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Selbstverständnis des Feministischen Instituts Hamburg

Grundlage unserer Arbeit ist die Erkenntnis, dass Geschlecht keine natürliche Grundlage hat, sondern eine normative und damit gesellschaftlich immer wieder neu gesetzte Differenzierung in Männer und Frauen darstellt. Geschlecht wird durch soziale Praktiken hergestellt. Diese Konstruktionen sind mit Hierarchisierungsprozessen von zwei exklusiven, heterosexuell aufeinander bezogenen Geschlechtern verbunden und werden fortwährend naturalisiert.

Wir wollen feministische Erkenntnisse nutzen, um politische Phänomene besser zu verstehen, die mit Ungleichheiten, Machtverhältnissen, fehlender Anerkennung oder geringer gesellschaftlicher Teilhabe bestimmter Gruppen von Menschen einhergehen. Wir möchten prüfen, inwieweit Geschlecht als Analysekategorie neue Perspektiven auf gesellschaftliche Probleme und Themen eröffnet. Unser Anliegen ist es, feministische Debatten über die Hochschulen hinaus in breite Öffentlichkeiten zu tragen, dort zur Diskussion zu stellen und damit in politische Praxen einzugreifen.

Gerade in Zeiten einer verstärkten Ökonomisierung aller gesellschaftlichen Lebensbereiche halten wir es für besonders wichtig, feministische Handlungsperspektiven zu entwickeln und neue Gestaltungsmacht zu gewinnen. Dabei geht es uns primär darum, Prozesse der Konstruktion von Geschlecht und Sexualität aufzudecken und herauszufordern, die Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit in Frage zu stellen, vergeschlechtlichte Herrschaftsstrukturen und damit einhergehende soziale Ungleichheiten anzugreifen und zu verschieben.

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Feminismus – genau wieder richtig!

Kendra Eckhorst traf Melanie Groß und Tanja Carstensen im Januar 2008 und sprach mit ihnen über das Institut und Feminismus heute.

Ihr habt das zweite feministische Institut bundesweit im Sommer 2007 gegründet. Warum?

M.G. Es hatte ganz verschiedene Gründe, pragmatische, wissenschaftliche, politische. Gerade in dem Kreis, in dem wir arbeiten, haben wir ein großes Interesse, mit den Inhalten, mit denen wir wissenschaftlich umgehen, wieder stärker Politik zu machen.

T.C. Eine andere Ursprungsidee war, dass wir langfristig zusammenarbeiten wollen und neue berufliche Strukturen legen wollen, die uns behagen.

M.G. Inhaltlich arbeiten wir alle drei mit unterschiedlichen Schwerpunkten in der Geschlechterforschung, allerdings nicht als reine gender studies. Wir möchten zum Thema Geschlecht kritisch-feministisch arbeiten.

T.C. Wir trafen bewusst eine Entscheidung für den Feminismusbegriff, da wir letztes Jahr extrem den Eindruck hatten, dass der Begriff gender, gerade in Bezug auf gendermainstreaming, eine Entradikalisierung duchläuft. Er ist nicht mehr unbedingt mit einer kritischen Forschung oder kritischen Politik verbunden. Um uns abzugrenzen, stellt der Feminismusbegriff genau wieder den Richtigen dar.

Welche Reaktionen gab es, zum einen von der TU Harburg zum anderen von feministischen bzw. queeren Kreisen?

M.G. Von der TU Harburg gibt es keine Reaktionen. Es ist kein Teil der TU. Das Institut ist ein virtuelles, das wir in unserer Freizeit betreiben. Ansonsten waren die Reaktionen sehr unterstützend und positiv, fast schon überraschend. Ich hätte gedacht, es gibt mehr Vorbehalte gegen den Feminismusbegriff.

T.C. Ich habe auch negative Reaktionen bekommen. Feminismus wird mit Zweigeschlechtlichkeit assoziiert, verharre darin. Das wird als altbacken angesehen, da er nur die Chancen von Frauen im Verhältnis zu denen der Männer verbessern will. Ein Alice Schwarzer- oder “Emma”- Feminismus. Es herrscht zum Teil ein großes Unverständnis, da die Debatte schon bei Postfeminismus angelangt war und wir anscheinend zu den zwei Geschlechtern zurück wollen. Der Begriff ist missverständlich und wird oft sehr einseitig interpretiert. Für uns bedeutet dies, gegen reden und klarstellen, wie wir den Feminismusbegriff verstehen.

M.G. Für mich ist es auch ein strategischer Begriff und ich begrüße es, dass er diese Irritationen erzeugt. Ein seriöses feministisches Institut, ein professioneller Webauftritt und dann noch dieser Begriff, aber eigentlich andere Inhalte zu bearbeiten. Eine subversive Strategie.

Das feministische Institut der Heinrich Böll Stiftung hat 2007 einen neuen Weg eingeschlagen und setzt auf mehr Arbeit für Geschlechterdemokratie und Genderkompetenz. Eine Richtung, die ihr teilen würdet?

M.G. Mir gefällt es, wenn es mehrere Wege gibt, um mit dem Geschlechterverhältnis umzugehen. Es ist ihr Weg, unserer ist momentan ein anderer.

Sabine Hark und Ina Kerner konstatieren ein wiedererwachtes Interesse am Feminismus. Allerdings soll er sich nicht an der Form und dem Inhalt der Frauenbewegung der 1960er und 1970er Jahre orientieren, sondern an individuellen work-life-balance Konzepten. Inwiefern bezieht ihr euch auf die “alten” feministischen Positionen und Forderungen?

M.G. Wahrscheinlich alle drei anders. Aber auf die älteren, strukturtheoretischen Debatten beziehen wir uns alle, da es keine individuelle Entscheidung ist, in welcher Form man von Geschlecht betroffen ist und wie man sich dagegen zur Wehr setzen kann. Hier hat meine feministische Sozialisation angefangen, ging weiter zu den doing- gender- Geschichten und landete letztlich bei den poststrukturalistischen oder queeren Ansätze. Ein Weg, der auch brüchig ist, auf dem es viele Widersprüche gibt.

T.C. Es müsste alte und neue Feminismen im Plural heißen. Bei “Altem” muss ich immer auch an den Ökofeminismus denken. Hiervon möchte ich mich abgrenzen. Gleichzeitig gibt es einen siebziger Jahre Feminismus, in dem ich meine Wurzeln habe. Als neuen Feminismus würde ich die Debatte um queer und postcolonial fassen. Work-life-Balance versteh ich als neoliberalen Feminismus. Jede Frau ist ihres eigenen Glückes Schmied. Sie kann werden, was sie will. Sogar Bundeskanzlerin. Das ist natürlich sehr populär aber für mich uninteressant. Hier muss man gucken, welcher alte Feminismus wird jetzt von welchem neuen abgegrenzt.

Ganz konkret: Lohn für Hausarbeit?

T.C. Das ist eigentlich nicht unsere Forderung. Arbeit ist aber immer noch ein großes Thema. Hier wird nie genug darauf hingewiesen, wie ungleich Arbeit und ihre Bezahlung verteilt sind, auch Reproduktionsarbeit. Ein Thema des alten Feminismus, das überhaupt nicht veraltet ist. Ebenso Gewalt und Sexismus, die noch aktuell sind.

In welcher Form fließt die Kritik Schwarzer Feministinnen an einem exklusiven deutschen weißen Mittelstandsfeminismus in eure Analysen ein?

T.C. Ich sehe es als große Herausforderung, als etwas das immer wieder geleistet werden muss, aber was ich viel zu oft aus dem Blick verliere.

M.G. Mich hat es ziemlich geprägt und auch sehr verunsichert. Ich traue mir selber nicht über den Weg, wenn ich mich wissenschaftlich mit Phänomenen beschäftige, die nichts mit weißen Deutschen zu tun haben. Wir sprechen aus einer Dominanzkultur und es laufen permanent Projektionen. Trotzdem habe ich das Bedürfnis, mich zu bestimmten Dingen zu äußern, ohne gleich in die Rassismusfalle zu tappen. Ich erlebe das als ein Spannungsfeld, dass ich nicht gut löse und dass wir nicht gut lösen können. Wichtig ist es, sich in Auseinandersetzungen zu begeben, sich Kritik anzuhören und die eigene Position zu hinterfragen. Das ändert den Blick auf die Dinge.

Ihr bietet Analysen, Positionen und Beratung an. Ein feministisches Consultingunternehmen?

M.G. Das wäre schick. Dann würden wir Geld verdienen. Wir verfolgen schon die Perspektive der potentiellen Existenzsicherung.

T.C. Aus Forschungsergebnissen ergeben sich das eine oder andere Mal Handlungsanleitungen oder Verbesserungsvorschläge. Die Umsetzung dieser Vorschläge würde uns interessieren. Tatsächlich sehen wir den Markt im Moment nicht.

Ihr unternehmt den Versuch ökonomie- und subjektkritische Ansätze, also Marxismus mit queer theory zu verbinden. Kann hieraus wieder eine tragfähige feministische Politik entstehen?

M.G. Das wäre zu hoffen.

T.C. Nur so. Das “wie” ist noch ungelöst.

M.G. Es kann meiner Ansicht nach keine komplexe Metatheorie geben, die alles erklärt, in der Marxismus mit queer theory zusammengedacht wird. Aber trotzdem geht es oft um ähnliche Phänomene. Einmal greift das eine Analyseinstrument besser, ein anderes Mal umgekehrt. Fruchtbar erscheint mir, mit beiden im Hintergrund zu arbeiten, also verschiedene Blickwinkel zu entwerfen.

T.C. Wichtig ist einfach, sich nicht auf eine Seite zu schlagen.

Zurzeit initiiert ihr öffentliche feministische Werkstätten und bringt eine Diskussion in Gang. Wo liegen für euch Grenzen für Positionen und Kooperationen?

M.G. Für mich liegen die ganz eindeutig rechts. Im linken Spektrum gibt es auch viel, was sich behakt, wo es Spannungen gibt. Die würde ich aushalten und in einen Dialog treten wollen. Eine Zusammenarbeit mit konservativen Feministinnen wie Ursula van der Leyen kann ich mir nicht vorstellen. Eine Diskussion herzlich gerne, um bestimmte Punkte in der Familienförderung zu skandalisieren.

T.C. Diskutieren unbedingt. Gerade nach der ersten feministischen Werkstatt ist klar geworden, dass es eine Redehemmung gibt und eine feministische Diskussion in öffentlichen Räumen eingeschlafen ist. Zahlreiche Konflikte innerhalb der Szene können als Gründe angeführt werden. Hier würde ich ungern Diskussionsangebote der anderen Seite vorschnell ablehnen. Hauptsache wir fangen wieder an zu reden, uns abgrenzen können wir als zweiten oder dritten Schritt.

Was sind die Wunschvorstellungen für eure Arbeit in einem feministischen Institut?

M.G. Ich hätte Fantasien. Super wäre für Politik bezahlt zu werden bzw. über andere Mittel und Wege die Existenz zu sichern, um Zeit zu haben, weiterhin kritische Wissenschaft zu betreiben, aber auch Politik.

T.C. Eine Finanzierung, damit das Institut nicht nebenbei laufen muss. Eine Wunschvorstellung wäre tatsächlich, dass wir noch stärker vernetzt wären, so dass wir in breiteren, öffentlichen Diskursen mitmischen könnten. Einfach mehr Feminismus in die Massenmedien transportieren. Hier haben wir zurzeit noch keine Stimme. Es ist auch nicht wichtig, dass wir das sind. Ziel ist es, das feministische Positionen wieder ein stärkeres Gewicht bekommen, ernst genommen und verstanden werden. Hieran mitzuwirken, mit dem Institut, würde mich zufrieden stellen. Ansonsten wünsche ich mir, dass in den feministischen Werkstätten schöne Zusammentreffen entstehen und auch Aktionen erwachsen. Das es ein “Zusammen” gibt, das gar nicht homogen sein muss, sondern Spass in der Begegnung vermittelt und bewegt.


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