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Feministische Theorien

Warum wir Geschlecht berücksichtigen, um Gesellschaft zu verstehen. Ein Plädoyer für eine heteronormativitätskritische Analyseperspektive

05.03.2012, Nina Degele, Stephanie Bethmann und Karolin Heckemeyer

Weil Geschlecht im alltäglichen Tun und in gesellschaftlichen Strukturen so tief eingelassen ist, dass es aufgrund seiner daraus resultierenden Selbstverständlichkeit aus dem Blick gerät, ist Geschlecht im Alltag und auch in den Wissenschaften nahezu unsichtbar und läuft auch bei jeder gesellschaftswissenschaftlichen Analyse unbemerkt mit. In welcher Weise Wissenschaft eine solche Unsichtbarkeit über die Einführung von Heteronormativität als grundlegende Analyseperspektive überwinden kann, um die damit verbundenen Dimensionen der Naturalisierung, Inkorporierung und Institutionalisierung zu erklären, ist Gegenstand dieses Beitrags.

(Die ausführliche Version unserer Argumentation mit Literaturhinweisen und Forschungsbeispielen finden Sie in der Vollversion des Artikels – hier abrufbar als pdf.)

Dass wir Gesellschaft besser verstehen, wenn wir die Rolle von Geschlecht darin berücksichtigen, liegt nicht unbedingt auf der Hand. Zwar bemühen sich GeschlechterforscherInnen seit vielen Jahren darum, diese Analysekategorie in den Sozial- und Gesellschaftswissenschaften zu etablieren. Geschlecht ist jedoch im Alltag und auch in den Wissenschaften nahezu unsichtbar und läuft auch bei jeder gesellschaftswissenschaftlichen Analyse unbemerkt mit – zumeist ohne ausdrücklich benannt zu werden. Warum wir Geschlecht berücksichtigen müssen, sobald wir Gesellschaft beschreiben, lässt sich am besten verstehen, indem wir Geschlecht zunächst seine unhinterfragbare Selbstverständlichkeit nehmen: Versuchen Sie beispielsweise, sich einen konkreten Menschen vorzustellen – ohne Geschlecht. Das funktioniert nicht. Denn stets rufen wir Bilder von Männern und Frauen auf, von Ärzten und Krankenschwestern, von Sekretärinnen und Unternehmensberatern, von Vätern und Müttern, von Sexarbeiterinnen und Gebäudereinigern. Dass Menschen einem der beiden Geschlechter angehören, dass sie ein Geschlecht haben, scheint das normalste der Welt zu sein. Wovon aber sprechen wir, wenn wir von Personen immer schon als Personen mit einem Geschlecht sprechen? Welche Annahmen verbergen sich dahinter? Und wie zeigen sich diese in der Forschungspraxis und damit auch in den daraus hervorgehenden Ergebnissen? Die Frage danach, was in Wissenschaft und Alltag bei Bezeichnungen wie Arbeiter, Prostituierte, Ärzte, Arzthelfer, Sekretäre, Gebäudereiniger oder DAX-Vorstände mitschwingt, hat das Ziel, Geschlecht ans Licht wissenschaftlicher Reflektion holen. Diese Technik bezeichnen wir als Entselbstverständlichung.

Um es zu entselbstverständlichen müssen wir Geschlecht gleichzeitig als etwas tagtäglich Gemachtes und Veränderbares und als etwas strukturell Gegebenes und Veränderungsresistentes begreifen. Der Begriff Geschlecht soll dabei außerdem keine Vorab-Vorstellung von Männern und Frauen zementieren. Denn Menschen inszenieren Geschlecht in ihren alltäglichen Handlungen auf unterschiedliche Weise; erst durch ihre Art sich zu kleiden und zu bewegen, zu reden und zu interagieren stellen sie das her, was wir als männlich und weiblich bezeichnen. Genau dies beschreiben GeschlechterforscherInnen als doing gender: Der Geschlechtskörper ist nicht Ausgangspunkt, sondern Produkt von Handlungen und Wahrnehmungen, er ist gemacht. Das Ergebnis dieses Tuns ist nicht natürlich gegeben, sondern im Prinzip kontingent (das heißt: „es könnte immer auch anders sein“). So gibt es ganz unterschiedliche Männlichkeiten und Weiblichkeiten, aber auch Körperpräsentationen jenseits herkömmlicher Zweigeschlechtlichkeit wie Transgender, Trans- oder Intersexuelle. Was wir tun, um Mann oder Frau zu sein, hängt völlig von gesellschaftlichen Bedingungen ab, die im historischen und kulturellen Vergleich ganz verschieden ausfallen können.

Heteronormativität und ihre Naturalisierung, Inkorporierung und Institutionalisierung

Um Geschlecht das Selbstverständliche zu nehmen und als gesellschaftliches Phänomen analysierbar zu machen, eignet sich die heteronormativitätskritische Analyseperspektive der Geschlechterforschung. Wir sprechen von Heteronormativität, weil dieser Begriff mehr einschließt und theoretisch gehaltvoller ist als der Begriff Geschlecht. Heteronormativität bezeichnet eine Geschlechterordnung, die auf zwei gesellschaftlich tief verankerten Annahmen basiert: erstens, dass es von Natur aus nur zwei Geschlechter gibt, nämlich Männer und Frauen, und zweitens, dass sich diese beiden Geschlechter in ihrer Sexualität natürlicherweise aufeinander beziehen, also heterosexuell sind. Sich einem der beiden gesellschaftlich existenten Geschlechter zuzuordnen ist die Voraussetzung für die Anerkennung als ein vollwertiges und somit auch handlungsfähiges Gesellschaftsmitglied. Weil alle Personen einer Gesellschaft sich heteronormativ klassifizieren lassen müssen, können wir Gesellschaft nur dann beschreiben und verstehen, wenn wir das Wirken von Heteronormativität mit nachvollziehen. Dazu müssen wir zunächst jene drei Normalisierungen analysieren, die Heteronormativität den Anschein des Natürlichen, Normalen, Selbstverständlichen verleihen. Erstens ist das die Naturalisierung von Heteronormativität, das heißt der Anschein der Natürlichkeit genau und nur zweier Geschlechter wie auch ihrer heterosexuellen Bezogenheit aufeinander. Zweitens wird die heteronormative Ordnung durch Inkorporierung hergestellt: unser Wissen von Geschlechterunterschieden im Alltag ist nicht theoretisch oder abstrakt, sondern ein verinnerlichtes Körper-Wissen. Drittens sorgt Institutionalisierung dafür, dass das, was als natürliches Geschlecht gilt und wie es verkörpert wird, zwar historisch veränderbar, aber dennoch erstaunlich stabil ist. (Die drei Dimensionen erläutern wir in der Vollversion des Artikels.)

Heteronormativitätskritisch Forschen

Geschlecht und Sexualität sind über den bloßen Anschein hinaus von grundlegender Bedeutung für die Herstellung sozialer Ordnung. Weil Heteronormativität naturalisiert, inkorporiert und institutionalisiert ist, gerät sie in ihrer Allgegenwart leicht aus dem Blick. Deshalb bleibt Geschlecht bis heute in zahlreichen sozial- und gesellschaftswissenschaftlichen Arbeiten außen vor oder läuft als ein unhinterfragter Tatbestand mit – womit die Soziologie hinter ihren Möglichkeiten bleibt, vermeintlich Natürliches und Individuelles als Soziales auszuweisen und die Normalität von Phänomenen immer wieder aufs Neue in Frage zu stellen. Um Heteronormativität sichtbar zu machen, muss sie immer wieder und in Bezug auf den jeweiligen Forschungsgegenstand entselbstverständlicht werden. Entselbstverständlichung als Technik und als heteronormativititätskritische Haltung hilft der Soziologie, zu weiter reichenden und besseren Gesellschaftsanalysen zu kommen. Zahlreiche feministische Arbeiten haben gezeigt, dass so ein umfassender und produktiver Blick auf sozialwissenschaftliche Themen möglich wird. Beispielhafte Analysen zu Modernisierungsprozessen, zur Arbeitsteilung und zum Konsum in einer kapitalistischen Gesellschaft, die diesen Mehrwert veranschaulichen, haben wir in der Vollversion dieses Beitrags dargelegt. Für alle Gesellschaftsanalysen lohnt sich die Frage, wie Geschlecht im dem untersuchten Feld von Bedeutung ist, wie es hergestellt und unsichtbar gemacht wird und welche Folgen dies gesellschaftliche Prozesse hat.


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