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Feministische Theorien

‘Hottentot Venus’ oder: Fetischismus als Wissenschaftspraxis

23.09.2009, Sabine Ritter

Emanzipatorische Wissenschaft hat die Aufgabe, soziale Verhältnisse zu analysieren und zu dekonstruieren. Aber auch Gesellschaftskritik ist in historischen und aktuellen Diskursen verankert und bedarf, will sie ihr Potential ausschöpfen, kontinuierlicher Reflexivität. Deren Fehlen hat sich im Fall der postkolonialen Rekonstruktionen einer zum anthropologischen Forschungsobjekt des 19. Jahrhunderts diskriminierten Frau als Auslöser eines veritablen ‘race-and-gender-bias’ erwiesen: im Bemühen, die Geschichte der sogenannten ‘Hottentot Venus’  als Beispiel kolonialen Unrechts und Missbrauchs zu thematisieren, werden sexistische und rassistische Stereotype reproduziert. Darüber hinaus erschafft die reduktionistische Sicht auf das Phänomen ‘Hottentottenvenus’ eine neuartig fetischisierende Eindimensionalität.

Im Zentrum der stilbildenden »Steampunk Trilogy« des US-amerikanischen Science Fiction Autors Paul di Filippo aus dem Jahr 1995 steht eine Novelle, die mit »Hottentots« überschrieben ist. Die Erzählung vermischt Historie und Fiktion, Rassismusgeschichte und Wissenschaftskritik, Abenteuerroman und Satire. Sie spielt im viktorianischen Zeitalter und beschreibt die abstrus-spektakuläre Jagd nach einem Fetisch, nämlich den sezierten und eingelegten Genitalien der sogenannten ‘Hottentottenvenus’. Jener Figur liegt die Geschichte der realen Person Sarah Baartman zugrunde.

1810 reiste sie aus Kapstadt nach London und wurde dort ethnopornographisch zur Schau gestellt. Dabei stand ihr Hintern im Fokus der Werbeplakate, der Shows und der öffentlichen Aufmerksamkeit. Ein ausladendes Gesäß, diffamiert als ‘Fettsteiß’, gehörte wie auch ‘hängende Brüste’ und ‘übergroße Schamlippen’ zu den stereotypisierenden Zuschreibungen, die die europäische Welt seit vielen Jahrzehnten für indigene Südafrikanerinnen bereithielt und mit deren Hilfe diese sowohl als monströse Ungestalten wie auch als sexualisierte Attraktionen dargestellt wurden. Entsprechend zeigte man Sarah Baartman als dressiertes wildes Tier in einem Käfig. Zugleich gab es aber auch die hocherotisierte, begehrende Sicht auf sie, wofür das Gesäß und die ihre Genitalien bedeckende Schürze standen.

1814 kam Sarah Baartman nach Paris. Dort wurde sie nicht nur von zahlendem Publikum als ‘Vénus hottentote’ bestaunt, sondern auch von den führenden Anthropologen begutachtet: Georges Cuvier, Begründer der vergleichenden Anatomie, vermaß ihren lebendigen Leib als den einer ‘typischen Hottentottin’. Nach ihrem Tod 1815 wurde ihr Leichnam von ihm zum exemplarischen weiblichen Rassenkörper seziert. Bei dieser Gelegenheit entnahm Cuvier nicht nur ihr Gehirn, sondern auch ihr Geschlechtsteil, das seiner Meinung nach bewies, dass es die mysteriöse ‘Hottentottenschürze’, eine übermäßige Vergrößerung der inneren Schamlippen, als Zeichen minderwertiger Wildheit gebe. Nach der Sektion, die Cuvier in einem Bericht des Jahres 1817 minutiös dokumentiert hat, wurden ein kolorierter Gipsabdruck des toten Körpers sowie Sarah Baartmans Skelett bis 1982 im Pariser Musée de l’Homme ausgestellt und ihr Gehirn und ihre Genitalien im Magazin verwahrt. Diese körperlichen Überreste wurden am 9. August 2002 nach jahrelangem diplomatischem Tauziehen zwischen Frankreich und Südafrika in der Nähe von Kapstadt in einem Staatsakt beigesetzt.

Di Filippo hat aus dieser in Wissenschaft, Politik und Kunst stark ventilierten Geschichte eine Räuberpistole gemacht, in der Cuvier als Schwarzmagier aus der ‘Hottentottenschürze’ einen Fetisch zaubert. Zauberkünste aber sind keineswegs nötig, um eine Person auf ihren Körper oder gar einen Teil davon zurückzuschneiden; vielmehr handelt es sich bei solchen Operationen um sozial antrainierte Handlungen, die ‘die Anderen’ zum Objekt degradieren: »Dieses Ersetzen des Ganzen durch ein Teil, eines Subjekts durch ein Ding – ein Objekt, ein Organ, ein Körperteil – ist der Effekt einer sehr wichtigen Repräsentationspraxis – Fetischismus«, schreibt Stuart Hall in »Das Spektakel des ‘Anderen’«. Die Zerstückelung Sarah Baartmans durch Cuvier, die Präsentation ihres Schädels und ihrer Knochen im Musée de l’Homme und die Präparation ihres Hirns und ihrer Vulva, war ein entmenschlichender Schändungsakt, in dessen Mittelpunkt die Verifikation alter Zuschreibungen an weiblich-’hottentottische’ Genitalien stand.

Initiiert durch Beiträge des kritischen Biologen Stephen J. Gould und des Kulturwissenschaftlers Sander L. Gilman wurde ‘die Hottentottenvenus’ seit den 1980er Jahren zum Standardbeispiel postkolonialer Theoriebildung. Auch Stuart Hall schilderte den Fall in seinen Überlegungen zu Ideologie, Identität und Repräsentation. Was ihm wie seinem Stichwortgeber Gilman nicht bewusst gewesen zu scheint ist, dass die Kritik selbst durch ihre Darstellungsweise der ‘Hottentottenvenus’ nicht nur Gefahr läuft, die Zurschaustellung Sarah Baartmans zu reproduzieren. Vielmehr beschränkt sie sich in ihrem analytischen Bemühen auf die Explikation ihrer angeblich abnormen Geschlechtlichkeit. Gould, Gilman und Hall ignorieren, was den von ihnen herangezogenen Quellen mühelos zu entnehmen ist: dass Cuvier durchaus auch Sarah Baartmans Gehirn seziert und eingelegt hat, dass ihr Schädel im anthropologischen Museum zu besichtigen war, dass beides für die Anthropologie des 19. Jahrhundert bedeutsam gewesen ist und dass es zur Rede von abnorm-pathologisch-hypersexualisierten ‘Schwarzen’ immer Gegendiskurse gab. Stattdessen schreibt Stuart Hall, dass Sarah Baartman auf ihren Körper »und ihr Körper wiederum [...] auf ihre Geschlechtsorgane reduziert« wurde. Eine Tafel aus einem Grundlagenwerk der Kriminalanthropologie, die sechs als deviant markierte Vulven zeigt, dient dieser Behauptung als  Illustration – ohne dass diese Abbildungen analytischen Surplus böten oder mit der ‘Hottentottenvenus’ in direktem Zusammenhang stünden. Im von ihm selbst so definierten Sinne erscheint Fetischismus als ein wesentliches  Element seiner Vorstellung von Sarah Baartman, denn auch er repräsentiert sie in Text und Bild dezidiert durch ein Fragment, das obendrein  noch pornographisch ist.

Nach Hall bedeutet Fetischismus, »die Ersetzung einer [...] verbotenen Kraft durch ein ‘Objekt’«. Im Falle Sarah Baartmans wurde angeblich »der Blick des Betrachters von ihren Genitalien, dem Objekt seiner wirklichen sexuellen Obsession, auf ihr Hinterteil verschoben.« Diese Verschiebung aber ist das Werk derer, die sich eindimensional auf den Umgang mit den sezierten Genitalien kapriziert und sämtliche weiteren anthropologischen und allgemein kulturalistischen Operationen Cuviers und seiner Nachfolger ausgeblendet haben. Nur so konnte aus dem üppigen Hintern, der, wie viele zeitgenössische Beispiele zeigen, dem herrschendem Begehren entsprochen hatte und zum »zeitgeist of the late Georgian Britain« wie zum modischen Cul de Paris gehörte, ein fetischisierter Signifikant für abnorme weibliche Geschlechtsteile werden. Indem sie die Ergebnisse sozialer Zurichtung des Körpers unreflektiert gelassen hat und die kulturellen Dimensionen von Körperlichkeit ausgeklammert ließ, hat die antirassistische Wissenschaft ungewollt rassistische Stereotype fortgeschrieben und einen neuen Fetisch kreiert, der für eine Figur steht, die das 19. Jahrhundert so monochrom und eindimensional nie vor Augen hatte: die hypersexualisierte Hottentottin.

Weiterführende Literatur:

  • Gilman, Sander L.: Hottentottin und Prostituierte. Zu einer Ikonographie der sexualisierten Frau. In: Ders.: Rasse, Sexualität und Seuche. Reinbek 1992: Rowohlt, S. 119-154.
  • Hall, Stuart: Das Spektakel des ‘Anderen’. In: Ders.: Ideologie – Identität – Repräsentation. Ausgewählte Schriften 4. Hamburg 2004: Argument, S. 108-166.
  • Magubane, Zine: Which Bodies Matter? Feminism, Poststructuralism, Race, and the Curious Theoretical Odyssey of the ‘Hottentot Venus’. In: Gender & Society, 15, 2001, 6, S. 816-834.
  • Ritter, Sabine: ‘Présenter les organes génitaux’. Sarah Baartman und die Konstruktion der Hottentottenvenus. In: Wulf D. Hund (Hg.): Entfremdete Körper. Rassismus und Leichenschändung. Bielefeld 2009: transcript, S. 117-163.

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