehlt, ist eine Theorie der Unterscheidung: Wann sind welche Differenzkategorien relevant. Das Konzept der Intersektionalität liefert keine theoretische Begründung, warum gerade die Faktoren Rasse, Klasse und Geschlecht die zentralen Linien der Differenz markieren. Was ist mit den Kategorien Alter, Generativität, Sexualität, Religion, Nationalität oder Behinderung? Ebenso ist offen, wie eine Vielzahl von Faktoren überhaupt adäquat berücksichtigt werden kann.

Wir schlagen deshalb eine intersektionale Mehrebenenanalyse vor, die bei der Analyse sozialer Praxen sowohl unterschiedliche Differenzkategorien in ihren Wechselwirkungen berücksichtigt, als auch aus der Identitäts-, Struktur- und Symbol-Perspektive die Bedeutung der Kategorien für soziale Praxen konkretisiert (ausführlicher vgl. Degele/Winker i.E.):

Die meisten intersektionalen Studien sind bislang auf der Mikroebene angesiedelt, wo es um die Erfahrungen von Subjekten und damit verbundene Identitätskonstruktionen geht. Während sozialstrukturell orientierte Untersuchungen darauf angewiesen sind, Einzelfälle in Kategorien zusammenzufassen, um sie bewältigen zu können, sind auf der Ebene von Identitätskonstruktionen Beschreibungen möglich, die eine Vielzahl von Kategorien berücksichtigen. Gerade in Zeiten, in denen die eigene Lebensabsicherung mit vielfältigen Unsicherheiten verbunden ist – hohe Erwerbslosenquoten, prekäre Beschäftigungsverhältnisse sowie Lohnkürzungen und die Reduktion wohlfahrtsstaatlicher Ausgleichzahlungen – kommt es bei vielen Menschen zu erhöhter Verunsicherung. In dieser Situation grenzen sich Individuen mit verstärkten Rückgriffen auf traditionelle und/oder neuartigen Differenzierungskategorien von Anderen ab, um Unsicherheiten in der eigenen sozialen Positionierung zu vermindern.

Zwar kann und muss man heute von einer Flexibilisierung sozialer Ungleichheiten ausgehen, diese sind aber nach wie vor sozialstrukturell verankert. Deswegen gilt es auf der Strukturebene, Klassen-, Geschlechter-, Rassen-, aber auch Körperverhältnisse zu analysieren. Damit erweitern wir die in den Sozialwissenschaften gängige Dreierkette von Rasse, Klasse und Geschlecht um die Kategorie Körper, worunter wir die Merkmale Alter, Leistungsfähigkeit/Gesundheit und Attraktivität fassen. Diese Körpermerkmale sind in den letzten Jahrzehnten bezogen auf die Stellung der Individuen zum Arbeitsmarkt, Ressourcenverteilung sowie Verantwortlichkeiten für Reproduktionsarbeit immer bedeutsamer geworden. Gleichzeitig gibt es keine durchgängig diskriminierten Gruppen mehr, alle Strukturkategorien treten in Kombination auf und müssen zueinander in Beziehung gesetzt werden.

Schließlich ist auch noch die Ebene symbolischer Repräsentationen zu berücksichtigen. Symbole und Normen haben den Status hegemonial abgesicherter Begründungen, und diese wiederum beruhen auf naturalisierenden und/oder hierarchisierenden Bewertungen auf der Grundlage vielfältiger Differenzkategorien. Wir gehen davon aus, dass wir mit Hilfe der Strukturkategorien – Klasse, Geschlecht, Rasse, Körper – die hegemonialen Normen und Stereotype herausarbeiten können, die Individuen tagtäglich performativ hervorbringen, die zur eigenen Subjektivierung beitragen und gleichzeitig Macht- und Herrschaftsverhältnisse stützen. Diskurse und symbolische Repräsentationen wirken sowohl als Ideologien und Normen der Rechtfertigung für Ungleichheiten als auch als Sicherheitsfiktion struktur- wie auch identitätsbildend.

Diese drei genannten Ebenen sind durch soziale Praxen miteinander verbunden. Mit Bourdieus Theorie der Praxis gehen wir davon aus, dass der Ausgangspunkt und Gegenstand der Soziologie die sozialen Praxen sein sollten, die einer empirischen Untersuchung zugänglich sind. Wir nehmen soziale Praxen, d.h. Prozesse in Form von Interaktionen und Handlungen in den Blick und untersuchen die dort vorfindbaren Differenzierungskategorien vor allem in ihren Wechselwirkungen. Ausgehend vom empirischen Handeln und Sprechen von Personen fragen wir nach den Identitäten, die sie herstellen sowie Strukturen und Normen, auf die sie rekurrieren. Wir beginnen also mit der Perspektive der AkteurInnen. Methodisch heißt das, bei Praxen anzufangen und dann zu relationieren: Auf welche Kategorien beziehen sich die AkteurInnen bei ihren Subjektivierungsprozessen? Welche Normen, Leitbilder und Deutungsmuster sind bei ihnen (unbewusst) wirksam? In welche strukturellen Zusammenhänge ist ihr Handeln eingebettet? Mit solchen Fragen gilt es, die drei Untersuchungsebenen zueinander in Beziehung zu setzen und dabei die Wechselwirkungen verschiedener Differenzkategorien nicht aus den Augen zu verlieren.


*Im deutschsprachigen Kontext erscheint in der gender- und queertheoretischen Literatur der Begriff Rasse mit Rücksicht auf die nationalsozialistische Vergangenheit zumeist in Anführungszeichen oder alternativ findet der englische Begriff race statt Rasse Verwendung. Da jedoch in diesem Zusammenhang mit der Kategorie Rasse ihre gewaltförmige Naturalisierung und Hierarchisierung und damit Prozesse der Ausgrenzung und Unterdrückung beschrieben werden, wird hier auf die Anführungszeichen bewusst verzichtet.

Quellen

  • Crenshaw, Kimberlé (1989): Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine. in: The University of Chicago Legal Forum, 139-167
  • Degele, Nina; Winker, Gabriele (i.E.): Intersektionalität als Mehrebenenanalyse (kann über winker@tu-harburg.de bezogen werden)
  • Degele, Nina; Winker, Gabriele (i.E.): Praxeologisch differenzieren. Ein Beitrag zur intersektionalen Gesellschaftsanalyse. In: Klinger, Cornelia; Knapp, Axeli (Hg.): Über Kreuzungen. Ungleichheit, Fremdheit, Differenz
  • Klinger, Cornelia (2003): Ungleichheit in den Verhältnissen von Klasse, Rasse und Geschlecht. in: Gudrun-Axeli Knapp/ Angelika Wetterer (Hg.): Achsen der Differenz. Gesellschaftstheorie und feministische Kritik II. Münster, 14-48
  • Knapp, Gudrun-Axeli (2005): “Intersectionality” – ein neues Paradigma feministischer Theorie? Zur transatlantischen Reise von “Race, Class, Gender”. in: Feministische Studien 23, 68-81
  • Lutz, Helma/Norbert Wenning (2001): Differenzen über Differenz – Einführung in die Debatten. in: dies. (Hg.): Unterschiedlich verschieden. Differenz in der Erziehungswissenschaft. Opladen, 11-24
  • McCall, Leslie (2005): The Complexity of Intersectionality. in: Signs. Journal of Women in Culture and Society 30, 1771-1800
  • Verloo, Mieke (2006): Multiple Inequalities, Intersectionality and the European Union. in: European Journal of Women´s Studies 13, 211-228

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