Navigation




Arbeit

Die Hürden der Organisierung – Workshop zu kollektiven Handlungsmöglichkeiten migrantischer Hausarbeiterinnen

04.12.2007, Iris Nowak

Bezahlte Hausarbeit, sei es Putzen, Pflegearbeit oder Kinderhüten, ist für Frauen, die in der Migration leben, einer der wichtigsten Arbeitsmärkte. Ihre prekäre Lebens- und Arbeitssituation wird zunehmend Thema in manchen Massenmedien und wissenschaftlichen Kontexten. Auffallend ist dabei, dass kaum über kollektive Handlungsmöglichkeiten berichtet wird, mit denen die Frauen für ihre Rechte kämpfen (können). Der Workshop “Organisierung zwischen Autonomie und Pflegenotstand”, der im September 2007 in Hamburg stattfand, wollte diese Leerstelle füllen. Das überraschend große Interesse an dem Workshop – etwa 60 Personen nahmen daran teil – lässt darauf schließen, dass an solchen Diskussionen über Organisierung, die Fragen nach Migration und Geschlecht als Ausgangspunkt nehmen, ein großer Bedarf besteht.

Der Workshop (organisiert vom Institut für soziale Infrastruktur, Preclab und dem Projekt Prekarisierung und kollektive Organisierung) eröffnete zunächst Raum für Diskussion über Ansätze der Selbstorganisierung von Migrantinnen. Diese verdeutlichte, dass die Frage nach den spezifischen Organisierungsmöglichkeiten als Hausarbeiterinnen zwar notwendig ist, aber zugleich auch Gefahr läuft, den Blick zu verengen. Die Fokussierung auf die Arbeitsbedingungen in diesem Bereich macht insofern Sinn, als Tätigkeiten in diesem Bereich aufgrund der hiesigen aufenthalts- und arbeitspolitischen Regulierungen für viele Frauen die einzige Möglichkeit zur Existenzsicherung darstellen. Ob Widerstandsmöglichkeiten gegen Lohnraub, sexuelle und/oder psychische Übergriffe durch die Arbeitgeber gefunden werden können, kann für ihre Lebensqualität insofern existenzielle Bedeutung haben.

Zugleich stellt die Frage nach den Arbeitsbedingungen in Privathaushalten oft nur eine Facette der Selbstorganisierung von Migrantinnen dar. An einer Organisierung vor allem als Hausarbeiterinnen bestünde, so erläuterte Luzenir Caixeta von dem Linzer Projekt Maiz (www.maiz.at), auf Seiten der Frauen aus zweierlei Gründen wenig Interesse: Zum einen stände oft die Unsicherheit und die Angst, die einem illegalisierten Aufenthaltsstatus entspringt, im Mittelpunkt des Alltags der Frauen. Zum anderen pendeln diese meist zwischen verschiedenen Tätigkeitsbereichen hin und her. Zwar seien diese alle im Bereich der Sorge um individuell-körperlich-sinnliche Bedürfnisse angesiedelt, darin aber gebe es im Alltag der Frauen einen fließenden Wechsel zwischen Sexarbeit, Reinigungs- und Pflegetätigkeit und der Gastronomie bzw. Unterhaltungsindustrie. Marylou Hardillo-Werning von Babaylan e.V., dem europaweiten Netzwerk philippinischer Migrantinnen (http://www.babaylan-europe.org), wies darauf hin, dass viele philippinische Frauen als Heiratsmigrantinnen nach Europa gekommen sind. Zwar gehe es in dieser Heiratsmigration auch oft um den Tausch von Sorge- und Sexarbeit gegen ökonomische und/oder rechtliche Sicherheit. Allerdings werde die juristische und soziale Situation, innerhalb der die Frauen leben, von ihrem Status als Ehefrauen bestimmt.

Über rassistische und geschlechtsspezifische Zuschreibungen wird an die Frauen unabhängig von ihren tatsächlichen Neigungen und Ausbildungsstand – viele von ihnen haben eine akademische Ausbildung – die Zuständigkeit für diesen Bereich der Sorge delegiert, der sowohl in ihren Herkunfts – als auch in den Zielländern gesellschaftlich gering bewertet wird und als Ausdruck natürlicher Fähigkeiten gilt. Die Übernahme bezahlter Hausarbeit erfüllt zwar ökonomisch ihre Funktion. Die Tätigkeit selbst lädt aber wenig dazu ein, von ihr ausgehend kraftvolle politische Identitäten und Ausdrucksformen zu entwickeln. Zugleich stellen die (z.T. intimen) Begegnungen mit den ArbeitgeberInnen in deren Privatbereich eine spezifische Bedingung dar; hier muss die individuelle Handlungsfähigkeit der Frauen erweitert werden, sofern man sich individuelle Selbstbehauptung und -ermächtigung als wichtiges Moment jeder Form kollektiver Organisierung denkt.

Vermutlich stellt diese Zuschreibung natürlicher Eigenschaften als Frau und Migrantin und die Verknüpfung aus Lohnverhältnis und persönlich-körperlicher Begegnung zwischen Arbeiterin und Arbeitgeber eine der Hürden für Gewerkschaften wie auch für andere mögliche Formen institutioneller Unterstützung dar, wenn es darum geht, die Anliegen der Hausarbeiterinnen als politische Anliegen zu artikulieren. Offenbar gilt dies auch für die Frauen selbst. Mehrere Referentinnen berichteten, dass Migrantinnen dort, wo ihnen die Möglichkeit zur Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft gegeben wird, aufgrund dieser Mitgliedschaft oft ein stärkeres Bewusstsein als Arbeitende, die auf bestimmte Rechte bestehen können, entwickeln.

Marylou Hardillo-Werning beschrieb, dass wichtige Orte, an denen Babaylan e.V. Kontakt zu neuen Frauen herstellt, Workshops zu Themen wie Sexualität oder Möglichkeiten des Umgangs mit alltäglichem Rassismus sind. Von anderen Gruppen wurden Formen des Theaterspielens nach Augusto Boal und weitere Formen der Kulturproduktion als wichtige Formen der Selbstorganisation und des Widerstands beschrieben. Diese kulturellen Praxen stellen einen Prozess der kollektiven Auseinandersetzung über die eigenen Denk-, Fühl- und Handlungsweisen dar. Indem sie an die Öffentlichkeit getragen werden, greifen sie zugleich von einem selbstbestimmten Standpunkt in gesellschaftliche Diskurse ein, in denen die Frauen wahlweise als “putzende Perle” oder als bemitleidenswerte Opfer krimineller Machenschaften auftauchen.

Fe Jusay, die zugleich als Vertreterin der Womens Programme of the Commission for Filipino Migrant Workers (CFMW) in den Niederlanden und als Vertreterin der europäischen Initiative Respect Europe am Workshop teilnahm, beschrieb die hohe Bedeutung von Trainings, in denen Migrantinnen lernen, sich gegenseitig im Umgang mit Arbeitgebern zu unterstützen und gemeinsam gesellschaftlich zu artikulieren. Die Anfänge entsprechender Praxen liegen im Falle der niederländischen Netzwerke ebenso wie bei Maiz und Babaylan in den 1990er Jahren. Entsprechende Praxen knüpfen an autonome Selbstorganisierung und individuelle Widerstandsformen der Frauen an, die Hausarbeiterinnen auch unabhängig von institutioneller Unterstützung entwickeln (müssen), um ihr Überleben zu sichern. Angebote, die die Migrantinnen durch individuelle Beratung unterstützen, und solche Ansätze, die die Entwicklung kollektiver Handlungsmöglichkeiten verfolgen, stehen in der konkreten Arbeit von und für Migrantinnen oft in einem Spannungsverhältnis, obschon beide notwendiges Moment einer solidarischen Unterstützung sind.

Im Falle des niederländischen Netzwerkes kann entsprechendes Training nun auch mit gewerkschaftlicher Unterstützung angeboten werden: Seit Juni 2006 können migrantische Hausarbeiterinnen in der Abvakabo FNV (Federatie Nederlandse Vakorganisaties) unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus Mitglied werden, was bereits 200 Frauen getan haben. Jusay bezeichnete dies als wichtigen Durchbruch, wobei sie zugleich darauf hinwies, dass erst der regelmäßige Dialog zwischen der Gewerkschaft und ihren neuen Mitgliedern zeigen wird, was hieraus konkret folgen wird. Neben der Überzeugungsarbeit in und mit Gewerkschaften sieht Respect Europe eine wichtige Strategie in den Begleitprozessen, die sich um das CEDAW-Übereinkommen (Convention for the Elimination of all forms of Discrimination against Women) der Vereinten Nationen herum organisieren.

In dem Teil des Workshops, der sich einer allgemeineren Politik um Sorgearbeit widmete, stand das Ringen um (finanziell, arbeits- und aufenthaltsrechtlich) existenzsichernde Arbeitsplätze als zentrale realpolitische Perspektive im Raum. Allerdings wurde von Barbara Thiessen (Deutsches Jugendinstitut, München) zugleich vorgeführt, dass alle staatlichen Versuche der letzten Jahre, den Bereich der bezahlten Hausarbeit zu regulieren, weitgehend gescheitert sind, da es sowohl auf ArbeitgeberInnenseite als auch bei den Arbeitenden das Interesse gibt, diese Arbeit weiter informell zu regeln.

Problematisch war, dass in den Diskussionen des Workshops relativ wenig benannt wurde, dass eine Politik zur existenzsichernden Regulierung der Hausarbeit auf relativ enge Grenzen stoßen wird, solange sie innerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse verwirklicht wird, in denen jegliche menschliche Regung ökonomisiert werden soll. Entgrenzte Zugriffe der Unternehmen auf die Arbeitskraft ihrer Angestellten treffen zunehmend sowohl Männer als auch Frauen; zugleich werden sozialstaatliche Einrichtungen und Leistungen abgebaut. Wo auch die Sorgearbeit durch entsprechende staatliche Regulierung marktförmig gestaltet wird, stellt der Rückgriff auf die Arbeitskraft anderer, die deutlich schlechter bezahlt sein muss als die eigene, nicht bloß ein Privileg, sondern fast schon eine ökonomische Notwendigkeit dar. Die prekarisierten Arbeits- und Lebensverhältnisse von Migrantinnen im Bereich privater Haushalte sind insofern eine Voraussetzung für ein erfolgreiches und selbstbestimmtes Handeln ihrer ArbeitgeberInnen innerhalb der – in anderer Weise – prekarisierten Verhältnisse, in denen letztere leben. Die Frage ist, ob sich hieraus realpolitische Bündnisse schmieden lassen, die der neoliberalen Logik und zugleich der patriarchalen Abwertung von Sorgetätigkeit Einhalt bieten. Dies würde einerseits die Erneuerung feministischer Strategien, andererseits die verstärkte Berücksichtigung bereits existierender feministischer Kritik in gewerkschaftlicher Arbeit voraussetzen.

Weiterführende Informationen

Texte und ein längerer Bericht zum Workshop finden sich demnächst unter www.rosalux.de/Themen/Geschlechterpolitiken


1 Kommentar »

  1. [...] immer Frauen. Diese haben häufig einen Migrationshintergrund und müssen – wie z.B. dieser Bericht zusammenfasst – oft unter prekären Bedingungen, d.h. mit geringer Bezahlung, ohne Vertrag [...]

    Pingback by Warum eine feministische Mutter sein? « fuckermothers — 13.05.2011 um 09:38

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack URL

Hinterlasse einen Kommentar


Weitere Themen

„Girl Gangs against Street Harassment“ – Feministische Street-Art als künstlerisch-interventionistische Raumaneignungspraxis

Die Girl Gangs against Street Harassment verstehen sich als feministische Kommunikationsguerilla die mittels leicht zugänglicher bzw. umsetzbarer Street Art Techniken Zeichen gegen Alltagssexismen im öffentlichen Raum setzt. Dezidiertes Ziel ist, mittels subversiv-künstlerischer Interventionen Street Harassment als soziales Problem... mehr

Professionalisierung der Pflegeberufe durch Stärkung der Care-Potentiale

Welche Professionalisierungsstrategie für Pflegeberufe ist vernünftig? Diese Frage kann zwei Jahrzehnte nach Etablierung zahlreicher Pflegestudiengänge als zentrale Herausforderung der Pflegepraktiker_innen und -wissenschaftler_innen in Deutschland gesehen werden. Die bisher nahezu unkritische Anpassung an die Ökonomisierung führt nicht zu einer... mehr

Über Anregungen, Kritiken und andere Positionen freuen wir uns jederzeit: info[at]feministisches-institut.de


Feministisches Institut Hamburg